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Als Rose Volz-Schmidt zum ersten Mal schwanger wurde, rechnete sie nicht mit Problemen. Schließlich war sie vom Fach, arbeitete seit Jahren als Sozialpädagogin in der kirchlichen Familienbildung. „Ich war eine unfassbar optimistische Schwangere“, erklärt sie mir lachend in ihrem Büro an der Hoheluftchaussee.

Hier in der alten Zigarrenfabrik sitzt sie nun als hundertprozentige Gesellschafterin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH Wellcome und managed nachbarschaftliche Wochenbett-Hilfe im großen Maßstab. „Es ist phantastisch, entscheiden zu können, das bringt viel Spaß!“ Herzlich, warm und zupackend wirkt sie vom ersten Moment an auf mich, und natürlich stehen weihnachtliche Kerzen und Kekse auf ihrem Tisch.

Tatsächlich hatte sie damals, Anfang der 1990er Jahre, eine „Traumschwangerschaft“, auf Komplikationen war sie nicht vorbereitet. So hielt sie ihren Mann davon ab, Urlaub zu nehmen: „Ein schlafendes Kind, zwei Erwachsene, das ist viel zu viel!“ Dann kam alles ganz anders.

Die Geburt war langwierig und kompliziert, die neugeborene Tochter wurde sofort mit Fieber in ein Kinderkrankenhaus gebracht. Später zuhause, mitten im Sommer, saß Rose mutterseelenallein und erschöpft mit dem Säugling da: Der Mann immer beruflich unterwegs, die Freunde, fast alle kinderlos, verreist oder berufstätig, die eigene Familie in Süddeutschland, in der Nachbarschaft kannte sie kaum jemanden. Die Hormone fuhren Achterbahn, ihre Gefühle waren „hochgradig ambivalent“. Sie hatte nicht erwartet, dass „so ein kleiner Mensch einen derartig an den Rand der eigenen Kraft, der Souveränität bringen kann“.

Das alles ist nun über zwanzig Jahre her, die Tochter hat inzwischen ihren Master in London gemacht. Es folgte noch ein Zwillingspärchen, inzwischen auch beide im Studium. Bis heute habe sich nichts verbessert für junge Familien direkt nach der Geburt, stellt Rose Volz-Schmidt fest: „Für Schwangere gibt es jede Menge Kurse und Hilfsangebote, aber so gut wie nichts für die Zeit nach der Niederkunft.“ Und da sie „ganz und gar ein Kind der 1970er Jahre“ ist, hat sie sich eines alten Leitspruchs erinnert: „Das Private ist politisch.“ Deshalb hat sie Wellcome gegründet.

An über 250 Standorten, verteilt über vierzehn Bundesländer, neuerdings auch in Österreich und der Schweiz, sitzen heute Ansprechpartnerinnen, die Wochenbett-Hilfe organisieren. Gegen eine geringe Gebühr von vier Euro pro Stunde schicken sie ein- bis zweimal in der Woche ehrenamtliche Mitarbeiterinnen ins Haus. Die kümmern sich um das Baby, damit die Mutter mal duschen kann, spielen mit den Geschwisterkindern oder sind einfach zum Reden da. Auf 4500 freiwillige Helferinnen kann Wellcome zählen.

Die Hilfe erfolgt unabhängig vom Einkommen der Eltern. Denn, so weiß Rose Volz-Schmidt: „Die türkische Mutter mit sechs Kindern, Großfamilie und geringem Einkommen steht oft weniger allein da als die Akademikerin, deren Mann gut verdient und um die Welt fliegt.“ Sie ist überzeugt, dass „viele Risse in Partnerschaften, die später zur Trennung führen, genau in dieser Phase entstehen. Mit relativ wenig Einsatz haben wir einen unfassbar großen Effekt, sorgen für die Stabilisierung einer ganzen Familie.“

Rose Volz-Schmidt selbst hat fünf Geschwister: „Meine Mutter hatte immer Hilfe von Nachbarn und Verwandten. Als Wöchnerin war sie die ersten vier Wochen mit dem Säugling abgeschirmt in einem Zimmer, konnte sich in aller Ruhe ans Stillen gewöhnen, sich regenerieren. Diese selbstverständliche gegenseitige Nachbarschaftshilfe gibt es heute nicht mehr.“

Geboren ist Rose 1955 in Liebelsberg, einem idyllischen 600-Seelen-Dorf im Schwarzwald, ganz in der Nähe von Calw, dem Geburtsort Hermann Hesses. Alles hat sie von Hesse gelesen und am Hermann-Hesse-Gymnasium Abitur gemacht.

Ein leichter Akzent ist zu hören, wenn sie von ihrem „schwäbischen Erbe“ spricht: „Ich bin stark von Tugenden wie Sparsamkeit und Fleiß geprägt, frage mich immer: Machst du eigentlich etwas Sinnvolles mit deiner Zeit?“

Ihr Vater war Sparkassenangestellter, die Mutter Hausfrau. „Mit Garten und sechs Kindern gut ausgelastet!“ Fast alle Geschwister haben studiert, obwohl nicht viel Geld vorhanden war. „Das geht nur, wenn der Haushaltsvorstand gut rechnen kann!“ Ihrem Elternhaus hält sie zugute, dass sie zwei recht gegensätzliche Eigenschaften in sich vereint: „Ich kann auf der einen Seite sehr strukturiert sein, auf der anderen sehr emotional und emphatisch.“

Sie studierte Sozialpädagogik in Nürnberg, damals ein begehrtes Fach mit Numerus Clausus. Der gesellschaftspolitische Bezug war ihr wichtig. „Ich wollte nicht dahin, wo die ganzen strickenden Frauen hingingen...“ Also wählte sie die politische Bildungs- und Jugendarbeit, zog nach dem Studium mit einem Wohnwagen durch die Lande und bot auf Campingplätzen Familien-Programme an, von der Nachtwanderung bis zum Gottesdienst.

Der nächste Job führte sie in Erholungsheime an Nord- und Ostsee. Mitte dreißig dann wurde sie „ein bisschen unruhig“. Einen Mann hatte sie inzwischen an ihrer Seite, aber „die Kinderfrage war noch nicht gelöst“. Rose beschloss, sesshaft zu werden, übernahm die Leitung der Familien-Bildungsstätte in Norderstedt und wurde ein Jahr später schwanger. „Da sind die damals noch richtig erschrocken, das war sehr ungewöhnlich. Entweder eine Frau war berufstätig oder sie hatte Kinder.“

Die Arbeit gab ihr Gelegenheit, was sie persönlich beschäftigte, ins Programm einfließen zu lassen. „Da konnte ich gleich Kurse draus machen. Nähkurse, die kaum noch gebucht wurden, habe ich komplett gestrichen und ein offenes Mütter-Café eingerichtet.“ So habe sie schon immer versucht, nicht wie eine Angestellte zu funktionieren, erklärt sie mir. „Ich fühlte mich – die Unternehmer würden sagen – sehr stark dem Kunden verpflichtet.“ Die Kunden waren in diesem Fall die Kontakt- und Hilfe suchenden Mütter.

Sieben Jahre lief die Wochenbett-Hilfe als Projekt unter dem Dach der Kirche. Ermutigt durch Unterstützung von Förderern und Stiftungen, machte sich Rose Volz-Schmidt 2009 schließlich selbstständig. Von der Sozialpädagogin zur Unternehmerin, hat ihr das Angst gemacht? „Ich bin in die Aufgabe hineingewachsen und habe mich schließlich gefragt: Was schreckt mich eigentlich? Viel Arbeit, viel Verantwortung? Ich habe doch schon immer viel und gern gearbeitet und mich verantwortlich gefühlt.“ Den Sprung in die Selbstständigkeit hat sie nie bereut.

Gleich im Gründungsjahr erhielt sie mehrere Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz. Und sie schaffte es, Angela Merkel als Schirmherrin für Wellcome zu gewinnen. „Ich habe mehr gemeinsam mit einem mittelständischen Unternehmer als mit dem Sozialmanager eines großen Wohlfahrtsverbandes, der ein Krankenhaus managen muss“, antwortet sie, als ich sie frage, ob sie eigentlich einen Gegensatz zwischen sozialem und wirtschaftlichem Engagement sehe. „Gründer verbindet sehr viel: die Passion für den Markt, für die Inhalte, für ständige Weiterentwicklung, die Einsicht, dass Mitarbeiter nicht austauschbar sind, sondern gepflegt werden müssen.“

Wellcome ist in schnellem Tempo expandiert. Die Verbreitung erfolgt durch ein soziales Franchise-System. Die Partner vor Ort, freie Träger der Jugendhilfe, zahlen Kooperationsgebühren und erhalten dafür die Nutzungsrechte an Konzept und Marke, sowie Expertenwissen und Aufbauhilfe. Das deckt vierzig Prozent der Wellcome-Ausgaben für die professionelle Struktur. Der Rest kommt über Spenden und Partnerschaften mit Unternehmen in die Kasse.

2015 sei ein schwieriges Jahr, erklärt mir Rose Volz-Schmidt bedauernd: „Sehr, sehr viele Spender entscheiden sich für die Flüchtlingshilfe.“ Das ist bitter, denn ein entscheidender Unterschied bleibt zwischen einer profitorientierten und einer gemeinnützigen GmbH: Das Kerngeschäft von Wellcome, die praktische Hilfe nach der Geburt, wird nie kostendeckend sein.

Nicht zuletzt aus diesem Grunde startet Rose Volz-Schmidt nun ein ganz neues Projekt. In Arbeit ist eine Eltern-Plattform, welche die digitale Generation der Mütter und Väter erreichen soll. „Da will ich noch mal richtig angreifen!“ verkündet die Sozial-Unternehmerin lachend. Ein Workaholic ist sie aber keineswegs, sondern eine Frau, die auch gerne gemütlich einen Krimi liest oder „einfach faul ist und Löcher in die Luft guckt“. Und dazu wird während der Weihnachtstage bestimmt ein bisschen Zeit sein.

Rosa – ihren Vornamen hat sie von Rosa Luxemburg. Sie hat viele deutsche Bücher gelesen, von Thomas Mann, Hermann Hesse, Günter Grass, Heinrich Böll, Übersetzungen allerdings, denn Deutsch lernt sie erst seit kurzem. „Ich bin in Syrien mit der deutschen Kultur aufgewachsen“, erzählt sie und natürlich drängt sich mir sofort die Frage auf, wie das denn sein kann. Ganz einfach, erzählt sie, ihr Vater, habe zwischen 1960 und 1970 Politik und Wirtschaft in Mainz studiert. Die Jahre der Studentenrevolte!? „Ja, natürlich...“ Sie lacht. „Er liebte Karl Marx und Rosa Luxemburg. Und als er zurückkam, nannte er mich Rosa.“ Das war 1974 in Damaskus.

Jetzt sitzt sie in einer bürgerlichen Wohnung im Hamburger Westen. Nur wenig erinnert an ihre Heimat im Nahen Osten, die sie erst vor drei Jahren verlassen hat. Selbst die orientalisch gemusterte Decke auf dem Second-Hand-Sofa hat sie nicht mitgebracht, sondern im Schanzenviertel gekauft. Während sie in der Küche Kaffee und Tee zubereitet, leistet mir ihr Sohn Aram, ein aufgeweckter Siebtklässler, Gesellschaft. Ihm ist aufgefallen, dass in Deutschland mitten in der Stadt, auf den Straßen, Bäume wachsen. Das gebe es in Syrien nicht, erklärt er mir in perfektem Deutsch.

„Er wird ein deutscher Mann sein“, stellt Rosa später mit leichtem Bedauern fest. „Er ist zwar auch stolz darauf, Syrer zu sein, aber er möchte nicht zurück, denn er hat zu schlechte Erinnerungen.“ Von Arams Vater ist sie schon lange geschieden.

Rosa Hassan hat Syrien nicht freiwillig verlassen. „Ich bin Alawitin, Oppositionelle und Frau.“ Genug Gründe, um in einem totalitären und patriarchalischen Staat verfolgt zu werden. Wie sie da auf dem Sofa sitzt und mit weicher Stimme nach den richtigen Sätzen sucht, fällt mir ein altmodisches Wort ein: Liebreiz. Das passt zu ihr. Dahinter verborgen eine sanfte, zähe Stärke, die ihr ermöglicht hat zu ertragen, was sie ertragen musste.

