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Als wir uns in ihrem Labor im Heinrich-Pette-Institut auf dem UKE-Gelände treffen, gibt es gerade ein aktuelles Problem. Lassafieber in Deutschland. Vor einigen Wochen war in Köln ein Patient daran gestorben, dessen Bestatter ist ebenfalls erkrankt. Und nun scheint sich noch jemand mit dem Tropenvirus infiziert zu haben. Sollte sich das bewahrheiten, wird Dr. Marylyn Addo ihn behandeln.

Bringt sie sich damit nicht selbst in Ansteckungsgefahr? Sie schüttelt den Kopf. „Wenn man weiß, mit welcher Krankheit man es zu tun hat, kann man sich schützen.“ Gefährlich wird es oft, wenn die Diagnose erst später gestellt wird. Und manchmal machen Menschen Fehler. „Es gibt strenge Regeln, an die man sich halten muss und die auch trainiert werden. Wenn etwas schiefgeht, dann hat nicht selten jemand die Regeln nicht beachtet, sich zum Beispiel ins Gesicht gefasst.“

Marylyn Addo ist Forscherin für neuartige Virus-Infektionen und gleichzeitig behandelnde Ärztin für solche Erkrankungen. „Ich habe eigentlich drei Hüte auf“, erklärt sie, und dementsprechend hat sie auch drei Büros: Eins im Bernhard-Nocht-Institut am Hafen, eins in der Infektiologie der Uni-Klinik Eppendorf und ein drittes im Labor des Heinrich-Pette-Instituts. Nebenbei ist sie noch ehrenamtlich in der Ethikkommission der Hamburger Ärztekammer und ehrenamtliche Professorin in Durban, Südafrika. Im Grunde trägt sie mindestens ein halbes Dutzend Hüte auf dem Kopf.

Anspannung oder Stress merke ich ihr erstaunlicherweise trotzdem nicht an. Freundlich, zugewandt und charmant ist sie, trotz des aktuellen Problems, und obwohl sie gerade erst von einer Tagung in Köln zurückkommt und noch nicht mal Zeit hatte, die Koffer vom Skiurlaub mit den Kindern auszupacken. „Eigentlich bin ich genetisch nicht fürs Skifahren vorprogrammiert, aber nachdem ich in der Schweiz gewohnt habe, wurde ich infiziert“, erklärt sie lachend. Sie ist eine aparte Erscheinung, heute in schwarz-weißem Etuikleid unter dem blauen Kittel, hohe Stiefel, Schmuck aus Silber und Leder.

Eine Kollegin zeigt mir die Eisschränke, in denen bei bis zu minus 80 Grad Plasma-, Speichel- und Urinproben aufbewahrt werden. Zellproben wollen es noch kälter, sie lagern in Fässern bei bis zu minus 190 Grad. Impfstoffe und Medikamente werden hier getestet, zum Beispiel gegen das Ebola-Virus.

Nach Ausbruch der Epidemie im letzten Jahr haben Forscher in der ganzen Welt auf Hochtouren gearbeitet, Marylyn Addo eingeschlossen. „Habe ich um 4 Uhr nachts eine E-Mail nach Genf geschickt, dann kam prompt um 4:05 Uhr die Antwort. Die Regularien, die wir sonst in sechs Monaten durchlaufen haben, mussten nun sehr viel schneller erledigt werden.“ Bevor ein Impfstoff oder Medikament erforscht und getestet werden kann, müssen Anträge geschrieben werden, um Genehmigungen und Finanzierungen zu erhalten. Das galt auch zu Hochzeiten des Ebola-Ausbruchs. „Ich habe immer schon über meine Grenzen gehen können, wenn es sein musste.“

Geboren (1970) und aufgewachsen ist Marylyn im rheinländischen Troisdorf: „Gut behütet und beschützt.“ Zunächst hat sie „sehr aktiv versucht, nicht Medizin zu studieren“, wollte nicht dem Klischee entsprechen, dass Arztfamilien immer Ärzte hervorbringen. Ihr Vater nämlich war auch Mediziner, einer der ersten Stipendiaten aus dem unabhängig gewordenen Ghana. Die Eltern haben sich im Krankenhaus kennengelernt, wo die Mutter in der Verwaltung tätig war. Allerdings, betont Marylyn, war ihr Vater dort als Patient, nicht als Arzt, und die Mutter hat ihm geholfen, die Papiere auszufüllen.

„So eine mixed race Familie, das war in den 1970er Jahren in Deutschland nicht einfach. Ich habe meine Erfahrungen gemacht, aber nichts, das mich traumatisiert hätte.“ Philosophie hat sie studiert, sich für Theologie und Lebensmittelchemie interessiert... Am Ende schlug ihr Herz doch für die Medizin. „Und wenn ich zurückblicke, würde ich das immer wieder studieren.“

Ihr Studium hat sie in Bonn, Straßburg und Lausanne absolviert, die Promotion mit einem Diplom der London School for Tropical Medicine ergänzt. Eine infektiologische Ausbildung gab es damals in Deutschland noch nicht, deshalb ging sie 1999 nach Boston, wo sie vierzehn Jahre mit ihrem Mann, ebenfalls Mediziner, lebte und arbeitete. Dort wurden auch ihre Kinder, heute sieben und dreizehn Jahre alt, geboren.

An der Harvard Medical School hat Marylyn Addo alle Staatsexamen noch einmal auf Englisch gemacht, anschließend noch mal drei praktische Ausbildungsjahre in der Klinik absolviert, denn eine deutsche Facharzt-Qualifikation wird in den USA nicht anerkannt. Das alles hat sie auf sich genommen, weil sie sich keinesfalls auf die Wissenschaft beschränken, sondern unbedingt auch als behandelnde Ärztin tätig sein wollte.

