Alle

Sie sind mit Ihrer Band auf „Teacher Appreciation Tour“, würdigen damit die Arbeit von Lehrkräften. Wieso?

Können Sie sich vorstellen, heutzutage die Aufmerksamkeit der Kids im Klassenraum zu gewinnen? Das ist fast unmöglich. Wir erleben heute eine Kluft zwischen den Generationen, die fast genauso tief ist wie in den Sechzigerjahren. Die alten Lehr- und Lernmethoden wirken nicht mehr.

Was haben Sie stattdessen anzubieten?

Das ist ganz einfach: Lernen für die Gegenwart. Früher hieß es: Lern etwas, das du später im Leben nutzen kannst. Wir haben ein TeachRock-Programm entwickelt, das Kindern etwas gibt, das sie jetzt sofort nutzen können. Sag ihnen nicht: Nimm die Kopfhörer aus den Ohren. Frag sie lieber, was sie hören. Und dann verfolge die Spur. Alle Jugendlichen haben einen Lieblingssong, und damit gewinnt man sofort ihre Aufmerksamkeit. So verbindet sich Musikunterricht mit Geschichte, Sprache und Sozialwissenschaften.

Fragt sich nur, ob Rock die Jugend von heute fesselt. Hören Sie selbst denn beispielsweise Rap?

Nein, eher nicht. Ich lebe in einer anderen Welt. Die ersten Rap-Musiker fand ich super, Public Enemy und Ice-T zum Beispiel. Schwarze Musiker nahmen sich in Amerika das Recht, sich künstlerisch auszudrücken. Das war sehr anspruchsvoll. Normalerweise denkt man, eine Sache startet unausgegoren und verfeinert sich im Laufe der Zeit. Aber was den Rap angeht, lief das umgekehrt. Er startete recht ausgefeilt und wurde dann pubertärer und prahlerisch.

Greifen Sie Rap trotzdem bei TeachRock auf?

Wir schließen alle Musikrichtungen ein. Aber der klassische Rock steht im Mittelpunkt. Wir stellen über 200 verschiedene Unterrichtseinheiten kostenlos zur Verfügung. Wer sich einschreibt, erhält freien Zutritt zu unseren Workshops und Konzerten.

Sie wollen mit Ihrer Rock-Schule Werte vermitteln. Welche?

Es geht um Arbeitsethik. In jedem von uns steckt etwas Großes, Bedeutendes. Das freizulegen, ist das Ziel meines Lebens. Dazu muss man sein Handwerk lernen und zwar mit Hingabe. Es gibt keine Abkürzung, um das Großartige in uns aufzuspüren. Das gaukeln TV- Shows wie „American Idol“ uns vor: Du trittst da auf und ein paar Wochen später bist du ein Star. Aber so läuft das nicht. Man muss dafür arbeiten, Tag für Tag, Jahr für Jahr, und zwar um der Kunst willen, nicht so sehr für den Erfolg.

Sie waren früher politisch sehr aktiv, gründeten mit ihrem Freund Bruce Springsteen und Künstlern wie Bob Dylan eine Initiative gegen Apartheid. Was ist aus Ihrem Engagement geworden?

Stimmt, in den Achtzigerjahren war ich sehr aktiv, heute nicht mehr. Die Regierung Ronald Reagans machte damals ihre rechte Politik heimlich hinter den Kulissen. Das mussten wir ans Tageslicht bringen.

Bei Donald Trump sehen Sie keinen Bedarf, sich einzumischen?

Nein, der prahlt doch sogar mit den ganzen schlimmen Dingen, die er tut. Da gibt es nichts aufzudecken. Er nimmt Tausende Immigrantenkinder ihren Eltern weg und gibt damit an.
Aber die Person Trump lenkt nur ab. Das Problem ist die Republikanische Partei, die die Vereinigten Staaten von der Weltbühne zerrt, indem sie Handels- und Umweltabkommen aufkündigt. Die Evangelisten in der Republikanischen Partei sind nur einen Faustschlag entfernt davon wie die Taliban zu sein.

Meinen Sie das ernst?

Na gut, sie hacken keine Hände ab. Aber der Unterschied ist nicht groß. Sie wollen uns ihre evangelistische Scharia aufzwingen. Die Trennung von Staat und Kirche ist der einzige amerikanische Beitrag zur Gedankenwelt. Es ist ein genialer Gedanke, und sie wollen ihn ausrotten. Und ausgerechnet jetzt schwächt der Brexit auch noch Europa. Das ist eine Katastrophe! In so einer Situation muss Europa stark bleiben.

Meinen Sie, Musiker und Künstler können dabei Einfluss nehmen?

Die Rockmusik hat nicht mehr wie früher die Fähigkeit zur Massenkommunikation. Aber vielleicht finden wir noch mal einen Weg, eine Botschaft in die Welt zu senden. Jetzt kommt es erstmal darauf an, dass alle, die letztes Mal nicht gewählt haben, im November zu den Halbzeitwahlen gehen, um den Republikanern Einhalt zu gebieten.

Clueso, Jahrgang 1980, bürgerlich Thomas Hübner, lehnt seinen Künstlernamen an Inspektor Clouseau aus "Der rosarote Panther" an. Seit 2001 spielten alle seine Alben Gold ein, eins sogar Platin. Auf seinem achten Album "Handgepäck I", das am 24. August erscheint, sammelt er Songs, die auf Reisen und Tourneen entstanden sind.