Rosa Yassin Hassan hat sich zur Zeugin der Unmenschlichkeit gemacht, ist den Orten und den Opfern von Brutalität und Grausamkeit nicht ausgewichen. Seit Beginn des syrischen Aufstands gegen Assad berichtete sie in Zeitungen und in einem Blog über den Alltag ihrer Landsleute. Im August 2012 ist sie in der Nähe von Damaskus. Trotz brennender Häuser und rauchgeschwängerter Luft wagt sie sich auf die Straße, folgt Gruppen von klagenden Frauen und Kindern in einen Olivenhain, hin zu einigen geparkten Autos, deren Ladeflächen mit Leichen bedeckt sind, alle im Schlafanzug, fürchterlich zugerichtet, darunter einige Nachbarn, die sie kennt, mit Folterspuren, erschlagen, verbrannt, ermordet.

„Als ich auf ihn zuging, lag dort Abd al-Qadir Bilal! Er glich gar nicht mehr dem, den ich kannte. Er sah aus wie eine erschrockene Puppe mit durchgeschnittener Kehle.“ In ihrem Tagebuch der syrischen Revolution, das teilweise von deutschen Zeitungen und Portalen veröffentlicht wurde beschreibt Rosa Hassan, wie sie auf der Ladefläche einen bekannten Mann entdeckt. Wie lebt sie mit diesen Bildern? „Es war eine sehr schreckliche Zeit. Ich kann das gar nicht ausdrücken. Vielleicht kann ich meine Gefühle in ferner Zeit beschreiben.“

Nicht nur ihre Berichterstattung, auch ihr sonstiges Engagement für Frauen- und Menschenrechte brachte sie ins Visier der syrischen Geheimpolizei. Sie gehörte zu den Gründerinnen des Vereins „Frauen für Demokratie“. Die Organisation musste inzwischen die Arbeit einstellen. Viele der Mitglieder wurden verhaftet, andere haben ihre Arbeit verloren.

Anfang 2012 ist die Heinrich-Böll-Stiftung auf Rosa Hassan aufmerksam geworden und hat sie nach Deutschland eingeladen. Aber die Schriftstellerin hatte Ausreiseverbot, vor allem wegen eines Buches über Frauen in syrischen Gefängnissen. Ein halbes Jahr lang suchte sie einen Schlepper, zahlte ihm 1600 Dollar und gelangte mit ihrem Sohn Aram auf illegale Weise und gefährlichen Wegen durch die Berge nach Beirut. Von dort aus flogen sie nach Deutschland, wo sie Unterstützung von der Böll-Stiftung und der Stiftung für politische Verfolgte erhielten, bis ihr Asylantrag anerkannt wurde.

Rosa Hassans Romane, die sich mit der aktuellen Situation beschäftigen, durften – bis auf einen – in Syrien nicht erscheinen. Sie wurden in anderen Ländern veröffentlicht. Auf meinem Schreibtisch liegen die beiden Bücher, die ins Deutsche übersetzt wurden, in hochwertigen schimmernden Leineneinbänden. Hellgrün das eine mit dem Titel „Wächter der Lüfte“, schwarz und silbern das andere: „Ebenholz“. Es begleitet das Leben fünf syrischer Frauen aus fünf verschiedenen Generationen. Einige Passagen, die sich mit Sexualität befassen, wurden in der arabischen Ausgabe gestrichen.

„Meine Waffen sind meine Worte“, sagt Rosa. „Ich glaube, dass ich etwas Gutes für meine Heimat und meine Leute mache, und auch für Deutschland. Vielleicht kann ich wie eine Brücke sein zwischen der arabischen und der deutschen Kultur.“ Sie hat so einen intensiven Blick aus runden dunklen Kulleraugen, die sie weit aufreißt, wenn sie ihren Worten Nachdruck verleihen möchte. „Hier in Deutschland wissen die Leute nur wenig. Viele glauben, dass es nur eine arabische islamische Kultur gibt, aber das ist nicht richtig. Unsere Gesellschaften sind wie ein Mosaik, mit sehr verschiedenen Weltanschauungen, Meinungen und Gebräuchen.“ Mit ihren Romanen möchte sie die arabische Kultur erklären. „Das ist meine Aufgabe, meine Pflicht!“

Eigentlich hat sie Architektur studiert. Das hat sie ihrer Mutter zuliebe gemacht, denn als sie anfing mit dem Studium vor zwanzig Jahren, wurde die Literaturwissenschaft nicht sehr geschätzt in Syrien. Sie hat nur fünf Jahre als Architektin gearbeitet, aber das Wissen hilft ihr heute beim Schreiben. „Die Romangebäude sind wie architektonische Gebäude. Du baust einen Roman auf wie ein Haus. Das Architektur-Studium hat mein Denken, meine Phantasie beflügelt.“ Ihren Erfolg als Schriftstellerin haben die Eltern nicht mehr erlebt, sie sind vor fünfzehn Jahren gestorben. Der Vater, selbst ein in der arabischen Welt bekannter Autor, hätte sich sicher gefreut.

Zum Abschluss eines Praktikums beim NDR resümierte Rosa im vergangenen September: „Die arabischen Wörter sind die Steine, mit denen ich meine Zauberhäuser baue. Plötzlich verlor ich meinen Zauberstab. Und so bin ich eine Zauberin ohne Zauberstab geworden. Ich musste mit vierzig Jahren anfangen, meine Zauberwerkzeuge von neuem zusammenzubauen.“

Seit eineinhalb Jahren geht sie zum Deutschunterricht, sehr intensiv, fünf Tage in der Woche vier Stunden. Da drückt sie die Schulbank, während sie gleichzeitig an der Uni einen Lehrauftrag hat, Vorträge in Hocharabisch über arabische Literatur hält. Ab und zu hilft sie als Übersetzerin in Flüchtlingsunterkünften und Frauenhäusern. Will sie mit mir Deutsch oder lieber Englisch sprechen? „Unbedingt Deutsch“, sagt sie ganz entschieden, „ich will den Schwierigkeiten nicht mehr aus dem Weg gehen.“

Selbst ein einstündiges Interview vor einem guten Dutzend Journalistinnen der Organisation „Pro Quote“ bewerkstelligt sie in der neuen Sprache. Sehr weiblich und liebenswert, Jeans, dunkle Jacke, geblümte Bluse, die großen runden Augen von Kajal umrandet, den Mund dunkelrot geschminkt, sitzt sie in der Mitte, souverän nach Worten suchend. Alle hören gebannt zu.

Hat sie Weihnachten gefeiert? Nein, aber sie kennt das Fest, denn in Syrien leben viele Christen. „Und natürlich haben wir unsere christlichen Freunde zu Weihnachten besucht oder ihnen kleine Geschenke geschickt.“ Normalerweise feiert sie selbst am 31. Dezember. „Da wird das neue Jahr begrüßt. Wir essen lecker, trinken, auch Alkohol übrigens. Wir haben sehr guten Weißwein in Syrien oder Arak (ein Anisschnaps). Wir laden unsere Freunde ein und natürlich die ganze Familie. Feuerwerk gibt es auch. Das sind sehr große Partys.“ Aber seit 2011 hat sich alles geändert. „Wie können wir feiern, während die anderen leiden und sterben?“

Sie zeigt mir einige wenige Familienfotos, die auf ihrer Fensterbank stehen. Das ist alles, was sie aus Syrien mitgebracht hat. Eine ihrer Schwestern lebt mit ihrem Sohn ebenfalls in Hamburg. Die andere Schwester arbeitet als Zahnärztin in Brüssel.

Trotz allem – Rosa Yassin Hassan strahlt nicht nur Trauer aus, sondern auch Zuversicht. Sie hat das Lachen nicht verlernt, sie hat Pläne für die Zukunft, für ihren Sohn Aram vor allem. Sie selbst schreibt an ihrem nächsten Roman. Er handelt von ihrer Familie, die genauso zerrissen ist wie ihr Heimatland. Sie schreibt auf arabisch, eine deutsche Übersetzung ist in Planung.

Sie glaubt, die Lieder sind eigentlich schon fertig und suchen sich dann aus, zu wem sie kommen. Wenn Anna Depenbusch Songs schreibt, sitzt sie an ihrem Klavier und wartet. Und wartet. „Man muss Bereitschaft zeigen“, betont sie, „dann kommen die Lieder angeflogen.“

Und tatsächlich wirken viele ihrer Songs auf mich so, als seien sie spielerisch durch die Luft geschwebt, leicht und frisch, vom Wind mal sachte, mal in Böen genau hierher getragen in Annas gemütliches Musikzimmer im Schanzenviertel. Der schwarze Flügel beherrscht den Raum, ein Sofa gibt es, darunter einen großen bunten Teppich aus abgeschabten Flicken, darüber ein sehr großes Bild von der Mailänder Scala. Den Kräutertee, den sie mir gekocht hat, stellt sie auf einer kleinen hölzernen Trittleiter ab.

Zwar fliegen ihr die Ideen zufällig und überall zu, im Supermarkt, auf dem Fahrrad, in der Bahn, aber ihre Songs schreibt sie am Klavier. „Text und Musik gleichzeitig. Ein Wort, ein Akkord, ein Wort, ein Akkord.“ Sie merkt, wie Wörter eine andere Bedeutung bekommen, je nach dem welche Harmonie dazu gespielt wird. “Nur wenn ich die Melodie singe, kann ich beurteilen, ob ein Text für mich gut ist.“ Zur Not ginge es auch unterwegs – mit der Klavier-App auf dem Handy.

Zugeflogen ist ihr das Lied von Tim, der Tina liebt, die aber wiederum auf Klaus steht, obwohl der oft nach China fliegt und Tina allein zu Hause lässt. „Wir lachen, wir leiden, verlassen und bleiben, wir leben und lernen daraus“, heißt es in dem Song, und das kann man sicherlich auch als eine Lebensweisheit der Anna Depenbusch bezeichnen. Ihre Lieder handeln von Alltagssituationen, von menschlichen Begegnungen. Sie sind traurig oder lustig, oft beides zugleich.

Vor den Fenstern ihres Proberaums ist der Himmel grau und verhangen. Es wird einfach nicht hell. Ich muss an ihr letztes Album denken, das auch ein Duett mit Mark Forster enthält, da singt sie: „Ich bau mir einen Sommer aus buntem Glanzpapier, den stell ich auf im Winter, wenn es vor dem Fenster friert ...“ Ich bin sicher, dass sie sich heute am liebsten einen strahlend blauen Sommertag basteln würde. Sie ist ein sonniger Typ, trotz der dunklen Haare. Aber sie überrascht mich: „Ich mag sehr gern, wenn es kalt ist und bewölkt. Für mich ist das die kreativste Zeit. Es gibt einen Titel von mir: ‚Alles auf Null’. Damit verbinde ich den Winter. Das Papier ist weiß, es beginnt von vorne.“

Ah, so erklärt sich, dass sie den Beschluss, Liedermacherin zu werden, in Island fällte. „Es war dunkel, es war kalt und es war wunderschön.“ Das war 2002 und Anna war 25 Jahre alt.

Ihr Jazz-Gesang-Studium in Berlin hatte sie abgebrochen. „Man kann nur Jazz oder Klassik studieren. Klassik war’s nicht. Und im Jazz fehlte mir dann die deutsche Sprache. Wenn man Lust hatte, mal etwas auf Deutsch zu singen, hieß es: Nee, das ist ein Jazz-Studium!“ Ihre Engagements als Background- und Studio-Sängerin reichten ihr nicht mehr aus. „Ich wollte etwas Eigenes!“ Deutsche Liedermacherin – dafür gibt es kein passendes Studium.

Sie ließ sich von der isländischen Musikerin Björk und ihrem vielseitigen, unabhängigen Schaffen inspirieren, traf Björk auch ein paar Mal und fasste am Ende der Island-Reise den Entschluss: „Ich mach das jetzt auch!“ Drei Jahre später erschien Anna Depenbuschs Debut-Album „Ins Gesicht“. Seither hat sie insgesamt vier CDs veröffentlicht, experimentiert dabei mit unterschiedlichen Sounds und Genres, Chanson, Pop, Blues, Jazz, Country...

Manche wunderten sich vielleicht, denkt Anna, wenn sie eine CD von ihr hören: Warum sind da so viele Stile gemischt? Warum spielt hier nur ein Klavier, dort ein Orchester? Und woher kommt auf einmal die Ukulele? „Auf der Bühne erschließt sich das alles. Deswegen ist live spielen für mich sehr wichtig.“ Fünfzig bis sechzig Konzerte im Jahr spielt sie, wenn ein neues Album erschienen ist.
Wurde ihr die Musik in die Wiege gelegt? Nein, antwortet sie, ihre Eltern, beide Französisch-Lehrer, seien zwar musikbegeistert, aber keine Musiker.
„In der Schule hat’s gezündet. Es war letztendlich ein Lehrer, der alle inspiriert hat.“ Der hat sie aufgefordert, die Noten wegzulegen und miteinander zu improvisieren.