Im Bezug zum Patienten liegt die Motivation für ihre Forschungsarbeit. So befasst sie sich seit Jahren auch mit HIV und AIDS, das weltweit immer noch zu den zehn häufigsten Todesursachen zählt. „Ich bin eine Forscherin, die gerne den Zweck sieht. Es gibt sicherlich viele Fragen, die wichtige Bausteine zur Erklärung des Universums sind, aber ich würde zum Beispiel weniger gern das Geschlechtshormon des Zebrafisches erforschen.“ Sie braucht die Interaktion mit Patienten und mit Menschen überhaupt. „Ich bin nicht die Art von Wissenschaftlerin, die keine Menschen mag und deswegen ewig durchs Mikroskop guckt.“

Als im Juli 2015 die Nachricht kam, dass sich ein getesteter Ebola-Impfstoff in frühen Studien hundertprozentig wirksam zeigte, schwebte Marylyn Addo „wie auf Wolke sieben. Da konnte ich auch meinen Kindern, die gerade im letzten Jahr oft auf mich verzichten mussten, sagen: Guckt mal, das ist auch eurem Einsatz zu verdanken.“

Jede Woche Donnerstag gibt es ein internationales Ebola-Update, das alle Forscher auf dem Laufenden hält. Ein Medikament zur Heilung ist noch nicht gefunden. „Auf der einen Seite“, erklärt mir Marylyn Addo, „sind wir natürlich froh, dass der Ausbruch fast vorbei ist. Aber wenn es keine Infektionen gibt, kann man auch keine Medikamente auf ihre Wirksamkeit testen.“ Denn hier im Labor, weitab vom realen Umfeld der Krankheit, lassen sich nur einige Phasen der Forschung erledigen.

Es scheint, als würden die Abstände immer kürzer, bis ein internationaler Viren-Alarm vom nächsten abgelöst wird: Ebola, Zika, Lassa... Müssen wir uns an immer neue Viren gewöhnen? „Die meisten dieser Viren“, gibt Marylyn Addo zu bedenken, „kennen wir schon lange, Ebola seit 1967, Lassa ist auch schon länger bekannt. Bisher haben sie aber ihren Weg selten aus Afrika, aus ihren geographischen Regionen heraus gefunden. Heute ist die Welt sehr vernetzt.“ Sehr leise spricht sie und ziemlich schnell.

In ihren Vorträgen zeigt sie gern eine Karte, auf der alle Flüge, die sich zu einer bestimmten Zeit in der Luft befinden, zu sehen sind. Es wimmelt nur so von Flugzeugen, und sofort wird deutlich, wie groß heute die
Gefahr ist, dass ein Reisender ein Virus um die halbe Welt transportiert. „Allerdings“, beruhigt sie, „wir haben zwar große Angst vor Erkrankungen wie der Ebolainfektion oder dem Lassafieber, aber sie sind im Grunde genommen nur schwer übertragbar. Es braucht den direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten. Sie fliegen nicht durch die Luft wie die Grippe.“ Und übrigens hat sich der Lassa-Verdacht, der sie vor einigen Tagen in Atem hielt, nicht bewahrheitet.

Warum eigentlich hinkt die Forschung hinterher? Warum gibt es für all diese altbekannten Krankheitsauslöser weder Impfstoffe noch Heilmittel? Leider habe die Welt keine unlimitierten Ressourcen, bedauert Marylyn Addo. „Wenn jemand 2002 Gelder für die Entwicklung eines Ebola-Impfstoffes beantragt hätte, dann hätte die Welt geschrien: Ja, wozu denn das? Nur für die paar hundert Leute, die da irgendwo im Urwald erkranken, können wir doch nicht so viel Geld ausgeben. Schließlich haben wir auch noch andere Krankheiten wie Krebs oder Demenz.“

Müssen wir da nicht umdenken, mehr in Richtung Vorsorge? Doch, bestätigt sie, und genau das sei jetzt geplant. Die WHO habe eine Liste der zehn wichtigsten Viren erstellt, die das Potenzial zu großen Ausbrüchen in sich tragen. In internationaler Zusammenarbeit sollen Impfstoffe und Therapien entwickelt werden. „Das ist ein sehr positives Vorhaben, das sich aus so einer großen Tragödie ergeben hat.“ Und natürlich haben Marylyn Addo und ihr Team auch schon einen Antrag gestellt, um für drei Impfstoffe mit ins Rennen zu gehen.

Petra Oelker ist gerade im Endspurt, als wir uns das erste Mal treffen. Sie schreibt an den letzten Kapiteln für ihren neuen Roman „Emmas Reise“, der im kommenden Herbst erscheinen wird, und sie ist im Verzug. Eigentlich hätte sie schon abgeben müssen. Das mache sie etwas nervös, zumal sie eigentlich gar nicht schreiben könne, gesteht sie mir gleich zur Begrüßung. Ach, das kann ja interessant werden: eine Schriftstellerin, die nicht schreiben kann!

„Ich zähle immer durch“, sagt sie, nachdem wir uns an einen dunklen Holztisch gesetzt haben. Sie zeigt auf eine Ecke im Regal, in der sie die selbst verfassten Bücher sammelt. „Ich glaube, jetzt sind es 25, die haben sich alle gut verkauft. Es kann eigentlich nicht sein, dass ich es nicht kann.“ Wir lachen. Aber am Anfang sei es wirklich immer furchtbar schwer. „Alle wollen ins erste Kapitel, ich habe immer sehr viel Personal.“ Im ersten Moment stutze ich. Doch dann fällt der Groschen. „Und einigen Figuren muss ich sagen: Ihr könnt nicht mitspielen, es sind schon so viele! Ich hebe euch auf für ein anderes Buch. Ganz doof! Das zu sortieren am Anfang, ist für mich sehr schwer.“ Deswegen muss sie dabei leider immer ganz viel Schokolade essen. Nervenfutter.

Auf Fotos macht Petra Oelker oft einen burschikosen, manchmal sogar herben Eindruck. In der persönlichen Begegnung bewahrheitet sich das nicht. Ihre zarteren, sensiblen Facetten zeigen sich sofort. „Ich plappere immer so, Sie müssen mich unterbrechen!“ fordert sie mich freundlich auf, aber ich bin natürlich sehr froh, dass sie plappert.