Clueso: Ich reise tatsächlich immer nur mit Handgepäck und kaufe mir lieber mal ein Shirt vor Ort. Neben den Klassikern von Socken bis Zahnbürste packe ich eine Kopie meines Ausweises ein, ein Pullöverchen, falls doch ein Wind weht, Mikrofon und Kopfhörer, Laptop, Mehrfunktionssteckdose und diverse Kabel.
SPIEGEL ONLINE: Immer bereit, Musik zu machen.
Clueso: Die große Frage ist jedes Mal, ob ich eine Gitarre mitnehme. Das ist Sperrgepäck und auf manchen Reisen zu kompliziert. Aber ich habe mir unterwegs schon mal eine Kindergitarre gekauft, weil ich es ohne nicht ausgehalten habe. Später habe ich sie verschenkt.
SPIEGEL ONLINE: Warum reisen Sie: Um anzukommen oder um unterwegs zu sein?
Clueso: Beides. Einerseits reise ich, um zu mir zu finden, andererseits um mich treiben zu lassen. Ich unterscheide verschiedene Arten von Reisen: Urlaub ist eher Reha bei Freunden, wo ich alles schon kenne. Meine Fernreisen sind getrieben von Neugier. Ich mag Spontaneität und brauche ein bisschen Chaos. Wenn ich zurückkomme, merke ich: Dringlichkeiten und Wichtigkeiten sortieren sich neu.
SPIEGEL ONLINE: Bei der Rückkehr hat sich also der Blick auf Sie selbst und die Welt verändert.
Clueso: Nach einer Reise lerne ich vieles wieder lieben, die massiven Bauten in diesem Land und mein cooles Studio zum Beispiel. Ich fühle mich inspiriert. In einem fremden Land unterbleibt auch der Personenkult, und ich finde besser zu mir. Wenn ich auf Tour bin, ist das allerdings anders. So viele Menschen, die den ganzen Tag auf mich zukommen, zu viele Reize! Danach bin ich erst mal platt.
SPIEGEL ONLINE: Mit wem reisen Sie gern?
Clueso: Mit Leuten, die ebenfalls mit wenig Gepäck auskommen, die meine Neugier teilen und wissen, dass es kein Erholungsurlaub sein muss. Mit Freunden, am liebsten zu zweit. Auf keinen Fall in großen Gruppen. Zu zweit ist man beweglicher. Der Ort muss die Chance haben, auf einen zuzukommen. Beweglichkeit ist dafür die Voraussetzung. Und bei mir gilt: Bloß kein Freizeitstress und nicht zu viel planen! Mein Leben ist durchgetaktet, obwohl ich eigentlich kein strukturierter Typ bin. Chaos auf Reisen tut mir wahnsinnig gut.
SPIEGEL ONLINE: Wohin reisen Sie gern?
Clueso: Ich war viel in Asien unterwegs, auch für den Verein "Viva con Agua". Die Auswahl ist oft zufällig. Ich höre von anderen, wo sie waren: Argentinien, Kuba, bevor sich dort alles ändert. Das würde ich als nächstes anpeilen.
SPIEGEL ONLINE: Ist Reisen auch eine Flucht?
Clueso: Nein, es ist eher ein Sortieren. Und es ist Benzin für gute Songs, wie David Bowie gesagt hat.
SPIEGEL ONLINE: Der volle Tank wird unterwegs gleich angezapft. Sie schreiben auf Ihren Reisen viele Texte, komponieren und nehmen auf.
Clueso: Oft mische ich auch. Das geht heute größtenteils mit dem Laptop. Vor sechs, sieben Jahren hätte das technisch noch nicht funktioniert. Auf dem neuen Album sind viele Songs genauso, wie sie auf der Reise entstanden sind. Sie wurden nicht mehr nachträglich bearbeitet. Handgepäck muss rumpeln, es muss atmen.
SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben deutsche Texte. Woher nehmen Sie in fremder Umgebung die Inspiration, sich auf Deutsch auszudrücken?
Clueso: Ich habe immer einen Gedichtband dabei. Seit mehr als einem Jahr nehme ich Mascha Kalekos lyrisches Stenogramm mit. Das ist ein Stück Zuhause. Ansonsten bedeutet Schreiben für mich auch wegträumen, loslassen, es fließen lassen.
SPIEGEL ONLINE: Wo schreiben Sie denn unterwegs?
Clueso: Ich kann mich überall konzentrieren, wenn ich einmal drin bin. Wenn ich allerdings einen Song fertigstellen will, gibt es Momente, in denen ich die Außenwelt von mir fernhalten muss. Das heißt: Klingel abstellen oder einen absolut ruhigen Raum suchen.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich wohl in Hotels?
Clueso: Ich kann das sehr genießen, bestelle mir gern Essen, schlafe aus. Im Handgepäck habe ich immer ein Tuch, das ich über Lampen hänge, um stimmungsvolleres Licht zu machen. Es ist mit Feuerspray imprägniert, damit es nicht in Brand gerät. Das habe ich in einer Doku über Keith Richards gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Der Streuner in mir frisst das letzte Heimweh auf, lautet einer Ihrer Verse. Sie haben kein Heimweh unterwegs?
Clueso: Meist ist die Neugier größer als das Heimweh. Am Ende möchte ich oft zwei bis drei Tage länger bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Und wohin geht es als nächstes?
Clueso: "Handgepäck I" ist zwar ein Aufruf zum Reisen, aber jetzt möchte ich am liebsten zwei Wochen zuhause sein, eine Mini-Routine kreieren, einkaufen, kochen, Wäsche waschen, Fahrrad fahren. Manchmal spüre ich eine lustige kleine Sehnsucht, etwas ganz Normales zu machen, täglich ins Büro zu fahren. Aber das würde ich nie im Leben aushalten. Und die Kollegen würden mich auch nicht aushalten.

Die britische Sängerin Dua Lipa (Jahrgang 1995) ist eine Senkrechtstarterin im Pop.Ihr Musikvideo "New Rules" verzeichnet mittlerweile fast 1,5 Milliarden Aufrufe auf YouTube, in diesem Jahr wurde sie bei den Brit Awards als beste weibliche Künstlerin ausgezeichnet. Dua Lipa wuchs in London auf und besuchte dort die Sylvia Young Theatre School, die auch auf Musikkarrieren vorbereitet. Ihre Eltern stammen aus dem Kosovo.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 15 Jahren bei Ihren Eltern im Kosovo ausgezogen und nach London gegangen. Wieso?
Lipa: Das war eine Rückkehr. Mit elf Jahren musste ich mit meinen Eltern von London in den Kosovo ziehen. Als ich gemerkt habe, dass ich dort nicht dieselben Möglichkeiten haben würde, professionell Musik zu machen, bin ich mit fünfzehn allein zurück nach London gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlten Sie sich dort nicht ein wenig verloren?

Lipa: Ganz und gar nicht, meinen Eltern fühlte ich mich näher als zuvor. Als wir noch unter einem Dach lebten, habe ich nie auf sie gehört. Aber das änderte sich in der Sekunde, in der ich auszog. Ich suchte ihren Rat.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Sie in London unterstützt?

Lipa: Zunächst habe ich bei der Tochter einer befreundeten Familie gewohnt. Sie war etwas älter als ich. Später bin ich mit Freunden zusammengezogen. Ich ging zur Schule, habe nebenher gejobbt, in Restaurants, im Verkauf, in Bars, als Babysitter. Nach dem Schulabschluss habe ich mich dann gegen ein Studium und für die Musik entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Lipa: Mein Vater ist auch Musiker, er zeigte mir neue Musik, stellte mir damals noch Minidisks zusammen. Musik war von Anfang an eine große Sache in meinem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie ein Instrument?

Lipa: Ich habe mal Cello gespielt. Meine Eltern wollten, dass ich Klavier und Gitarre lerne. Aber ich nahm eins der größten Instrumente. Das war wohl ein Ausdruck von Rebellion. Wenn ich mein Cello zur Schule trug, stieß es die ganze Zeit oben an meinen Kopf und unten in die Kniekehlen. Ich war die Kleinste in der Klasse und hatte das größte Instrument.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es in die professionelle Musikszene geschafft?

Lipa: Ich habe Coversongs online gestellt und sehr intensiv Social Media genutzt. Es gab viele positive Reaktionen, vor allem von jungen Produzenten. Schließlich wurde mir ein Vertrag angeboten. Aber ich hatte keine Ahnung davon. Also bat ich einen Freund, den ich von Twitter kenne, um Hilfe. Ich hatte ihn nie persönlich getroffen, aber er empfahl mir einen guten Anwalt. Der riet mir ab, das zu unterschreiben. Stattdessen habe ich mit seiner Hilfe meinen jetzigen Manager Ben Mawson gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Und der suchte ein Label für Sie aus?

Lipa: Wir wollten erst mal herausfinden, was mein Genre ist, was ich wirklich will. Er stellte mich jeden Tag in ein Studio, jeden Tag! Mit vielen verschiedenen Produzenten. Mit denen schrieb ich dauernd neue Songs, schließlich auch "Hotter Than Hell". Und da dachten wir: In die Richtung könnte es gehen. Das war ein Team, das zu meinen Vorstellungen passte, anstatt mir einen Stil aufzudrücken.

SPIEGEL ONLINE: Warum betrieb Mawson diesen Aufwand mit Ihnen?

Lipa: Ich hatte ihm einige meiner Songs vorgespielt. Nach nur fünf Minuten sagte er: Lass es uns versuchen, kein Vertrag, nichts. Wir gehen einfach ins Studio und probieren. Nach dem Erfolg von "Hotter Than Hell" unterschrieb ich einen Vertrag.

SPIEGEL ONLINE: Kommt zuerst die Musik oder erst der Text?

Lipa: Der Text, immer. Ich würde eher die Melodie ändern, damit die Verse passen, als umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie wichtig, Alben zu produzieren?

Lipa: Seit die Streamingdienste so wichtig sind, muss man häufig Singles veröffentlichen, damit die Aufmerksamkeit des Publikums nicht nachlässt. Aber ich persönlich liebe es, ein Album vom ersten bis zum letzten Stück anzuhören. So lerne ich einen Musiker kennen. Mir selbst bedeutet es viel, ein zusammenhängendes Arbeitsprodukt abzuliefern. Mit einem Album zeige ich das nächste Kapitel meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es, mit 23 die meistgehörte Künstlerin eines Streamingdienstes zu sein?

Lipa: Es ist ein total verrücktes Abenteuer!

SPIEGEL ONLINE: Und die Schattenseiten?