Auch ihren drei Jahre älteren Bruder hat das animiert. Er spielt Saxophon und betreibt heute eine eigene Musikschule. „Damals hatte er seine ersten Bands. Für die habe ich geschwärmt. Die kleine Schwester, die am Rockzipfel hing und mitmachen wollte.“ Irgendwann durfte sie mitsingen. Dass sie auch wollte war nicht immer selbstverständlich gewesen. „Lange, lange Zeit habe ich im stillen Kämmerlein gesungen, nur wenn alle aus dem Haus waren, bis zu meinem großen Coming Out auf einer Schulveranstaltung.“

Und heute steht sie da auf der Bühne, grazil und selbstbewusst, in geschnürten Stiefeletten und schulterfreiem Kleid, mit hochgesteckten Haaren und Perlenohrringen. Sie singt, pfeift, klatscht, klopft und trommelt, schnipst mit den Fingern, schnalzt mit der Zunge und bringt das ihr ergebene Publikum dazu, es ihr gleich zu tun oder sie mit rasselnden Hausschlüsseln zu begleiten. Nicht nur ihre Pony-Frisur mit Pferdeschwanz, auch ihr Gesicht wirkt mädchenhaft, ihre Stimme kräftig und zart zugleich. Unglaublich charmante Kusshände wirft sie in die Menge, führt mit liebevoller Ironie von einem Song zum anderen: „Meine Themen finde ich in meinem Alltag. Immer wenn eine neue CD erscheint, haben meine Freunde ein bisschen Angst …“

Ihr Kleid, vor der Pause oben cremefarben, unten schwarz, nach der Pause oben schwarz, unten cremefarben. Oder habe ich mich verguckt? Nein, das ist passend zur CD „Die Mathematik der Anna Depenbusch in Schwarz-Weiss“. Das Outfit, ihre Musik-Videos, alles ihre Ideen. Es ist ihr wichtig, nichts Fremdes übergestülpt zu bekommen. Und genau deswegen war das letzte Jahr auch kein gutes Jahr.

Sie feiert den Schnitt zwischen zwei Jahren, das hat für sie große Bedeutung. „Es gibt das alte Jahr“, betont sie, „und es gibt das neue Jahr.“ Dazwischen holt sie ganz tief Luft. Es gibt gute Vorsätze für 2016, und es gibt Dinge, die sie zurücklässt. „Ich sage dann: Nee, das lasse ich jetzt im alten Jahr, das darf nicht mitkommen!“ Wie hieß der Song noch mal? – „Alles auf Null“.

Dieses Jahr empfindet sie das besonders stark, und das hängt vor allem mit großen Änderungen in ihrer kleinen Plattenfirma, 105music, einem Hamburger Label, zusammen. „Es ging sehr familiär dort zu, nur Hamburger Künstler. Ich konnte mich musikalisch ausleben, wie ich wollte. Es war das ideale Umfeld, ein tolles Team, eine ganz tolle Produkt-Managerin. Es war eine sehr produktive Zeit.“

Doch dann erfolgte 2015 die Vertreibung aus dem Paradies. Die beiden Label-Chefs gingen in Rente und die kleine Firma wurde an ein großes Label verkauft, mit Haut und Haaren und allen Künstlern. Da sollte Anna Depenbusch plötzlich ihre Songs nicht mehr selbst schreiben und produzieren. Wie kommt man darauf, einer Musikerin, die erfolgreich auf dem Weg nach oben ist, solche Vorschriften zu machen? „Das hat etwas mit Timing zu tun. Es ging zu langsam. Ich glaube, es war kein böser Wille.“

Sie wollte sich dem neuen Team und den neuen Ideen nicht verschließen und fing an, Songs zu singen, die andere für sie geschrieben haben. So ist eine ganze Platte entstanden. „Es fühlte sich aber sehr komisch an. Das hat mich eine Menge Selbstbewusstsein gekostet. Ich habe die Orientierung verloren.“ Und was wird jetzt aus der fast fertigen CD? „Die liegt da jetzt ‘rum. Ich fühle mich den Liedern nicht verbunden.“

Zurück ins Paradies geht es nun nicht mehr, auf jeden Fall aber wieder zurück zu ihren eigenen Liedern, die sie textet und komponiert, singt und produziert. Das ist der Plan für dieses Jahr. Mit einer neuen CD von Anna Depenbusch dürfen wir im Frühling 2017 rechnen. In selbstbestimmtem Tempo möchte Anna weiterwachsen wie bisher, ohne dass von außen zu stark gedrängt wird. Die Kontinuität ist ihr wichtig, denn: „Ich möchte noch lange Musik machen und auf der Bühne stehen.“ Langfristig denkt sie, zum Beispiel auch daran, dass sie mit ungefähr 75, also im letzten Viertel ihres Lebens, heiraten möchte. Wen, das verrät sie nicht.

Sie erzählt mir von einem Hamburger Café, dessen Toiletten sich im Keller befinden. Erst nach ein paar dunklen Stufen lässt der Bewegungsmelder das Licht anspringen. Auf dem Treppenabsatz ein Schild: „Gehen Sie mutig ins Dunkle weiter. Irgendwann wird Licht.“ Das gefällt Anna Depenbusch: „Man darf nicht gleich zurückschrecken. Man muss wirklich manchmal ins ungewisse Dunkle gehen. Dann wird Licht kommen, wird die Idee kommen, die Begegnung... Das ist so ein schönes Bild!“

Seit zwanzig Jahren macht sie Musik. Durststrecken schrecken sie nicht. Wenn es zu gemütlich ist, wird es schnell auch zu geruhsam, fürchtet sie. Sie mag die riskanten Phasen, denn die können einen in kürzester Zeit auf neue Ebenen heben.

Sie hat eine Mission: „Lebe dein Leben! Geh deinen Weg!“ Und sie hat eine Zeitschrift. Die hat sie sich gekauft, um ihre Mission zu verwirklichen. Mut gehört dazu. Und eine Vision. Beides hat sie und das war ihr einziges Eigenkapital. Denn Geld fehlte ihr, als sie dem Verlag Gruner & Jahr 2009 das Frauenmagazin emotion abkaufen wollte. Geschafft hat sie’s trotzdem. „Ich bin 1981 mit meiner Mutter aus Polen hierher gekommen. Wir hatten nichts. Vielleicht habe ich deshalb keine Angst zu scheitern. Man muss sich nur trauen.“

Jetzt sitze ich mit Katarzyna Mol-Wolf in ihrem Büro in der alten Tabakfabrik an der Hoheluftchaussee. Hier treffen Trend und Tradition aufeinander: junge Mitarbeiterinnen im loftartigen Großraumbüro mit Nostalgie verbreitenden Sprossenfenstern. Das passt zu ihrer Person und ihrem Programm. Emotion ist eine Zeitschrift für Frauen, die mitten im Leben stehen und etwas daraus machen wollen, vielleicht berufstätig sind, vielleicht Kinder haben, auf jeden Fall mehr brauchen als Rezepte- und Schmink-Tipps. Frauen wie Katarzyna Mol-Wolf.

Schlank und groß von Statur, 42 Jahre alt, strahlt sie Autorität und Weiblichkeit zugleich aus. Gern trägt sie Blazer zu Jeans. Bluse und leicht verspielte Ohrringe sorgen dafür, dass es nicht nach strengem Businesslook aussieht. Freundlich, charmant und bestimmt wirkt sie auf mich, sicherlich auch durchsetzungsfähig. Unterbricht jemand ihre Rede, spricht sie einfach weiter.

So kann ich mir gut vorstellen, wie sie – in einer Zeit, wo kaum jemand mehr einen Pfifferling geben wollte auf das Printgeschäft – die Überzeugungskraft besaß, Investoren für ein Frauenmagazin zu finden, an das im Hause Gruner & Jahr keiner mehr glaubte. Zweimal drohte dann der Deal kurz vor Abschluss auf unvorhergesehene Weise zu scheitern. Mit unbeirrbarer Ausdauer und Biss hielt sie auch diese Rückschläge aus. Sie wollte diese Zeitschrift haben. Und nun ist sie ihre.

Der Januar-Ausgabe von emotion liegt ein kleines rotes Büchlein bei, etwas dünner als eine Mao-Bibel. „Selbst-Coaching mit Spaß. Wer willst du sein?“ steht auf dem Titel und dann folgen 44 Fragen, die wir beantworten sollen, um zu einem selbstbestimmten Leben zu finden. „Als die Agentur thjnk, die diese Selbst-Coaching-Kampagne für uns entwickelt hat, mit dem Vorschlag ankam, hatte ich ein Aha-Erlebnis“, erzählt Katarzyna Mol-Wolf, „ich hatte das Gefühl: Genau das ist die Mission von emotion! Und das ist der Grund, warum ich mich selbständig gemacht habe!“

Ein paar Wochen später findet sie dann beim Aufräumen in einem alten Sekretär zufällig einen ungeöffneten Umschlag, adressiert an ihre alte Adresse, ein Brief, den sie 2006 in einer Coaching Übung selbst an sich geschrieben und längst vergessen hatte. „Da waren wir alle sprachlos, das war verrückt und total faszinierend.“ Denn in diesem Brief ging es genau um dieselben Fragen: Was willst du erreichen und was steht dir im Weg?

Manche Dinge, so hat sie durch diesen alten Brief gelernt, sind offensichtlich nur schwer veränderbar, zum Beispiel dass sie schon damals dazu neigte, zu viele Themen auf einmal anzupacken. „Ich bin ein sehr kreativer Mensch. Sobald es zu ruhig wird, fallen mir neue Sachen ein.“ Tatsächlich habe ich während unseres Gesprächs den Eindruck, dass ihr parallel tausend andere Dinge durch den Kopf gehen. Eine leichte Anspannung lauert da im Hintergrund; ihre Freundlichkeit kann den Zeitdruck nicht überspielen.

Ihr Verlag „Inspiring Network“ – der Name ist Programm – hat sich seit der Gründung vor sechs Jahren enorm vergrößert: Aus anfangs 9 Mitarbeiterinnen sind heute mehr als 45 Festangestellte geworden. Neben emotion (verkaufte Auflage 60.000) erscheint nun das Philosophie-Magazin Hohe Luft – für alle, die Lust am Denken haben (30.000). Außerdem werden Publikationen im Auftrag anderer Unternehmen oder Verbände verlegt. Auch die Veranstaltung von Seminaren und Konferenzen wie dem Women’s Business Day gehören zum Geschäft. „Ich will zeigen, wie man auch heute noch mit gutem Journalismus Geld verdient“, erklärt sie mit Nachdruck.

Und da sie sich ja nie genug vornehmen kann, heiratet sie in diesen Gründerjahren einen Kollegen von Gruner & Jahr, obwohl der eigentlich „gar nicht in ihr Beuteschema passt“, denn er ist „leider“ einige Jahre jünger als sie. 2011 bekommt sie eine Tochter. 2012 schreibt sie auch noch ein Buch über ihren Werdegang und ihre Familie: „Mit dem Herz in der Hand“.

Eigentlich hat sie Jura studiert, schnell gemerkt, dass ihr das keinen Spaß machte, aber durchgehalten bis zum Zweiten Staatsexamen, sogar noch promoviert. Den Ehrgeiz und die Selbstdisziplin hat sie von ihrer Mutter, die – obwohl studierte Diplom-Ingenieurin – nach ihrer Flucht aus Polen erstmal putzen ging, um sich und die Tochter durchzubringen. Die siebenjährige Kasia, so der Kosename für Katarzyna, ahnte nicht, dass aus dem Sommerurlaub in München ein ganz neues Leben in Deutschland werden würde. Ihre Mutter musste 1981 wegen ihres Engagements für die gewerkschaftliche Demokratiebewegung Solidarno´sc aus dem kommunistischen Polen fliehen.