Im Nebenraum ist ihr Arbeitsplatz, der wie selbstverständlich jeder klischeehaften Erwartung gerecht wird: Ein mittelgroßer Schreibtisch, links ein paar Unterlagen, rechts ein Telefon, in der Mitte ein sehr großer Bildschirm. Die Regalwand dahinter bis zur Decke mit Büchern gefüllt. Letzte Woche, erklärt sie, habe hier noch eine ganze Wanne voller Recherchematerial gestanden, lauter kopierte Bücher. „Bescheuert, das kann man gar nicht alles verwerten! Ich neige dazu, mich festzufressen, weil ich immer alles interessant finde.“

Petra Oelker schreibt historische Romane, auch mal Biografien wie die über Eva Lessing oder zeitgenössische Krimis wie „Tod auf dem Jakobsweg“. Aber bekannt geworden ist sie durch ihre historischen Kriminalromane, in denen sie die Komödiantin
Rosina und den Kaufmann Claes Herrmanns durch das Hamburg des 18. Jahrhunderts schickt, um heimtückische Morde aufzuklären. Beliebt sind ihre Bücher durch die Detailtreue, die Bilder malt von der Stadt und den Menschen damals, ihren Sitten und ihrem Handwerk.
„Natürlich schreibe ich Romane und keine Geschichtsbücher, aber was ich schreibe, soll auch stimmen.“ Deswegen siedelt sie ihre Geschichten nie im Mittelalter an. „Das stimmt nie, denn man weiß einfach zu wenig über diese Zeit.“ Seit sie selber welche schreibt, mag sie historische Romane nicht mehr lesen, denn vieles erscheint ihr „extrem ausgedacht“.

So ein Buch bestimmt mindestens ein Jahr in ihrem Leben. Der neue Roman „Emmas Reise“ nahm sie noch länger in Anspruch, denn die Recherche war aufwendiger als gewöhnlich. Normalerweise spielen ihre Geschichten in einer, höchstens zwei Wochen. „Ich mag diese Geschlossenheit.“ Aber Emma ist lange unterwegs, von Hamburg bis nach Amsterdam, um 1650, also nach dem 30jährigen Krieg. Die Reise führt sie auch in Petra Oelkers niedersächsische Heimat.

In Cloppenburg ist die Krimi-Autorin 1947 geboren, aufgewachsen in umliegenden Dörfern. Häufige Umzüge bestimmten ihre Kindheit. Sie kokettiert gerne damit, dass sie kein Abitur gemacht hat. „In den sechziger Jahren auf dem Land, da hätte ich Fahrschülerin werden müssen...“ Nach der Mittelschule ging es auf die Höhere Handelsschule; das Kind sollte ins Büro. „Bibliophil war mein Elternhaus nicht gerade, aber meine Mutter las gern Romane und Reader’s Digest.“ Zum Geburtstag gab es für Petra und ihre zwei älteren Schwestern immer ein Buch. Und Socken. „Bücher lesen oder draußen sein, im Wäldchen oder am Bach, das war unsere Freizeit.“

Petras Vater arbeitete als Förster, hat sie oft mitgenommen auf seine Streifzüge durch Wald und Feld. Daher ihre Leidenschaft fürs Wandern. Einmal im Jahr macht sie auch heute noch eine Fernwanderung, zwei bis drei Wochen lang mit dem Rucksack: durch die Schweiz, Frankreich, durch Schottland und England, aber auch durchs Sauerland oder den Teutoburger Wald.

Auch die Reiseroute ihrer aktuellen Protagonistin Emma hat sie persönlich abgeklappert, zu Fuß, mit dem Fahrrad, ein Stück mit dem Auto. „Zwischendurch bin ich gewandert. Das war keine gute Idee.“ Sie lacht. „Zwischen Bremen und Bramsche war es ziemlich langweilig. Aber ich muss überall gewesen sein.“

Die Gründlichkeit zahlt sich aus. Bei ihren Recherchen vor Ort landete sie auch in einem ehemaligen Forsthaus, das sie noch aus Kindertagen kannte, heute ein Gasthof. Dort fand sie beim Frühstück eine Broschüre, die zu berichten wusste, dass in der heute bewaldeten Region im 17. Jahrhundert kein einziger Baum gestanden hat. „Wenn ich nicht selbst dort gewesen wäre, hätte ich wunderbare Baumszenen beschrieben. Und das wäre mir sehr peinlich gewesen.“

Schon mit ihrem ersten Krimi „Tod am Zollhaus“ schaffte es Petra Oelker 1997 in die Bestseller-Listen. Eigentlich wollte sie eine „richtige Schmonzette“ schreiben. Heraus kam ein Hamburg-Krimi, 250 Seiten in weniger als sechs Wochen. „Da habe ich noch geübt, es ist ein dünnes Buch.“ Eins, das ursprünglich keiner haben wollte, denn Krimis mit Lokalkolorit waren damals noch nicht im Trend. Eine wage Zusage gab es unter der Maßgabe, sie solle etwas mehr Sex & Crime einarbeiten. Das passte ihr nicht und so schickte sie das Manuskript noch an den Rowohlt-Verlag mit der ausdrücklichen Bitte um eine schnelle Entscheidung.

Die Lektorin fand diese Naivität „totkomisch“, erfuhr Petra Oelker im Nachhinein. Als angehende Schriftstellerin hatte sie damals keine Ahnung, dass unverlangt eingesandte Manuskripte in den Verlagen meist gar nicht beachtet wurden. Eigentlich arbeitete sie zu jener Zeit als freie Journalistin, vor allem für die „Brigitte“, aber die Branche war im grundsätzlichen Wandel begriffen. Die langen Dossiers und Reportagen zu schweren Themen, die Petra Oelker nach aufwendiger Recherche geschrieben hatte, wurden immer weniger gefragt. „Das Buch war halt ein Versuch. Und wenn es keiner will, dachte ich damals, dann gehe ich Kartoffeln verkaufen. Oder so was.“

Flexibel hatte sie sich im Laufe ihrer beruflichen Entwicklung schon häufig gezeigt. „Meine Ausbildung mäanderte vor sich hin, weil ich nie etwas durchgehalten habe.“ So war sie einige Jahre als medizinisch-technische Assistentin tätig, dann studierte sie Sozialpädagogik und arbeitete mit Jugendlichen, hängte später noch ein Pädagogikstudium dran und ging als Dozentin in die Erwachsenenbildung. Zwischendurch betätigte sie sich kurz als Weinhändlerin, fand dann 1981 – da war sie Mitte 30 – über die frisch gegründete „Hamburger Rundschau“ in den Journalismus.