Lipa: Ich muss mich vielen Meinungen stellen. Das ist Segen und Fluch zugleich. Ich liebe es zwar, von meinen Fans zu hören, was ihnen gefällt und was nicht. Doch die Medien sind zu sehr an meinem Privatleben interessiert. Ein neues Album wird unter ein Mikroskop gelegt, um Personen zu identifizieren und herauszufinden, welche Verbindungen es zu meinem Alltag gibt. Aber Musik ist einfach Musik. Ich möchte zeigen, dass wir alle durch ähnliche Erfahrungen gehen.

Wotan Wilke Möhring, Jahrgang 1967, einst Waldorfschüler und Punkmusiker, Zeitsoldat bei den Fallschirmjägern, gelernter Elektriker, Türsteher, Clubbesitzer und Model, ist heute bekannt als "Tatort"-Kommissar Thorsten Falke und Hauptdarsteller in zahlreichen Kinofilmen. Als Staatsanwalt vegegnet man ihm in der Serienverfilmung von Patrick Süßkinds Roman "Das Parfum". Sein Film-Debüt gab er erst mit 31 Jahren in der "Bubi-Scholz-Story".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie die Brutalisierung der Gesellschaft befürchten. Tragen nicht viele Krimis und Thriller dazu bei, in denen Sie mitspielen? Zweieinhalb Leichen gab es 2017 durchschnittlich pro "Tatort".

Möhring: Das glaube ich nicht. Wer entspannt in einen Film geht, kommt nicht raus und hat Bock, sich zu kloppen. Aus einem Film geht man eher berührt, verwirrt, fröhlich oder gelangweilt raus. Klar, es kann ein Wagnis sein, einen Film anzuschauen: Man geht entspannt ins Kino und schaut sich einen tollen, aufwühlenden Film an und danach ist alles anders, weil der Film einen so mitgenommen hat und alles aus dem Gleichgewicht bringt. Aber wer selbst gewalttätig wird, kann das nicht auf ein einzelnes Filmerlebnis schieben. Das ist viel zu einfach.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen Gewalt, Brutalität und Tod im wirklichen Leben begegnet?
Möhring: In meinen wilden Jahren, da war ich um die achtzehn, hat mir mal einer von hinten ein Messer durch die Jacke gestochen, später hielt mir jemand eine Knarre an den Kopf, als ich auf dem Fahrrad saß. Ich habe auch schon echte Tote gesehen, war dabei, als jemand erschlagen wurde, und auch bei einer Massenschlägerei. Also: ja.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viel mehr Gewalt erlebt als der Durchschnittsdeutsche!

Möhring: Aber ich weiß nicht, ob die Pistole echt war. Außerdem ist mir nichts Schlimmes passiert. Einmal allerdings wollten Skinheads unsere Punk-Party stürmen. Skins prügeln und Punks werden verprügelt, das fand ich schon immer daneben. Man muss sich wehren. Ich habe also gesagt: Los, gehen wir raus und vertreiben sie. Dann ist die Tür hinter mir zugefallen und ich war als einziger draußen. Ich bin dann im Krankenhaus mit einer Gehirnerschütterung und anderen Verletzungen aufgewacht. Ich konnte mich an nichts erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich in böse Figuren gut hineindenken?

Möhring: Ja, denn auch die schlimmsten Täter tun in ihrer Logik das Richtige. Es ist sehr interessant, diese völlig andere Perspektive zu ergründen. Daraus erklärt sich auch, glaube ich, die Faszination des Bösen. Der Böse hat mit letzter Konsequenz eine Grenze überschritten und nimmt sich Freiheiten heraus, die wir uns nie zutrauen würden.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Darstellung hartgesottener Kerle im Film eine Art Training für tatsächliche Gefahrensituationen?

Möhring: Nein. Die Wirklichkeit ist viel krasser. Also, wenn man wilde Tiere im Zoo sieht, ist das wie Kino. Aber wenn dir im Park tatsächlich ein Löwe begegnet, da klopft dein Herz bis zum Hals. Ein rutschender Motorroller neben uns auf der Straße, eine Frau, die mit dem Fahrrad hinfällt, das nimmt uns mehr mit als ein Mord im Film. Auf der Leinwand werden Dinge erträglich, die wir in der Realität kaum aushalten. Das liegt daran, dass das menschliche Auge sehr viel mehr wahrnimmt als jede Kamera, und dass wir draußen im Leben alle unsere Sinne nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater starb 2004 durch einen Verkehrsunfall in Ihren Armen. Ist das auch eine Art Gewalterfahrung?

Möhring: Wenn da dein Vater liegt und das Blut kommt, und du weißt, er kann dich schon nicht mehr sehen - das ist eine im wahrsten Sinne gewaltige Erfahrung. Ich habe lange gebraucht, um das als Sohn anzunehmen. Es bleibt natürlich in Erinnerung, wie aber auch die Geburt meiner Kinder im positiven eine solche archaische Erinnerung bleibt. Meine Kinder sind danach geboren. Der Gedanke, dass der eine geht und der andere kommt, hat mich getröstet.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, sind 5, 7 und 9 Jahre alt. Schauen Sie Filme an, in denen Sie mitspielen?

Möhring: Meine Kinder sind zu jung, vieles ist ihnen zu krass, nicht mal den alten Räuber-Hotzenplotz-Film wollen sie gucken. Sie haben noch nie einen Film mit mir gesehen. Sie kennen ihren Vater anders, mögen die Verwandlungen nicht, zum Beispiel, dass manchmal meine Haare oder der Bart verändert werden. Einmal haben sie mich bei Winnetou-Dreharbeiten in Kroatien besucht. Mich traf ein Pfeil und ich fiel vom Pferd. Mein Sohn spricht heute noch darüber. Eine Weile dachte er, Papa wird immer erschossen auf der Arbeit, das fand er doof.
SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie selbst ihren ersten Tatort geguckt?

Möhring: Meinen ersten Tatort habe ich heimlich bei meiner Tante gesehen. Es war ausgerechnet "Reifezeugnis" mit Nastassja Kinski. Ich war ungefähr zehn Jahre alt und hatte monatelang schwere Albträume.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Ihrer Meinung nach Gewaltszenen, die man auch Erwachsenen nicht zeigen sollte?

Möhring: In gut gemachten Filmen sieht man bestimmte Dinge nicht. Bösewichte gehen zum Beispiel mit einem Gefangenen in einen Raum und der Zuschauer weiß einfach, dass da jetzt einer verprügelt wird. Die Kamera muss nicht mitgehen. Das Schlimmste findet dann in unserer eigenen Vorstellung statt.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen in der Serie "Parfum" mit. Auch da gibt es Szenen, die dem Zuschauer sehr viel zumuten. Herausgeschnittene Körperteile wurden früher nicht so freimütig gezeigt. Ein Zeichen, dass wir gegen Gewalt abstumpfen?

Möhring: Das sehe ich nicht so. Unsere Verfilmung ist da nicht drastischer als das Buch, das aus den Achtzigern ist. Ein Film, der keinen Spielraum für die eigene Interpretation lässt, läuft Gefahr, dass wir als Zuschauer emotional nicht mehr mitkommen. Wenn ich "Das Parfum" von Patrick Süskind lese, produziere ich diese Bilder selbst, sie entstehen in meinem Kopf. Ich selbst bin dann Regisseur, Schauspieler, Kameramann. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass sich die Buchstaben in meinem Kopf zu solchen Bildern verbinden. Das finde ich viel intensiver als Filmblut.

Mit ihren Selbstinszenierungen auf Instagram und YouTube legen sich Mädchen und junge Frauen immer noch weitgehend auf althergebrachte Rollenbilder fest. Zu diesem Schluss kommt Schauspielerin Maria Furtwängler und beruft sich dabei auf mehrere Studien, die sie gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth in Auftrag gegeben hat und nun in Berlin vorstellt.