„Als wir nach München kamen, musste ich sehr schnell erwachsen werden, wollte meiner Mutter nicht zur Last fallen, weil ich gesehen habe, dass sie es schwer hatte.“ Mit aller Kraft und ganzem Willen schuftet Kasias Mutter für ein besseres Leben. Zuhause wurde nur Deutsch gesprochen, was Katarzyna heute bedauert, denn sie wäre gern flüssiger in der polnischen Sprache. „Ich bin heimatverbunden und spreche gern polnisch, denn ich hatte eine sorgenfreie Kindheit in Polen. Meine Mutter empfindet sich nicht so sehr als Polin wie ich.“

Da gab es nur ein großes Problem, und das war der Vater, ein unsteter Geist, der zu viel Alkohol trank, Frau und Tochter verließ, als sie zwei Jahre alt war. Die heftig herbeigesehnte Versöhnung, der Wunsch, dem Vater näher zu kommen, blieb für immer unerfüllt, denn sieben Jahre nach der Flucht aus Polen, starb er, bevor Kasia ihn wiedersehen konnte. Lange hat das ihr Leben überschattet und zu dunklen Momenten geführt, obwohl sie eher ein zuversichtlicher, positiver Mensch ist.

Die polnische Seele sei in Deutschland weitgehend unbekannt, bedauert sie. „Wir sollten uns mehr mit den Menschen auseinandersetzen, die in den Nachbarländern leben!“ Und sie, trägt sie die polnische Seele noch in sich? „Ja, dieses Dramatische, Temperamentvolle, auch mal Melancholische, das steckt in mir. Und die große Offenheit anderen Menschen gegenüber. Leider wird die in der aktuellen politischen Situation nicht widergespiegelt, das ist sehr erschreckend und macht mir große Sorgen.“

Aufgewachsen ist Katarzyna in einem reinen Frauenhaushalt mit Mutter, Oma und Tante. Mich wundert es also nicht, dass ich heute in der Eppendorfer Tabakfabrik nur wenige Männer sichte. Zwei arbeiten zur Zeit für emotion, einige mehr für das Philosophie-Magazin und im Vermarktungsteam.
Herrscht hier ein anderes Klima als in einem großen Betrieb wie Gruner & Jahr? „Wir sind transparenter, die Hierarchien sind flach. Die Mitarbeiter arbeiten vielleicht mehr als früher bei Gruner & Jahr, aber sie haben auch mehr Freiheiten. Wenn ein Kind krank ist, dann ist klar, dass es die Mutter oder den Vater braucht. Wir wollen ein sozialer Arbeitgeber sein.“

Wie klappt es denn bei ihr selbst, die Vereinbarung der Aufgaben als Mutter und als Unternehmerin? Das sei ein permanentes Organisieren, antwortet sie, sie müsse sich ständig klarmachen, dass man nicht alles schaffen könne. Und gleich verbindet sie wieder ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrer Mission: „Unser Auftrag ist es auch, Frauen zu sagen: Jedes Leben ist individuell. Wir Frauen machen es uns oft schwer, weil wir uns immer vergleichen. Wenn eine Mutter ihr Kind erst abends um sechs aus der Kita abholen möchte, dann ist das ihre Sache. Und wenn eine andere mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen will, dann ist das auch schön. Ich möchte dazu beitragen, uns Frauen entspannter zu machen.“ Gelingt ihr das für sich selbst? „Ich arbeite daran.“

Auf mich macht sie allerdings den Eindruck, als hätte sie sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Ja, gibt sie zu, aber: „Wir Frauen müssen uns gegenüber gnädiger und sanfter sein.“ Und hat sie eine Antwort auf die Frage aller Fragen: Katarzyna, wer willst du sein? Ganz direkt antwortet sie darauf nicht, doch ich glaube, sie will genau das sein, was sie jetzt ist: Eine Unternehmerin auf dem Weg zum Erfolg mit der Mission, auch anderen zu Erfolg und Erfüllung zu verhelfen.

Zu gerne hätte sie als Kind diese schwarzen Keramikmasken gehabt, die man sich in den sechziger Jahren gern an die Wand hängte oder hinstellte. Negerfiguren (ja, so sagte man damals, ohne mit der Wimper zu zucken), die im Zuge einer vom Kolonialgeist geprägten Afrika-Romantik sehr beliebt waren. Aber ihre Eltern befanden, das sei Kitsch, und so musste Sabine Schulze warten, bis sie erwachsen war und sich auf Flohmärkten selbst eine Sammlung zusammenkaufen konnte.

Neulich hat sie aufgeräumt und sich gefragt: „Kann man diese Figuren eigentlich noch hinstellen oder ist das politisch nicht mehr korrekt?“ Und, zu welchem Schluss kommt sie, möchte ich natürlich wissen. „Noch stehen sie, aber ich fühle mich nicht mehr wohl damit.“

Der Umgang mit bösen Dingen macht Prof. Dr. Sabine Schulze offensichtlich Spaß. „Böse Dinge“ – so hieß vor einigen Jahren eine Ausstellung in ihrem Museum, die Zeugnisse schlechten Geschmacks aus verschiedenen Epochen zusammenstellte, vom busenförmigen Salzstreuer bis zum Strass verzierten Handy. Dabei ging es nicht darum zu entscheiden, was gut und was böse ist, nein, die Ausstellung sollte uns zum Nachdenken bringen: Wie finden wir unser Urteil?

Insgeheim frage ich mich, ob ihre Schuhe – cremefarbene absatzfreie Halbschuhe in ungewöhnlichem Flechtmuster – nicht auch ins Reich der bösen Dinge gehören. Laut beschränke ich mich allerdings auf den Hinweis, dass es sich wohl um ganz besonderes Schuhwerk handele. „Der hieß Ananasschuh“, erzählt sie voller Begeisterung. „Ich habe lange überlegt, ob ich den kaufe, bis er ‘runtergesetzt wurde, was meine Entscheidungsfreudigkeit steigerte. Seitdem habe ich ihn jeden Tag an.“ Dazu trägt sie heute einen lila Cordanzug mit Rolli und lila-gemustertem Schal.

Sabine Schulze hat Sinn für Besonderes und für Lustiges. Sie hat Humor und wir lachen andauernd während des Gesprächs. Ihr Büro ist eher spärlich und unauffällig möbliert, aber hell und freundlich, obwohl es im Souterrain des Museums liegt. Licht im Haus sei ihr wichtig, sagt sie, um die Besucher mit freundlicher Geste zu empfangen. Der jahrelange Umbau des Hauses ist noch immer nicht ganz abgeschlossen. Sie freut sich, dass ihr Museum so viele junge Menschen erreicht. Mit Ausstellungen wie „Endstation Meer – das Plastikmüll-Projekt“ oder „Tattoo“ trifft das Museum den Nerv der Zeit, obwohl seine Direktorin (Jahrgang 1954) langsam auf die Pensionierung zugeht.

„Ich finde, die Themen liegen einfach auf der Hand“, erklärt sie mir. „Tattoo ist eine der weitreichendsten Design-Entscheidungen des Lebens. Das ist angewandte Kunst! Und auch Material und Ressourcen sind klassische Themen für ein Museum angewandter Kunst.“ In der Gründungszeit des Museums für Kunst und Gewerbe wurde der Bestand noch nach Material sortiert. „Unsere Wunderkammer ist voll von Schildpatt, Koralle, Elfenbein, alles Materialien, die heute geschützt sind. Auch das ist ein Thema: Was haben frühere Generationen gebraucht und warum hat sich das geändert?“

Eigentlich, erinnert sie, sei das Museum 1877 eröffnet worden, um mit der Präsentation künstlerisch gestalteter Gebrauchsgegenstände den Konsum anzuregen. „Guckt mal, was es alles Schönes gibt, das könnt ihr auch haben!“ Ihre Aufgabe heute sieht Sabine Schulze eher darin, auch mal zu bremsen. Während der Vorbereitung der Ausstellung „Fast Fashion – die Schattenseiten der Mode“ hat sie erfahren, dass ein Deutscher ein gekauftes Kleidungsstück im Durchschnitt nur 1,4 mal trägt. Das findet sie beängstigend. „Überleg dir, wie lang du etwas tragen willst, ob es dir wirklich steht, ob du es wirklich brauchst!“ appelliert sie an ihr Umfeld.

Hält sie sich selbst daran? „Ja! Ich trag meine Sachen auf!“ Wir lachen über diese Formulierung aus der vorletzten Generation. „Als Kind bekam ich pro Saison ein neues Teil, dann ging ich mit Mutti in die Stadt und sah alles sehr genau an und das war’s dann. Jetzt wissen Sie auch, warum neben meinem Schreibtisch ein Recyclingkleid aus den sechziger Jahren hängt!“ Lachend zeigt sie auf ein silberfarbenes Abendkleid, etwas aus der Zeit gefallen, das sie für einen anstehenden Ball aus dem Fundus ihrer Mutter gegraben hat. Schaufensterbummel liebt Sabine Schulze trotzdem, interessehalber. „Das ist sehr entspannend.“

Geboren und aufgewachsen ist sie in Frankfurt, die Eltern beide Volkswirte. Der Vater hat sie am sonntäglichen Vormittag oft mitgenommen ins Museum. „Meine Mutter hat gekocht. Sie hat sich auch für Kunst interessiert, aber so war das damals. Bei den Museumsbesuchen habe ich gelernt, dass jeder in der Kunst etwas anderes finden kann, dass es nicht nur einen Zugang gibt und dass man mit ganz vielen neuen Gedanken im Kopf aus einer Ausstellung herauskommt.“ Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik hat sie später studiert und war sehr schnell fasziniert davon, Ausstellungen zu machen. „Da muss man viele Menschen – Leihgeber, Architekten, Autoren – dazu bringen, an einem Strang zu ziehen. Und ich fand immer gut, wenn hinterher alle sagten: Eigentlich war’s meine Idee. Das war das Beste.“

Nach dem Studium arbeitete sie zunächst an der Neuen Sammlung in München, ab 1984 in der Frankfurter Liebieghaus-Skulpturensammlung, dann als Kuratorin in der Schirn Kunsthalle und ab 1996 am Städel, der ältesten bürgerlichen Museumsstiftung Deutschlands. Seit 2008 ist sie Direktorin des Museums am Steintorplatz, von manchen auch despektierlich Museum für Kunst und Gemüse genannt, weil sich hier von chinesischen Grabbeilagen über Kochlöffel und silberne Salzstreuer, die aus jüdischen Haushalten geraubt wurden, bis hin zu Buddha-Statuen und einem Pracht-Koran alles unter einem Dach wiederfindet. Genau das aber liebt Sabine Schulze.

Als „Herbergsmutter“ sieht sie sich hier, markiert nicht gern die strenge Chefin ihrer 86 Mitarbeiter und freut sich über freundschaftlichen Umgang. „Wenn es um Inhalte geht, müssen sie ausdiskutiert werden. Da bin ich basisdemokratisch. Es ist einfach eine Frage der Zeit, dass man in Gesprächen mit Überzeugungsarbeit von allen Seiten Lösungen entwickelt.“ Sabine Schulze macht schon auf den ersten Blick einen kollegialen Eindruck, patent und unprätentiös.

Ganz begeistert führt sie mich durch ihr Haus, zuerst zur Jugendstil-Ausstellung, in der Dinge zu einem großen Ganzen gefügt werden, die ich bis dahin nicht bewusst in einem Zusammenhang sah: Friedrich Nietzsche, Karl Marx und Paul Gaugin, Suffragetten, Blumenmuster und Röntgenstrahlen, Industrialisierung und ein neuer Blick auf den nackten Körper. Lachen, als wir zu einem winzigen (höchstens fünf Zentimeter langen) Phallus aus der Sammlung Sigmund Freuds kommen: „Den hatten wir uns anders vorgestellt und waren sehr überrascht beim Auspacken.“

Kurz darauf stehen wir in ihrem liebsten Saal, rund und weiß gestrichen, die Vitrinen voller Keramiken mit phantasievollen Ornamenten aus dem arabischen Raum. Seit kurzem hat der Islam mehr Platz als das Christentum, nicht nur weil das Museum über eine umfangreiche Sammlung verfügt, sondern auch weil das Interesse deutlich gestiegen ist. „Arabische Führungen werden plötzlich gefragt. Das wäre vor zwei Jahren undenkbar gewesen. Wir stellen uns darauf ein.“ Sabine Schulze hat ihr Ohr am Zeitgeist.

Mal was ganz anderes: Gibt es neben der Kunst eigentlich noch etwas, das sie interessiert? „Sehen Sie“, antwortet sie, „das ist das Problem! Wenn ich verreist bin und meine Mutter fragt mich am Telefon: Was hast du denn heute gemacht? antworte ich: Ich war im Museum. Und dann sagt sie: Bieni...! Das ist ja mal ganz was Neues!“

Immer wieder nimmt sich Sabine vor, „über den Tellerrand zu schauen“. Sie liest, hört Musik, die ihr Mann ihr nahe bringt. Mit dem ist sie schon „seit Urzeiten“ verheiratet, „leider ohne Kinder“. Ach ja, ins Kino geht sie gern. „Mein Lieblingskino ist die Schanze. Und wenn in einem Film mit Überlänge nichts passiert, dann ist das genau mein Film!“ Also, dann werden wir sicher nie zusammen ins Kino gehen. Aber vielleicht besuche ich Sabine Schulze mal und schaue mir ihre Keramikmasken an, bevor sie sie ins Reich der bösen Dinge verbannt.