Fünf Monate hielt sie es als Chefin vom Dienst bei der „TAZ“ aus. „Ich wollte nie, nie, nie Chefin sein! Manchmal bin ich mit der Wärmflasche auf dem Bauch durch die Redaktion gelaufen.“ Wir amüsieren uns über die Zeiten, als man bei der „TAZ“ noch mit dem Duden unter dem Arm für die korrekte Rechtschreibung werben musste. Zu ihrem Glück wurde Petra dann von der „Brigitte“ abgeworben, für die sie fast ein Jahrzehnt im Themenbereich Gesundheit, Arbeit, Soziales und Psychologie schrieb. Bis zum ersten Bestseller-Krimi eben.

Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, zeigt mir Handy-Fotos von ihren Wanderungen und Kopien von Gemälden, die sie inspiriert haben. „Wenn ich anfange zu schreiben, dann weiß ich den Anfang, das Ende und die Mitte. Wenn es ein Krimi ist, weiß ich, wer das Opfer ist und warum, wer die Täter sind und warum. Ich lasse mich nicht am Schluss überraschen.“

Der Schluss des neuen Buches muss also nur noch aufgeschrieben werden. Anschließend die Korrekturgänge, dann tief Luft holen und endlich wird sie wieder Zeit haben für andere Dinge, die sie so gerne macht: ins Theater gehen, melodramatische Opern oder Neues vom Ensemble Resonanz hören. Diese Töne erwärmen ihr Herz. Aber auch wenn das Schreiben sie von schönen Erlebnissen dieser Art zeitweise fernhält, auch wenn es ihr nach 25 Büchern immer noch sehr mühsam erscheint, auch wenn sie eigentlich gar nicht schreiben kann, so ist sie inzwischen doch zu dem Schluss gekommen: „Da wo ich bin, bin ich genau richtig: allein hinter meinem Schreibtisch.“

Sonntag Morgen in der Laeiszhalle. Die Musiker des NDR Sinfonieorchesters treten heute mit Koffern an, denn im Anschluss an das Konzert geht es gleich auf Tourneereise nach Polen. „Eigentlich“, erklärt mir Andrea Zietzschmann, „waren unsere Termine schon straff geplant. Aber dann hat uns die deutsche Botschaft in Warschau sehr eindringlich klar gemacht, dass ein Empfang beim Staatspräsidenten angesichts der aktuell schwierigen politischen Beziehungen ein wichtiges Signal setzen würde.“ Die Musik als diplomatisches Mittel? Ja, das hat sie schon häufiger erlebt.

Andrea Zietzschmann ist seit gut zwei Jahren die Leiterin des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte im Norddeutschen Rundfunk. Sozusagen Außen- und Innenministerin der vier Klangkörper (so heißt das in der Sprache der Sender), die zu ihrem Verantwortungsbereich gehören: der Chor, die Bigband, die Radiophilharmonie in Hannover sowie das NDR Sinfonieorchester. Ach nein, den Fehler habe ich schon am Anfang gemacht: NDR Elbphilharmonie Orchester heißt es jetzt offiziell, denn schließlich stellt der NDR das Hausorchester des neuen Konzerthauses, dessen Eröffnung nun tatsächlich näher rückt. Die Vorbereitungen für den Umzug nehmen in Andrea Zietzschmanns Arbeitsalltag einen großen Raum ein.

Aber jetzt sitzen wir erstmal im ersten Rang links in der neobarocken Laeiszhalle, lauschen den Klängen von Schostakowitschs zehnter Sinfonie, dirigiert von Krzysztof Urbański. Andrea Zietzschmann ist begeistert: „Gerade mal Mitte dreißig und er dirigiert alles aus dem Kopf, ohne Partitur!“ Da vergisst sie schnell, dass sie sonntags eigentlich gern mal länger schläft und dann die Zeit mit ihrer neun-jährigen Tochter und ihrem Mann verbringt.

In der Pause auf den Fluren vor dem Dirigentenzimmer kennt sie jeden, tauscht ein paar freundliche, kollegiale Worte, bleibt zurückhaltend. Den Pferdeschwanz hat sie mit einem einfachen Haargummi zusammengebunden, schwarzes Kleid zu schwarzen Leggings, eine lange Kette mit schmalem silbernen Anhänger, ansonsten kein Schmuck. Dass sie die wichtigen Dirigenten und Musiker der Welt kennt, mit dem inzwischen verstorbenen Claudio Abbado gar ein Orchester – das Mahler Chamber Orchestra – gegründet und es gemanagt hat, das trägt sie nicht vor sich her.

Eine Art Startup war das, aber so nannte man das 1997 noch nicht. „Das war echte Pionierarbeit“, schwärmt Andrea Zietzschmann noch heute. „Das Orchester musste ohne Subventionen auskommen. Wir haben uns nur über unsere Einnahmen, Drittmittel und Sponsoren finanziert. Da war unser Improvisationstalent ständig gefragt.“

Die jungen Musiker kamen aus zwanzig verschiedenen Nationen, hatten das Ziel, West und Ost miteinander zu verbinden – die Mauer stand noch – und traten weltweit auf: Tokio, Turin, Paris, Brüssel...

