Ohr an Ohr

Sie kann die Soundtracks sämtlicher James Bond Filme mitträllern. Hauptamtlich leitet Pastorin Babette Glöckner die evangelische Telefonseelsorge.
DIE WELT
24.12.2016
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Heute Nachmittag hat sie Dienst. Sitzt an einem großen Schreibtisch, mit Blick auf den ausladenden Ahorn und die Buche vor dem Fenster der Diakonie, Computer und Telefon vor sich, Kerze an, ein Becher Tee und etwas Weihnachtliches zum Naschen. Lange wird sie auf das Klingeln nicht warten müssen; während der Weihnachtstage ist der Bedarf an Trost und Beratung enorm. Obwohl überall zu lesen ist, man solle die Erwartungen zum Weihnachtsfest nicht zu hoch schrauben, sind die Sehnsüchte gewaltig. „Und dann erfüllt sich mal wieder etwas nicht. Und prompt gibt es Krach.“

Da kommt es hin und wieder auch zu skurrilen Situationen. „Warten Sie mal, jetzt ist er gerade gegangen“, hört Babette Glöckner die Frau am anderen Ende raunen. Dann nur noch Grummeln und Schreien, während das Telefon wohl irgendwo auf oder unter dem Bett liegt. „Wir kommen in den intimsten Bereich eines Menschen hinein. Ohr an Ohr. Live und in Farbe hören wir manchmal alles mit, sind mitten in der Auseinandersetzung dabei. Manchmal ist es so schlimm, dass wir das Gefühl haben, da muss sofort die Polizei hin.“ Und was macht sie dann?

„Wir – unternehmen – nichts.“ Sie sagt das betont langsam und macht zwischen jedem Wort eine kleine Pause. „Denn wenn herauskommt, dass jeden Moment die Polizei vor der Tür stehen könnte, würde uns niemand mehr anrufen. Wir begleiten die Situationen, so gut wir können.“ Das fällt nicht immer leicht. Sicher, sie hat oft das Gefühl, sie würde am liebsten hingehen und persönlich helfen. „Dann müssen wir uns zusammenreißen, denn das können wir nicht leisten. Es ist einfach das Format, in dem wir arbeiten.“

Ganz altmodisch nimmt sie tatsächlich noch den Hörer ab, wenn es klingelt. Es fühlt sich für sie authentischer an als ein Headset. Sie hat eine angenehme Telefonstimme, merke ich, als ich an ihren Anrufbeantworter gerate, sanft und einfühlsam, ich möchte fast sagen erotisch, aber das passt natürlich nicht zu ihrer Aufgabe. Babette Glöckner – die glatten dunklen Haare umrahmen im Pagenschnitt ihr herzförmiges Gesicht – leitet seit sieben Jahren die evangelische Telefonseelsorge im Diakonischen Werk. Gerade ist sie 58 geworden, kurz vor Weihnachten. Sie sorgt dafür, dass mindestens eins der zwei Telefone regelmäßig besetzt ist, sucht die Mitarbeiter aus, leitet ihre Ausbildung.

Die Telefonberater arbeiten alle ehrenamtlich. Worauf achtet sie bei der Auswahl? „Die Belastungsfähigkeit ist das Wichtigste. Damit meine ich: Wie geht jemand mit den eigenen Problemen um? Denn diese Themen kommen garantiert auch am Telefon vor.“ Die Folgen hat sie auch selbst erlebt, unter anderem als sie nach 19 Jahren Ehe mit ihrer Scheidung beschäftigt war. „Da war ich bei einigen Seelsorgegesprächen deutlich neben der Spur. Wieso fand ich das denn so verzwickt? Das wurde mir erst hinterher durch die Supervision klar.“

Genau deshalb sei es besonders wichtig, die Rolle zu halten am Telefon. Nicht Ehepartnerin, nicht Freundin zu sein, sondern Seelsorgerin. „Wenn ein Seelsorger sagt, es war ein gutes Gespräch, dann werde ich immer hallo-wach.“ Oder wenn die Gespräche zu lange dauern – das entnimmt sie der Statistik –, dann fragt sie sich, ob dadurch wohl ein Abgrenzungsproblem deutlich wird. „Sich zu identifizieren, ist zwar ein schönes Gefühl, aber Seelsorge soll möglichst alle Seiten eines Beziehungssystems im Blick behalten.“

Gibt es denn eine ideale Länge für so ein Beratungsgespräch? Das ist sehr unterschiedlich, hat sie erfahren. Eine kurze zehnminütige Begegnung kann sehr hilfreich sein, andere Anrufer verlieren sich in Endlosschleifen, erzählen in ihrer Not dasselbe von vorn, von hinten und wieder von vorn. Und dann? Denen sagt sie doch sicher nicht einfach: Sie wiederholen sich! „Manchmal schon“, antwortet die Pastorin. Damit es nicht so weit kommt, versucht sie, in den ersten zwei, drei Minuten die Situation zu erfassen.