Wie nutzen junge Frauen die Chance, sich im Web individuell auszudrücken? Und wie lassen sie sich dabei von Influencerinnen beeinflussen? Das haben Forscherinnen auf Instagram und YouTube untersucht - im Auftrag der von Maria und Elisabeth Furtwängler gegründeten Stiftung MaLisa. In einer dritten Studie wurde auch die Geschlechterdarstelllung in den 100 beliebtesten Musikvideos analysiert.

Bereits 2017 hatte die Stiftung mit einer umfassenden Studie darauf hingewiesen, dass Frauen in Film und Fernsehen unterrepräsentiert sind. Die neuen Studien kommen nun zu einem ganz ähnlichen Ergebnis: Bei den 100 beliebtesten Musikvideos, den 100 beliebtesten YouTube-Kanälen und den Top 100 Instagram-Profilen seien Frauen nur halb so häufig vertreten wie Männer, heißt es in einer Mitteilung von MaLisa.

Zudem orientiere sich das Auftreten an althergebrachten Stereotypen:
• Auf YouTube präsentieren Frauen sich der Studie zufolge überwiegend im privaten Raum und geben etwa Schminktipps, während Männer ein deutlich breiteres Themenfeld abdecken.
• In Musikvideos werden Frauen laut der Untersuchung mehrheitlich "sexy und passiv" inszeniert.
• Auf Instagram seien vor allem die Frauen erfolgreich, die einem normierten Schönheitsideal entsprechen und sich mit Mode- oder Beauty-Themen beschäftigen.

Als TV-Kommissarin Charlotte Lindholm widersetzt sich Maria Furtwängler weiblichen Klischees. Im "Tatort" am kommenden Sonntag wird sie ihrer neuen Kollegin, gespielt von Florence Kasumba, mit kampflustigem Alphatier-Gebaren begegnen. Im Interview erzählt sie, warum ihr diese Auseinandersetzung Spaß macht, warum sie das uniforme Frauenbild im Web alarmierend findet und was sich am Nutzungsverhalten ändern muss.

SPIEGEL ONLINE: Welche Unterschiede haben die Forscherinnen bei der Selbstinszenierung von Mädchen und Jungen auf YouTube vorgefunden?

Maria Furtwängler: Junge Frauen präsentieren sich eher im privaten Raum und deklarieren ihre Tätigkeit als Hobby. Es wird genäht, gekocht, gebastelt, oft geht es um Beautytipps und Dating. Junge Männer zeigen sich häufiger im öffentlichen Raum und haben eine sehr viel größere Spannbreite an Ausdrucksmöglichkeiten: Entertainment, Gaming, Comedy oder auch mal Politik. Es scheint sehr wichtig zu sein, dass die Frauen das Gefühl vermitteln, sie machten alles gut gelaunt und ohne Anstrengung nebenbei.

SPIEGEL ONLINE: Also der Mann als Profi in der Welt unterwegs und die Frau hübsch lächelnd zuhause?

Furtwängler: In der Summe ja. Dabei sind die bekannten Influencerinnen oftmals starke Selfmade Women, die sich selbst managen, ihr Image eigenständig gestalten. Eine sehr erfolgreiche Influencerin hat mir erzählt, sie habe mal versucht aufzuzeigen, wie logistisch aufwändig und anstrengend diese Arbeit ist, habe daraufhin aber sofort einen auf den Deckel bekommen von ihren Followern.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist bei Jungen anders?

Furtwängler: Jungs dürfen sich durchaus geschäftstüchtig zeigen. Natürlich wird auch hier das Sixpack wichtiger, aber sie haben viele Optionen, ihre Stärken zu zeigen. Von Mädchen wollen alle nur das perfekte Bild sehen.

SPIEGEL ONLINE: Und es soll bei ihnen bitteschön nicht nach Arbeit, sondern natürlich aussehen?

Furtwängler: Ja, keinesfalls und das ist lustig. Es geht angeblich um Authentizität, Natürlichkeit und Spontaneität. Aber die Herstellung eines perfekt unaufwändig wirkenden Bildes ist unglaublich aufwändig.

SPIEGEL ONLINE: Die Forscherinnen haben Hunderte Instagram Posts untersucht. Wie versuchen Jugendliche, ihre Bilder zu optimieren?

Furtwängler: Mädchen vergrößern, zum Teil mit Apps, ihre Brüste, verengen ihre Taille, verlängern ihre Beine, Jungen machen ihre Beine muskulöser, verbreitern ihre Schultern, und bauen sich ein Sixpack. Mädchen sollen wahnsinnig schlank sein und trotzdem große Brüste und Hintern haben. Diese Kombination ist rein biologisch kaum machbar. Denn wenn ich klapperdürr bin, ist in der Regel vorn und hinten einfach nicht mehr viel da. Da kann man nur nachhelfen. Wir haben ein Zitat von einem Mädchen, das sagt: Ich mache mir immer die Beine länger, weil das natürlicher aussieht.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Wunschbilder und Wirklichkeit werden schon verwechselt?

Furtwängler: In den USA gibt es bereits das Phänomen "Snapchat Dysmorphia": Mädchen gehen zum Schönheitschirurgen, damit sie im richtigen Leben so aussehen, wie auf den gefilterten Snapchat-Bildern. Auffällig ist auch, dass der Wunsch nach Nasenverkleinerungen zugenommen hat, denn durch den Weitwinkeleffekt bei den Selfies hat man tatsächlich immer einen riesigen Zinken im Gesicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber niemand schreibt Frauen und Mädchen vor, sich an Schönheitsklischees zu halten oder sich auf Handarbeiten und Schminktipps zu fokussieren. Wie erklären Sie sich, dass weibliche User sich trotzdem darauf festlegen?

Furtwängler: Es ist eine erstaunliche normierende Macht, die durch die sozialen Medien ausgeübt wird, obwohl diese Plattformen doch per se erst einmal einen völlig freien Raum zur individuellen Selbstinszenierung geboten haben. Es wäre interessant herauszufinden, wie genau diese Normierung so dominant werden konnte. Und warum sich die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen durchgesetzt haben, die eine solche Normierung mit Werbung erzeugen oder befeuern wollen. Frauen sind jedenfalls umso erfolgreicher, je mehr sie sich an den engen Rollenvorgaben orientieren. Das uniforme Frauenbild ist alarmierend. Es leugnet und ignoriert in weiten Teilen weibliche Diversität.

SPIEGEL ONLINE: Also sollte Schönheit für Frauen gar kein Maßstab mehr sein?

Furtwängler: Es ist nichts dagegen zu sagen, dass wir hübsch sein wollen. Gleichzeitig kann und muss das Konzept von hübsch oder schön jedoch Vielfalt zulassen. Ganz generell ist die Einschränkung deprimierend, der zufolge Mädchen ihren Selbstwert primär darüber definieren, wie viele Likes sie für ihr Aussehen bekommen und wie viele Typen scharf auf sie sind. Und es eben nicht darum geht, ob sie eine tolle Sache erfunden oder etwas gebaut oder sonst eine großartige Leistung vollbracht haben. Dieser schmale Korridor, in dem Frauen sich bewegen, ist sehr irritierend, er orientiert sich am Frauenbild der 1950er Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Kann man trotzdem sagen, dass sich in der jüngeren Social-Media-Welt Fortschritte gegenüber den klassischen Medien zeigen?

Furtwängler: Ich fürchte nein, eher im Gegenteil. In den traditionellen Medien bewegen sich die Verantwortlichen wenigstens langsam in Richtung Diversität und Geschlechtergerechtigkeit, hinterfragen stereotype Darstellungen. In den sozialen Medien gibt es keine Kontrollinstanz und keine Möglichkeit, das zu beeinflussen. Natürlich gibt es auf allen Social-Media-Plattformen eine große Bandbreite an Selbstdarstellung, aber ein Algorithmus schert sich nicht um Vielfalt oder Vermeidung von Stereotypen.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste Ihrer Meinung nach unternommen werden?