Großes Gedränge herrscht in den Redaktionsräumen des Straßenmagazins Hinz & Kunzt in der Altstädter Twiete. Verkäufer, Mitarbeiter und Presseleute füllen den großen Eingangsraum mit der Kaffeetheke und dem Verkaufstresen, Fernseh- und Fotokameras fokussieren eine freundlich und zurückhaltend lächelnde Frau in schwarzem Kleid mit weißen Punkten, rotem Strickschal und Stiefeletten. Birgit Müller steht heute im Mittelpunkt – und das ist ihr gar nicht recht.

Für 22 Jahre Chefredaktion bei Hinz & Kunzt erhält sie das Bundesverdienstkreuz und wird nicht müde, auf all die anderen im Team zu verweisen, die diese Auszeichnung mindestens ebenso verdient hätten. Aber trotzdem, sie freut sich, das sehe ich, und die meisten Anwesenden wissen, dass ihr Engagement von der ersten Stunde an dafür gesorgt hat, dass das Straßenmagazin und seine 500 Verkäufer heute fast jedem Hamburger bekannt sind.

„Sag mal, Birgit, wie viel von diesem Kreuz da ziehst du dir eigentlich selber ‘rein?“ wird sie später von einem der Verkäufer gefragt. Zur Antwort legt Birgit Daumen und Zeigefinger ganz dicht zusammen: „Nur so viel!“ Sie ist definitiv bescheiden und auch genügsam. Ich kann gar nicht zählen, wie oft sie während unserer Gespräche darauf hinweist, dass es schließlich nicht um sie, sondern vielmehr um alle anderen ginge.

Auf ihren expliziten Wunsch hin finden die Feierlichkeiten nicht im Rathaus, sondern bei Hinz & Kunzt statt, damit möglichst viele Zeitungsverkäufer dabei sein können. „Du liebst Menschen!“ stellt einer der Preisredner fest. „Es ist erstaunlich, wie du dich über jemanden aufregen und ihn nach einer Stunde wieder liebhaben kannst!“ Zum Abschluss der Zeremonie verteilt sie Lebkuchenherzen mit der Zuckerguss-Aufschrift „Danke“ an einige Mitarbeiter und Verkäufer.

Als ein paar Tage später der Rummel vorbei ist, treffe ich Birgit Müller in ihrem Büro. Das teilt sie mit einem Kollegen. Ein halbes Dutzend prächtiger Blumensträuße, nicht gerade liebevoll arrangiert, zieren noch die beiden Schreibtische. Dazwischen Tannengrün mit Silberkugeln, was hier diverse Wochen nach Weihnachten offensichtlich weder erfreut noch stört. „Heute ist Aufräumtag“, verrät sie lachend, „bis hierher sind wir noch nicht gekommen.“

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Birgit Müller zu einem kleinen Team aus Journalisten und Obdachlosen, die ein neues Blatt erschaffen wollten, stieß. „Ich habe mich total in diese erste Crew verliebt.“ Zu jener Zeit war sie als festangestellte Lokalredakteurin beim Hamburger Abendblatt zuständig für Hafen und Soziales. „Ich hätte so viele Geschichten zu erzählen“, dachte sie damals, „aber Soziales war nicht sehr gefragt, es sei denn, es gab einen Skandal.“

Deshalb reizte sie die neue Zeitschrift, obwohl sie sehr gern auch für ihr zweites Ressort, den Hafen, unterwegs war. „Dabei bin ich gar nicht seetüchtig, habe obendrein Höhen- und Tiefenangst.“ Geboren 1956 in Oberhausen, aufgewachsen in Duisburg, Köln und Karlsruhe, kam sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal zu Besuch an die Landungsbrücken und hatte schon als Kind das Gefühl: „Hier kann ich durchatmen!“

Ihr Weg in den Journalismus verlief nicht geradlinig: Nach dem Abitur ein abgebrochenes Jura-Studium in Freiburg, danach Germanistik und Hispanistik fürs höhere Lehramt in Bonn und Hamburg. Das anschließende Referendariat führte nicht in die Schullaufbahn, sondern in die Abendblatt-Redaktion.

Das neue Magazin erhielt den Namen Hinz & Kunzt und sollte professionell gemacht werden, mit gut recherchierten Geschichten. „Kein Jammerblatt!“ verlangten insbesondere die Betroffenen selbst. Zufällig hatte Birgit Müller gerade Urlaub und widmete diesen ganz dem spannenden Projekt. „Die meisten anderen Journalisten, die auch ihre Jobs hatten wie ich, hatten plötzlich keine Zeit mehr, und dann saßen wir da und es fehlten die Texte.“

Mit „Ach und Krach“ wurde im November 1993 die erste Ausgabe fertig gestellt, 30.000 Exemplare gedruckt. „Wir hatten wahnsinnige Angst, dass die sich gar nicht verkaufen.“ Doch die Verkaufszahlen gingen gleich „durch die Decke“, es musste nachgedruckt werden. Von der Kirche gab es 50.000 Mark für den weiteren Aufbau des Projektes. Birgit Müller kündigte spontan ihre feste Stelle beim Abendblatt und war mit zwanzig Wochenstunden auf Honorarbasis dabei. Ganz schön mutig!

„Es war mutig, aber es war auch ein Abenteuer. Ich habe gedacht: Mit 38 bin ich gerade noch jung genug, um zwei Jahre lang mit zwanzig Stunden in der Woche über die Runden zu kommen. Mit vierzig wollte ich wieder richtig in Lohn und Brot stehen.“

Hinz & Kunzt sollte „eine soziale Stimme in der Stadt sein, für Menschen sprechen, die weniger privilegiert sind als ich“, erklärt sie mir. Ja, auch sie hatte Probleme in ihrer Kindheit, die Scheidung der Eltern, als sie fünf war, der Tod des Großvaters, bei dem sie wohnte. „Aber ich hatte trotzdem eine tolle Familie. Und die meisten hier, die obdachlos geworden sind, kommen aus ganz harten Verhältnissen.“

Was hält sie eigentlich von dem vielzitierten journalistischen Leitsatz Hajo Friedrichs: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten...“? Darüber denkt sie kurz nach und kommt dann zu dem Schluss: „Ich kann diesen Satz nicht mehr unterschreiben. Ich bin auch Lobbyistin, aber ich versuche, so wahrhaftig und sorgfältig wie möglich zu sein. Wir arbeiten hier nicht nach dem Motto: Nur mit einem Auge sieht man besser.“

Plötzlich fällt eine der Blumenvasen um, weil kaum noch Wasser darin ist. Wir lachen, wischen die Pfütze weg. „Ich habe überhaupt keinen grünen Daumen“, gesteht sie und erbarmt sich dennoch, frisches Wasser zu holen. Während sie mir ältere und neuere Ausgaben der Zeitung zeigt, registriere ich ein wenig – ein ganz klein wenig ¬– Stolz in ihrer Stimme (natürlich nicht auf die eigene Leistung, sondern auf die des Teams!).

Hinz & Kunzt verfolgt nicht nur journalistische, sondern auch politische Ziele, anfangs mit großem Idealismus: „Wir dachten allen Ernstes: Es kann ja wohl nicht so schwer sein, 500 Obdachlose in zwei Jahren unterzubringen.“ Aus zwei wurden 22 Jahre und eine Vollzeit-Stelle. Sie ist immer noch begeistert von der Crew. „Wenn ich morgens ‘reinkomme und meinen Kaffee von ‚Spinne’ kriege, dann ist der Tag ein guter Tag.“

Die Auflage von Hinz & Kunzt stieg stetig auf heute 66.000, im Weihnachtsmonat Dezember werden die Verkäufer sogar 100.000 Exemplare los. Aber die Zahl der Obdachlosen nahm nicht ab sondern zu; schätzungsweise 2000 Menschen ohne eigene Unterkunft leben heute in der Hansestadt. „Früher haben wir für Wohnungen gekämpft. Jetzt sind wir schon so weit, dass wir uns für Schlafplätze draußen einsetzen, nur weil da irgendwo ein Dach ist. Diese Stadt hat keinen Willen, die Obdachlosigkeit zu beseitigen.“

Und dann wird auch noch ein Gebäude, das sie von der Stadt für Notschlafplätze erkämpfen wollten, für Flüchtlinge geöffnet. „Das war ein Schock“, sagt sie und hält erschrocken inne. „Puh, ich rede mich gerade in Schwierigkeiten...“ Denn natürlich will sie auf keinen Fall, dass Obdachlose und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt werden. Das letzte Jahr hat sie als politischen Tiefpunkt empfunden. Nun, meint sie, vielleicht habe auch der Tod ihrer Mutter ihre Stimmung beeinflusst. „Aber ich habe den Eindruck, wir müssen mal zurücktreten, uns die Lage anschauen und eine neue Strategie entwickeln.“

Die Enttäuschung setzt ihr persönlich so sehr zu, dass sie sogar ans Aufhören dachte. Auch die tägliche Konfrontation mit den harten Schicksalen und nicht selten mit dem Tod in allzu jungen Jahren macht ihr mehr und mehr zu schaffen. „Je älter ich werde, desto mehr geht mir das an die Substanz.“ Deshalb möchte sie künftig ein bisschen kürzer treten.

Und womit füllt sie dann ihre freie Zeit? Sicherlich nicht mit Gartenarbeit, oder? „Och“, antwortet sie, „Couchpotatoe bin ich auch gern.“ Außerdem mag sie Kochbücher, obwohl sie nicht gut kochen kann. „Ich kann schnibbeln, aber letztendlich fehlt mir die Muße.“ Einige Sonderhefte zum Thema „Kochen“ hat sie betreut und das fand sie super. „Wenn ich abends mal nicht schlafen kann, lese ich keinen Krimi, sondern Kochbücher. Das heißt, ich lese sie gar nicht richtig, ich schaue sie an, die Fotos, die Maßeinheiten ...“

Was kann sie eigentlich besonders gut? „Ich glaube, ich kann gut Ideen entwickeln. Und ich bin immer wieder unzufrieden. Das Gute daran ist, dass sich dadurch unsere Arbeit verändert und verbessert.“ Sie zögert, dann: „Aber ich bin hier ja nicht allein!“ Ich weiß schon, sie hätte lieber, wenn ich nicht nur über sie, sondern über alle Hinz & Künztler schreiben würde. Wir lachen. „Es wäre schon schön, wenn ich nicht so angeberisch ‘rüberkommen würde“, beharrt sie. Na, das muss erstmal jemand schaffen, Birgit Müller als Angeberin zu beschreiben ...

Ihre ersten tieferen Einblicke in deutsche Gewohnheiten bekam Nancy Corbett nicht in Hamburg, sondern am Fuß des Hindukusch. Drei Jahre lang war sie in Afghanistan, zunächst in Kabul und dann als Gast der Bundeswehr im Camp Marmal, wo sie mit ihrem Mann, ebenfalls amerikanischer Diplomat, in einem kleinen Container wohnte. Täglich aß sie in der deutschen Cafeteria und ging zum Sport ins Fitness-Studio der Bundeswehrsoldaten.

Als Kulturattachée war sie eine von knapp drei Dutzend Diplomaten, die sich in dem riesigen Feldlager unter tausenden von Soldaten aus sechzehn Nationen bewegten. Jeden Morgen verließ sie das Camp in einem amerikanischen Geländewagen, um Termine mit Schülern, Studenten, Kulturpolitikern oder Denkmalschützern wahrzunehmen. Die halbe Stunde zur nächst gelegenen Stadt Masar-e Scharif fuhr sie selbst, zum Teil über Schotterpisten, und wenn sie das Steuer mal an ihren einheimischen Mitarbeiter übergeben wollte, wehrte der ab: „Sie geben ein gutes Beispiel. Fahren Sie!“ Keine Waffen, keine Eskorte. Fühlte sie sich sicher?

„Nicht immer“, Nancy Corbett zuckt mit den Schultern. „Aber man kann nicht andauernd über die Sicherheit nachgrübeln, dann würde man bestimmte Orte nie besuchen und viel verpassen. Wenn Sie zu viel daran denken, wird die Angst Ihre Überlegungen dominieren.“ In dieser Zeit gehörte ein locker über das Haar geworfenes Tuch zu ihrer Arbeitskleidung und ihre Oberteile reichten mindestens bis zur Mitte des Oberschenkels. „Man möchte zeigen, dass man die Traditionen respektiert. Und außerdem: It’s just nice to feel you fit in.” Es fühlt sich einfach gut an hineinzupassen.

