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Romeo & Julia, ein Ballett von John Neumeier, Musik von Sergej Prokofjew. Die Staatsoper ist voll besetzt, alle 1700 Plätze. Es ist die 170. Vorstellung seit der Premiere vor über vierzig Jahren. Ulrike Schmidt war mindestens zwei Dutzend Mal dabei. „Ich gucke mir alle Besetzungen an, weil es interessant ist, die Entwicklung der Tänzer zu sehen“, erklärt mir die Betriebsdirektorin des Hamburg Balletts. „Eine andere Besetzung – und das Ballett kann komplett anders wirken.“

Außerdem ist sie heute Abend im Dienst. Falls sich gleich jemand die Nase bricht (schon passiert) oder die Technik klemmt, ist sie es, die auf der Bühne verkünden muss, ob und wie es weitergeht.

Wir betreten die Oper durch den Bühneneingang. Sie kennt jeden, der uns begegnet, hat ein paar letzte heißbegehrte Tickets zu verteilen. Freundlich, offen, unkompliziert und unprätentiös wirkt sie auf mich, und patent, ein bisschen wie die Mutter der Kompanie.

Im Büro streift sie die Straßenschuhe ab und schlüpft in die mitgebrachten Pumps. „Das habe ich von den Amerikanerinnen gelernt“, sagt sie. Dann ein Gang über die Bühne, ein Blick hinter die Kulissen, grüßen, ermutigen, schauen, ob alles in Ordnung ist.

Tänzerinnen und Tänzer sind kostümiert, geschminkt, startklar. Wenige Minuten bevor der Vorhang aufgeht, huschen wir auf die beiden Randplätze in der zweiten Reihe, Ulrike Schmidt in dunkler Hose, Blazer und buntem Schal. Vor uns Ballettmeister Lloyd Riggins. Wäre John Neumeier in Hamburg, säße er auch hier; er schaut sich fast jede Vorstellung an, wenn er in der Stadt ist.

Das Ballett ist ungeheuer viel auf Reisen. Tanz kennt keine sprachlichen Grenzen. In den letzten Monaten war Ulrike Schmidt in Kopenhagen, Wien, Madrid, Salzburg, in Tokio und in Oslo, in Baden-Baden und im Oman. Wie kommt das Hamburg Ballett denn ausgerechnet in den Oman? „Witzigerweise war dort in Maskat eine künstlerische Direktorin, die aus Hamburg stammt“, erklärt Ulrike Schmidt. „Sie tauchte hier auf mit einer imposanten Broschüre des wirklich imposanten Opernhauses dort und hat uns eingeladen. Wir haben uns erkundigt und zugesagt.“ Erfahrungen mit der arabischen Welt hatte das Ballett bis dahin noch nicht. Jetzt galt es, die besonderen Bedingungen zu berücksichtigen.

Zu viel Freizügigkeit in den Kostümen, Tänzerinne und Tänzer nur in hautengen Trikots, das war nicht möglich, also wurde ein eher klassisches Stück ausgewählt: Der Nussknacker.

„Aber es kommt dort eine betrunkene Tante vor, die konnte nicht auftreten wegen des Alkoholverbots. Sie wurde zur Kuchen essenden Tante, die immer Petit Fours aß.“

Ansonsten musste nur ein Kostüm verändert werden, zunächst jedenfalls, bis während des Aufbaus in Maskat eine Besuchergruppe verschleierter Frauen durch den Saal geführt wurde und auf die Bühne starrte. Da wurde schlagartig allen bewusst, was auf den Bühnenprospekten zu bewundern war: ein paar schöne nackte Männer. Sofort ließ der technische Leiter des omanischen Teams den Vorhang fallen und der Requisitenmeister wurde angewiesen, Lendenschürzchen für die Bilder zu basteln. „Das fiel nachher kaum auf“, lacht Ulrike Schmidt.

Auf Tourneen ist sie immer dabei, als Koordinatorin, als Notfall-Managerin für die rund 100 Reisenden, als Netzwerkerin und Verhandlerin mit den ausländischen Partnern. In Tokio hat sie gerade über die nächsten Aufführungen verhandelt, in Madrid dafür gesorgt, dass trotz eines Streiks alle Tänzer und Techniker pünktlich zur Vorstellung nach Hamburg zurück kamen.

In Chicago, da war ihr Organisationstalent ganz besonders gefragt. Wegen zugefrorener Wasserwege kam die verschiffte Ausrüstung – Kostüme, Bühnenausstattung, Technik – nicht an. Ulrike Schmidt ließ Ersatz einfliegen, aus Paris, aus Hamburg, wo immer das benötigte Material zur Verfügung stand. Und als schließlich alles beisammen war, stand plötzlich während der Durchlaufprobe das Theater in Flammen. Tänzerinnen und Tänzer ohne Schuhe in dünner Trainingskleidung auf der Straße in frostiger Kälte. Da ging nichts mehr. Im kommenden Februar wird die Vorstellung nachgeholt.

Ins Ausland zu gehen, das war schon als Kind in Leverkusen ihr Traum, den sie aber aufgab, weil ihr Vater starb, als sie gerade im Abitur steckte. Sie mochte die Mutter und die jüngere Schwester nicht allein lassen und machte genau das, was sie eigentlich vermeiden wollte: Sie landete wie ihr Vater (Diplom-Kaufmann) beim großen Bayer-Konzern. Dort ließ sie sich zur Wirtschaftsassistentin ausbilden.

Eine Auslandsposition könne sie sich aus dem Kopf schlagen, machte ihr der Personalchef bald klar: „Frauen schicken wir nicht ins Ausland!“ Das war Mitte der 1970er Jahre. „Ich habe mich nie als starke Emanze gesehen, aber das stach wie tausend Nadeln gegen meinen Gerechtigkeitssinn“, sagt sie, heute mit einem Lachen.

Aber immerhin liegen hier die Anfänge ihrer Karriere als Kulturmanagerin, die sie sehr erfüllt. Zum Heiraten und für Kinder kam nie die richtige Zeit.

Mit 20, 21 schon organisiert Ulrike Schmidt das gesamte Kulturprogramm der Firma Bayer, wenig später ganze Tanz- und Musikfestivals in Nordrhein-Westfalen. 1987 übernimmt sie dann die Leitung des Konzert- und Ballettreferats der Salzburger Festspiele und arbeitet unter anderem unter Herbert von Karajan, erlebt seine letzte Probe vor seinem Tod. „Das war jemand – wie auch John Neumeier – der einen Raum betritt, und man fühlt genau: Er ist da!“ erinnert sie sich. Seit 1991, also fast ein viertel Jahrhundert schon, ist sie beim Hamburger Ballett.

Ihr Büro befindet sich in Hamm im Ballettzentrum, einem der letzten Gebäude, das Fritz Schumacher gestaltet hat. Sie führt mich durch einige der neun hellen Ballettsäle, einer davon genauso groß wie die Bühne in der Staatsoper.

Neben Trainings- und Büroräumen gibt es auch eine Internatsetage, wo 35 Schüler und Schülerinnen aus vielen verschiedenen Nationen ihr Zuhause haben.

Ob man es Multikulti nennen will oder nicht, Integration funktioniert hier reibungslos. Die Verkehrssprache ist Englisch, oder: einfach zeigen, wie es geht.

Der erstaunlichste Raum jedoch ist das Schuhlager, rund zwölf Quadratmeter bebaut mit fast deckenhohen Regalen, klimatisiert und vollgestopft mit blassrosa Ballettschuhen, zwei Fächer voller handgemachter Spezialanfertigungen für jedes Mitglied der Kompanie.

„Die Hauptrolle in Dornröschen, die Aurora, vertanzt an einem Abend drei Paar Schuhe, in jedem Akt ein Paar“, erklärt Ulrike Schmidt. Zweimal muss ich nachfragen, bis ich das glaube. „Das ist ein teurer Spaß“, bestätigt sie. „Manche Kompanien setzen Limits für die Schuhe, das machen wir nicht. Wir finanzieren das. Die Füße sind das Kapital der Tänzer, das Wichtigste, was sie haben.“

Bei einem guten Schuhmacher kann es vierzehn Monate dauern, bis die Schuhe fertig sind. „Und dann verändern sich manchmal die Füße, und wir haben die Schuhe über. Die bekommen dann die Schülerinnen.“

Hat sie selbst mal getanzt? „Ich habe im Alter von drei Jahren mit dem Balletttraining angefangen, aber ich wollte nie Tänzerin werden. Irgendwann habe ich aufgehört mit dem ernsthaften Training, weil ich die Zeit nicht mehr hatte.“ Mit blutendem Herzen? „Nein, nein! In meinem Job muss man nicht selbst getanzt haben, aber ich finde es hilft, um viele Dinge zu verstehen und nachzuvollzie- hen.“ Zum Beispiel, dass die Karriere sehr früh endet, weil die körperlichen Ansprüche so hoch sind.

„Tänzer, die aufhören, manchmal auch ganz plötzlich durch Verletzungen, können sich oft gar nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, weiß Ulrike Schmidt. Deshalb ist sie Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der Stiftung TANZ (Transition Zentrum Deutschland), die Tänzer berät, um herauszufinden, wo ihre Möglichkeiten und Interessen liegen. „Wo kann ich mich so sehr engagieren wie im Tanz? Das gilt es herauszufinden.“ Und sie, was treibt sie an, möchte ich wissen. „Die Neugierde. Und die Beziehung zu Menschen. Ich muss mich mit einer Sache identifizieren können, dann begeistere ich mich.“

Wir sind wieder vor ihrem Büro angekommen, wo eine große rote Transportkiste mit Jahrbüchern, Programmheften und Gastgeschenken auf die nächste Reise wartet. Wenn vor Ort nicht vorhanden, wird sogar der Schwingboden für die Bühne plattenweise eingepackt.

„Die Ballette, die auf Tour gehen, können wir längere Zeit hier nicht spielen, weil die Ausstattung unterwegs ist.
Wenn ich etwas disponiere und die nötige Zeitspanne nicht einhalte, ist das tödlich – für den Spielplan jedenfalls. Dann schaffen wir das nicht.“ Bisher hat sie es immer geschafft, und das wird sicher auch so bleiben.

Alles hier ist schief und krumm, die Sonnenschirme aus geflochtenem Bast und die orange-gestreiften Stehlampen. Vor der Photobox hängt ein zerrissener Jutesack, die Bambusmatten auf dem Dach der Bar hat der Wind durcheinander geweht. Der Bildschirm ihres Handys ist zersplittert. „Das macht nix“, stellt Claudia Hauswedell-Glaser gelassen fest, während sie an einem der robusten Holztische im Beachclub Strandpauli ihre pinkfarbene Lesebrille aufsetzt, um nach einer Telefonnummer zu suchen.

Sie ist die Chefin von 140 Leuten, die den gekonnt schäbig-schräg eingerichteten Laden jede Saison wieder zum Brummen bringen. Gemeinsam mit ihrem Bruder und einem dritten Gesellschafter hat sie den Beachclub 2004 gegründet. Da waren ihre Zwillinge, zwei Mädchen, noch nicht einmal zwei und die ältere Tochter sieben Jahre alt.