Andrea war damals Ende zwanzig. Sie hatte Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Volkswirtschaft in Freiburg, Wien und Hamburg studiert. Eine ungewöhnliche Kombination. „Ich wollte in jedem Fall etwas mit Musik machen. Aber Stunden lang ein Instrument üben, das schien mir zu einseitig. Ich hatte so viele andere Interessen neben der Geige und der Musik: Sport, lesen, Freunde sehen... Da entdeckte ich mein Talent für das Organisieren.“

Schon während ihres Studiums arbeitete sie für den Westdeutschen Rundfunk, die Staatsopern in Stuttgart und hier in Hamburg. Nach sechs Jahren Pionierarbeit für das Mahler Chamber Orchestra ging sie als Orchestermanagerin und später Musikchefin zum Hessischen Rundfunk.

Dass ihre Jobs mit vielen Reisen verbunden sind, ist ihr gerade recht. Schon als Kind flog sie häufig nach Venezuela, wohin ein Teil ihrer Familie ausgewandert war. Oft fuhren die Eltern mit ihr und der älteren Schwester auch einfach los nach Südeuropa, ohne nähere Pläne gemacht zu haben. Also liebt sie heute Abenteuerreisen nach Kambodscha oder Vietnam ebenso wie Tourneen nach Polen oder Shanghai.

Geboren ist sie allerdings 1970 im beschaulichen Schwenningen am Neckar. Die Mutter Ärztin, der Vater Betriebswirt, gleichzeitig ein guter Klavierspieler, die Großmutter Opernsängerin, der Großvater eifriger Operngänger. Andrea indes schlich heimlich in den Keller, um ungestört von der Schwester Popmusik auf SWR 3 zu hören.

Was läuft denn heute bei ihr zuhause? „Weltmusik, Pop, Jazz, eigentlich die ganze Bandbreite, nur kein Heavy Metal. Eher weniger klassische Musik, es sei denn, ich lege eine CD ein, um Solisten oder ein Repertoire kennenzulernen. Sonst höre ich eher Musik zum Entspannen.“ Also Klassik ist nichts zum Entspannen? Nein, Klassik kann sie nicht nebenbei hören. Und ihr Mann, Berufsmusiker, nämlich Geiger, erst recht nicht. Manchmal spielt sie selbst ein bisschen Klavier oder auch Flöte, nur für den Hausgebrauch. „Meine Geige liegt schon lange im Schrank. Ich habe einfach keine Zeit dafür. Mein Beruf - das ist ja eigentlich keine Arbeit, sondern eine echte Leidenschaft.“

Als vor kurzem das neue NDR-Musikprogramm auf einer Pressekonferenz vorgestellt wird, hat Andrea Zietzschmann ein fast permanentes Lächeln im Gesicht. Sie ist glücklich über das, was sie da mit auf die Beine gestellt hat. „Der Umzug in die Elbphilharmonie ist ein Meilenstein in der Geschichte des Orchesters. Die Musiker haben jahrelang darauf hingefiebert, endlich in einem eigenen Saal proben und Konzerte geben zu können. Die Begeisterung für die Residenz in der Elbphilharmonie ist riesengroß. Aber natürlich gibt es auch gewisse Ängste, denn die Herausforderung ist beachtlich und der Wettbewerb wird stärker. Wird man dieser Rolle gerecht?“

Die explodierenden Kosten der Elbphilharmonie führen ebenso wie der Rundfunkbeitrag, der bekanntermaßen nicht freiwillig und nicht von allen gern gezahlt wird, immer wieder zu der Frage: Warum soll denn jemand, der nur Schlager oder Metal hört oder gar keine Musik mag, diese „Klangkörper“ und ihre Konzerte mitfinanzieren? „Es ist wie eine flat rate“, so sieht Andrea Zietzschmann das, „das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender ist sehr vielfältig. Jeder nutzt nur einen gewissen Teil. Manche interessieren sich vor allem für Nachrichten, die nächsten für Sport, andere für die Kulturangebote.“

Nur 48 Cent des Rundfunkbeitrags würden beim NDR für die Orchester verwandt, erklärt sie weiter und die Leistung dafür sei enorm. „Ohne unsere Konzerte und ohne unser Engagement bei Festivals, wäre die Kulturlandschaft im Norden wesentlich ärmer. Es gäbe kaum noch professionelle Chöre oder Bigbands.“

Jetzt freut sie sich ganz besonders über die Chancen, in der Elbphilharmonie ein anderes, ein jüngeres Publikum anzusprechen und zeitgenössische Musik zu präsentieren. Dafür schlägt ihr Herz nämlich schon seit Kindheitstagen.

„Wir hatten einen ziemlich verrückten Musiklehrer“, erzählt sie mir, „er hat uns ermuntert, mit ihm zu den Donaueschinger Musiktagen zu gehen. Außer mir wollte keiner so recht. Um 1980 liefen dort ganz extreme Geschichten. Eine Performance endete tatsächlich in einer Schlacht zwischen Publikum und Bühne, drei Blechblasinstrumente wurden zerstampft. Es war eine reine Provokation. Das hat mich schwer beeindruckt.“ So wurde sie schon als Schülerin zur regelmäßigen Besucherin dieser Musiktage, die nicht weit entfernt von ihrem Heimatort stattfanden und heute noch international als eines der wichtigsten Festivals für Gegenwartsmusik gelten.

Ich gestehe ihr, dass mir der Zugang zu den meisten zeitgenössischen Werken fehlt, schwärme von den USA, wo man Beethovens oder Chopins populärste Klavierkonzerte serviert bekommt, ohne sich vorher durch experimentelle Klänge zu kämpfen. „Das ist eine Frage der Vermittlung“, erwidert sie voller Überzeugung. Und deshalb arbeitet sie auch gerne zusammen mit Dirigenten wie Thomas Hengelbrock und Krzysztof Urbański oder Komponisten wie Anders Hillborg, die die Menschen zu erreichen wissen. Hillborgs Werke, sagt sie, seien zugänglich. „Die tun nicht weh!“

Sie erinnert sich an Paavo Järvi, gleichzeitig Chefdirigent in Frankfurt und Cincinnati, wo die Kultur auf staatliche Unterstützung weitgehend verzichten und von Eintrittsgeldern und Spenden leben muss. „Wenn wir über der Programmplanung saßen, dann war Järvi ganz erstaunt über unsere Vorschläge: Wie, das geht? Und das geht auch? Denn in Cincinnati saß immer der Marketingchef dabei und sagte direkt: yes, no, yes, no, je nach Popularität des Programms. Ich finde es schön, dass wir größere künstlerische Freiheiten haben.“ Und außerdem hat sie die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die nicht mit klassischer Musik aufgewachsen sind, schräge, moderne Klassik oft spannender finden als eine Beethoven Sinfonie.