Furtwängler: Schulen müssen zu mehr Medienkompetenz verhelfen. Eltern müssen sich mit den Bildern auseinandersetzen, die ihre Kinder prägen und selber entwerfen. Und wir müssen das Bewusstsein, gerade auch bei den Influencerinnen, dafür schärfen, wie wirkmächtig ihre Bilderwelten sind, wie sehr sie im Unterbewusstsein wirken. Das ist auch meine Motivation, mich hier zu engagieren, zu analysieren, was wir sehen und mit den Influencerinnen, deren Arbeit ich durchaus respektiere, darüber in die Diskussion zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Als Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm bilden Sie mit Ihrer neuen Co-Kommissarin Florence Kasumba alias Anais Schmitz ein richtiges Alphafrauen-Team. Wie gefällt Ihnen das?

Furtwängler: Ich finde es sehr gut, dass mit Florence im "Tatort" die erste weibliche Doppelspitze bilde, vor allem weil die Auseinandersetzung zwischen den Kommissarinnen nicht hysterisch, zickig oder weinerlich geführt wird, sondern wie zwischen zwei Kerlen mit Aggression auf Augenhöhe.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist besser? Sie müssen dabei ganz schön einstecken.

Furtwängler: Ja, nicht wahr? Aber Frauen sind nun mal nicht die besseren Menschen!

Claudia Eisinger (Jahrgang 1984) bekam 2016 für ihre Rolle als depressionsgeschüttelte Karo in dem Film "Mängelexemplar" den Deutschen Schauspielpreis. In der Fernsehserie "Zarah - Wilde Jahre" kämpfte sie 2017 als rebellische Journalistin gegen die patriarchalen Strukturen eines bedeutenden Printmagazins, außerdem engagiert sie sich in dem kreativen Netzwerk "Club der jungen Wilden". Eisinger wuchs in einer Berliner Arztfamilie auf und lernte an der Ernst-Busch-Schauspielschule.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren fast das ganze vergangene Jahr auf Reisen. Was hat Sie fortgetrieben?

Eisinger: Viele Dinge in meinem Leben haben sich nicht mehr wahr angefühlt. Es stand eine große Veränderung auf sämtlichen Ebenen an. Ich wusste anfangs nicht, wohin mich diese Reise bringen würde. Letztlich war ich zweimal in New York, unter anderem, um Schauspielunterricht am William Esper Studio zu nehmen, dann auf Bali und in Colorado. 2018 ist für mich ein lebensveränderndes Jahr geworden.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb war das nötig?

Eisinger: Mir wurde alles zu eng. Ich musste mich in meine Freiheit aufmachen, um mich nicht nur der Schauspielerei auf neue Weise anzunähern, sondern auch anderen künstlerischen Kanälen nachzuspüren.

SPIEGEL ONLINE: Lag der Grund für diese Auszeit auch am Misserfolg der ZDF-Serie "Zarah - Wilde Jahre"? Es war bestimmt deprimierend, als Serien-Hauptfigur kurzerhand ins Nachtprogramm abgeschoben zu werden.

Eisinger: Ehrlich gesagt, nein. Ich habe es nicht persönlich genommen. Allerdings war der Dreh für mich eine einschneidende Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Was war so einschneidend?

Eisinger: Wir sollten von einer revolutionären Zeit erzählen - aber bitte nicht zu radikal. Dieser Widerspruch war für mich einfach schwer auszuhalten. Ich fand es absurd, eine rebellische Figur zu spielen, die Zwänge aufbrechen wollte, und gleichzeitig als Schauspielerin in einem redaktionsbeherrschten starren System zu stecken. Ich fühlte mich dadurch sehr begrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde die Reise zu einem Neuanfang?

Eisinger: Zwar liebe ich die Schauspielerei sehr, aber sie ist nicht das einzige, was mich ausmacht, das weiß ich schon länger. Und außerdem werde ich nicht mein ganzes Leben in Deutschland verbringen. Mit dieser Reise gebe dem Raum, was in mir schlummert und schon lange raus möchte.

SPIEGEL ONLINE: Konkret heißt das: Sie haben in Bali ein Modelabel gegründet, "What would Bella do?".

Eisinger: Ich sage nicht so gern Label. Für mich ist das eher ein Multi-Ausdruckskanal. Zwar habe ich begonnen, unter diesem Namen Kleidung zu machen, aber das ist nur der Anfang. Weitere Projekte, zum Beispiel ein Podcast, sollen folgen. Die Frage "What would Bella do?" richtet sich an die Instanz in uns, die frei ist von Masken und gesellschaftlichen Rollen, die wir im Leben spielen. Wie würden wir leben, wenn wir diesem höheren Teil in uns folgen würden anstatt der gesellschaftlichen Norm?

SPIEGEL ONLINE: Was für Kleidung haben Sie entworfen?

Eisinger: Unter anderem Kimonos. Der Kimono ist ein zeremoniell aufgeladenes Kleidungsstück, das Halt gibt. Er könnte das Gewand einer Superheldin oder einer Göttin sein. Ich hatte die Ideen, und eine befreundete Modedesignerin in Bali hat sie für mich in Schnittmuster übersetzt. Dann wurde alles per Hand genäht und bedruckt. Auf Bali hatte ich die Möglichkeit, die Produktionsbedingungen so zu gestalten, dass die Näherinnen nicht ausgebeutet werden. Mir war wichtig, persönlichen Kontakt zu ihnen zu haben, ihre Arbeitsbedingungen und ihren Verdienst zu kennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben außerdem den Plan für eine Pyramide entwickelt. Was steckt da denn dahinter?

Eisinger: Seit meinem Aufenthalt in New York verfolgte mich die Vision einer Pyramide, und der bin ich nachgegangen. Durch ihre Architektur und Positionierung sind Pyramiden seit Jahrtausenden hochenergetische Räume, die den Menschen helfen, sich mit dem universellen Bewusstsein zu verbinden. Ich möchte Oasen schaffen, in denen man für eine kleine Weile aus dem Hamsterrad aussteigen kann. Solche Orte brauchen wir mehr denn je.

SPIEGEL ONLINE: So richtig vorstellen kann man sich das jetzt aber noch nicht.

Eisinger: Ich kann noch nicht so viel verraten, nur dass ich mit einer Kuratorin und verschiedenen Künstlern an der Umsetzung arbeite.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt bei all dem noch Zeit für die Schauspielerei?

Eisinger: Unbedingt. Ich bin sehr offen für das, was da jetzt auf mich zukommt.

Christiane Paul (Jahrgang 1974) hat als Ärztin und Schauspielerin einen ungewöhnlichen Werdegang. Den Arztberuf hat sie zugunsten der Schauspielerei aufgegeben. 2016 erhielt sie den Emmy als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle der Richterin im Fernsehfilm "Unterm Radar". Paul engagiert sich politisch, unter anderem für Menschenrechte und besseren Umweltschutz. In der Serie "8 Tage" erlebt sie die letzte Woche vor dem Einschlag eines Asteroiden, der Europa zu zerstören droht. Start am 1. März auf Sky.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer neuen Serie "8 Tage" droht die Erde von einem Asteroiden zerstört zu werden. Sind Sie persönlich manchmal in Weltuntergangsstimmung?

Paul: Man könnte den Asteroid vielleicht eher als Metapher sehen. Wenn überhaupt, dann mache ich mir Sorgen um katastrophale Folgen von Umweltverschmutzung und Klimaveränderung. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir das in den Griff bekommen. Insofern bin ich optimistisch und nicht in Weltuntergangsstimmung.

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen sich seit Langem öffentlich für mehr Umweltschutz ein. Hat sich mit der Zeit merklich etwas verändert?

Paul: Ich habe mich 2011 in meinem Buch damit beschäftigt, was jeder Einzelne tun kann. Inzwischen denke ich, dass es zwar toll ist, wenn Leute vegan leben, aber das reicht nicht. Wir können die Lösung der Probleme nicht nur auf die Konsumenten, die Bevölkerung abwälzen. Einer alleinerziehenden Mutter können wir nicht vorschreiben, nur Pfandflaschen und Brot aus dem Bioladen zu kaufen. Die Politik muss Lösungen und Regelungen für die Wirtschaft finden.