„Fragen Sie mich nicht, wieso ich dazu kam, obwohl die Zwillinge da waren. Es sollte eigentlich nur ein Hobby-Projekt sein, das wir neben unseren Berufen betreiben wollten.“

Dafür sieht es jetzt ziemlich professionell aus, finde ich. „Wenn ich nur einmal in meinem Hinterkopf gehabt hätte, was dieses Projekt mit sich bringt, dann hätte ich gesagt: Ey, das kann jeder andere machen, aber ich nicht! Ich wollte eigentlich nur die Gastgeberin sein.“

Wir sitzen an einem der abgeschabten Holztische auf eher unbequemen Stühlen und beobachten, wie ein Mitarbeiter einen halben ausgeschlachteten Mercedes hingebungsvoll mit goldener Farbe besprüht.

An die zweitausend Menschen, die an einem sonnigen Wochenende auf breiten Polstern oder in Strandsesseln den Blick auf Kreuzfahrt- und Containerschiffe genießen, können froh sein, dass Claudia Hauswedell-Glaser erst handelt und dann denkt: „Ich glaube, nichts von dem, was ich in meinem Leben gemacht habe, hätte ich angefangen, wenn ich in Ruhe darüber nachgedacht hätte. Dann hätte ich Respekt vor der Sache bekommen und gedacht: Das kann ich nicht, das schaffe ich nicht.“

Spontan handelt sie, immer aus dem Bauch heraus und im Zustand der Euphorie. „Meine spinnerten Ideen, die hab ich bestimmt von meiner Mutter, die war auf liebenswürdige Weise verrückt.“

Eine ihrer „spinnerten Ideen“ hat Claudias Mutter, Erika Riemann, teuer bezahlt.

1945. Erika Riemann ist 14 Jahre alt. Das Hitlerbild in ihrer Schule im thüringischen Mühlhausen wurde durch ein Stalin-Porträt ersetzt. Erika nimmt einen Stift und verziert Stalins Schnauzbart mit einer Schleife. Für diesen kindlichen Streich steckt man sie in Lager und Zuchthäuser, u.a. ins ehemalige KZ Sachsenhausen. Als sie 1954 entlassen wird, ist sie 23 und hat keine Jugend gehabt.

„Meiner Mutter fehlte so viel. Wenn ich in der Pubertät war, war sie mit in der Pubertät. Sie hat nicht gemerkt, dass sie gestört hat. Sie wollte dabei sein, weil sie das alles nicht hatte.“

Hat sie mit der Mutter über die Erfahrungen in der Haft gesprochen, frage ich. „Nein. Als Kind möchte man nicht wissen, was für schlimme Sachen die Mutter erlebt hat. Ich hatte auch Angst, dass ich noch Schlimmeres hören würde, als ich später erfahren habe. Eigentlich wollte niemand mit ihr über diese Zeit reden.“
Deshalb hat Erika Riemann ein Buch geschrieben: „Die Schleife an Stalins Bart“. Es wurde 2004 ein Bestseller.

Claudia wollte es zunächst nicht lesen. Warum nicht? Sie kann es nicht genau erklären. Erst ein Jahr nach dem Erscheinen traut sie sich. „Da habe ich mir gesagt, ich muss es jetzt lesen, denn ich wurde permanent darauf angesprochen. Ich war unglaublich gerührt und angetan. Ich hatte immer die Befürchtung zu lesen, dass sie vergewaltigt wurde, aber das ist nicht passiert. Erstaunlicherweise.“

Die Bedienung bringt Tee und Claudia Hauswedell-Glaser blickt leicht konsterniert auf den Teebeutel im Papiertäschchen. „Wo ist denn der extra ausgesuchte gute Tee in den Stoffsäckchen?“ fragt sie freundlich aber stirnrunzelnd und erteilt dann eine kleine Teekunde-Lektion. Darin kennt sie sich aus. Ihr Vater war gelernter Teekaufmann, später wurde er Anwalt. Kopfschüttelnd nimmt sie zur Kenntnis, dass ich auf die künstlichen Aromen des 08/15-Tees hereinfalle, weil ich ihn (mit schlechtem Gewissen natürlich) bevorzuge.

In der Hamburger Praxis ihres Vaters hat Claudia eine Lehre zur Anwaltsgehilfin absolviert, bevor sie Betriebswirtschaft studierte, Schwerpunkte Marketing und Personalwesen. Sie ist eine waschechte Hamburgerin: 1961 hier geboren, später fünf Jahre in Wuppertal und nach dem Abi sofort wieder zurück in die Hansestadt.
Hierarchie wird im Strandpauli kleingeschrieben. Natürlich nennen sich alle hier beim Vornamen. Wenn Not am Mann ist, stehen auch die Barleute – oder Claudia selbst, und zwar gerne – einen halben Tag lang an der Spüle oder in der Küche.

„Wir haben zwischendurch mit Profis gearbeitet, die an klare Rangordnung gewohnt waren. Mit denen konnte Strandpauli nichts anfangen.“ Ein guter Koch gab, wie er es aus seinen Sterne-Küchen gewohnt war, klare Anweisungen von oben herab. „Er ist hier so aufgelaufen, da machte niemand etwas. Und er wusste nicht, wie er reagieren sollte.“

Dabei ist sie selbst durchaus nicht zimperlich, wenn es um klare Ansagen geht. Aber immer auf Augenhöhe. Auch etwas, das sie von früher kennt: den offenen Umgang mit Menschen unterschiedlicher Couleur. Der Tankwart, der Briefträger oder auch mal James Last – sie alle waren gleichermaßen gern gesehene Gäste bei ihrer Mutter Erika Riemann.

„Achtung, da kommt Muddi!“ warnen sich die Strandpauli-Mitarbeiter manchmal gegenseitig. Denn „Muddi“ kann auch böse werden. „Ich bin sehr impulsiv. Wenn mir etwas gegen den Strich läuft, dann lasse ich das direkt ‘raus, danach ist es sofort wieder weg. Deshalb trage ich nicht viel Langzeitstress mit mir. Ich entschuldige mich auch, wenn es ungerecht war. Da schäme ich mich nicht.“

„Das tut sie, auch wenn’s nicht immer leicht fällt!“ bestätigt ihr Mann, Uli Glaser, Schmuckdesigner mit einem Atelier im Industrie-Loft-Stil in Bahrenfeld, dessen Gestaltung im wesentlichen Claudia übernommen hat. Sie gestaltet mit Begeisterung. Eigentlich wollte sie mal Innenarchitektin werden.
„Aber das Geschäft mit den Zahlen habe ich nun mal gelernt. Und deshalb haut mir jeder seine Zahlen auf den Tisch und sagt: Mach mal!“ Und so ist sie auch die Betriebswirtin des Schmuck-Ateliers.

Uli und Claudia – eine Teenager-Liebe, er aus dem Osten, sie aus dem Westen. 1978 beide auf Urlaub in Ungarn. Es folgen acht Jahre konspirativer Liebe unter den Augen der Stasi. „Meine Mutter ist tausend Tode gestorben, wenn ich wieder ‘rübergefahren bin, unter Decknamen, mit Ablenkungsmanövern.“ Eine Weile geht es gut. Dann wird sie, 18 Jahre alt, in Ostberlin festgenommen und stundenlang verhört; Uli, 20, gerade beim Militär, wird unehrenhaft entlassen und für ein halbes Jahr strafversetzt in den Bergbau. Bis er da raus ist, hört Claudia nichts von ihm.

Ganz überraschend wird am 24. Dezember 1986 die Ehe genehmigt, wenige Tage später ist sie verheiratet. „Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle.“

Ihr Leben, eine Abfolge von Hauruck-Aktionen. Kürzlich haben sie das über 100 Jahre alte Juweliergeschäft der Familie Glaser in Erfurt in ein modernes Schmuck-Studio verwandelt. Wieder ohne lange Planung? „Das Hü und Hott reichte mir. Ich habe einfach in der Nacht die Spitzhacke genommen und eine Wand durchbrochen.“ Und damit war klar, wo es lang ging! „Ich überrolle viele Menschen, das weiß ich, Uli hatte keine Chance. Meine spontanen Aktionen sind eine anstrengende Geschichte. Für den einen ist das positiv, für den anderen unheimlicher Stress.“

Auch in der Strandpauli-Küche haben sie gestern mal eben eine Wand eingerissen. „Die Claudia weiß genau, was sie will und bringt das mit Humor rüber“, erklärt mir die neue Küchen-Chefin, die schon nach zehn Tagen ahnt, wo im Strandpauli der Hammer hängt: „Das klingt dann locker, aber es gibt keinen Widerspruch.“
Und trotzdem, Claudia Hauswedell-Glaser ist bei ihren Leuten echt beliebt, das spüre ich bei jedem Mitarbeiter, der uns begegnet. Wenn das Familiengeschäft in Erfurt endgültig auf Zack gebracht ist und Strandpauli im Sommer brummt, dann sucht sie sich bestimmt wieder ein neues Projekt – und eine Spitzhacke.

Im schlichten schwarzen Kleid, die kleine Nadel des Bundesverdienstkreuzes am Kragen, steht sie im hinteren Teil des Raumes, wartet auf ihren Auftritt. Fünf Zigaretten habe sie morgens geraucht, gesteht sie, sonst höchstens eine pro Tag. Sie war eben aufgeregt.

Davon bemerke ich wenig, als sie nach vorn geht, um mit ihrem Vortrag zu beginnen, nicht mal, als sie fast hinter dem massiven Mahagonirednerpult verschwindet. „Ich habe vergessen, um einen Hocker zu bitten“, entschuldigt sie sich. Der Saal lacht, wohlwollend, ihr Charme springt sofort über und natürlich eilt alsbald jemand mit einem Höckerchen herbei.
Rund 100 Interessierte sind gekommen, um zu hören, was Sonja Lahnstein-Kandel über Multikulturalität in Israel zu sagen hat. Gleich zu Beginn attestiert sie uns, „dass Deutschland mit der Zeit in Sachen Erinnerung und Gewissenserforschung vorbildlich geworden ist – sogar weltweit vorbildlich“.

Sie ist stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Universität von Haifa, der drittgrößten Stadt Israels in der Nähe des Berges Karmel. Kein anderer Ort weltweit, an dem Juden und Araber sich täglich in dieser Breite begegnen.

Es ist angenehm, ihr zuzuhören. Sonja Lahnstein-Kandel spricht bescheiden, aber entschieden, zart, aber stark und lebendig. Sie verliert sich nicht in abstrakten Formeln. Ihr Ton bleibt ausgleichend, nicht herausfordernd, selbst als sie sich fragt, „warum hierzulande so oft der Zorn ausgerechnet auf den einzigen freien und demokratischen Staat in der Region gerichtet wird“.

Israel meint sie natürlich und will, als wir uns später unterhalten, nicht gelten lassen, dass der Zorn auch Ausdruck der Verbundenheit sein könnte. Freunde geht man leider oft härter an, werfe ich ein, oder? Das sei aber „nicht logisch und wie eine verkehrte Welt“, findet sie, auch im Hinblick auf die USA: „Die Kritik ist vehement, aber das Gute wird als selbstverständlich genommen. Das kann verheerende Folgen haben.“

Ihre persönliche Lebensgeschichte prädestiniert Sonja Lahnstein-Kandel zur Botschafterin zwischen den Kulturen. 1950 in Zagreb geboren, 1966 als Jugendliche mit den Eltern nach Deutschland eingewandert. Die Eltern und Großeltern: kroatische Juden, die den Nazis und der faschistischen Ustascha entfliehen konnten. Ihr Vater: ein anerkannter Chirurg, der im Partisanenkrieg gegen die Faschisten schon nach zwei, drei Semestern Medizinstudium Beine amputierte und dann schrecklich enttäuscht wurde vom Korruptions- und Machtgehabe der sozialistischen Parteifunktionäre. Er suchte in Hamburg eine neue Existenz.