Der Funke ihrer ganz selbstverständlichen Begeisterung springt über. Vielleicht sollte ich doch mal ausgetretene Pfade verlassen und den Hillborgs der nächsten Saison eine Chance geben. Es tut ja nicht weh...

Liest sie ihre Zeitung morgens lieber auf Papier oder auf dem iPad? Das ist ihr ganz egal. Vor ein paar Jahren hat sie noch gesagt, ein Buch zu lesen ohne umzublättern, das sei kein Vergnügen. Heute sieht sie das ganz pragmatisch: „Viele Bücher sind ja so wahnsinnig schwer. Wir müssen jetzt nicht mehr so große Handtaschen haben. Ein iPad passt in jede Tasche.“

Gabriele Beger ist begeistert von den Möglichkeiten, die digitale Technologien schaffen. „Wir haben hier uralte Handschriften, die für die Forschung sehr relevant sind und versuchen, sie so aufzubereiten, dass sie weltweit digital zur Verfügung stehen. Das ist eine unserer Schwerpunktaufgaben. Von daher ist die Digitalisierung ein Geschenk.“ Nur logisch, dass sie ihre Promotion zum Thema „Urheberrecht und elektronische Bibliotheksangebote – ein Interessenkonflikt“ verfasst hat.

Mit der großen Brille auf der Nase und den hinten verknoteten grauen Haaren sieht sie genau so aus, wie man sich eine Bibliothekarin vorstellt, aber eine, die die Nase nicht nur in verstaubte Bücher steckt, sondern sich mit großem Interesse auch den Menschen zuwendet, die ihr begegnen. Und das macht Gabriele Beger hier als Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek (kurz: Stabi) auch zum Programm.

Die Bibliothek sage nicht mehr: „Dieses Buch ist gut, lies es, sei ruhig und setz dich hin!“ erklärt sie mir, sondern frage ihre Besucher: „Welche Ausstattung brauchst du, was suchst du hier?“ Ein Ausdruck dieser Haltung sind die neuen Arbeitsräume für Studenten mit gemütlichen Banknischen wie in einem Restaurant, versehen mit, einem Monitor und Anschlüssen zur umfangreichen Vernetzung.

Die Tageszeitungen aus dem ersten Jahr des I. Weltkriegs hat die Stabi im Rahmen eines EU Projekts digitalisiert. Dabei wurde deutlich, wie sich die Einstellung der Bevölkerung veränderte, wie die Zustimmung abnahm und welche Auswirkungen ein Krieg hat. „Das mit anderen historischen Zeugnissen vergleichen, das können Sie nur im Netz. Früher ging das zum Teil mit Klebstoff, aber natürlich nicht in dieser Qualität.“

Wir sitzen in ihrem Büro, das, vornehmlich mit weißen Resopalmöbeln ausgestattet, keinen besonderen Charme ausstrahlt. Interessant aber die drei großen Bilder an den Wänden, die allesamt ihre Schwester gemalt hat. „Sie ist eine begnadete Malerin“, sagt Gabriele Beger bewundernd und verscheucht einen Anflug von Raucherhusten. Ja, sie raucht und trinkt gern wahnsinnig viel Kaffee. Und sie ist ungeduldig. „Geht das auch schneller?“ hat sie früher häufig gefragt. „Aber so geht man mit anderen Menschen nicht um.“ Deshalb hat sie sich das abtrainiert.

Sie ist Jahrgang 1952, aufgewachsen in Ostberlin mit der Schwester und einem Bruder, beide älter als sie. Die Mutter Hausfrau, der Vater Journalist. „Ich komme also aus einem bürgerlichen Elternhaus, wo eine gute Bibliothek vorhanden war, wo ich an Literatur und klassische Musik herangeführt wurde“, erzählt sie und fügt hinzu: „Das ist ein Geschenk. Ich bewundere alle Menschen, die nicht dieses Glück in ihrer Kindheit hatten und es dennoch schaffen. Welchen Ehrgeiz, welche Disziplin müssen sie aufgebracht haben, um das aufzuholen?“

Nun, frei von Ehrgeiz und Disziplin ist Gabriele Beger mit Sicherheit auch nicht; das spüre ich sofort. Und immerhin war sie schon als Kind Leistungssportlerin im Boden- und Geräteturnen, sollte sogar für die Olympiade 1968 trainiert werden. „Aber da haben meine Eltern einfach den Stecker herausgezogen – schließlich ging es auch ums Doping – und gesagt: ‚Geh doch lieber ins Theater!’ Da sehen Sie, dass ich wirklich weitsichtige Eltern hatte.“ Obendrein behinderte noch eine Blinddarmentzündung das Training und so wurde Gabriele tatsächlich eine eifrige Theatergängerin und entwickelte eine besondere Liebe zu Bertold Brecht, dessen Texte sie gemeinsam mit ihrer Freundin auswendig lernte.