Aus dem staubigen Afghanistan 2013 direkt ins wohlhabende verregnete Hamburg. Hier sitzen wir nun in einem gemütlichen kleinen Salon, gediegen viktorianisch möbliert mit Blick auf die Alster. Ein krasser Kontrast. „Ja,“ bestätigt sie, „aber warum entscheidet man sich für eine diplomatische Laufbahn? Weil man immer bereit ist, weiter zu ziehen und etwas Neues auszuprobieren! An jedem Ort finden Sie etwas Wunderbares!“

Thomas Jefferson und Abraham Lincoln blicken aus verschnörkelten Goldrahmen auf uns herab, Heiko Herold, Pressereferent im Generalkonsulat, ist auch dabei. Nancy gießt Kaffee ein und versichert mir: „Seien Sie beruhigt, Ich habe ihn nicht selbst gekocht, er ist von Starbucks.“ Natürlich ist sie Meisterin des Smalltalks; Amerikaner saugen das mit der Muttermilch auf.

Gestern Abend war sie bis elf Uhr unterwegs. „Das ist nicht immer einfach für jemanden, der gewohnt ist, sehr früh aufzustehen“, gesteht sie. Normalerweise befindet sie sich um diese Zeit schon in tiefem Schlaf, um früh am Morgen ihre Fitness-Übungen zu machen und Nachrichten zu hören: BBC, CNN und dann NDR Info, nicht zuletzt um ihr Deutsch zu verbessern. Disziplin scheint ihr selbstverständlich zu sein. Wir sprechen Englisch, da fühlt sie sich wohler. Dabei ist ihr Deutsch gar nicht schlecht, aber das ist ihr wahrscheinlich nicht perfekt genug. Französisch und Chinesisch spricht sie fließend, Arabisch, Russisch und Dari hat sie auch gelernt.

Ihren ersten Auslandseinsatz hatte sie Anfang der 1980er Jahre. Als 22-jährige Freiwillige ging sie mit dem Peace Corps in den Kongo und unterrichtete dort Englisch in einem Rebellendorf, das die Regierung des zentralafrikanischen Landes von der Umwelt abgeschnitten hatte: „Keine Zeitung, kein Radio ... Die Erfahrung dort hat mir die Augen geöffnet. Danach wollte ich unbedingt in Übersee arbeiten.“

Präsident John F. Kennedy, der das Friedenscorps zu Zeiten des Kalten Krieges gründete, war schon als Kind ihr Idol. Sie erinnert sich genau, dass sie krank war und deshalb nicht im Kindergarten, als er 1963 ermordet wurde. Die Bilder aus Dallas hinterließen einen anhaltenden Eindruck bei ihr. Kennedys berühmtester Satz war quasi das Leitmotto ihrer Familie: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern denk darüber nach, was du für dein Land tun kannst.“ Sollten wir Deutschen uns diese Devise nicht auch öfter mal zu Herzen nehmen? Ach, das darf sie als Diplomatin wahrscheinlich gar nicht empfehlen. „Richtig“, antwortet sie, „aber ich finde, jeder sollte sich das hin und wieder zu Herzen nehmen.“

Sich einfügen, dazugehören, das passt zu ihrem Wesen, und deshalb passt die Diplomatie gut zu ihr. „Was heißt denn diplomatisch letztendlich?“ fragt sie mich, um dann gleich selbst zu definieren: „Sich mit anderen Menschen zu beschäftigen und ein aktiver Zuhörer zu sein!“ Ihre Aufgabe ist es, Kontakt mit Menschen im gesamten norddeutschen Raum zu halten. Sie liebt ihre Fahrten in die Provinz, nach Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern.

Ursprünglich stammt sie aus der Gegend um San Francisco, beide Eltern waren Lehrer an öffentlichen Schulen und sozial engagiert. Das erzählt sie mit Zurückhaltung, aus Angst, ich könne Schlüsse auf ihre parteipolitische Orientierung ziehen. Ist es mühsam, immer diplomatisch zu sein? „Es kann manchmal schwierig sein“, gibt sie zu. Würde sie nicht gern einfach mal rundheraus sagen, was sie denkt? „Hmmm... Ab und zu kann man das, mit guten Freunden und Kollegen. So ein Ventil braucht man auch.“

Und manchmal bezieht das Konsulat auch klare Position: Anlässlich des Christopher Street Days wird es jährlich in regenbogenfarbenes Licht getaucht. Auf dem Hintergrund der emotionalen und kontroversen Debatte um Schwulenrechte wundert mich das ein wenig, aber Nancy Corbett ist bleibt ganz unbeirrt: „Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat im letzten Jahr entschieden, dass das Grundrecht auf Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt. Im US-Außenministerium sind solche Paare längst akzeptiert.“

Also wird die Regenbogenfahne auch im kommenden August wieder vor dem kleinen weißen Haus an der Alster flattern, natürlich nicht am selben Mast wie üblicherweise das Sternenbanner, das verbieten die Regeln. Und vielleicht auch zum letzten Mal, denn das Generalkonsulat wird in die Hafencity umziehen. Wann genau, steht noch nicht fest, klar aber ist, dass Nancy Corbett ihren persönlichen Standort schon vorher verlagert. Im Spätsommer oder Herbst wird sie Hamburg nach drei Jahren verlassen.

Nancys Ehemann, James Boughner, ist ebenfalls Diplomat und zur Zeit an der amerikanischen Botschaft in Berlin tätig. Sie lernte ihn 1990 in China kennen. „By mistake!“ betont Nancy, aus Versehen also. Eigentlich hatte sie ihren freien Samstag, den sie am liebsten den ganzen Tag im Schlafanzug verbringen wollte. Doch dann sollte sie diesen Kollegen abholen, der mit einer dicken Tasche voller Geld anreiste, die unbedingt im Safe der Botschaft verstaut werden musste. „Ich war müde, schlecht gelaunt und sah gar nicht gut aus.“ Doch das konnte nicht verhindern, dass die beiden schon im nächsten Jahr heirateten.

Nun stehen sie alle zwei, drei Jahre vor der Herausforderung sich zu einigen, wohin die Reise geht. „Es müssen zwei annehmbare Jobs in derselben Gegend frei sein und sie müssen zu unserem Rang und unseren Fähigkeiten passen. Das ist wirklich schwer.“ Sechs Orte haben sie als mögliche nächste Station identifiziert. Und dann gehen erstmal die Verhandlungen der beiden untereinander los. Wo sie nach ihrem Deutschland-Aufenthalt landen werden, ist noch nicht geklärt, vielleicht erstmal an der Diplomaten-Schule in Virginia, um ihre Arabisch-Kenntnisse zu intensivieren.

Könnte sie denn jeden Präsidenten im Ausland repräsentieren? Was wäre zum Beispiel mit Donald Trump? Natürlich will sie den Wahlkampf nicht kommentieren, aber: „Wir hatten in der Vergangenheit Präsidenten, die gegen das Wahlrecht für Frauen waren. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht so einfach zurückdrehen. Kein Präsident könnte so leicht eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs kippen.“ Das ist Fakt, ganz klar und ganz diplomatisch.

Als wir uns in ihrem Labor im Heinrich-Pette-Institut auf dem UKE-Gelände treffen, gibt es gerade ein aktuelles Problem. Lassafieber in Deutschland. Vor einigen Wochen war in Köln ein Patient daran gestorben, dessen Bestatter ist ebenfalls erkrankt. Und nun scheint sich noch jemand mit dem Tropenvirus infiziert zu haben. Sollte sich das bewahrheiten, wird Dr. Marylyn Addo ihn behandeln.

Bringt sie sich damit nicht selbst in Ansteckungsgefahr? Sie schüttelt den Kopf. „Wenn man weiß, mit welcher Krankheit man es zu tun hat, kann man sich schützen.“ Gefährlich wird es oft, wenn die Diagnose erst später gestellt wird. Und manchmal machen Menschen Fehler. „Es gibt strenge Regeln, an die man sich halten muss und die auch trainiert werden. Wenn etwas schiefgeht, dann hat nicht selten jemand die Regeln nicht beachtet, sich zum Beispiel ins Gesicht gefasst.“

Marylyn Addo ist Forscherin für neuartige Virus-Infektionen und gleichzeitig behandelnde Ärztin für solche Erkrankungen. „Ich habe eigentlich drei Hüte auf“, erklärt sie, und dementsprechend hat sie auch drei Büros: Eins im Bernhard-Nocht-Institut am Hafen, eins in der Infektiologie der Uni-Klinik Eppendorf und ein drittes im Labor des Heinrich-Pette-Instituts. Nebenbei ist sie noch ehrenamtlich in der Ethikkommission der Hamburger Ärztekammer und ehrenamtliche Professorin in Durban, Südafrika. Im Grunde trägt sie mindestens ein halbes Dutzend Hüte auf dem Kopf.

Anspannung oder Stress merke ich ihr erstaunlicherweise trotzdem nicht an. Freundlich, zugewandt und charmant ist sie, trotz des aktuellen Problems, und obwohl sie gerade erst von einer Tagung in Köln zurückkommt und noch nicht mal Zeit hatte, die Koffer vom Skiurlaub mit den Kindern auszupacken. „Eigentlich bin ich genetisch nicht fürs Skifahren vorprogrammiert, aber nachdem ich in der Schweiz gewohnt habe, wurde ich infiziert“, erklärt sie lachend. Sie ist eine aparte Erscheinung, heute in schwarz-weißem Etuikleid unter dem blauen Kittel, hohe Stiefel, Schmuck aus Silber und Leder.

Eine Kollegin zeigt mir die Eisschränke, in denen bei bis zu minus 80 Grad Plasma-, Speichel- und Urinproben aufbewahrt werden. Zellproben wollen es noch kälter, sie lagern in Fässern bei bis zu minus 190 Grad. Impfstoffe und Medikamente werden hier getestet, zum Beispiel gegen das Ebola-Virus.

Nach Ausbruch der Epidemie im letzten Jahr haben Forscher in der ganzen Welt auf Hochtouren gearbeitet, Marylyn Addo eingeschlossen. „Habe ich um 4 Uhr nachts eine E-Mail nach Genf geschickt, dann kam prompt um 4:05 Uhr die Antwort. Die Regularien, die wir sonst in sechs Monaten durchlaufen haben, mussten nun sehr viel schneller erledigt werden.“ Bevor ein Impfstoff oder Medikament erforscht und getestet werden kann, müssen Anträge geschrieben werden, um Genehmigungen und Finanzierungen zu erhalten. Das galt auch zu Hochzeiten des Ebola-Ausbruchs. „Ich habe immer schon über meine Grenzen gehen können, wenn es sein musste.“

Geboren (1970) und aufgewachsen ist Marylyn im rheinländischen Troisdorf: „Gut behütet und beschützt.“ Zunächst hat sie „sehr aktiv versucht, nicht Medizin zu studieren“, wollte nicht dem Klischee entsprechen, dass Arztfamilien immer Ärzte hervorbringen. Ihr Vater nämlich war auch Mediziner, einer der ersten Stipendiaten aus dem unabhängig gewordenen Ghana. Die Eltern haben sich im Krankenhaus kennengelernt, wo die Mutter in der Verwaltung tätig war. Allerdings, betont Marylyn, war ihr Vater dort als Patient, nicht als Arzt, und die Mutter hat ihm geholfen, die Papiere auszufüllen.

„So eine mixed race Familie, das war in den 1970er Jahren in Deutschland nicht einfach. Ich habe meine Erfahrungen gemacht, aber nichts, das mich traumatisiert hätte.“ Philosophie hat sie studiert, sich für Theologie und Lebensmittelchemie interessiert... Am Ende schlug ihr Herz doch für die Medizin. „Und wenn ich zurückblicke, würde ich das immer wieder studieren.“

Ihr Studium hat sie in Bonn, Straßburg und Lausanne absolviert, die Promotion mit einem Diplom der London School for Tropical Medicine ergänzt. Eine infektiologische Ausbildung gab es damals in Deutschland noch nicht, deshalb ging sie 1999 nach Boston, wo sie vierzehn Jahre mit ihrem Mann, ebenfalls Mediziner, lebte und arbeitete. Dort wurden auch ihre Kinder, heute sieben und dreizehn Jahre alt, geboren.