„Mit nichts sind wir nach Hamburg gekommen“, erzählt mir Sonja Lahnstein-Kandel, „mit nichts.“ Sie formt mit den Händen ein kleines Schatzkästchen. „Mehr ist mir aus meiner Kindheit nicht geblieben.“

Sonja, 16 Jahre alt, klammerte sich damals an eine Hoffnung: In Hamburg ist das Meer. „Aber hier war gar nicht das Meer! Es war schrecklich. Eine große Enttäuschung. Und als ich dann endlich an die Ostsee gekommen bin, war das für mich kein Meer, das war nur etwas Graues.“ Blaue Wellen, die an eine Felsenküste schlagen, hatte sie sich vorgestellt.

Hamburg zeigt sich ihr damals als „komplett verschlossen“. Immerhin hat sie so gelernt, über den eigenen Schatten zu springen und eine gewisse Schüchternheit abzulegen. „Denn abwarten, bis andere Menschen auf einen zukommen, das funktionierte nicht.“

Heute ist sie mittendrin im Hamburger Leben, oft der Mittelpunkt der Diskussion. Häufig betonten die Leute, das fällt ihr unangenehm auf, dass „man doch Israel auch mal kritisieren dürfe …“ Das würde man bei keinem anderen Land voranstellen, meint sie.

Diese „nicht ehrlich gemeinten Präambeln“ sind ihr suspekt. Ebenso wie das Bedürfnis an vielen Dinnertafeln, ein Unrecht mit dem anderen zu vergleichen. „Was in Israel passiert, ist mindestens so schlimm, wie es damals bei uns war“, hört sie immer wieder und diese Aussage hat für sie einen „antisemitischen Anflug“. „Bei so einem Vergleich kommt nie etwas Gutes heraus!“

Und egal, wie eine Debatte um Terrorismus im Mittleren Osten verlaufe, am Ende komme immer die gleiche Frage: „Was ist mit der israelischen Siedlungspolitik? Als ob irgendein vernünftiger Mensch daraus den islamfundamentalistischen Terrorismus ableiten könnte.“

Was und wie dürfen wir Deutsche mit unserer historischen Schuld aussprechen, kritisieren, ohne Salz in offene Wunden zu streuen? Sind solche Diskussionsvorgaben überhaupt gut für eine Demokratie? Sie ist die Richtige, um darüber zu sprechen, aber jetzt möchte ich mehr über ihr Leben erfahren.

Hamburg ist ihre Heimatstadt, aber nicht die einzige. Da bleiben noch Zagreb und auch Washington D. C., wo sie lange Jahre für den Internationalen Währungsfond und die Weltbank tätig war. Kaum hatte sie mit 24 ihr Diplom als Volkswirtin in der Tasche, wurde sie dort angenommen. „Das war ein bisschen Massel und Chuzpe“, freut sie sich noch heute.

Jahrelang bereist sie asiatische Länder, vor allem die ärmsten, darunter Nepal, Bangladesch, Pakistan, entwickelt und betreut wirtschaftliche Projekte, überwacht die Verwendung von Strukturkrediten, zu einer Zeit, wo das Thema Nachhaltigkeit erst noch erfunden werden muss.

Heute werde schnell gesagt, die Menschen in relativ unberührten Gebieten sollten möglichst ursprünglich weiterleben, stellt sie fest. „Aber wenn es eine hohe Kindersterblichkeit gibt und die lebensnotwendige Infrastruktur fehlt, dann kann man nicht einfach sagen: Die lassen wir halt so leben, wie sie sind!“

Ihr Büro erzählt von Reisen und den Projekten ihres Lebens in aller Welt, hier atmet man sofort kosmopolitische Luft. Von überall hat sie Erinnerungen mitgebracht, als wolle sie sich dafür entschädigen, dass ihr aus der kroatischen Kindheit nur so wenig geblieben ist. Auf dem Schreibtisch Tonfiguren aus Ghana, japanische Porzellanpuppen vor einer langen Reihe Leitzordner und natürlich Bücher über Bücher, viele dicke Kunstkataloge, das alles zwischen japanischen Wänden aus Shoji-Papier in filigranen Holzrahmen.

Die Liebe für das Asiatische, besonders das Japanische, teilt sie mit ihrem Mann, Professor Manfred Lahnstein, Unternehmensberater und Bundesminister a. D. unter Helmut Schmidt. Das war 1982. Da hatten Sonja und Manfred gerade beschlossen, gemeinsam durchs Leben zu gehen. Nach langen Jahren in Washington kam sie seinetwegen nach Deutschland zurück.

„Der letzte Sommer der sozialliberalen Koalition. Es war schrecklich, alles nur intrigenhaft, an die 40 Grad in Bonn und kein air conditioning.“

Das war bestimmt eine harte Zeit, auch politisch gesehen, merke ich an. Aber sie denkt nicht als Erstes an die Politik. „Vor allen Dingen hart fand ich“, die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, „dass ich plötzlich ein Niemand war. Alles drehte sich um ihn und ich war plötzlich eine Geliebte, die hatte eine türkise Bluse und ’ne weiße Hose an. Mehr nicht! Das werde ich nie vergessen. Ich hatte nicht einmal einen Namen. Herr Lahnstein führte seine neue Geliebte aus, wie einen Hund, der hat ein schönes Fell. Das war für mich sehr, sehr schwer.“

Kaum vorzustellen, wie jemand nicht neugierig genug sein kann, ihren Namen zu erfahren. Sonja Lahnstein-Kandel. 2004 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen für die Gründung und Arbeit der Initiative step21. Deren Medienboxen zum Thema Toleranz und Rassismus werden mittlerweile von 20.000 Schulen genutzt.

Toleranz und Koexistenz, das sind die Schlüsselwörter ihres Lebens. Sie organisiert Kunstauktionen im großen Maßstab, um ein künstlerisches Programm des Israel-Museums in Jerusalem zu unterstützen, das jüdische und arabische Jugendliche zusammenbringt. Sagenhafte 350.000 Euro hat die letzte Versteigerung eingebracht. Das Projekt heißt Bridging the Gap. Brücken bauen – ihr Lebensmotto.

„Ach ja“, sagt sie, „und nebenbei arbeite ich ja auch noch.“ Das wäre jetzt fast nicht zur Sprache gekommen.

Sonja Lahnstein-Kandel ist Unternehmensberaterin, gemeinsam mit ihrem Mann. „Klappt das?“, möchte ich wissen. „Am Ende funktioniert es gut, obwohl wir beide recht dickköpfig sind.“

So wirkt sie gar nicht auf mich. Aber eine wie sie, das habe ich sofort gemerkt, braucht eigentlich gar keinen Hocker, um gesehen zu werden und sich Gehör zu verschaffen.

Große Bilder brauchen große Themen, konstatierte ein Künstlerfreund. Das leuchtete Ulla Kopp sofort ein, und sie nannte ihr nächstes großformatiges Gemälde „Nicht Nichts“. Mit Acrylfarben malt sie am liebsten, oft abstrakte Motive, aber meist mit einem Thema im Hinterkopf. Abends oder am Wochenende rollt sie in ihrer Wohnung den Teppich beiseite, bedeckt das Parkett mit einer Malerfolie und schaltet die Tageslichtlampe an. 30 bis 50 Kunstwerke schafft sie im Jahr, manchmal ganz kleine.

Sie kreiert auch filigrane lackierte Blechfiguren mit Löckchen aus Blumendraht und Röckchen aus Hasendraht. „Hund beißt Frau und Mann schaut zu“ hieß ihre erste Figur. Später widmete sie sich auch mit den kleinen Figuren den großen Themen der Welt: Auf ihrer Fensterbank entdecke ich die blecherne Odyssee vom trojanischen Pferd auf Rädern bis hin zur Penelope vor einem Berg getöteter Freier. Alles handgefertigt.

„Was ich so schön finde, ist diese Gestaltungsmöglichkeit!“ Wenn Ulla Kopp so etwas sagt, meint sie gar nicht ihre Kunstwerke. Dann spricht sie von ihrem Job, von Be-to-be-Messen (für Fachbesucher) und Be-to-see-Messen (fürs breite Publikum). Sie spricht von Rechnungs- und Personalwesen, von Tätigkeiten also, die gemeinhin nicht im kreativen, sondern eher im Bereich der knochentrockenen Materie verortet werden. Ulla Kopp ist 50 Jahre alt, Wirtschaftsingenieurin und seit 2007 Geschäftsführerin der Hamburg Messe. Vorher hat sie u.a. in führenden Positionen für den Jahreszeiten Verlag und die Bertelsmann AG gearbeitet.

Vor einigen Jahren schon bin ich auf sie aufmerksam geworden, als sie in einem Vortrag ihren Aufgabenbereich bei der Messe so bunt und begeistert darstellte, dass ich mir – bis dahin mit keiner besonderen Vorliebe fürs Messegeschäft ausgestattet – anschließend kaum noch eine interessantere Arbeit vorstellen konnte. Hatte ich anfangs gedacht, da kommt eine adrette Finanzverwalterin mit Kurzhaarschnitt und etwas altmodischer Brille, so war bald zu spüren, dass es hinter diesem Outfit einen frischen unkonventionellen Geist zu entdecken gibt.

„Die Idee von Gestaltung sieht man im Bild viel mehr, aber aus meiner Sicht kommt sie auch in meinem Job zum Ausdruck“, erklärt mir Ulla Kopp, „egal, ob ich ein neues Berichtswesen konzipiere, oder ob es um Verträge und Verhandlungen geht. Auch bei meinen Bildern fange ich mit einer gewissen Analytik an, überlege mir, wie ich das Bild einteile oder was ich zum Ausdruck bringen will. Dann in der Umsetzung brauche ich Kreativität, weil es selten so läuft, wie ich mir das vorher vorstelle. Im Büro nicht, und beim Malen übrigens auch nicht.“

Eins ihrer bedeutenden Projekte in den kommenden Jahren wird die Vorbereitung der Hamburg Messe auf die Olympischen Spiele 2024 sein. (Da sind wir wieder bei den griechischen Göttern …) Das Messegelände soll – wenn es denn so weit kommt – zur großen Sportstätte werden. Wohin dann aber mit den Messen, die normalerweise hier stattfinden? „Unser Geschäft schwankt stark in Zweijahreszyklen“, gibt Ulla Kopp zu bedenken. Die größten Veranstaltungen, wie die Weltleitmesse für den Schiffbau und die WindEnergy, finden in einem geraden Jahr statt, ebenso wie die Olympiade. „Man muss sich also gut überlegen, wie man diese Probleme löst.“

Komplizierte Fragestellungen machen sie mitnichten nervös. „Wenn 2017 die Entscheidung fällt, kriegen wir das bis 2024 organisiert. Das können wir!“

Ulla Kopp ist Schwäbin von Haus aus. Das hört man auch nach dreizehn Jahren in Hamburg noch gut heraus, ein bissel wenigstens. Geboren und aufgewachsen in Reutlingen mit einer drei Jahre jüngeren Schwester, die Mutter Grundschullehrerin, der Vater Straßenbauingenieur, ein Beamtenhaushalt. Sonntagmorgens zu den Großeltern ins Bett gekrochen, wo der Opa seine Jäger-Geschichten erzählte. Ganz behütet, erinnert sie sich, sie sei als Kind nicht einmal umgezogen.

Als Abi-Leistungskurse hat sie Mathe und Physik gewählt. Diese Fächer fand sie relativ einfach – wenn man es einmal kapiert hatte. Und Ulla kapierte schnell. Sie machte ihr Abi mit 1,1. Für ihr Diplom als Wirtschaftsingenieurin gab’s fünf Jahre später ebenfalls die Note sehr gut.