Damit ich jetzt wegen ihrer Begeisterung für die Digitalisierung nicht schreibe: „Frau Beger ist ein Technik-Freak“, holt sie aus ihrem Regal das Moller Florilegium, einen dicken Band mit prachtvollen Blumenbildern, gemalt im 17. Jahrhundert. „Der Originalband kostet inzwischen eine Million und ist natürlich im Tresor.“ Neulich hatte sie ein anderes Buch mit einem Original-einband aus dem fünften Jahrhundert in der Hand: „Da empfinden Sie Ehrfurcht, das ist einfach wunderschön!“

Nicht nur Gedrucktes wird in dem siebzehn Stockwerke hohen Bücherturm aufbewahrt, auch Tontafeln und Handschriften, sowie an die 400 Nachlässe berühmter Hamburger wie Wolfgang Borchert oder Johannes Brahms. „Schön ist, dass diese Nachlässe nicht nur Manuskripte und Briefe enthalten, sondern auch Dinge wie den Schreibtisch von Klopstock oder die rosafarbenen Schuhe seiner Frau. So etwas liebe ich! Das ist dann natürlich wieder eine Liebe zum Haitischen.“

Was ist denn der größte Schatz in ihrer Bibliothek? „Da werden Sie jetzt staunen“, lacht sie, „das sind die Mitarbeiter!“ Sie verweist auf eine Urkunde an der Wand, die der Stabi attestiert, dass sie sich besonders für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagiere. Setzt sie sich dafür ein aus eigener Erfahrung? Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und eine Enkelin. „Entschuldigung“, winkt sie ab, „das lassen wir mal sein, klar hat man in meinem Alter Familie, aber mich berührt es unangenehm, als Frau immer danach gefragt zu werden.“

Da spricht sie etwas an, worüber ich als Autorin auch oft nachdenke. Lässt man die Familienverhältnisse eines Mannes außer Acht, protestiert niemand. Kläre ich aber in einem meiner Frauenporträts nicht über den Familienstand und die Kinderzahl auf, kommen garantiert kritische Nachfragen. Gabriele Beger will keine gängigen Klischees bedienen. Ich auch nicht. Aber bleiben diese Bausteine unseres Lebens nicht trotzdem interessant, gerade weil sie uns persönlich und gesellschaftlich so beschäftigen?

„Erzählen Sie lieber etwas anderes“, wünscht sie sich, „zum Beispiel dass ich im Grindelviertel wohne und mich hier sauwohl fühle. So etwas zeigt doch eher, wie ein Mensch tickt.“ Sie genießt die Lebendigkeit in der Woche, die Ruhe am Wochenende und vor allem das Familiäre: „Nein“, sagt ihr der Schuster, „Sie brauchen keinen Zettel, ich weiß, wie Ihre Schuhe aussehen!“ Deshalb liebt sie ihren Hamburger Kiez.

Der Blick aus ihrem Büro fällt direkt auf ein immenses Graffiti, das eine vier- bis fünfstöckige Hauswand dekoriert. Es erinnert an Berlin, „die lebendigste Stadt nach wie vor“, so sieht sie das und hat an der Humboldt Universität noch immer einen Lehrauftrag. Von 1971 bis 2005 war sie im Osten Berlins an der Stadtbibliothek tätig, also über dreißig Jahre, die letzten als deren Direktorin.

Wie hat sie denn überhaupt ihre Liebe zu Bücherregalen entdeckt? Auf der Suche nach einem Beruf, erzählt sie mir, habe sie der damalige Direktor der Stadtbibliothek beeindruckt. Der sei durch die Welt gereist und habe von überall Neuerungen mitgebracht. Aus Schweden zum Beispiel die Idee einer Artothek, aus den USA Fließbänder, worauf die Bücher aus den Magazinen hochschnellten. „Also, dass man Bilder ausleihen konnte und dass die Bücher auf dem Fließband kamen.... so oberflächliche Dinge haben mich fasziniert!“ Nach einer Ausbildung zur Bibliotheksassistentin studierte Gabriele Beger Bibliothekswesen in Leipzig und Berlin.

Die Öffnung der Grenze zwischen Ost und West kam für sie gerade recht. Sie war 37 und steckte in den letzten Zügen ihres Jura-Zweitstudiums. „Da konnte ich mich spezialisieren auf den Vergleich der Rechtssysteme und reiste sozusagen als Übersetzerin durch die Gegend. Direktorin der Stadtbibliothek wäre ich höchstwahrscheinlich ohne die Öffnung auch nicht geworden, wegen meiner Schwester im Westen.“

Ist ihr der radikale Wandel auch schwer gefallen? „Nein“, wehrt sie ab, „ich mag Veränderungen!“ Das hält sie für einen ihrer wichtigsten Wesenszüge. Gilt das ebenso fürs Privatleben? „Vielleicht nicht so sehr. Irgendwo muss man sich auch mal ausruhen können.“ Aber immerhin ist sie, darauf weist sie ausdrücklich hin, nach über fünfzig Jahren in Berlin 2005 nach Hamburg gezogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Obwohl Freunde sie gewarnt haben, es regne hier immer und die Leute seien nicht so aufgeschlossen. „Das probiere ich erst mal aus!“ hat sie sich gesagt und in den zehn Jahren seither viele positive Überraschungen erlebt.

Gibt es denn irgendetwas, das sie nervt hier, an ihrem Job zum Beispiel? Sie denkt lange nach. Sehr lange. „Nö“, antwortet sie dann trocken. „Wenn mich etwas nervt, dann stelle ich es ab.“ Das macht sie bestimmt, da bin ich ganz sicher.

Bei Manuela Rousseau klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist der Aufsichtsratsvorsitzende der Beiersdorf AG. Ob sie Interesse habe, im Aufsichtsrat mitzuwirken, fragt er. Ihr Herz schlägt höher, ihre Gedanken fangen an zu rasen: Wie kommt er denn auf mich? Bin ich überhaupt qualifiziert? Kann ich das mit meiner Familie vereinbaren? Oh Schreck, was sagt mein Chef dazu? „Hallo, Frau Rousseau“, sagt die Stimme am anderen Ende, „sind Sie noch da?“

Das war 1994, also vor 22 Jahren. Jetzt steht Prof. Rousseau im Institut für Kultur- und Medienmanagement und teilt mit den Studierenden – überwiegend junge Frauen – Erfahrungen ihres Berufsweges. „Das Wort ‚nein’ bitte verlernen!“ fordert sie auf. „Wann immer Ihnen ein Angebot gemacht wird, besteht die Antwort aus zwei Buchstaben und heißt wie?“ Keiner sagt etwas. „Wir müssen es einfach üben!“ Allgemeines Gelächter und dann „Ja, ja! Ja!“ aus allen Richtungen. „Ein erstes Nein ist völlig unsinnig, denn die Rahmenbedingungen müssen Sie doch sowieso noch klären.“