„Es ist ein großer Unterschied, ob jemand anruft, weil übermorgen die Tochter ausziehen will oder ob eine Frau mitten auf der Kreuzung von einer Panikattacke erfasst wird und zum Telefon greift, weil sie es nicht mehr über die Straße schafft.“ Und wenn ein Anrufer vom Hundertsten ins Tausendste kommt, weil die Probleme ihn überwältigen, dann forscht sie nach dem einen Thema, das ihn gerade jetzt am meisten bewegt. „Nur dieses Thema bearbeiten wir dann ein Stück weit, nicht erschöpfend, aber vielleicht so, dass wieder eine Perspektive sichtbar wird.“

Schon als Kind sah sich Babette Glöckner mit existentiellen Problemen konfrontiert. Ihr Vater, 25 älter als die Mutter, lange Zeit schwer krank, kämpfte schon mit dem Tod, da war Babette gerade mal ein Teenager. So als könne sie danach nichts mehr schrecken, verdiente sie später als Studentin Geld durch Nachtwachen auf der Krebsstation eines Krankenhauses. Theologie hat sie studiert, ist Vikarin und Gemeindepastorin in Schleswig-Holstein gewesen, ab 1993 dann Krankenhausseelsorgerin in den Segeberger Kliniken.

Geboren in Flensburg, ist sie in Kiel aufgewachsen. Kommt sie aus einem religiösen Haushalt? Eigentlich nicht. Der Vater Zollamtmann, die Mutter Hausfrau und Sekretärin in der Kirche und in der Kinderpsychiatrie. Niemand konnte sich die Babette im Talar vorstellen. Ihr Theologiestudium hat sie später durch eine tiefenpsychologische Ausbildung ergänzt.

Kommt man durch dieses Wissen mit den eigenen seelischen Problemen besser klar? Ja, davon ist sie überzeugt. „Wenn ich die Probleme besser verstehen und einordnen kann, löst sich einiges.“ Und verstehen will sie immer, am besten alles. Das war schon früher so. Als die Mathematiklehrerin im Unterricht verkündet, zwei Parallelen würden sich im Unendlichen schneiden, macht das Babette ganz verrückt, weil sie es nicht verstehen kann. „Das war für mich nicht auszuhalten.“ Hat sie es heute verstanden oder sich damit abgefunden? „Ich habe mich damit abgefunden. Muss man ja.“

Da steht einer auf dem Dach und sagt: Ich springe gleich. Gibt es das nur im Film? Sie selbst hat das noch nicht erlebt, aber ähnliche Anrufe gibt es gar nicht so selten. Ein Anruf kam mal vom Michel, andere von einer Brücke. „Wir fragen uns dann immer: Wieso ruft er in dem Moment an? Will er gehalten werden? Oder will er es der Welt noch mal zeigen?“ Oft wissen die Seelsorger nach so einem Gespräch nicht, wie es ausgegangen ist. „Dann geht am nächsten Morgen der Blick als erstes in die Zeitung. Das ist böse, echt böse.“

Wie wirken sich solche Erfahrungen auf ihr Privatleben aus? Ganz enorm, sagt sie, und strahlt mich an. Denn es führt sie dazu, möglichst viel zu unternehmen, was nichts, rein gar nichts mit ihrem Beruf zu tun hat. Krimis lesen zum Beispiel oder James Bond Filme gucken. Jede Szene könnte sie mitsprechen und jeden dazugehörigen Soundtrack trällern. Sie malt auch, abstrakte Bilder, die stapeln sich im Keller, kocht und spielt leidenschaftlich gern, Skat oder Conga, ein spanisches Kartenspiel, das strategisches Denken verlangt. Ach ja, Schlümpfe sammelt sie auch. Aber die müssen inzwischen dienstlich antreten. Werden in Supervisionsgesprächen aufgestellt, ob sie wollen oder nicht: der Traurige, der Grimmige, der Dauerfröhliche...

Heute Nachmittag sitzt sie also am Seelsorgetelefon. Und dort wird es, neben enttäuschenden Familienkrächen vor allem um eins gehen, das weiß sie aus der Erfahrung der vergangenen Jahre, um die Einsamkeit. „Es gibt unendlich viele einsame Menschen in unserer Stadt. Das wusste ich vorher nicht.“ Manche, erzählt sie, verhielten sich so, da sei es kein Wunder, dass die Mitmenschen einen Bogen um sie machten. „Aber sie waren ja nicht immer so. Es gab mal eine Ausgangssituation, die liegt meistens sehr lange zurück. Und irgendwann kommt dieser Punkt, wo nichts mehr vor oder zurück geht. Am Ende steht manchmal jahrelange Einsamkeit. Sie haben dann wirklich niemanden mehr.“

Das kann sie sich, umgeben von Freunden und Bekannten, kaum vorstellen. „Es muss furchtbar sein.“
Sie selbst verbringt die Feiertage mit der Familie ihres Freundes. Und dort gibt es hoffentlich keinen Streit.