Allzu viel Zeit wollte sie fürs Lernen nicht opfern, die verbrachte sie lieber auf dem Tennisplatz, wo sie übrigens auch heute noch gern hingeht. Sie betreibt außerdem regelmäßig Yoga, geht joggen, fährt Ski und hat vor Kurzem mit dem Golfen angefangen. Das Geheimnis ihres Zeitmanagements? „Ich verzettele mich nicht und daddele eigentlich nie herum. Ich konzentriere mich auf das, was ich gerade mache. Wenn ich mich beim Yoga erhole, dann entspanne ich mich entschieden und konsequent.“

Obendrein liest sie viel, kümmert sich gern und regelmäßig um die Kinder ihrer Schwester. „Ich finde Kinder niedlich und hab die gern, aber ich habe nie das Bedürfnis verspürt, eigene Kinder zu haben.“

Oft war sie die erste Frau in ihren Positionen. Das fing schon im Studium an der TH Karlsruhe an. Probleme gab es, als sie um 1990 in St. Gallen promovierte. „Warum heiratest du keinen, wenn du so scharf bist auf einen Doktor?“ Das war nur eine von vielen wenig charmanten Anmachen, die sie damals noch als persönliche Kränkung empfunden hat. „Es brauchte ein paar Monate, bis ich meine Waffen fand und wusste, wie ich zurückschieße.“ Wie hat sie denn zurückgeschossen? „Ähnlich blöd, weil subtil verstanden die nicht. In dem Moment, wo ich auf Gegenaggression geschaltet hatte, haben sie angefangen, mich zu akzeptieren.“

Ich solle mich mal mit „tit for tat“ beschäftigen, empfiehlt sie, einer Spieltheorie, die davon ausgeht, dass weiche Reaktionen auf harte Gegner nicht zum Sieg führen. Agiert sie auch heute noch „tit for tat“? Aber klar!

Man schrieb bereits das Jahr 2012, als sie mit zwei deutschen Geschäftspartnern verhandeln wollte: „Die lehnten sich zurück und sagten: Wir verhandeln nicht mit Ihnen! Sag ich, das ist ja interessant und guck sie an. Da fangen sie an zu erklären, dass sie nicht mit Frauen verhandeln. Hundertprozentig wahr. Da konnte ich mich ebenso freundlich zurücklehnen und sagen: Das ist aber blöd, so kriegen Sie keinen Vertrag!“

Man schrieb das Jahr 2013, als das Verhandlungsteam der Messe gebeten wurde, Ulla Kopp doch bitte zu Hause zu lassen. Wenn sie mitkäme, dann würde die andere Partei ihre Steuerberaterin mitbringen, damit sich die Damen in der Bibliothek unterhalten könnten. Eine Frau am Verhandlungstisch war unerwünscht.

Über solche Verhaltensweisen kann Ulla Kopp sich heute amüsieren: „Es bringt mich in eine relativ starke Verhandlungsposition, wenn die so ungeschickt sind. Aber sobald die Vorurteile einmal überwunden sind, legt sich das auch. Wir haben dann einen guten Vertragsabschluss gemacht.“

Früher hat sie mal gedacht, Qualität setze sich durch. Doch hat sie in der Praxis andere Erfahrungen machen müssen und spricht sich deshalb inzwischen für die Frauenquote aus. Es ist nicht zuletzt ihr Verdienst, dass die Messe den Helga-Stödter-Preis für mixed leadership erhalten hat, wobei es ihr nicht allein um die Geschlechterquote geht. Es geht auch um gemischte Altersstrukturen, ethnische Herkunft und unterschiedliche Ausbildungspfade. „Wir haben diesen Preis gewonnen, weil wir besonders heterogen sind. Wir haben ein ganzes Portfolio an Maßnahmen entwickelt, und damit haben wir gewonnen“, erklärt sie nicht ohne Stolz.

Zu ihren nächsten großen Aufgaben gehört der Umbau des Congress Centrums, des CCH, ab Januar 2017. „Revitalisierung“ nennt sie das. Was passiert mit den Mitarbeitern während der Bauphase? Wie kann man den Besucher- und Lieferantenverkehr so steuern, dass er reibungslos fließt? Das sind die Fragen, mit denen sie sich – kreativ denkend selbstverständlich – beschäftigt.

„Die Idee ist natürlich“, sagt sie, „zu den Top Five in Europa zu gehören und damit viele Reisende nach Hamburg zu bringen. Wir wollen weiter zu den weltweit führenden Kongresszentren gehören, auf jeden Fall in Deutschland das modernste, schönste und größte sein!“

Immer will sie hoch hinaus, bastelt mit Leidenschaft am perfekten Ergebnis. Die Freude am Gelingen treibt sie an. „Phasenweise habe ich immer die gleichen Bilder gemalt, solange bis ich das Gefühl hatte: Jetzt hab ich’s!“ Wann ist ein Werk fertig? Das sei eine der schwierigsten Fragen überhaupt, meint sie. „Wenn man glaubt: Alles, was ich jetzt hinzufüge, macht es schlechter.“ Sie übt sich in der Kunst des Weglassens. Das funktioniere nicht immer, bedauert Ulla Kopp. Und wenn sie an ihren Schuhschrank denkt … da klappt es gar nicht.

Ein Schuss Tragik, ein Schuss Komik – Stoffe, die beides in sich tragen, faszinieren sie. Ruth Toma schreibt Drehbücher. Sie tastet sich durch Grenzbereiche des Daseins, sucht nach den wirklich wichtigen Dingen des Lebens und nach dem ironischen Dreh in der Geschichte.

Ihre Geschichten handeln von einem tamilischen Einwanderer, der erfolgreich Liebesmenüs liefert und an einen Waffenhändler gerät („Der Koch“, 2013). Oder von einem Lied, das Menschen in den Selbstmord begleitet: „Gloomy Sunday“, 1998. Das ist ihr Lieblingsfilm, wenn man das so sagen kann, und einer ihrer ersten, für den sie gleich den renommierten Deutschen Drehbuchpreis erhalten hat.

Wir sitzen im sechsten Stock eines Gründerzeithauses in St. Pauli, genießen einen fantastischen Blick über die Baumwipfel und Dachfirste bis hin zu den Hafenkränen und zur Köhlbrandbrücke. „Noch“, sagt Ruth Toma mit leichtem Bedauern in der Stimme, „noch kann man die Köhlbrandbrücke sehen.“ Soll ja abgerissen werden, irgendwann. Zu meinen Füßen eine recht große Echse, die sich anschickt, ins Stuhlbein oder meinen Knöchel zu beißen. Nichts passiert, ein Bühnenrequisit.

Hinter uns steht ihr Schreibtisch, nicht mal groß, aufgeräumt, ein Buch, ein paar Papiere, mehr nicht. Zu Hause arbeiten, das erfordert Disziplin. Sie kann das. Morgens ein paar Stunden und nachmittags ein paar Stunden. An der Wand hinter ihrem Schreibtisch ein riesiges Pinboard aus Kork mit vielleicht drei Dutzend ordentlich aufgereihten Notizzetteln. Jeder Zettel steht für eine Szene, die ersten zwei Reihen für den ersten Akt, die nächsten für den zweiten. „Da habe ich alles im Überblick“, erklärt sie mir, „kann sofort sehen, welcher Akt zu kurz oder zu lang ist, oder ob der Wendepunkt an der richtigen Stelle sitzt.“

Sie ist eine gut organisierte effektive Schreiberin, gefragt und erfolgreich. Produzenten und Regisseure kommen mit Ideen zu ihr, sie entwickelt eigene oder adaptiert Romane für den Film.

Warum schreibt sie Drehbücher und keine Romane, will ich wissen. „Ein dramatisches Schreibtalent ist ein ganz anderes als ein episches oder ein romanhaftes“, antwortet sie ohne lange zu überlegen. „Beim dramatischen Schreiben erzählt sich alles über Handlung, und das ist sehr kurz.“ Kurze Pause. „Ich glaub, ich kann besser kurz! Dialoge sind eine sehr kurze Angelegenheit, man muss mit knappen Sätzen ein ganzes Bild malen. Und das entspricht mir mehr.“

Klein und zierlich ist sie, eine aparte Erscheinung, ihre grau melierten kurzen Haare sind dezent strubbelig. Sie trägt ein petrolfarbenes enges T-Shirt, eine helle Hose und schwarze Flipflops, winzige Ohrstecker und einen winzigen Anhänger an einer zarten Kette.

Eigentlich hat Ruth Toma Bildende Kunst studiert, in München. Dort gründete sie mit anderen Studenten eine Theatergruppe, die Fliegenden Bauten. Das war in den 70er-Jahren, als das Theater sich politisierte und aus den vorgegebenen Institutionen ausbrach. Zehn Jahre lang reiste sie mit Wohnwagen und einem Zirkuszelt durch die Republik. „Da habe ich das Schreiben gelernt“, erzählt sie, „und viel über Dialoge. Auf der Bühne testet man sehr gut, was funktioniert und was nicht. Jeden Abend gibt es eine Rückmeldung vom Publikum. Aha, das war lustig, das hat gesessen – oder eben nicht.“

Die Stücke wurden weitgehend durch Improvisationen erarbeitet, wobei sich die Gruppe eher am Film als am Theater orientierte: der Einsatz von Musik, die Bildhaftigkeit, die Komik und die – wie sie sagt – „Volkstümlichkeit im besseren Sinne“. Nach und nach hat sie das Texten übernommen, weil sie „ein Händchen dafür hatte“. Wenn sie ein klassisches Theaterstück schreiben müsste, erklärt sie mir, würde ihr „gedanklich der Schnitt fehlen, also die Möglichkeit, übergangslos von einer Zeit in die andere, von einem Ort in den anderen zu springen.“

Die Auflösung der Fliegenden Bauten 1991 bedeutete einen harten Einschnitt in ihrem Leben. Hat das Theaterkollektiv doch zehn Jahre lang nicht nur zusammengearbeitet, sondern auch in der Gruppe gelebt, praktisch alles gemeinsam gemacht: Das Zelt auf- und abgebaut, gespielt und das Leben organisiert. Ruths Mann Sebastiano hat die Bühnenbilder erstellt.

Die Fliegenden Bauten waren mit höchsten Idealen angetreten: „Wir ändern die Welt, weil wir so ein umwerfendes, sinnliches, wichtiges und unglaubliches Theater machen!“ Sie waren erfolgreich, hatten nun aber das Gefühl, kaum mehr zu sein als ein mittelständisches Theaterunternehmen. Das Ende wurde lange und fast endlos ausdiskutiert (wie es damals so üblich war).

„Da habe ich zeitweise das Gefühl gehabt, es bricht eine Welt zusammen“, erinnert sich Ruth Toma. „Was soll aus mir werden? Ich war 33, habe mich gefragt: Wer bin ich denn ohne diese Gruppe?“ Fliegende Bauten – das war ein bekannter Name, aber wer war Ruth Toma?