SPIEGEL ONLINE: Achten Sie im Alltag besonders viel auf die Umwelt?

Paul: Mülltrennung, Umweltpapier, all diese Beiträge leisten wir natürlich. Aber ich stoße an Grenzen. Meine Kinder lieben Fleisch. Dagegen komme ich nur schwer an mit meinen bescheidenen Kochkünsten. Und ehrlich gesagt, mein Leben als Schauspielerin in Mitteleuropa mit gehobenem Lebensstandard macht es sehr schwer. Ich reise viel, fliege, die Kleidung, all diese Dinge... Ich habe einen sehr großen CO2-Fußabdruck, auch wenn ich oft Fahrrad und U-Bahn fahre.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie, andere zu überzeugen, nachhaltiger zu leben?

Paul: Ich habe das eine Zeit lang stark propagiert, aber damit aufgehört, weil ich in Gesprächen mit Freunden oder in Talkrunden häufig eine Abwehrhaltung gespürt habe. Die andere Seite wird entweder sofort still oder reagiert mit Scheinargumenten: Warum muss ich ein umweltfreundliches Auto kaufen, wenn der Chinese sich gar nicht um Umweltschutz kümmert? Das ist eine Art Schutzverhalten. Die Chinesen spielen doch sonst bei unseren Entscheidungen keine Rolle. Warum werden sie an dieser Stelle hervorgeholt? Das habe ich oft erlebt und deswegen aufgehört, so missionarisch zu diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Wovor schützen sich die Menschen?

Paul: Sie haben Angst, Dinge aufzugeben, von denen sie glauben, dass sie unbedingt zu ihrem Leben und zum Wohlstand gehören. Leider sehen viele nicht, dass wir dafür so viel anderes aufgeben, in Staus stehen, verschmutzte Luft atmen. Aber wahrscheinlich verlangen wir zu viel von den Menschen. Ich denke, wir brauchen in dem Fall mehr Staat, eine Politik, die den Menschen abnimmt, visionär zu denken und die Probleme zu lösen. Der Einzelne schafft das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das nicht: mehr Bevormundung?

Paul: Nicht, wenn es richtig gemacht wird. Politiker müssen ihre Verantwortung tatsächlich wahrnehmen. Ich erwarte, dass sie vor einer Migrationskrise wissen, dass diese Krise auf uns zukommt und das Land darauf vorbereiten. Da sehe ich Handlungsbedarf. In "8 Tage" versagt die Politik auch, während die Bevölkerung in Starre verharrt.

SPIEGEL ONLINE: Besonders unheimlich erscheint in der Serie der moralische Verfall sämtlicher Beteiligten und der Sieg des puren Egoismus. Wie würden Sie sich verhalten?

Paul: Ich bin solchen extremen Situationen noch nicht ausgesetzt gewesen. Vielleicht ist es normal, dass jeder versucht, seine Haut zu retten. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde. Ich frage mich auch manchmal, ob ich den Mut gehabt hätte, gegen den Nationalsozialismus aufzustehen.

SPIEGEL ONLINE: Also zweifeln Sie daran, dass sich in der Katastrophe die Moral aufrechterhalten lässt?

Paul: Ich bin mir nicht sicher. Auf der anderen Seite gibt es gerade in Kriegssituationen viele Menschen, die Solidarität zeigen. Auch in "8 Tage" gibt es Menschen, die sich einen Rest an moralischem Empfinden bewahren.

SPIEGEL ONLINE: Können wir uns darauf vorbereiten, in der Gefahr unseren moralischen Kompass nicht zu verlieren?

Paul: Es ist essenziell, den sozialen Frieden aufrechtzuerhalten. Die Leute können sich nur für Moral interessieren, wenn der Druck nicht zu groß ist. Und der wird zurzeit immer größer. Es macht Angst, wenn wir uns fragen müssen, ob die Schicht der Zivilisation so dünn ist, dass wir in Gefahr sofort wieder mit der Machete losrennen. In den letzten Jahrhunderten haben wir große Fortschritte in der Entwicklung unserer kulturellen Werte gemacht. Wir müssen nun schauen, dass wir diese Werte nicht verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Frau Broich, vor der Schauspielkarriere waren Sie professionelle Fotografin. "Tatort"-Kommissarin Anna Janneke, die Sie seit 2015 spielen, hat immer eine Kamera dabei. War das Ihre Idee?

Broich: Ja. Ich dachte: Waffen sind nicht so mein Ding, dann lieber Fotos schießen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Schauspielerin Einfluss auf die Entwicklung der Figur?

Broich: Vor unserem ersten "Tatort" wurden die Figuren gemeinsam mit der Redaktion entwickelt. Anna Janneke sollte ein bisschen kauzig und fahrig sein. Oft sind TV-Kommissare ja nicht so gut gelaunt, manchmal eher muffig. Da wollte ich etwas anderes probieren. Gute Laune als Ermittlungstaktik sozusagen. Aber jedes neue Drehbuch muss vielen Anforderungen genügen, da bleiben natürlich einige Ideen auf der Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Broich: Meine Frau Janneke hatte in der ersten Folge einen Sohn. Der war mit Rucksack, Freundin und Baby - Oma ist Janneke also auch! - in Australien unterwegs, und wir haben miteinander geskypt. Er tauchte danach nie wieder auf. Vor Kurzem habe ich den jungen Kollegen zufällig in Berlin getroffen und ihn gefragt, wo er eigentlich abgeblieben sei. "Ich bin wohl im Drehbuch verschwunden", war seine Antwort.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Theaterfotografin gearbeitet, bevor Sie Schauspielerin wurden. Wie kam es zu dem Wechsel?

Broich: Ich war vom Geschehen auf der Bühne manchmal so verzaubert, dass ich vergessen habe, auf den Auslöser zu drücken. Theaterarbeit ist ein Mannschaftssport. Fotografen arbeiten allein. Das war sicher ein Grund, die Seiten zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Aber das war nicht der einzige Grund, oder?

Broich: Nein. Vor allem war es Liebe. Viele Jahre später hatte ich eine Fotoausstellung mit großformatigen Abzügen von Otto Sander, Martin Wuttke, Sophie Rois und anderen Kollegen. Ich betrachtete meine Fotos mit etwas Abstand und verliebte mich förmlich ein zweites Mal in die Schauspielerei.

SPIEGEL ONLINE: Was begeisterte Sie?

Broich: Die Porträtierten waren von einer Zartheit und Verletzlichkeit, die mir vorher nicht aufgefallen war. Alle Aufnahmen sind nur Minuten nach Vorstellungsende entstanden. Die Schminke war verrutscht, die Ohren rot, der Blick müde und doch voller Adrenalin, kein Darstellungstrieb. Also kein Glamour - aber was für ein toller Beruf, was für wunderbare Menschen. In den Minuten nach der Vorstellung sind Schauspieler in einem seltsamen Schwebezustand, zwischen der Rolle und sich selbst. Ein eher einsamer Moment. Meine Bilder sind aus dem Inneren des Theaters gemacht. Da haben sich meine beiden Berufe, die Schauspielerei und die Fotografie, die Hand gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen stehen Sie häufiger vor der Filmkamera als hinter dem Fotoapparat oder auf der Bühne. Verzaubert ein Dreh ähnlich wie ein Bühnenauftritt?

Broich: Theaterschauspielerin oder Filmschauspielerin, das kommt mir vor wie zwei verschiedene Berufe. Theater ist viel körperlicher. Das ist Berserkerarbeit, anstrengend, martialisch. Da war ich hin und wieder verzweifelt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Broich: Das Spielen hat mir immer sehr großen Spaß gemacht, aber die Proben waren oft dornig. Wenn man ein Foto macht und es wird kritisiert, dann redet man über eine Sache. Auf der Bühne bin ich selbst das Objekt, an dem herumgefeilt wird. Ich fühlte mich manchmal persönlich angegriffen und habe dann grundsätzlich gezweifelt. Das hat das Arbeiten für den Regisseur und auch für mich nicht einfacher gemacht. Der Ton im Theater ist oft sehr rau. Man muss funktionieren und zwar immer, auch mit Fieber, an Weihnachten, Ostern, Neujahr. Die großen Theaterregisseure der Achtziger- und Neunzigerjahre waren Götter, da wurde gerne mal gebrüllt.