An der Harvard Medical School hat Marylyn Addo alle Staatsexamen noch einmal auf Englisch gemacht, anschließend noch mal drei praktische Ausbildungsjahre in der Klinik absolviert, denn eine deutsche Facharzt-Qualifikation wird in den USA nicht anerkannt. Das alles hat sie auf sich genommen, weil sie sich keinesfalls auf die Wissenschaft beschränken, sondern unbedingt auch als behandelnde Ärztin tätig sein wollte.

Im Bezug zum Patienten liegt die Motivation für ihre Forschungsarbeit. So befasst sie sich seit Jahren auch mit HIV und AIDS, das weltweit immer noch zu den zehn häufigsten Todesursachen zählt. „Ich bin eine Forscherin, die gerne den Zweck sieht. Es gibt sicherlich viele Fragen, die wichtige Bausteine zur Erklärung des Universums sind, aber ich würde zum Beispiel weniger gern das Geschlechtshormon des Zebrafisches erforschen.“ Sie braucht die Interaktion mit Patienten und mit Menschen überhaupt. „Ich bin nicht die Art von Wissenschaftlerin, die keine Menschen mag und deswegen ewig durchs Mikroskop guckt.“

Als im Juli 2015 die Nachricht kam, dass sich ein getesteter Ebola-Impfstoff in frühen Studien hundertprozentig wirksam zeigte, schwebte Marylyn Addo „wie auf Wolke sieben. Da konnte ich auch meinen Kindern, die gerade im letzten Jahr oft auf mich verzichten mussten, sagen: Guckt mal, das ist auch eurem Einsatz zu verdanken.“

Jede Woche Donnerstag gibt es ein internationales Ebola-Update, das alle Forscher auf dem Laufenden hält. Ein Medikament zur Heilung ist noch nicht gefunden. „Auf der einen Seite“, erklärt mir Marylyn Addo, „sind wir natürlich froh, dass der Ausbruch fast vorbei ist. Aber wenn es keine Infektionen gibt, kann man auch keine Medikamente auf ihre Wirksamkeit testen.“ Denn hier im Labor, weitab vom realen Umfeld der Krankheit, lassen sich nur einige Phasen der Forschung erledigen.

Es scheint, als würden die Abstände immer kürzer, bis ein internationaler Viren-Alarm vom nächsten abgelöst wird: Ebola, Zika, Lassa... Müssen wir uns an immer neue Viren gewöhnen? „Die meisten dieser Viren“, gibt Marylyn Addo zu bedenken, „kennen wir schon lange, Ebola seit 1967, Lassa ist auch schon länger bekannt. Bisher haben sie aber ihren Weg selten aus Afrika, aus ihren geographischen Regionen heraus gefunden. Heute ist die Welt sehr vernetzt.“ Sehr leise spricht sie und ziemlich schnell.

In ihren Vorträgen zeigt sie gern eine Karte, auf der alle Flüge, die sich zu einer bestimmten Zeit in der Luft befinden, zu sehen sind. Es wimmelt nur so von Flugzeugen, und sofort wird deutlich, wie groß heute die
Gefahr ist, dass ein Reisender ein Virus um die halbe Welt transportiert. „Allerdings“, beruhigt sie, „wir haben zwar große Angst vor Erkrankungen wie der Ebolainfektion oder dem Lassafieber, aber sie sind im Grunde genommen nur schwer übertragbar. Es braucht den direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten. Sie fliegen nicht durch die Luft wie die Grippe.“ Und übrigens hat sich der Lassa-Verdacht, der sie vor einigen Tagen in Atem hielt, nicht bewahrheitet.

Warum eigentlich hinkt die Forschung hinterher? Warum gibt es für all diese altbekannten Krankheitsauslöser weder Impfstoffe noch Heilmittel? Leider habe die Welt keine unlimitierten Ressourcen, bedauert Marylyn Addo. „Wenn jemand 2002 Gelder für die Entwicklung eines Ebola-Impfstoffes beantragt hätte, dann hätte die Welt geschrien: Ja, wozu denn das? Nur für die paar hundert Leute, die da irgendwo im Urwald erkranken, können wir doch nicht so viel Geld ausgeben. Schließlich haben wir auch noch andere Krankheiten wie Krebs oder Demenz.“

Müssen wir da nicht umdenken, mehr in Richtung Vorsorge? Doch, bestätigt sie, und genau das sei jetzt geplant. Die WHO habe eine Liste der zehn wichtigsten Viren erstellt, die das Potenzial zu großen Ausbrüchen in sich tragen. In internationaler Zusammenarbeit sollen Impfstoffe und Therapien entwickelt werden. „Das ist ein sehr positives Vorhaben, das sich aus so einer großen Tragödie ergeben hat.“ Und natürlich haben Marylyn Addo und ihr Team auch schon einen Antrag gestellt, um für drei Impfstoffe mit ins Rennen zu gehen.

Petra Oelker ist gerade im Endspurt, als wir uns das erste Mal treffen. Sie schreibt an den letzten Kapiteln für ihren neuen Roman „Emmas Reise“, der im kommenden Herbst erscheinen wird, und sie ist im Verzug. Eigentlich hätte sie schon abgeben müssen. Das mache sie etwas nervös, zumal sie eigentlich gar nicht schreiben könne, gesteht sie mir gleich zur Begrüßung. Ach, das kann ja interessant werden: eine Schriftstellerin, die nicht schreiben kann!

„Ich zähle immer durch“, sagt sie, nachdem wir uns an einen dunklen Holztisch gesetzt haben. Sie zeigt auf eine Ecke im Regal, in der sie die selbst verfassten Bücher sammelt. „Ich glaube, jetzt sind es 25, die haben sich alle gut verkauft. Es kann eigentlich nicht sein, dass ich es nicht kann.“ Wir lachen. Aber am Anfang sei es wirklich immer furchtbar schwer. „Alle wollen ins erste Kapitel, ich habe immer sehr viel Personal.“ Im ersten Moment stutze ich. Doch dann fällt der Groschen. „Und einigen Figuren muss ich sagen: Ihr könnt nicht mitspielen, es sind schon so viele! Ich hebe euch auf für ein anderes Buch. Ganz doof! Das zu sortieren am Anfang, ist für mich sehr schwer.“ Deswegen muss sie dabei leider immer ganz viel Schokolade essen. Nervenfutter.

Auf Fotos macht Petra Oelker oft einen burschikosen, manchmal sogar herben Eindruck. In der persönlichen Begegnung bewahrheitet sich das nicht. Ihre zarteren, sensiblen Facetten zeigen sich sofort. „Ich plappere immer so, Sie müssen mich unterbrechen!“ fordert sie mich freundlich auf, aber ich bin natürlich sehr froh, dass sie plappert.

Im Nebenraum ist ihr Arbeitsplatz, der wie selbstverständlich jeder klischeehaften Erwartung gerecht wird: Ein mittelgroßer Schreibtisch, links ein paar Unterlagen, rechts ein Telefon, in der Mitte ein sehr großer Bildschirm. Die Regalwand dahinter bis zur Decke mit Büchern gefüllt. Letzte Woche, erklärt sie, habe hier noch eine ganze Wanne voller Recherchematerial gestanden, lauter kopierte Bücher. „Bescheuert, das kann man gar nicht alles verwerten! Ich neige dazu, mich festzufressen, weil ich immer alles interessant finde.“

Petra Oelker schreibt historische Romane, auch mal Biografien wie die über Eva Lessing oder zeitgenössische Krimis wie „Tod auf dem Jakobsweg“. Aber bekannt geworden ist sie durch ihre historischen Kriminalromane, in denen sie die Komödiantin
Rosina und den Kaufmann Claes Herrmanns durch das Hamburg des 18. Jahrhunderts schickt, um heimtückische Morde aufzuklären. Beliebt sind ihre Bücher durch die Detailtreue, die Bilder malt von der Stadt und den Menschen damals, ihren Sitten und ihrem Handwerk.
„Natürlich schreibe ich Romane und keine Geschichtsbücher, aber was ich schreibe, soll auch stimmen.“ Deswegen siedelt sie ihre Geschichten nie im Mittelalter an. „Das stimmt nie, denn man weiß einfach zu wenig über diese Zeit.“ Seit sie selber welche schreibt, mag sie historische Romane nicht mehr lesen, denn vieles erscheint ihr „extrem ausgedacht“.

So ein Buch bestimmt mindestens ein Jahr in ihrem Leben. Der neue Roman „Emmas Reise“ nahm sie noch länger in Anspruch, denn die Recherche war aufwendiger als gewöhnlich. Normalerweise spielen ihre Geschichten in einer, höchstens zwei Wochen. „Ich mag diese Geschlossenheit.“ Aber Emma ist lange unterwegs, von Hamburg bis nach Amsterdam, um 1650, also nach dem 30jährigen Krieg. Die Reise führt sie auch in Petra Oelkers niedersächsische Heimat.

In Cloppenburg ist die Krimi-Autorin 1947 geboren, aufgewachsen in umliegenden Dörfern. Häufige Umzüge bestimmten ihre Kindheit. Sie kokettiert gerne damit, dass sie kein Abitur gemacht hat. „In den sechziger Jahren auf dem Land, da hätte ich Fahrschülerin werden müssen...“ Nach der Mittelschule ging es auf die Höhere Handelsschule; das Kind sollte ins Büro. „Bibliophil war mein Elternhaus nicht gerade, aber meine Mutter las gern Romane und Reader’s Digest.“ Zum Geburtstag gab es für Petra und ihre zwei älteren Schwestern immer ein Buch. Und Socken. „Bücher lesen oder draußen sein, im Wäldchen oder am Bach, das war unsere Freizeit.“

Petras Vater arbeitete als Förster, hat sie oft mitgenommen auf seine Streifzüge durch Wald und Feld. Daher ihre Leidenschaft fürs Wandern. Einmal im Jahr macht sie auch heute noch eine Fernwanderung, zwei bis drei Wochen lang mit dem Rucksack: durch die Schweiz, Frankreich, durch Schottland und England, aber auch durchs Sauerland oder den Teutoburger Wald.

Auch die Reiseroute ihrer aktuellen Protagonistin Emma hat sie persönlich abgeklappert, zu Fuß, mit dem Fahrrad, ein Stück mit dem Auto. „Zwischendurch bin ich gewandert. Das war keine gute Idee.“ Sie lacht. „Zwischen Bremen und Bramsche war es ziemlich langweilig. Aber ich muss überall gewesen sein.“

Die Gründlichkeit zahlt sich aus. Bei ihren Recherchen vor Ort landete sie auch in einem ehemaligen Forsthaus, das sie noch aus Kindertagen kannte, heute ein Gasthof. Dort fand sie beim Frühstück eine Broschüre, die zu berichten wusste, dass in der heute bewaldeten Region im 17. Jahrhundert kein einziger Baum gestanden hat. „Wenn ich nicht selbst dort gewesen wäre, hätte ich wunderbare Baumszenen beschrieben. Und das wäre mir sehr peinlich gewesen.“

Schon mit ihrem ersten Krimi „Tod am Zollhaus“ schaffte es Petra Oelker 1997 in die Bestseller-Listen. Eigentlich wollte sie eine „richtige Schmonzette“ schreiben. Heraus kam ein Hamburg-Krimi, 250 Seiten in weniger als sechs Wochen. „Da habe ich noch geübt, es ist ein dünnes Buch.“ Eins, das ursprünglich keiner haben wollte, denn Krimis mit Lokalkolorit waren damals noch nicht im Trend. Eine wage Zusage gab es unter der Maßgabe, sie solle etwas mehr Sex & Crime einarbeiten. Das passte ihr nicht und so schickte sie das Manuskript noch an den Rowohlt-Verlag mit der ausdrücklichen Bitte um eine schnelle Entscheidung.

Die Lektorin fand diese Naivität „totkomisch“, erfuhr Petra Oelker im Nachhinein. Als angehende Schriftstellerin hatte sie damals keine Ahnung, dass unverlangt eingesandte Manuskripte in den Verlagen meist gar nicht beachtet wurden. Eigentlich arbeitete sie zu jener Zeit als freie Journalistin, vor allem für die „Brigitte“, aber die Branche war im grundsätzlichen Wandel begriffen. Die langen Dossiers und Reportagen zu schweren Themen, die Petra Oelker nach aufwendiger Recherche geschrieben hatte, wurden immer weniger gefragt. „Das Buch war halt ein Versuch. Und wenn es keiner will, dachte ich damals, dann gehe ich Kartoffeln verkaufen. Oder so was.“

Flexibel hatte sie sich im Laufe ihrer beruflichen Entwicklung schon häufig gezeigt. „Meine Ausbildung mäanderte vor sich hin, weil ich nie etwas durchgehalten habe.“ So war sie einige Jahre als medizinisch-technische Assistentin tätig, dann studierte sie Sozialpädagogik und arbeitete mit Jugendlichen, hängte später noch ein Pädagogikstudium dran und ging als Dozentin in die Erwachsenenbildung. Zwischendurch betätigte sie sich kurz als Weinhändlerin, fand dann 1981 – da war sie Mitte 30 – über die frisch gegründete „Hamburger Rundschau“ in den Journalismus.