Sie studiert dann als eine der ersten an der von Hark Bohm gegründeten Filmschule in Hamburg und beginnt, Drehbücher zu schreiben. Schon der erste Film, eine Komödie mit dem Titel „Der schönste Tag im Leben“ (1995), wird ein Erfolg, erhält den Bayrischen Fernsehpreis. Es geht um eine Hochzeit zwischen einem Hamburger und einer Bayerin. „Ich nehme mir drei Tage“, hat Ruth Toma sich gedacht, „die Anreise, die Hochzeit, die Abreise. Dann muss ich nicht mit Jahren, geschweige denn Rückblenden umgehen. Und ich habe einen überschaubaren Ort, springe höchstens zwischen Kirche und Ballsaal.“

Den kulturellen Spagat zwischen zünftiger Volkstümelei und hanseatischem Understatement lässt sie gleich in dieses erste Drehbuch einfließen, so wie sie auch später immer wieder auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückgreifen wird beim Schreiben. Der Einwanderer-Film „Solino“ (Regie: Fatih Akin) erzählt fast die Lebensgeschichte ihres Mannes Sebastiano Toma, dessen Eltern zu den ersten italienischen Gastarbeitern im Ruhrgebiet gehörten. Mit Sebastiano hat sie einen Sohn, inzwischen im Studium.

Seit rund 30 Jahren ist sie nun sesshaft in Hamburg, geboren 1956 und aufgewachsen im Bayrischen Wald in Bodenmais, einem idyllischen Dorf 15 Kilometer entfernt von der tschechischen Grenze. Ihre Eltern führten eine Holzwarenfabrik. Natürlich träumten sie davon, die beiden Töchter würden den Betrieb eines Tages übernehmen. Ruth konnte sich das nie vorstellen. Und ihre sieben Jahre ältere Schwester, Jutta Mehler, schreibt jetzt auch. Ihren Roman „Am seidenen Faden“ hat Ruth Toma für den Film „Jeder Tag zählt“ adaptiert.

Kann ich mal ein Drehbuch sehen, frage ich. „Oh, ich weiß gar nicht, ob ich eins hier habe“, sagt sie, schiebt die dicke Regalwand hinter ihrem Schreibtisch beiseite und findet tatsächlich ein einsames Exemplar. „Wohin du auch gehst“ lautet der Drehbuchtitel, aus dem dann 2008 der Film „Same Same but Different“ wurde. Es geht um einen jungen deutschen Mann, der sich in ein kam-bodschanisches Barmädchen verliebt.

Behält die Autorin Einfluss auf die Gestaltung des Films oder nimmt ihr der Regisseur den Stoff einfach aus der Hand? Da gebe es Unterschiede, meint sie. Die Entwicklung eines längeren Fernseh- oder eines Kinofilms erfolge in der Regel als Teamarbeit, aber im Seriengeschäft komme es vor, dass die Autoren nicht mit eingebunden werden. „Neulich wurde ich in einem Projekt ersetzt. Der Sender war der Meinung, der Ton müsse komödiantischer sein und hat gedacht, das wäre nicht so mein Fach. Da wurde ein anderer Autor draufgesetzt und ich konnte nichts machen.“ Hat sie das verletzt, oder ist sie dafür zu sehr Profi? „Ich habe mich bemüht, sehr cool zu bleiben.“ Nur nach außen? „Nach innen habe ich schon das eine oder andere böse Wort gedacht. Das muss ich zugeben.“

Empfindet sie die Arbeit als anstrengend, oder fließt ihr der Text aus der Feder? „Oft gefällt mir die Idee, aber: Was ist der wirkliche Grund, diese Geschichte zu erzählen? Den muss man kennen, weil diese Erkenntnis so viel festlegt, so viel Hilfe bietet, zu entscheiden, wie ich die Geschichte erzähle. Welche Szene kommt nach der anderen? Welche Figur brauche ich? Diese Anfangsphase finde ich quälend. Da sitzt man Stunden und hat nichts auf dem Papier. Aber es ist nötig.“

Was treibt sie an, was motiviert sie, diese „Quälerei“ auf sich zu nehmen? Ruth Toma überlegt kurz. „Ich sitze da und es gelingt etwas“, antwortet sie dann, „das ist unglaublich erfüllend. Es ist wohl die Sehnsucht danach, dieses Gefühl immer wieder zu erleben, wahrscheinlich auch die Sehnsucht, in irgendeiner Weise etwas Bedeutendes zu schaffen, etwas Sinnhaftes.“

Zurzeit arbeitet sie mit Fatih Akin an einem Kinderfilm, der im nächsten Jahr gedreht wird: „Die Geister aus dem 3. Stock“. Eine Komödie aus scheinbar leichtem Stoff. Es spukt in einer Wilhelmsburger Arbeiterwohnung. Doch im Grunde geht es auch hier um Tiefgreifendes, um enge Bindungen, Abschied und darum, dass das Leben immer wieder etwas Neues zu bieten hat – nicht nur im Film.

Duzen ist eigentlich gar nicht ihr Ding. Aber als einer der Vorstände fragte: „Frau Heinacher, haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns im Team alle duzen?“, da wollte sie nicht hintanstehen. Gut, dann duz ich jetzt mal meinen Vorstand, hat sie sich gedacht. Klingt ja auch komisch, wenn eine der in Englisch geführten Sitzungen so eröffnet wird: „Good morning, Sarah, Marc ... – and Miss Heinacher-Lindemann.“

Sie ist eine der wenigen Frauen, die es in der maritimen Wirtschaft nach oben geschafft haben. Seitdem der Germanische Lloyd mit der norwegischen Klassifikationsgesellschaft Det Norske Veritas zum DNV GL verschmolzen ist, weht ein anderer Wind durch die Konferenzräume, und das macht ihr Spaß. Seit 27 Jahren arbeitet sie für dasselbe Unternehmen, das nun ein ganz anderes ist, kein deutsches mehr, sondern ein internationales mit stark norwegischem Einschlag.

Klassifikationsgesellschaften wie der DNV GL erstellen Richtlinien zum Bau von Schiffen und überwachen anschließend ihre Einhaltung. Sie erteilen dem Schiff ein sogenanntes Klassenzertifikat. Nur damit bekommt der Betreiber eine Versicherung und die Erlaubnis, jeden gewünschten Hafen anzulaufen. Seit geraumer Zeit beurteilen diese Gesellschaften auch andere Anlagen, in Windparks zum Beispiel oder auf Bohrinseln.

„Als ich anfing, gab es hier nur Ingenieure, die nicht im Anzug herumliefen und eine ganz andere Unternehmenskultur hatten“, erinnert sich Gesa Heinacher-Lindemann, während ich den fantastischen Ausblick aus ihrem gläsernen Büro am Brooktorkai bestaune. Hemdsärmelig geht es hier nicht mehr zu. Sie trägt ein helles kariertes Kostüm, dezenten Goldschmuck und flache Lackpumps mit einer Schleife. Mit ihren blonden Haaren und strahlend hellblauen Augen könnte sie eigentlich die Vorzeigeskandinavierin sein.

Ist sie aber nicht. Sie wurde 1959 in Lübeck geboren und ist später in Bad Bramstedt zur Schule gegangen. Die Mutter: Hausfrau. „Aber durchaus gleichberechtigt!“ betont sie. Der Vater: Beamter beim Bundesgrenzschutz. Preußisch geprägt, hat er Gesa und ihrem älteren Bruder beigebracht, dass Leistung zählt. „Und wenn man eine Aufgabe übernimmt, bringt man die zu Ende!“ Das hat sie sich gemerkt, das kann sie und das macht sie gern. Sie ist sehr diszipliniert. Und ordentlich. In ihrem Büro liegt nichts herum. Vergeblich halte ich Ausschau nach Fotos oder anderen persönlichen Dingen. Sie wirkt herzlich und offen, lässt aber auch spüren, dass sie lieber nur wenig von sich preisgeben möchte.

Jura hat sie studiert, in Kiel, dann mehrere Auslandsstationen absolviert, darunter Brüssel, San Diego und Miami. Sie hat den Germanischen Lloyd fit für Europa gemacht, später die Rechtsabteilung aufgebaut. Das Internationale reizt sie an ihrem Job.

Heute ist Gesa Heinacher-Lindemann der führende Compliance Officer des DNV GL. Auf der zweiten Führungsebene des Konzerns angekommen, sorgt sie dafür, dass sich knapp 16.000 Mitarbeiter in über 100 Ländern an Recht und Gesetz halten und an die ethischen Standards der Gesellschaft. Es geht dabei insbesondere ums Kartellrecht, um Korruption, um den Datenschutz und die Einhaltung von Sanktionen, wie aktuell gegenüber Russland oder dem Iran. Ein gut funktionierendes Compliance-Programm ist für ein Unternehmen nicht nur unter juristischen oder ethischen Aspekten wichtig, sondern vor allem auch unter wirtschaftlichen. Gesa Heinacher-Lindemann soll verhindern, dass der DNV GL zu Schadensersatzforderungen oder Bußgeldern verdonnert wird.

„Was würde ein norwegischer Journalist denken, wenn wir dieses oder jenes täten?“ Diese Frage müsse man sich immer stellen, erklärt sie mir, denn in Skandinavien seien die Ansprüche in dieser Hinsicht sehr hoch. Im vergangenen Jahr hat sie 1200 Menschen weltweit trainiert, u. a. in London, Brasilien und Japan. „In meinen Workshops sage ich den Chinesen, dass wir nicht den chinesischen Level anstreben, sondern den skandinavischen. Dann wird immer gelacht und sie fragen: Willst du, dass wir norwegisch werden?“ Natürlich nicht, aber sie will dafür sorgen, dass das Integritätsniveau den norwegischen Anforderungen genügt.

Und wie macht sich der norwegische Einfluss noch bemerkbar?

„Ich muss sehr viel kommunizieren“, erklärt sie mir. Transparenz wird dort ganz groß geschrieben und der Führungsstil ist demokratischer. „Wir lyncen immer, das ist ähnlich wie Facetime.“ Aber sie fliegt auch oft nach Norwegen zu direkten Gesprächen in der Zentrale des DNV GL in Hovik bei Oslo. Es wird mehr in Teams gemacht und es muss mehr abgestimmt werden, und häufig wird überlegt, ob die Entscheidung der letzten Woche nicht doch noch einmal überdacht werden sollte. Das kennt sie aus deutschen Arbeitsstrukturen nicht.

Ihr liegt das. Sie ist eine Teamarbeiterin. Allerdings, wenn sie unter starkem Druck steht, dann macht sie – sagen wir mal – sehr deutliche Ansagen. Neue Mitarbeiter klärt sie von vornherein auf: „Also, ich bin ganz nett und teamorientiert, aber wenn es schnell gehen muss, dann werde ich autoritär.“

Spricht etwas dagegen, dass wir in diesem oder jenem Land unseren Service anbieten? Fragen dieser Art landen auf ihrem Schreibtisch. Und dann muss es oft sehr schnell gehen. Die Geschäftspartner warten nicht, es geht um große Summen. Und es geht um Haftung, auch für sie persönlich. „Ich würde haften, wenn ich Missstände im Unternehmen verschleiere und nicht dem Vorstand oder anderen Gremien mitteile. Dafür könnte ich persönlich ins Gefängnis gehen“, erläutert sie mir.