SPIEGEL ONLINE: Und beim Drehen passiert das nicht?

Broich: Da habe ich das nie erlebt. Beim Drehen wird mehr für die Schauspieler gesorgt. Außerdem war ich Mitte 40 und sehr erfahren, als ich regelmäßig zu drehen begann.

SPIEGEL ONLINE: Warum läuft es beim Film so anders als auf der Bühne?

Broich: Die wochenlange Probenarbeit am Theater ist eher suchend, schon deshalb wird es manchmal chaotisch. Beim Filmen gibt es einen strengen Drehplan, da muss ich für Minuten, manchmal nur Sekunden ganz auf dem Punkt sein. Laute Auseinandersetzungen sind da kontraproduktiv.

SPIEGEL ONLINE: In der Komödie "Meine Mutter spielt verrückt", die am Karfreitag ausgestrahlt wird, erleben Sie eine späte Liebe. Das passt zu Ihrem wirklichen Leben. Seit fast zwei Jahren haben Sie einen neuen Mann an Ihrer Seite, einen Wirtschaftsanwalt.

Broich: Wir haben uns im Flugzeug kennengelernt. Wir wurden beide gebeten, andere Plätze einzunehmen, und saßen schließlich nebeneinander. Als ich über die verhedderten Gurte lachen musste, habe ich ihn gefragt, ob er den Sketch von Loriot im Flugzeug kennt. Daraufhin antwortete er: "Oh ja, die Duineser Elegien von Rilke." Die kommen tatsächlich in dem Sketch vor. Das war der Startschuss für ein lustiges eineinhalbstündiges Gespräch - und für mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet eine solche Begegnung in diesem Abschnitt Ihres Lebens?

Broich: Es ist eine wunderbare Erfahrung, die einen aus der Kurve trägt, mit 20 ebenso wie mit 60. Aber da ist auch eine bittersüße Note, weil man eben keine 50 Jahre mehr vor sich hat. Alles wird kostbarer, vielleicht dadurch auch doppelt schön.

SPIEGEL ONLINE: Beneiden Sie Ehepaare, die tatsächlich zusammenbleiben, bis dass der Tod sie scheidet?

Broich: Eigentlich gefällt mir der Gedanke, denn so eine Trennung ist anstrengend. Erst mal fliegt einem alles um die Ohren. Aber wenn das Dach wegfliegt, kann man immerhin die Sterne sehen.

Zur Person
Dietmar Bär, Jahrgang 1961, leiht im Animationsfilm "Pets 2" dem zotteligen Neufundländer Duke seine Stimme. Bevor er beim "Tatort" als Kriminalkommissar Freddy Schenk anheuerte, spielte er dort einen Hooligan. In diesem Jahr dreht er seine 80. Kölner "Tatort"-Folge. Am Frankfurter Schauspiel steht er zur Zeit als Bürgermeisterkandidat auf der Bühne. Seine tierischen Abenteuer in "Pets 2" erlebt Dietmar Bär mit vielen bekannten Kollegen, unter ihnen Jan Josef Liefers, Mario Barth und Jella Haase. Der Computer-Animationsfilm läuft seit dem 27. Juni in deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Sie leihen in "Pets 2" Duke, einem brummigen, gemütlichen Neufundländer, Ihre Stimme. Welche Ähnlichkeiten haben Sie zwischen sich und Duke entdeckt?

Bär: Man muss ja nicht aussehen wie ein Neufundländer oder sein wie Duke. Es kommt nur auf die Stimme an. Allerdings wäre ich als Gidget - das ist der kleine Spitz - wohl nicht gut besetzt, denn sicher stellen sich die meisten vor, dass Duke von jemandem gesprochen wird, der ein bisschen größer und breiter ist. Auf jeden Fall kann Duke nicht von einem älteren Herrn gesprochen werden, der beim Sprechen einschläft. Duke ist sehr lebendig und lebt nach der Devise: Mein Napf ist immer halb voll.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auch Ihr Lebensmotto?

Bär: Diese Frage höre ich oft: Was steckt von Dietmar Bär in Duke oder dem "Tatort"-Kommissar Freddy Schenk? Ich würde sagen: nichts.

SPIEGEL ONLINE: Vor Urzeiten haben Sie am Wuppertaler Stadttheater im hautengen Glitzerkostüm Kaa, die Schlange aus dem "Dschungelbuch", gespielt. Welche Rolle passt besser zu Ihnen, Kaa oder Duke?

Bär: Das ist 30 Jahre her. Zuerst habe ich gedacht, es wird bestimmt ein Balu auf mich zukommen, aber da wir zwei dicke Jungs im Ensemble hatten, spielte Josef Ostendorf den Balu und ich Kaa und den Wolf. Die größte physische Herausforderung war nicht das hautenge Paillettenkleid, sondern es waren die grünen High Heels. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was Frauen zu leisten haben. Am Anfang haben die Mittelfüße sehr geschmerzt. Aber diese High Heels geben einem sofort eine andere Körperhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Was ist die größte Herausforderung als Synchronsprecher?

Bär: Ich bin kein hauptberuflicher Synchronsprecher. Normalerweise synchronisiere ich nur meine eigenen Filme nach, wenn es Schadstellen gibt. Heute muss ich zum Beispiel noch zum Nachsynchronisieren des letzten "Tatort"-Drehs. Es sind nur 15 Takes, da bin ich zufrieden. Man muss auch unterscheiden zwischen der Synchronisation eines Animationsfilms und der eines Schauspielerkollegen aus Fleisch und Blut. Animationsfilme und Hörspiele liegen viel dichter am Theater als der Film mit realen Charakteren.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Bär: Beim Theater, insbesondere beim Weihnachtsmärchen, muss man dem Affen Zucker geben, alles ein bisschen übertreiben. Man spielt auf der Bühne eben größer als im Film. Also, wenn Duke sich freut, dass er mit wehenden Ohren Auto fahren darf, dann dreht er so richtig durch und das muss meine Stimme zum Ausdruck bringen.
SPIEGEL ONLINE: Orientieren Sie sich an der originalen Vorlage?

Bär: Ich frage mich natürlich, wie es der amerikanische Kollege gemacht hat. Bevor es losging, durfte ich mir die Originalfassung von "Pets2" anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lief dann die Synchronisation, wie eine riesengroße Haustierparty?

Bär: Nein, im Gegenteil, jeder wird einzeln aufgenommen, Abschnitt für Abschnitt. Man bekommt zunächst einen kurzen amerikanischen Take zu hören. Wenn andere Kollegen oder Kolleginnen schon vorher gearbeitet haben, spielt der Regisseur einem das auch kurz vor. Es ist manchmal hilfreich zu wissen, wie die anderen sich darstellen.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie die Arbeit mit dem ganzen Körper, wenn Sie nur Ihre Stimme einsetzen?

Bär: Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Verrenkungen und Gesichter wir machen, um an das zu kommen, was da gerade auf der Leinwand passiert. Also fühle ich mich keineswegs reduziert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit Haustieren aufgewachsen?

Bär: Als Kind hatte ich einen Hamster und ein Aquarium. Ich war Mitglied im Aquariumklub der Schule und bin regelmäßig mit dem Fahrrad zu einem nahen Tümpel gefahren, um Wasserflöhe und Mückenlarven zu holen. Ab und zu brachte ich einen Plastikbeutel mit einem neuen Fisch aus der Stadt nach Hause. Den Beutel habe ich erst mal aufs Wasser gelegt, um die Temperatur auszugleichen, und dann das Fischchen, das ja voll im Stress war, vorsichtig ins Wasser gelassen. Je teurer die Biester sind, desto empfindlicher sind sie.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie derzeit Haustiere?

