Zwischen Klartext und Lidstrich

Als Betriebsratsvorsitzende bei Airbus vertritt Sophia Kielhorn rund 14.000 Mitarbeiter. Am Wochenende macht sie als Make-up Artist Bräute hübsch.
DIE WELT
07.01.2017
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Als sie bei Airbus anfing, hatte sie noch nie in einem Flugzeug gesessen.
„Das ist schon merkwürdig, hier zu arbeiten und jeden Tag die Flugzeuge zu sehen, wenn du selber noch nie geflogen bist.“ Doch wohlweislich gehörte ein Kurs in Motorsegelfliegen zur Ausbildung, und so konnte Sophia Kielhorn mit 21 zum ersten Mal abheben.

Schon zehn Jahre später wird sie Betriebsratsvorsitzende bei der Airbus Operations GmbH Hamburg, vertritt heute rund 14.000 Mitarbeiter. Sie ist das Sprachrohr des Betriebsrats, erste Ansprechpartnerin des Managements. Eine ihrer Lieblingsaufgaben: auf der Betriebsversammlung die Rede halten, den Bericht des Betriebsrates abgeben. „Denn da darf man schon mal ein bisschen böse sein dem Arbeitgeber gegenüber. Es ist das Privileg des Betriebsrates, Dinge auszusprechen, die ein Mitarbeiter so vielleicht lieber nicht sagen sollte.“

Schon ihre Mutter hat ihr beigebracht, für die Schwächeren einzutreten und sie gegen Benachteiligungen zu verteidigen. „Damit sind mein Bruder und ich groß geworden und deswegen bin ich jetzt auch im richtigen Job.“ Auf der letzten Versammlung hat sie sich „massiv aufgeregt“ über die Auslieferungszahlen des Unternehmens. Viel zu hoch ihrer Meinung nach.

690 Flugzeuge auszuliefern, hatte sich Airbus für 2016 zum Ziel gesetzt. Deswegen bangten die Kollegen um ihre Gewinnbeteiligung, die sie nur bekommen, wenn dieses Ziel erreicht wird. Im Jahr davor hatte Airbus Probleme, die deutlich niedrigere Zahl von 635 Flugzeugen fertigzustellen. „Meines Erachtens hat die Unternehmensleitung nicht genug getan, um Störungen in der Produktion zu beheben“, kritisiert Sophia Kielhorn. Dass jetzt die Gewinnbeteiligung der Kollegen in Gefahr ist, findet sie ungerecht, und Ungerechtigkeiten hasst sie.

In blauem Minirock und schwarzen Nylons sitzt sie charmant in ihrem gänzlich uncharmanten Büro in
Finkenwerder. Wer sie wegen ihres Alters oder ihres Aussehens unterschätze, irre sich, warnt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Ja, da ist auch diese mädchenhafte Seite, sie hat ein Faible für Styling und Hochzeiten. Ich schiele auf die Büroutensilien auf ihrem Schreibtisch: pinkfarbener Rechner und Locher sowie Klebestreifen zum Abrollen in pinkfarbenen High Heels. „Jetzt wo wir ein Mädchen hier haben, brauchen wir auch Mädchenfarben, hat meine Sekretärin festgestellt“, erklärt sie mir lachend. Sie redet gern und viel und immer so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. „Ich bin echt eine kleine Quasselstrippe.“

Auf Facebook scheut sie sich nicht, politisch zu provozieren, zeigt sich im T-Shirt mit der Aufschrift „I could be a refugee“ und postet Fotos mit Parolen wie: „Bombing for peace is like fucking for virginity“. Dazwischen ganz viele Fotos mit ihrem Mann Alexander, einem Polizisten. Frisch verheiratet das Paar, erst seit ein paar Monaten, sehr verliebt und Sophia meist wunderschön geschminkt.

Im Teenageralter wollte sie unbedingt Visagistin werden. Und sie ist es auch geworden, nebenberuflich. Als Make-up Artist übernimmt sie das Styling für Fotografen; an den Wochenenden der Heiratssaison macht sie Bräute hübsch. „Das ist eine komplett andere Welt. Hochzeiten sind immer positiv. Ich habe da nur mit glücklichen Menschen zu tun. Das gibt viel Energie!“ Ein willkommener Ausgleich zur Betriebsratsarbeit. „Hier beschäftige ich mich ja meistens mit eher negativen Themen, mit Problemen, und muss mir schon mal anhören, was wir alles falsch gemacht haben.“