Für die Kollegen in aller Welt hat sie eine Checkliste angelegt. Falls der Vertragspartner auf einer schwarzen Liste steht, schlägt die Software zum Prüfen von Sanktionen sofort Alarm. „Dann brauchen sie mich gar nicht zu kontaktieren. Machen wir nicht!“ Ihr Sachverstand ist gefragt in komplizierten Situationen, zum Beispiel mit Blick auf den Iran, wenn europäisches und amerikanisches Recht nicht übereinstimmen. Mithilfe von Lobbyisten vor Ort beobachtet sie Obamas Anstrengungen, die Sanktionen gegenüber dem Iran zu lockern. „Aber die Lobbyisten sind manchmal gefärbt“, weiß sie aus Erfahrung. „Da muss man aufpassen, dass man sich nicht in ein politisches Feld hineinziehen lässt.“

Wenn ein Geschäft zwar rechtlich bedenkenlos, aber politisch fragwürdig scheint, ist ihr Urteil wichtig. „Compliance ist nicht nur eine rechtliche Frage, sondern häufig auch eine ethische“, meint sie. „Da bin ich ganz eng am Vorstand und frage: Wie siehst du das als Norweger? Denn ich bin ja Deutsche.“

Ach ja, da sind wir wieder bei den innereuropäischen Unterschieden: Im ersten halben Jahr hat sie gestaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit die norwegischen Frauen Familie, Kinder und Arbeit verbinden. Und wie schaffen die das? „Die Männer haben eine andere Einstellung, sie übernehmen einen erheblichen Teil der Familienpflichten. Und die Arbeitszeiten sind flexibler.“ Gegen 16 Uhr verlassen die meisten Kolleginnen und Kollegen in Hovik das Büro; Mittagszeiten und Smalltalk mit Kollegen haben sie sehr knapp gehalten, damit sie gegen 18 Uhr – so halten das viele – gemeinsam mit ihren Familien am Abendbrottisch sitzen können. Später, ab 22 Uhr trudeln wieder die dienstlichen Mails ein, weiß Heinacher-Lindemann zu berichten, und das hält nicht selten bis nachts um ein Uhr an. Kürzer sind die norwegischen Arbeitszeiten, insbesondere für Führungskräfte, nicht, aber flexibler. Ganz oben in der Hierarchie, hat sie beobachtet, ist die Zeit für die Familie hier wie dort äußerst knapp.

„Ich glaube nicht“, sagt sie etwas nachdenklich, „dass ich mit Kindern diese Karriere gemacht hätte.“ Schon ohne Kinder ist das mit der Work-Life-Balance ein Problem. „Wo sonst, außer in Ihrem Büro, könnte ich Sie denn noch antreffen?“, wollte ich vor unserer ersten Verabredung wissen. „Mit der Frage zielen Sie genau ins Schwarze“, hat sie, ein wenig betroffen, geantwortet. Ihr Leben spielt sich fast ausschließlich im Büro ab. Zwei- bis dreimal pro Woche joggt sie, das schafft sie meist. Für andere Interessen, zum Beispiel Ausstellungen und Kunst, bleibt ihr keine Zeit. Leider. Das will sie unbedingt ändern. „Ganz sicherlich möchte ich mehr Life-Balance entwickeln.“ Die Frage ist nur, wie.

Ihr Mann, Otto Christian Lindemann, darf sich nicht beschweren. Der arbeitet nämlich in Köln und ist genauso oft unterwegs. „Ab und zu fahren wir morgens um fünf zusammen zum Flughafen und finden das sehr lustig. Jeder geht zu einem anderen Flugsteig.“ Und warum wohnt sie dann so weit ab vom Schuss im niedersächsischen Jesteburg? „Weil ich die Stille liebe! Ich liebe es, im Wald zu joggen und nicht um die Alster, wo man jeden kennt und grüßt.“

Auf der Alster hat sie – das ist schon eine Weile her – ihren Segelschein gemacht. Also hat sie auch privat Spaß am Bootfahren? „Nein. Das darf ich aber eigentlich gar nicht laut sagen: Ich werde seekrank.“ Dafür kann sie einem Richter erklären, wie so ein großer Frachter konstruiert ist. Das reicht doch, oder?

Sie hat ein schönes, ein besonderes Gesicht: katzenhafte Augen, hohe Wangenknochen und glatte blonde Haare. In kobaltblauem Hosenanzug und passenden Pumps posiert Johanna Christine Gehlen für den Fotografen vor der bunt gestrichenen Wand in einer ehemaligen Schule. Hier probt das Ensemble des St. Pauli Theaters für das Musical „Hamburg Royal“. Prüfende Blicke wirft sie auf den kleinen Monitor der Kamera, gibt dieses und jenes Detail zu bedenken, während ich einfach finde, dass sie auf jedem Foto klasse aussieht.

„Sie ist eine Perfektionistin“, kommentiert Astrid Flohr, die Pressesprecherin des Theaters. Und außerdem ist Johanna Christine Gehlen Profi: „Wie die Außenwelt mich sieht, ist beruflich von extremer Bedeutung.“ Wir Hamburger kennen sie als Stella mit Ben Becker in „Endstation Sehnsucht“ oder als Tochter des an Alzheimer erkrankten Vaters, gespielt von Volker Lechtenbrink. Der Rest der Republik kennt sie aus Fernsehfilmen wie dem „Traumschiff“ oder „Mensch ohne Hund“. Zwar weiß sie zu posieren, doch im wirklichen Leben meidet sie die große Pose. Sie will möglichst nicht herausstechen, bei Unicef zum Beispiel, wo sie sich sehr engagiert, nicht nur die repräsentativen Aufgaben übernimmt, sondern Grußkarten im Einkaufszentrum verkauft wie alle anderen Helfer auch.

Während unseres Gesprächs sitzen wir mit gegrätschten Beinen auf einer schmalen Bank in der Männergarderobe, nippen an kalt gewordenem Kaffee. Ab und zu steckt einer der männlichen Kollegen seine Nase durch die Tür, verschwindet aber lautlos, als hätten wir hier den Vortritt.

Steht sie lieber auf der Bühne oder vor der Kamera? Da mag sie sich gar nicht entscheiden. Es muss auch nicht immer eine Hauptrolle sein, denn Nebenrollen, findet sie, haben ihren ganz eigenen Reiz: „Wenn du einen Charakter spielst, der von der Seite in den Handlungsverlauf hineinplatzt, dann kannst du viel mehr auf den Punkt spielen, offensiver mit deinem Charakter umgehen. Als Hauptfigur musst du zarter sein, weicher und runder arbeiten, damit der Zuschauer bei dir andocken kann.“ Zwei verschiedene Typen von Schauspielern gibt es ihrer Meinung nach: „Die einen spielen, weil sie sich bewegen und sich emotional veräußern wollen. Die anderen gehen psychologisch an die Rollen heran, suchen in der Geschichte, sind eher wie Trüffelschweine.“ Sie sieht sich eher als Suchende.

Vor fast 15 Jahren habe ich sie zum ersten Mal getroffen. Wir sprachen über Inge Meysel. In dem Fernsehfilm „Die Liebenden vom Alexanderplatz“ stand Gehlen als Enkelin Sarah mit Meysel als Großmutter Ruth vor der Kamera. Die wesentlich ältere, prominente Spielpartnerin maßregelte und pisakte die junge Kollegin bei jeder Gelegenheit. Oft musste Johanna Christine, damals Anfang dreißig, tief Luft holen, aber: „Du kannst machen, was du willst“, wappnete sie sich innerlich gegen die biestige Meysel, „du kriegst es nicht hin, dass meine Sarah deine Ruth nicht liebt!“ Allen Sticheleien zum Trotz hat Johanna Christine an ihrer Liebe als Enkelin festgehalten. „Es war hinterher das größte Lob zu hören, dass man mir diese Liebe in dem Film glaubt. Ein menschlicher Erfolg für mich.“ Und eine Episode, die viel über Gehlens Haltung und Charakter sagt. Sie ist eine sanfte Kämpferin. Sie gibt nicht einfach klein bei, schlägt aber nicht gleich um sich. „Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, auch in der Arbeit. Ich brauche das Gefühl, dass die Leute denken, ich bin da richtig, wo ich bin.“

Mit siebzehn stand sie zum ersten Mal auf der Schauspielhaus-Bühne, mit den University Players in einem Stück über Uwe Barschel als Shakespeares Macbeth. „Ich hatte zwei kleine Rollen, aber die haben gesessen“, erinnert sie sich. Nach diesem Abend kamen ihre Eltern zu dem Schluss: „Jetzt ist wohl klar, was du erst mal machst.“

Die Eltern wussten, wovon sie sprachen. Mutter Hanne tanzte als junge Frau durchs Operettenhaus, wurde später Lehrerin. Der Vater, Elmar Gehlen, entwickelte sich vom Schauspieler zum Regisseur. Johanna Christine bestand das Schauspieldiplom an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover mit Auszeichnung. Anschließend spielte sie in Münster und Essen in Klassikern wie „Nathan, der Weise“, wirkte in Fernsehfilmen und der Fernseh-Comedy „Sketchup“ mit.

Sie ist eine waschechte Hamburger Deern, 1970 hier geboren. Bis vor ein paar Jahren wohnte sie noch in derselben Ottenser Wohnung, in der sie aufgewachsen ist. Erst als sie mit Mann und zwei Kindern wirklich mehr Platz brauchte, konnte sie sich davon trennen. Der Umzug führte sie nur wenige Hundert Meter weit weg. Sie blieb in Elbnähe. Verheiratet ist sie mit Sebastian Bezzel, ebenfalls Schauspieler, bekannt als „Tatort“-Kommissar vom Bodensee und Dorfpolizist im Kinofilm „Winterkartoffelknödel“.

Beide Schauspieler – ist das von Vorteil? „Ich finde schön, wenn man weiß, was der andere macht und durchstehen muss“, erklärt sie. So komme sie nicht in Versuchung zu sagen: Du hast doch als Schauspieler so ein tolles, buntes, bewegtes Leben! „Man weiß, wie wahnsinnig hart und einsam das manchmal ist.“

Wie sieht Sebastian Bezzel seine Christine? Langweilig wird es mit ihr nie, weiß er zu berichten. Sie ist immer für eine Überraschung gut, hat etwas „Sprunghaftes“. Da kann es passieren, dass sie plötzlich Gäste mit nach Hause bringt – das mag er. Oder dass er schon abreisefertig im Auto sitzt und wartet, während ihr plötzlich eingefallen ist, noch zwei E-Mails zu schreiben – das gefällt ihm weniger. „Sie hat Stilbewusstsein und Eleganz. Ihr ganzes Auftreten, das liebe ich!“ verrät er mir. „Und sie hat ein Riesenherz, das zeigt sich in ihrem Humor und ihrem Engagement.“ Ihren Einsatz für gute Zwecke nimmt sie wirklich ernst. Einmal sollte sie für Unicef eine Rede vor tausend Leuten halten und hatte schon bei Abschluss des Fernsehvertrages darauf hingewiesen. Als der Dreh dann ungeplant länger dauerte, brach sie ab, um pünktlich bei der Unicef-Veranstaltung zu sein. Die Szenerie musste für einen Nachdreh später aufwendig rekonstruiert werden. „Es tat mir wahnsinnig leid. Aber das war ein Moment der Entscheidung, und eine ehrenamtliche Sache ist in meinem Leben genauso viel wert wie alles andere auch.“ Der Regisseur hat seither nicht mehr mit ihr gearbeitet.

In diesen Tagen macht sie sich auch für eine andere Sache stark. Johanna Christine Gehlen, die begeisterte Seglerin, wird Schutzherrin der Traditionsschiffparade, die vom Museumshafen Övelgönne am 26. September veranstaltet wird. Da musste sie nicht lange überlegen; sie ist mit den alten Schiffen quasi vor der Haustür aufgewachsen.