Fünf Monate hielt sie es als Chefin vom Dienst bei der „TAZ“ aus. „Ich wollte nie, nie, nie Chefin sein! Manchmal bin ich mit der Wärmflasche auf dem Bauch durch die Redaktion gelaufen.“ Wir amüsieren uns über die Zeiten, als man bei der „TAZ“ noch mit dem Duden unter dem Arm für die korrekte Rechtschreibung werben musste. Zu ihrem Glück wurde Petra dann von der „Brigitte“ abgeworben, für die sie fast ein Jahrzehnt im Themenbereich Gesundheit, Arbeit, Soziales und Psychologie schrieb. Bis zum ersten Bestseller-Krimi eben.

Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, zeigt mir Handy-Fotos von ihren Wanderungen und Kopien von Gemälden, die sie inspiriert haben. „Wenn ich anfange zu schreiben, dann weiß ich den Anfang, das Ende und die Mitte. Wenn es ein Krimi ist, weiß ich, wer das Opfer ist und warum, wer die Täter sind und warum. Ich lasse mich nicht am Schluss überraschen.“

Der Schluss des neuen Buches muss also nur noch aufgeschrieben werden. Anschließend die Korrekturgänge, dann tief Luft holen und endlich wird sie wieder Zeit haben für andere Dinge, die sie so gerne macht: ins Theater gehen, melodramatische Opern oder Neues vom Ensemble Resonanz hören. Diese Töne erwärmen ihr Herz. Aber auch wenn das Schreiben sie von schönen Erlebnissen dieser Art zeitweise fernhält, auch wenn es ihr nach 25 Büchern immer noch sehr mühsam erscheint, auch wenn sie eigentlich gar nicht schreiben kann, so ist sie inzwischen doch zu dem Schluss gekommen: „Da wo ich bin, bin ich genau richtig: allein hinter meinem Schreibtisch.“

Sonntag Morgen in der Laeiszhalle. Die Musiker des NDR Sinfonieorchesters treten heute mit Koffern an, denn im Anschluss an das Konzert geht es gleich auf Tourneereise nach Polen. „Eigentlich“, erklärt mir Andrea Zietzschmann, „waren unsere Termine schon straff geplant. Aber dann hat uns die deutsche Botschaft in Warschau sehr eindringlich klar gemacht, dass ein Empfang beim Staatspräsidenten angesichts der aktuell schwierigen politischen Beziehungen ein wichtiges Signal setzen würde.“ Die Musik als diplomatisches Mittel? Ja, das hat sie schon häufiger erlebt.

Andrea Zietzschmann ist seit gut zwei Jahren die Leiterin des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte im Norddeutschen Rundfunk. Sozusagen Außen- und Innenministerin der vier Klangkörper (so heißt das in der Sprache der Sender), die zu ihrem Verantwortungsbereich gehören: der Chor, die Bigband, die Radiophilharmonie in Hannover sowie das NDR Sinfonieorchester. Ach nein, den Fehler habe ich schon am Anfang gemacht: NDR Elbphilharmonie Orchester heißt es jetzt offiziell, denn schließlich stellt der NDR das Hausorchester des neuen Konzerthauses, dessen Eröffnung nun tatsächlich näher rückt. Die Vorbereitungen für den Umzug nehmen in Andrea Zietzschmanns Arbeitsalltag einen großen Raum ein.

Aber jetzt sitzen wir erstmal im ersten Rang links in der neobarocken Laeiszhalle, lauschen den Klängen von Schostakowitschs zehnter Sinfonie, dirigiert von Krzysztof Urbański. Andrea Zietzschmann ist begeistert: „Gerade mal Mitte dreißig und er dirigiert alles aus dem Kopf, ohne Partitur!“ Da vergisst sie schnell, dass sie sonntags eigentlich gern mal länger schläft und dann die Zeit mit ihrer neun-jährigen Tochter und ihrem Mann verbringt.

In der Pause auf den Fluren vor dem Dirigentenzimmer kennt sie jeden, tauscht ein paar freundliche, kollegiale Worte, bleibt zurückhaltend. Den Pferdeschwanz hat sie mit einem einfachen Haargummi zusammengebunden, schwarzes Kleid zu schwarzen Leggings, eine lange Kette mit schmalem silbernen Anhänger, ansonsten kein Schmuck. Dass sie die wichtigen Dirigenten und Musiker der Welt kennt, mit dem inzwischen verstorbenen Claudio Abbado gar ein Orchester – das Mahler Chamber Orchestra – gegründet und es gemanagt hat, das trägt sie nicht vor sich her.

Eine Art Startup war das, aber so nannte man das 1997 noch nicht. „Das war echte Pionierarbeit“, schwärmt Andrea Zietzschmann noch heute. „Das Orchester musste ohne Subventionen auskommen. Wir haben uns nur über unsere Einnahmen, Drittmittel und Sponsoren finanziert. Da war unser Improvisationstalent ständig gefragt.“

Die jungen Musiker kamen aus zwanzig verschiedenen Nationen, hatten das Ziel, West und Ost miteinander zu verbinden – die Mauer stand noch – und traten weltweit auf: Tokio, Turin, Paris, Brüssel...

Andrea war damals Ende zwanzig. Sie hatte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Volkswirtschaft in Freiburg, Wien und Hamburg studiert. Eine ungewöhnliche Kombination. „Ich wollte in jedem Fall etwas mit Musik machen. Aber Stunden lang ein Instrument üben, das schien mir zu einseitig. Ich hatte so viele andere Interessen neben der Geige und der Musik: Sport, lesen, Freunde sehen... Da entdeckte ich mein Talent für das Organisieren.“

Schon während ihres Studiums arbeitete sie für den Westdeutschen Rundfunk, die Staatsopern in Stuttgart und hier in Hamburg. Nach sechs Jahren Pionierarbeit für das Mahler Chamber Orchestra ging sie als Orchestermanagerin und später Musikchefin zum Hessischen Rundfunk.

Dass ihre Jobs mit vielen Reisen verbunden sind, ist ihr gerade recht. Schon als Kind flog sie häufig nach Venezuela, wohin ein Teil ihrer Familie ausgewandert war. Oft fuhren die Eltern mit ihr und der älteren Schwester auch einfach los nach Südeuropa, ohne nähere Pläne gemacht zu haben. Also liebt sie heute Abenteuerreisen nach Kambodscha oder Vietnam ebenso wie Tourneen nach Polen oder Shanghai.

Geboren ist sie allerdings 1970 im beschaulichen Schwenningen am Neckar. Die Mutter Ärztin, der Vater Betriebswirt, gleichzeitig ein guter Klavierspieler, die Großmutter Opernsängerin, der Großvater eifriger Operngänger. Andrea indes schlich heimlich in den Keller, um ungestört von der Schwester Popmusik auf SWR 3 zu hören.

Was läuft denn heute bei ihr zuhause? „Weltmusik, Pop, Jazz, eigentlich die ganze Bandbreite, nur kein Heavy Metal. Eher weniger klassische Musik, es sei denn, ich lege eine CD ein, um Solisten oder ein Repertoire kennenzulernen. Sonst höre ich eher Musik zum Entspannen.“ Also Klassik ist nichts zum Entspannen? Nein, Klassik kann sie nicht nebenbei hören. Und ihr Mann, Berufsmusiker, nämlich Geiger, erst recht nicht. Manchmal spielt sie selbst ein bisschen Klavier oder auch Flöte, nur für den Hausgebrauch. „Meine Geige liegt schon lange im Schrank. Ich habe einfach keine Zeit dafür. Mein Beruf - das ist ja eigentlich keine Arbeit, sondern eine echte Leidenschaft.“

Als vor kurzem das neue NDR-Musikprogramm auf einer Pressekonferenz vorgestellt wird, hat Andrea Zietzschmann ein fast permanentes Lächeln im Gesicht. Sie ist glücklich über das, was sie da mit auf die Beine gestellt hat. „Der Umzug in die Elbphilharmonie ist ein Meilenstein in der Geschichte des Orchesters. Die Musiker haben jahrelang darauf hingefiebert, endlich in einem eigenen Saal proben und Konzerte geben zu können. Die Begeisterung für die Residenz in der Elbphilharmonie ist riesengroß. Aber natürlich gibt es auch gewisse Ängste, denn die Herausforderung ist beachtlich und der Wettbewerb wird stärker. Wird man dieser Rolle gerecht?“

Die explodierenden Kosten der Elbphilharmonie führen ebenso wie der Rundfunkbeitrag, der bekanntermaßen nicht freiwillig und nicht von allen gern gezahlt wird, immer wieder zu der Frage: Warum soll denn jemand, der nur Schlager oder Metal hört oder gar keine Musik mag, diese „Klangkörper“ und ihre Konzerte mitfinanzieren? „Es ist wie eine flat rate“, so sieht Andrea Zietzschmann das, „das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender ist sehr vielfältig. Jeder nutzt nur einen gewissen Teil. Manche interessieren sich vor allem für Nachrichten, die nächsten für Sport, andere für die Kulturangebote.“

Nur 48 Cent des Rundfunkbeitrags würden beim NDR für die Orchester verwandt, erklärt sie weiter und die Leistung dafür sei enorm. „Ohne unsere Konzerte und ohne unser Engagement bei Festivals, wäre die Kulturlandschaft im Norden wesentlich ärmer. Es gäbe kaum noch professionelle Chöre oder Bigbands.“

Jetzt freut sie sich ganz besonders über die Chancen, in der Elbphilharmonie ein anderes, ein jüngeres Publikum anzusprechen und zeitgenössische Musik zu präsentieren. Dafür schlägt ihr Herz nämlich schon seit Kindheitstagen.

„Wir hatten einen ziemlich verrückten Musiklehrer“, erzählt sie mir, „er hat uns ermuntert, mit ihm zu den Donaueschinger Musiktagen zu gehen. Außer mir wollte keiner so recht. Um 1980 liefen dort ganz extreme Geschichten. Eine Performance endete tatsächlich in einer Schlacht zwischen Publikum und Bühne, drei Blechblasinstrumente wurden zerstampft. Es war eine reine Provokation. Das hat mich schwer beeindruckt.“ So wurde sie schon als Schülerin zur regelmäßigen Besucherin dieser Musiktage, die nicht weit entfernt von ihrem Heimatort stattfanden und heute noch international als eines der wichtigsten Festivals für Gegenwartsmusik gelten.

Ich gestehe ihr, dass mir der Zugang zu den meisten zeitgenössischen Werken fehlt, schwärme von den USA, wo man Beethovens oder Chopins populärste Klavierkonzerte serviert bekommt, ohne sich vorher durch experimentelle Klänge zu kämpfen. „Das ist eine Frage der Vermittlung“, erwidert sie voller Überzeugung. Und deshalb arbeitet sie auch gerne zusammen mit Dirigenten wie Thomas Hengelbrock und Krzysztof Urbański oder Komponisten wie Anders Hillborg, die die Menschen zu erreichen wissen. Hillborgs Werke, sagt sie, seien zugänglich. „Die tun nicht weh!“

Sie erinnert sich an Paavo Järvi, gleichzeitig Chefdirigent in Frankfurt und Cincinnati, wo die Kultur auf staatliche Unterstützung weitgehend verzichten und von Eintrittsgeldern und Spenden leben muss. „Wenn wir über der Programmplanung saßen, dann war Järvi ganz erstaunt über unsere Vorschläge: Wie, das geht? Und das geht auch? Denn in Cincinnati saß immer der Marketingchef dabei und sagte direkt: yes, no, yes, no, je nach Popularität des Programms. Ich finde es schön, dass wir größere künstlerische Freiheiten haben.“ Und außerdem hat sie die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die nicht mit klassischer Musik aufgewachsen sind, schräge, moderne Klassik oft spannender finden als eine Beethoven Sinfonie.

Der Funke ihrer ganz selbstverständlichen Begeisterung springt über. Vielleicht sollte ich doch mal ausgetretene Pfade verlassen und den Hillborgs der nächsten Saison eine Chance geben. Es tut ja nicht weh...

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