Als Betriebsrat sei man „oft der Buhmann“, sowohl für den Arbeitgeber, als auch für die Kollegen, die nicht einsehen wollen, dass man sich nicht immer auf ganzer Linie durchsetzen kann. „Man muss in Verhandlungen auch mal Kröten schlucken. Das ist so. Leider schimpfen dann Kollegen oft: Der doofe Betriebsrat hat nicht genug getan.“
Auf Betriebsversammlungen gibt es einen speziellen SMS-Service, der das Versenden anonymer Kritik erlaubt. „Da habe ich mich schon das ein oder andere Mal gewundert, mit welcher Respektlosigkeit gewisse Kommentare abgegeben werden. Ich sage mir allerdings: Das darfst du nicht persönlich nehmen. Man muss sich wirklich ein dickes Fell zulegen!“

Trotz ihrer Begeisterung fürs Make-up hat sie nach der Schule eine Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation gemacht, und zwar bei Airbus. Das schien ihr der bessere Weg zu einem sicheren Einkommen. Das Abi hat sie nicht geschafft. „Schule hieß immer nur dasitzen und zuhören. Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Welt auch funktioniert, ohne dass ich Mathe und Physik begreife.“ Studieren wollte sie eigentlich nie, hat dann aber doch einen Bachelor in Wirtschaftsrecht erworben, und zwar parallel zu ihrem Job, durch Pauken am Abend und am Wochenende.

2010 wird sie in den Betriebsrat gewählt und zwei Jahre später schon zur Stellvertreterin. „Das musste ich mir gut überlegen, nach nur drei, vier Jahren Berufserfahrung schon zu hundert Prozent in die Betriebsratsarbeit zu gehen.“ Denn es bedeutet, die fachliche Entwicklung im eigentlichen Beruf auf Eis zu legen. Sie ist zufrieden mit ihrer Entscheidung und eigentlich auch ausgelastet. Ihre Nebenbeschäftigung ist ihr trotzdem sehr wichtig. Die Heiratskandidatinnen sind immer dankbar. „Ich schminke eine Braut und style sie, damit habe ich am Ende einen glücklichen Menschen.“

Hochzeiten mag sie so sehr, dass sie selbst nun mit 33 bereits zum zweiten Mal verheiratet ist. Nein, natürlich ist das nicht der Grund. Es ist einfach schief gegangen beim ersten Mal. „Aber jetzt muss es halten!“ Sie schmunzelt. Zweimal hat sie ihren Namen geändert, zuletzt von Jacobsen zu Kielhorn. Eigentlich sieht sie sich als Feministin, warum nimmt sie dann den Namen des Mannes an? „Wenn ich mich an den zweiten Namen gewöhnt habe, kann ich mich auch an den dritten gewöhnen“, antwortet sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Es ist mir egal, darüber definiere ich mich nicht.“

Wichtiger sind ihr andere Fragen. Sie möchte gern mehr Frauen gewinnen für Airbus, zur Zeit ein sehr männlich dominierter Betrieb mit einem Frauenanteil von nur rund fünfzehn Prozent. Im Aufsichtsrat und im Vorstand wünscht sie sich fünfzig Prozent Frauen, wenn es nicht anders geht, per Quote. Selbst im Betriebsrat ist eine Frau in Führung keine Selbstverständlichkeit, das hat sie bei ihrer eigenen Wahl zur Vorsitzenden erfahren. Da wurde argumentiert, sie sei eine Frau, noch jung und wolle sicher noch Kinder bekommen. Das ließe sich mit so einem Job doch nicht vereinbaren.

Bei diesem Thema gerät Sophia Kielhorn so richtig in Fahrt: „Entschuldigung, ich kriege nicht alleine Kinder! Würden sie das einem jungen Mann, der noch eine Familie gründen möchte, genauso sagen? Ich finde es schlimm, dass wir Frauen dafür bestraft werden, dass wir Kinder kriegen können. Obwohl wir dafür eigentlich mal gefeiert werden müssten, denn das ist ja nicht gerade ein Spaziergang.“ Auch für die Männer findet sie das schlimm. „Bei einem Mann, der sich um die Kinder kümmern will, heißt es nämlich: Hast du dafür keine Frau oder was?“

Kinder seien doch kein Problem, stellt sie kategorisch fest. „Die Gesellschaft macht sie zum Problem, wenn sie nicht das passende Drumherum schafft.“ Ihre Mutter hat immer Vollzeit gearbeitet, als Sekretärin, Sophia ging in die Kita. Das war in der DDR üblich und anders kennt sie das gar nicht. Sie ist in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen bis der Vater, Schiffbauer von Beruf, nach dem Fall der Mauer dort keine Perspektive mehr sah und mit der Familie nach Hamburg übersiedelte.

„Ich zeige es euch“, denkt Sophia Kielhorn heute. „Wenn es soweit ist, werdet ihr sehen, dass es geht, Mutter sein und einen Führungsjob haben.“ Kurz stutzt sie: „Hoffentlich habe ich den Mund nicht zu voll genommen.“ Sie wird das schaffen, da bin ich sicher.