Wie schafft sie das alles, frage ich mich und weiß noch, wie ich sie vor einiger Zeit mit dem Kinderwagen quer über die Straße zum Bus rennen sah, ganz außer Atem. Sie musste zur Probe, Sebastian war irgendwo drehen, und der Babysitter konnte erst später am Abend. Also musste der Kleine mit zur Probe. Inzwischen ist noch ein Kind da, ein Mädchen und ein Junge also, zwei und vier Jahre alt. „Wir verbringen viel Zeit zu viert, wir nehmen uns die Zeit. Ich lehne Angebote ab, und Sebastian hat sich den ganzen Sommer freigeschaufelt. Wir sind ziemlich strikt in der Verteidigung unseres Lebens.“ Ihr Blick aufs Leben ist von Grund auf positiv, und so manövriert sie wohlbehalten durch den größten Stress.

Diese Stärke hat beruflich manchmal Nachteile. Sie fühlt sich zu sehr festgelegt auf ein bestimmtes Rollenbild. „Ich werde von Castern und Regisseuren gern gesehen als eine, die einen Schutzwall, eine Schale um sich aufgebaut hat. Die wird dann durch eine große Liebe, unverhoffte Mutterschaft oder schicksalhafte Erlebnisse durchbrochen, sodass die Figur eine emotionale Läuterung erfährt und schließlich weich und durchlässig werden darf.“ Ist sie wirklich so? Hat das Ähnlichkeiten mit der realen Johanna Christine? „Eigentlich nicht. Ich kann wohl schnell wirken, wie jemand, der sehr gerade durchs Leben geht, sehr gefasst und kontrolliert. Aber so empfinde ich mich überhaupt nicht.“ Doch auch von ihren Freunden hört sie häufig: „Du schaffst das doch alles!“ Zu gerne würde sie Frauen spielen, denen alles aus den Händen gleitet. „Nicht immer aus der Kontrolle in den Frieden, sondern auch mal aus der Kontrolle ins Chaos! Das erleben doch viele Menschen, gerade Frauen mit ihrer Mehrfachbelastung.“

In „Hamburg Royal“ wird sie ab nächster Woche gleich in drei verschiedenen Rollen auf der Bühne stehen. Im grauen Tweed-Kostüm als konservative alte Dame am Stock, ganz in Schwarz als knallharte Geschäftsfrau und als Brautmutter (Modell Elbvororte) mit extravagantem, wagenradgroßem Hut. Da wird es sicherlich hier und da chaotisch zugehen. Aber das ist wohl ein ganz anderes Chaos, als Johanna Christine Gehlen meint.

Ihr Durchbruch kam 1999 mit Boris Becker. „Bin ich schon drin?“, staunte er für AOL über den kinderleichten Zugang zum Internet. Die Verblüffung war echt, der Spruch stand nicht im Drehbuch, erinnert sich Petra Felten-Geisinger. Seit drei Jahrzehnten produziert sie Werbefilme: „Like Ice in the Sunshine“ für Langnese; „Sippin on Bacardi Rum“; Krombacher, eine Perle der Natur; das Unterwasserwohnzimmer für ein wasserdichtes Sony-Tablet. Auch „Horst Schlämmer – Isch kandidiere!“ stammt aus ihrem Haus. Der graubärtige Friedrich Liechtenstein tanzte für Petra Felten-Geisinger mit dem Electrolux-Staubsauger, bevor er sich für Edeka in die Badewanne legte.

Werbedrehs sind normalerweise ungeheuer aufwendig, aber an diesem Sonnabend kommt Petra Felten-Geisinger mit kleiner Mannschaft zum Drehort in Bahrenfeld. Gedreht wird für Maggi bei einer ganz normalen Familie, die in ihrer Privatsphäre so wenig wie möglich gestört werden soll.

Das sieht dann folgendermaßen aus: Jedes Zimmer der 160-Quadratmeter-Wohnung ist belegt mit Rucksäcken, Taschen, Stativen, Lampen und Kamerazubehör jeder Art. Auf dem Balkon hat sich der Foodstylist ausgebreitet. Seine Werkzeuge – Pinzette, Spritze, Tupfer, Spießchen – ähneln dem Besteck eines Chirurgen. Fünf Putenbraten wurden vorsichtshalber vorbereitet. „Wenn der Anschnitt nicht gelingt“, erklärt Petra, „dann können wir nicht vier Stunden warten, bis die Nächste gebraten ist.“

Durch die Zimmer springen zwanzig sympathische, meist jüngere Leute (das kleine! Team) in lockerer Kleidung über Kabel auf Teppich- und Parkettschonern. Im Wohnzimmer setzt sich Petra aufs Sofa. (Ich bleibe jetzt beim Vornamen, denn bei so einem Dreh duzen sich einfach alle.) Ganz entspannt, äußerlich jedenfalls, blond gelockt, in sommerlich hellem Türkis beobachtet sie auf ihrem iPad, was in der Küche gedreht wird. Sie spricht leise, ich wette, auch im größten Tumult wird sie nicht laut. „Ich bin keine Rampensau“, erklärt sie. „Wir sind keine Hotspot-Firma. Seit 1986 arbeite ich einfach still, kontinuierlich und solide.“

Als ich frage, was genau ihre Aufgabe hier sei, fangen alle am Set an zu lachen. „Sagen wir mal so“, erklärt schließlich einer, „wenn sie hier jetzt eine Aufgabe hätte, dann wäre etwas schiefgelaufen.“ Petra hatte dafür zu sorgen, dass pünktlich um acht alle Beteiligten mit dem entsprechenden Equipment auf der Matte standen, dass die Familie gut informiert wurde und die Puten vorbereitet waren. Sie plant den Dreh und hält alle zusammen: die Kameraleute und Schauspieler, die Regisseure, die Kreativen und andere Mitarbeiter der Werbeagentur.

„Im Prinzip bin ich für alles verantwortlich“, erklärt sie. Am Ende natürlich dafür, dass die Zubereitung der Maggi-Pute in 30 Sekunden so appetitanregend rüberkommt, dass den Auftraggebern im Hause Nestlé das Wasser im Mund zusammenläuft. Denn das Unternehmen ist in diesem Fall der eigentliche Kunde.

Macht sie sich große Sorgen, ob alles klappt? „Der Ofen hätte kaputt sein können“, antwortet sie, „oder ein Darsteller krank. Oder die Familie sagt: ‚Wir haben uns das anders vorgestellt, ihr müsst jetzt gehen …‘“ Ist sie deswegen gestresst? „Ich bin im Laufe der Jahre etwas ruhiger geworden, weil ich weiß, dass es für alles eine Lösung gibt.“ Dass es wirklich für alles eine Lösung gibt, kann ich nicht glauben. „Nicht für alles. Wenn es draußen regnet, und du willst Sonne, dann habe ich keine Lösung, dann kann ich dir nur den Regen einbauen. Aber oft gibt es eine Lösung. Manchmal ist sie etwas anders als das Original, aber das muss nicht schlechter sein!“

Alles managen zu können und dann doch absolute Hilflosigkeit zu erleben, ist eine fast unerträgliche Erfahrung. Vor zehn Jahren starb ihr Mann Harry mit 49 Jahren an Krebs. Sie war 46, der Sohn Maximilian erst neun Jahre alt. Drei Jahre lang hat sie Harry zu Hause gepflegt, einen „Spagat gemacht zwischen Kind, Firma und krankem Mann“. Sie musste lernen, dass der Tod zum Leben gehört, dass man darüber reden muss und in diesem Fall nichts delegieren kann.

„Wir Producer können alles organisieren. Wenn jemand sagt: ‚Mach die Straße nass!‘, dann schicke ich ein Feuerwehrauto. Die Soße soll grün werden oder der Hubschrauber soll Rosen regnen – ich kann dir das alles machen. Aber da habe ich eine Machtlosigkeit gefühlt, die entsetzlich ist.“

Auf der anderen Seite hat ihr das Leid auch Kraft gegeben: „Der Blickwinkel ändert sich. Manche Dinge werden nebensächlich. Wie toll ist es, dass wir gesund sind! Und mir wurde bewusst, wie wichtig und schön es ist, eine Familie zu haben, miteinander alt zu werden. Das ist ein Gut, das viele Leute nicht richtig zu schätzen wissen.“ Nach dem Tod ihres Mannes brauchte sie Veränderung: „Wir haben uns ein neues Haus und eine komplett neue Aura gesucht.“ Natürlich gibt es Fotos von früher, besucht sie regelmäßig das Grab. „Aber die Vergangenheit ist etwas in unseren Herzen, das abgeschlossen ist. Das war für mich sehr wichtig.“ Seit drei Jahren hat sie wieder einen Mann an ihrer Seite. Ihr Sohn Max hat sein Abi und den Führerschein gemacht.

Mit 27 hat Petra ihr erstes Unternehmen, die Telemaz, gegründet, in Düsseldorf, wo sie Germanistik und Romanistik studiert hatte. „Das war ein heißer Ritt, du kannst dir meine Eltern vorstellen: Sie dachten, ich werde Lehrerin, sahen mich schon in sicherer Beamtenstellung.“ Eigentlich hatte sie bereits im ersten Semester gemerkt, dass das Studium nicht wirklich ihren Interessen entsprach, aber: „Ich hatte nicht den Mut, das zu beenden.“

Anfang der 90er-Jahre gründete sie einen Telemaz-Ableger in Hamburg am Fischmarkt. Bevor sie den Mietvertrag bekam, sollte sie nachweisen, dass sie etwas mit Fisch zu tun hat, und verkündete: „Ich habe einen Bildschirmschoner, da sind Fische drauf.“ Sie hat die Räume bekommen. Vor der Tür standen die Prostituierten, für den Firmenparkplatz gab es einen Kondomaufhebedienst. Wo heute „Henssler & Henssler“ ist, war damals ihr Lager.

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes hat sie die Telemaz GmbH verkauft. „Wenn man drei Filme parallel produziert und Millionen Euro draußen hat, dann ist das eine Riesenverantwortung. Ich war froh, die los zu sein.“ Für eine Weile jedenfalls.

Sie blieb als Geschäftsführerin bei der Telemaz. Lange ging das allerdings nicht gut. Mit zwei Partnern hat sie, inzwischen 52 Jahre alt, noch einmal ein Unternehmen gegründet, die Bubbles Film GmbH, ein Sitz in Berlin, der andere im Hamburger Elbkaihaus. „Alle meine Kunden sind mitgegangen. Das war ein tolles Gefühl!“

Insider bezeichnen die Werbebranche gern als „brutal“ oder „Sauhaufen“. Ist was dran an dem Eindruck, Werbung und Ethik oder Fairplay passten schlecht zusammen? Petra findet das nicht. „Deshalb haben wir treue Kunden. Mich interessieren langfristige Geschäftsbeziehungen.“

Sie sei keine typische Werberin, betonte meine Freundin, als sie mich auf Petra aufmerksam machte. „Sie ist sehr reflektiert, supernett, warmherzig und klug. Und Preise räumen sie auch noch ab.“ Für die internationale VW-Werbung über Liebhaber Pedro und den gehörnten Ehemann, der nichts kommen sah, gab es 2013/14 sieben Auszeichnungen, u.a. den Bronze-Lion in Cannes.

Was hat sich seit ihren Anfängen in der Branche geändert? „Die Budgets sind kleiner geworden!“, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. Und sonst? „In den 90ern war das Supermodel wichtiger als das Produkt: die Schiffer, die Campbell – du wusstest gar nicht, wofür die gelaufen sind. Heute sagen die Modeschöpfer: Ich brauch eine ganz Schmale, die aussieht, als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen. Die kennt niemand, aber die Marke ist wichtig.“

Eins allerdings ist ihrer Meinung nach gleich geblieben: „Die beste Art der Werbung ist, Geschichten zu erzählen.“ Wie erzählt man denn in 20–30 Sekunden eine ganze Geschichte?