Bär: Im ersten "Pets"-Film sieht man, wie Max, der Terrier, immer sehnsüchtig in der Wohnung vor der Tür sitzt und auf sein Frauchen wartet. Diesen Ansprüchen eines Haustiers könnte ich bei meinem Beruf nicht gerecht werden. Aber ich mochte schon immer den Eigensinn und die Unabhängigkeit von Katzen.

Zur Person
Schauspielerin Martina Gedeck, bekannt u.a. aus "Das Leben der anderen" und "Die Wand", ist ab 8. August 2019 in deutschen Kinos zu sehen. In der Scheidungskomödie "Und wer nimmt den Hund?" steht sie als Doris nach 26 Jahren, zwei Kindern und einem Hund vor den Trümmern ihrer Ehe, denn ihr Mann Georg, gespielt von Ulrich Tukur, beginnt eine Affäre mit einer Doktorandin. Martina Gedeck war lange mit dem Schauspieler Ulrich Wildgruber liiert, bis der sich 1999 das Leben nahm. Mit Angaben aus ihrem Privatleben ist sie äußerst zurückhaltend, sie verrät nicht einmal ihr Geburtsdatum.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gedeck, haben Sie einen Hund?

Gedeck: Nein, aber ich mag Hunde. In "Die Wand" war ein Jagdhund über zwei Jahre mein Spielpartner. Meine Großmutter hatte einen Hund, der mich in meine Selbstständigkeit begleitete. Mit ihm durfte ich allein durch Wälder und Wiesen streifen. Der Hund lief frei herum, aber er hat auf mich aufgepasst. Das war ein Gefühl von Sicherheit und gleichzeitig von Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Der Filmtitel lautet "Und wer nimmt den Hund?" - trifft das den Kern der Handlung?

Gedeck: Ja, genau. Der Titel stellt die Grundfrage einer Trennung, und diese lautet: Wie soll man etwas teilen, das nicht zu trennen ist? Man kann den Hund nicht zweiteilen. Der Hund verkörpert ein Problem, das nicht zu lösen ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Hund steht also symbolisch auch für Kinder - und wofür noch?

Gedeck: Für die Liebe an sich, die man auch nicht trennen kann, dieses Band zwischen zwei Menschen. Eine Beziehung ist wie ein starkes Gewebe aus einem Faden, der hin- und hergeht, das kann man nicht einfach durchtrennen. Es bleibt als Lebensgewebe bestehen und begleitet einen weiter. Man kann - wenn wir beim Beispiel des Films bleiben - 26 Jahre Ehe nicht abschütteln oder ausradieren. Diese Ehejahre sind in einem drin, die haben das eigene Leben geprägt. Man kann sich von einer Person lösen und ein neues Leben anfangen ohne diese Person. Aber selbst dann bleibt der frühere Partner immer noch präsent in meinen Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich ähnliche Erfahrungen gemacht? Gedeck: Nein, ich habe das nicht erlebt; ich war nie ein halbes Leben verheiratet.

SPIEGEL ONLINE: War es daher schwierig für Sie, sich in eine Figur wie Doris hineinzuversetzen? Gedeck: Als Schauspielerin versetze ich mich fast immer in Situationen hinein, die ich nicht kenne. Aber ich
kenne die Gefühle: Wut, Ohnmacht, Schwäche, Verzweiflung, Trotz oder Rache.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie sich mit der Problematik vertraut? Lesen Sie oder sprechen Sie mit Leuten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben?

Gedeck: Ich stelle mir das vor. Mein Ausgangsmaterial sind der Text und die jeweiligen Spielsituationen. Ich fange lange vor dem Dreh an, mich damit zu beschäftigen, und schaue mir jede Szene an. Ich habe mir in diesem Fall zum Beispiel überlegt, dass Doris noch eine gewisse Kindlichkeit und etwas Unbefangenes in sich trägt. Sie versucht recht schnell, in ihrer Ohnmacht während der Trennungsphase ihre Würde wiederzubekommen und schafft sich dafür neue Felder. Sie lässt sich auf einen anderen Mann ein, sie denkt über Kunstprojekte nach. Das zeugt von einer Grundlebensfreude, die auch durch den Betrug ihres Mannes nicht kaputtgegangen ist.

SPIEGEL ONLINE: Und irgendwann zündet sie aus Wut ein Auto an. Können Sie sich vorstellen, aus Verzweiflung oder Wut so zu reagieren?

Gedeck: Eigentlich nicht, aber Doris kann es sich auch nicht vorstellen - und macht es trotzdem. Ich kann allerdings durchaus nachvollziehen, dass die Wellen über einem zusammenschlagen und dass man sich abreagieren möchte. Das sind die Dinge, die man nicht in der Hand hat. Man verliert die Kontrolle. Die Kontrolle zu verlieren, das kann ich mir tatsächlich vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn eine Ehe in die Brüche geht, ist es selten so, dass eine Seite völlig im Recht ist. Wie haben Sie in diesem Fall Ihre Position gefunden?

Gedeck: Als Schauspielerin muss ich meine Figur und das, was ich zu spielen habe, verteidigen und rechtfertigen. Nur dann kann ich das glaubhaft und überzeugend rüberbringen. Als ich den fertigen Film zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gedacht: Immer wenn er was sagt, hat er recht. Und immer wenn sie etwas sagt, hat sie auch recht. Das kann nur glücken, wenn beide Schauspieler ihren eigenen Raum bewahren beim Spielen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das in diesem Zusammenspiel mit Ulrich Tukur, der im Film den untreuen Ehemann Georg spielt?

Gedeck: Wir schauen uns gegenseitig nicht zu sehr in die Karten, verständigen uns nicht über unser Spiel. Ich sehe, wie er sich präsentiert, wie er spricht oder mich anschaut, wenn er die Szene spielt. Das ist sein Angebot oder umgekehrt meins. Das macht es echt. Das klappt nicht bei jedem, aber wenn es funktioniert, ist das etwas sehr Besonderes und Schönes. Mit Ulrich Tukur kann man das gut machen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie persönlich an die eine große Liebe zu einem Menschen?

Gedeck: Wenn Sie jetzt nach der partnerschaftlichen Liebe fragen, so kann es in einem ganzen langen Leben
auch zwei, drei große Lieben geben.

SPIEGEL ONLINE: So haben Sie das auch erlebt?

Gedeck: So habe ich das erlebt. Zum Glück.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie zu Ihrem verstorbenen Lebensgefährten Ulrich Wildgruber eine sehr symbiotische Beziehung hatten - und dass Sie jetzt das Gefühl haben, mit Ihrem Partner, dem Regisseur Markus Imboden, in einer "erwachsenen Liebe" zu leben. Die Liebe kann sich also in ganz verschiedenen Formen ausdrücken?

Gedeck: Wir wachsen, verändern uns im Laufe der Jahre, haben einen anderen Erfahrungshorizont, andere Bedürfnisse. Junge Menschen haben andere Stärken als ältere, entsprechend kann sich eine Liebe entwickeln. Und es hängt immer auch vom Gegenüber ab. Welche Eigenschaften oder Interessen werden durch den Partner belebt und welche treten eher in den Hintergrund?

SPIEGEL ONLINE: Die Idealvorstellung ist immer noch, mit einem Partner beziehungsweise einer Partnerin zusammenzuleben oder verheiratet zu sein, "bis dass der Tod euch scheidet". Sie sind nicht verheiratet, oder?

Gedeck: Doch.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann?

Gedeck: Schon ein Weilchen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Sie das nicht verraten?

Gedeck: Was wollten Sie ursprünglich wissen?

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir uns vom Traum einer lebenslangen Partnerschaft endgültig verabschieden?
Gedeck: Es wird vielleicht irgendwann der Punkt kommen, wo dieser Halbsatz selbst aus dem kirchlichen Eheversprechen gestrichen wird. Aber als Ausgangspunkt finde ich das erst mal gut. Wir sollten immer 150 Prozent anstreben, dann schaffen wir vielleicht 80 Prozent.

Seiten