„Ja, das ist die ganz große Kunst!“ Und die beherrscht sie offensichtlich gut. Die Geschichte der schlanken Schönen, die im nächtlichen Madrid zusammen mit ihrer (gar nicht schlanken) Bulldogge durchs Büro tanzt, Männer am Fenster gegenüber in Verzückung versetzt, hat den Diätmittelhersteller Almased bekannt gemacht. Der Beau, der die Neuberger Wurst behandelt, als sei sie ein erotisches Spielzeug, ist ebenso bekannt wie die Politesse, die sich von ihrer Pflicht abbringen lässt: „I’ll be back After Eight!“

Am Drehort in Bahrenfeld diskutieren die Teammitglieder mittlerweile, wer die Pute anschneidet, ob das auf einem Brettchen oder einer Platte geschieht und wann die Soße ins Spiel kommt. Oft wird Petra dazu auserkoren, die Kreativen zu beraten, sprich: im Zaum zu halten. Jede neue Idee erfordert neue Einstellungen, kostet Zeit und damit viel Geld. Dann ruft einer der Producer: „Petra, wir brauchen dich!“ Und Petra Felten-Geisinger schafft es, das Team zusammen- und auf Kurs zu halten.

Ihr Motto heißt „no surrender“, nicht nur weil es von Bruce Springsteen stammt. Langen Atem behalten, zäh sein und immer dranbleiben, lautet ihre freie Übersetzung, oder: Über Pannen vorwärts! The Boss sei ihr Lieblingsmusiker, erzählt sie mir in einem Café nahe der Elbphilharmonie. Springsteen oder was würde sie dort gerne mal hören? „Das Adagietto von Mahler und ein Cello-Konzert von Dvořák!“

Seit 35 Jahren ist Katharina Trebitsch im Filmgeschäft und hat damit bewiesen, dass sie ihrem Motto treu ist und dranbleibt. Sie produzierte unter anderem „Die Bertinis“ und „Die Drombuschs“, „Marlene“ und „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“, Krimi-Serien wie „Bella Block“, „Donna Leon“ und „Commissario Laurenti“, sowie das Doku-Drama zu Helmut Schmidts 95. Geburtstag.

Filmgeschäft – da denken wir schnell an Glimmer und Glamour. Aber mir gegenüber sitzt eine vollkommen unprätentiöse Frau, ungeschminkt, im schlichten Strickpulli, fein und charmant älter geworden (geboren 1949 in Hamburg-Wandsbek). Lieber spießig als schick! „Ist weniger anstrengend“, findet sie.

Sie lacht häufig, während wir sprechen. „Ich selber bin nicht lustig“, meint sie, „aber ich lache gern.“ Und wenn sie lacht, dann zieht sie die Nase von der Wurzel aus hoch und macht ganz schmale Augen. Das sieht niedlich aus, als sei sie eine lustige Figur in einem Kinderfilm.

Ihr aktuelles Projekt ist eine Komödie, ein politischer Stoff aus den 1970er-Jahren, der bis heute an Bedeutung nichts verloren hat: Ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. „Wenn wir das hinkriegen, richtig frech und rotzig, dann ist das für mich allerbeste Unterhaltung!“ Ist es wichtig für sie, dass man lacht, wenn man einen Film sieht? „Ich glaube, das ist eine Form von Katharsis, also seelischer Reinigung. Mir persönlich geht es besser, wenn ich gelacht habe“, sagt sie und zieht wieder die Nase kraus. Ihre Wangen haben sich ein wenig gerötet.

Warmherzig und offen wirkt sie im Gespräch, frei von Dünkel und Koketterie. Im Vorgeplänkel über Alltägliches finden wir schnell Gemeinsamkeiten, lieben beide die Haribo Colorado-Mischung. Sie weiß obendrein genau, an welchem Kiosk es Maoam mit Zitronengeschmack gibt. In den hektischen Zeiten der Trebitsch Production Holding, in der 1991 die UFA Mitgesellschafter wurde, war das oft ihr Mittagessen. „Nochmal kurz zur Tankstelle und weiter ging’s. Unterirdisch, das darf man gar nicht erzählen.“

Hinter den Kulissen des Films war sie schon als Kind zu Hause. Wer wo im Studio steht und dass man bitte still ist, wenn der Abläutton – den gibt es heute nicht mehr – erklingt, das wusste sie von klein auf. Ihr Vater, Gyula Trebitsch, gründete 1947 das Studio Hamburg, eine der größten Filmproduktionsstätten Europas. Ihre Mutter, Erna Sander, war Kostümbildnerin (u.a. im Flora-Theater). Auch ihr Bruder Markus Trebitsch ist Filmproduzent. Eine Hamburger Film-Dynastie sozusagen. War es nicht merkwürdig, mit dem eigenen Bruder im Wettstreit zu liegen? „Wir sind uns nie in die Quere gekommen und haben uns immer ausgetauscht. Aber mir ist erst später, nach dem Tod unserer Eltern, klar geworden, dass es zwischen Geschwistern eine natürliche Konkurrenz gibt.“

Haben sie nie daran gedacht, ein gemeinsames Familienunternehmen zu gründen? Nein. Das müsse sie jetzt allein machen, hat der Vater ihr zu verstehen gegeben, Verantwortung übernehmen. Aber er stand ihr als Berater zur Verfügung. „Ohne das hätte ich mich nicht getraut.“ Ich denke, Katharina Trebitsch hätte sich doch getraut. Denn noch etwas anderes hat der Vater ihr vermittelt: „Wenn du hinfällst, stehst du wieder auf!“ Eine Ablehnung empfand sie deshalb nie als Katastrophe. Und diese Einstellung sei ihr „Hauptkapital“ gewesen.

Wie ihr Bruder, nach der Schule direkt zum Film gehen, das wollte sie nicht. Sie musste sich erst mal abgrenzen, Kante zeigen und studierte Jura. „Die Rechtswissenschaften sind wie eine Röntgenaufnahme der Gesellschaft; die Gesetze sind das Skelett.“ Als sie dann doch zum Filmgeschäft kam, nannte sie ihre erste eigene Firma 1980 Objectiv Film GmbH, in Erinnerung an das von den Nazis „arisierte“ Unternehmen ihres jüdischen Vaters. Sie hat sogar das alte Logo übernommen. „Viele meinten, ich müsste mir mal ein anderes Logo zulegen. Sie hatten recht, aber ich habe es trotzdem behalten.“

Beide Eltern wurden verfolgt. Gyula Trebitsch, Jude deutsch-ungarischer Abstammung, wurde aus Budapest in mehrere Konzentrationslager verschleppt, seine Brüder überlebten den Holocaust nicht. Erna Sander, Kommunistin, wurde beim Flugblattverteilen von der Gestapo verhaftet und kam nur durch glückliche Umstände nach einem Jahr Untersuchungshaft in Fuhlsbüttel wieder frei. Welche Wirkung hatten diese qualvollen Erfahrungen von Vater und Mutter auf Katharina? Sie denkt einen Moment nach. „Ich gehörte nie zu den Menschen, die sagen: Für Politik interessiere ich mich nicht. Menschen, die so dachten, fielen als enge Freunde für mich aus. Und ich empfinde Solidarität mit Menschen, die anders sind.“

Katharina Trebitsch ist nicht religiös, bezeichnet sich als Agnostikerin. Die Familie war völlig assimiliert, hat die christlichen Feiertage gefeiert. „Normale“ Feiertage nennt sie die. „Und“, sie wird sehr nachdenklich, „da sehe ich auch ein Problem der Migration. Viele Menschen kommen aus Gesellschaften, wo die Trennung zwischen Religion und Staat nicht existiert. Ich möchte weiterhin in einem laizistischen Staat leben. Außerdem: Männer und Frauen sind gleichberechtigt, Schluss!“ Dann lacht sie wieder. „Schleier?“, fragt sie und mustert mich, „das steht Ihnen doch auch nicht! Aber das muss jede Frau für sich selbst entscheiden.“

So politisch sie auch denkt, ihre Filme sind keineswegs missionarisch. Gute Unterhaltung liebt sie. Von der verkopften Kulturelite grenzt sie sich ab. Die Künstler glaubten immer noch, sie veränderten die Welt, seufzt sie. Allen Ernstes habe ihr eine Theaterintendantin weismachen wollen, das Theater sei der einzige Ort in der Gesellschaft, wo noch Gegenwart verhandelt werde, „Nee, stimmt nicht!“, antwortete Katharina Trebitsch da mit Nachdruck. Wo denn sonst? „Bei Starbucks! So! Und das meine ich auch!“

Auch das Gejammer über die Orientierung an der Zuschauerquote geht ihr auf die Nerven. Gerade erst hörte sie im Radio anlässlich einer Preisverleihung an junge Regisseure den Moderator klagen, das Schielen auf die Quote sei eine Katastrophe. Diese Beschwerden haben für sie ideologischen Charakter. „Warum ist das eine Katastrophe? Es ist ein Maßstab! Ein Fieberthermometer.“ Dabei hält sie sich an einen weiteren Grundsatz ihres Vaters: „Es wird nicht alles gut werden, aber ich möchte mich nicht dafür schämen!“

In unzähligen Funktionen war und ist sie tätig: in Kuratorien (z.B. Welthungerhilfe und Übersee-Club), Aufsichtsräten (z.B. Schauspielhaus, Thalia Theater), Jurys (z.B. Grimme, Emmy). Als beste Produzentin hat sie 1996 den Telestar erhalten und 1999 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Sogar in die Monopolkommission der Bundesregierung wurde sie berufen; und natürlich gehört sie zur Freitagsgesellschaft von Helmut Schmidt.

Jetzt ist ihr Alltag etwas ruhiger geworden. Mitte fünfzig kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht einen anderen Rhythmus in ihr Leben bringen sollte. Die Reiserei – „ein Wahnsinnszirkus“ – hat ihr früher Spaß gemacht, doch irgendwann hat sie das nur noch als anstrengend empfunden. Gerne verbringt sie allerdings einige Wochen des Jahres in New York; die Stadt inspiriert sie.

„Wenn man sich als geschäftsführende Gesellschafterin durch die Welt schlägt, dann pensioniert einen ja keiner. Das muss ich selber machen.“ Sie gründete 2004 eine kleinere Firma, die Trebitsch Entertainment GmbH, übernimmt seither weniger Aufträge. „Die Aufgaben, die ich übernehme, möchte ich noch besser machen. Das ist mein Wunsch!“ Ist es Zufall, dass sie – nie verheiratet, keine Kinder – erst seit sechs Jahren einen Mann an ihrer Seite hat? Wahrscheinlich nicht.

Es gibt nur wenige Momente, wo sie denkt: „Ich wäre gern noch mal jung...“ Im Nächtedurchfeiern war sie noch nie gut und: „Wenn ich in den Spiegel gucke, kann ich es auch aushalten.“ Eins allerdings würde sie sehr reizen: Mitmischen in der neuen digitalisierten Filmwelt. „Die Digitalisierung macht alles möglich, es wird gerade neu gewürfelt. Das fände ich schon gut, wenn ich noch richtig Luft vor mir hätte, Ausdauer und Kraft.“ Da denkt Katharina Trebitsch manchmal: „Dafür wäre ich gerne noch mal jung.“ Aber dann freut sie sich wieder, Zeit für einen Spaziergang zu haben und nicht von Gummibärchen satt werden zu müssen.

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