Manuela Rousseau, damals Pressereferentin bei Beiersdorf, hat also Ja gesagt. Ohne großes Vorwissen und Erfahrung in diesem Bereich führt sie ihren Wahlkampf zur Aufsichtsrätin – und scheitert. „Furchtbar, es fühlte sich schrecklich an. Ich hatte daran wirklich zu knacken, es gab Tränen, Selbstmitleid, und die erste Zeit danach war ich blockiert.“ Erst später erkennt sie, dass „Scheitern eine wertvolle Erfahrung ist. Seitdem spornen mich Niederlagen eher an, es immer wieder aufs Neue zu versuchen.“

In diesem Sinne tritt sie 1999 erneut an, diesmal mit Erfolg. „Es gibt immer eine zweite Chance!“ Viermal wurde sie seither gewählt, ist also seit siebzehn Jahren im Aufsichtsrat und somit eine der erfahrensten Aufsichtsrätinnen in Deutschland. Sie hat richtig gute Ratschläge für den Weg nach oben, erteilt diese aber keineswegs von oben herab. Mit sichtlichem Spaß lässt sie andere an ihren Erfahrungen teilhaben. Ihr Vortrag ist gut vorbereitet, sie spricht authentisch und persönlich.

„Ich verrate Ihnen jetzt, wie ich durch Selbstzweifel lange Jahre selbst verhinderte, dass ich eine Professur erhielt.“ Seit 1992 unterrichtet sie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Ohne Studium zur Professorin, das ist nicht alltäglich. Aber sie schaffte es aufgrund besonderer Fachkenntnisse und Qualifikationen. „Setzen Sie sich klare Ziele“, empfiehlt sie jetzt, „und schreiben Sie sie auf!“

Macht sie das selbst auch, frage ich später, als wir Gelegenheit zu einem Gespräch unter uns haben. „Ja, natürlich!“ nickt sie und zieht eine schwarz-rote Kladde aus der Handtasche. Das Büchlein hat sie immer dabei. „Ich gebe mir Jahresziele, Quartalsziele, monatliche, teilweise tägliche Ziele, private und berufliche, und ich schreibe sie auf.“ Im letzten Urlaub hat sie sich überlegt, was ihr 2016 wichtig sein würde und das festgehalten. Was erledigt ist, wird durchgestrichen. „Es ist für mich sehr befriedigend, wenn die Ziele erreicht sind“, erklärt sie und streicht über die beschriebenen Seiten.

Sie trägt ein sommerliches Kleid und einen hellen Blazer. Wir sitzen auf der Terrasse der Kammerspiele im Grindelviertel, denn hiermit fühlt sie sich verbunden, wirkt gelegentlich während der Hamburger Privattheatertage in der Jury. Die Liste ihrer ehrenamtlichen Tätigkeiten ist lang, reicht von der Rettung der Nikolaikirche als Denkmal in den 1980er Jahren bis zu ihrer langjährigen Mitgliedschaft bei Zonta, einem „Zusammenschluss berufstätiger Frauen in verantwortungsvollen Positionen“, der die Lebenssituation von Frauen weltweit verbessern möchte. In wenigen Tagen wird Manuela Rousseau ihr neues Amt als Präsidentin des Zonta Clubs Elbufer übernehmen.

Sie hat großen Spaß am Netzwerken. Ein Schlüssel zum Erfolg! „Netzwerke, Netzwerke, Netzwerke!“ das sagt sie gerne dreimal hintereinander. „Ich bin überzeugt, dass jedes Treffen, jedes Gespräch ein neuer Knoten in meinem Netzwerk sein kann.“ Aber ausnutzen dürfe man die nicht, warnt sie die Studierenden, das werde nicht funktionieren. Manche schreiben mit. Manuela Rousseaus Vortrag ist wie ein gutes Rezept, das durch häufige Anwendung immer wieder verfeinert wurde.

Die Zutaten zum Erfolg: gute Ausbildung, realistische Selbsteinschätzung, Disziplin, Mut zum Scheitern, bereit sein, aus Fehlern zu lernen und über Grenzen zu gehen. Und vor allem: eine bewusste Entscheidung treffen, welche Rolle Beruf und Karriere im eigenen Leben spielen sollen.

Bringt sie selbst das alles mit? Nicht unbedingt von Anfang an. Disziplin, ja, die hat sie durch eine sehr strenge Erziehung mitbekommen. Mit zehn Jahren schon musste sie nach der Scheidung der Eltern Verantwortung für ihren jüngeren Bruder tragen. „Wenn ich einen traurigen Moment bekomme, denke ich, sie haben mir einen großen Teil meiner Kindheit genommen. Andererseits habe ich dadurch sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.“

Manuela ist in Neumünster geboren (1955) und aufgewachsen. Die ersten drei Jahre hat sie bei den Großeltern gelebt. Der Vater war Lokführer, die Mutter, gelernte Näherin, hat als Kassiererin gearbeitet. Mit vierzehn musste Manuela die Schule verlassen, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Sie machte eine kaufmännische Lehre. „Meine Mutter stand finanziell mit dem Rücken an der Wand. Das hat mich geprägt und ich habe mir vorgenommen: Das soll mir nie passieren! Ich werde meinen Unterhalt verdienen, immer und zu jeder Zeit!“

Nach ihrer Lehre wird sie im Kaufhaus angestellt. Sie heiratet schon mit 19, und mit 23 macht sie sich selbständig, eröffnet mit Geschäftspartnern drei Radio- und Fernsehgeschäfte im Hamburger Umland. Das Unternehmen geht in Konkurs, auch die Ehe hält den Anforderungen nicht stand. „Da war alles im Bruch. Das war ein ziemlich tiefer Punkt.“ Aber: Es gibt immer ein zweite Chance!

1984 geht sie zur Beiersdorf AG, erst als Einkäuferin, dann als Pressereferentin. 1992 heiratet sie ihren jetzigen Mann. Später wird sie Leiterin des Corporate Social Responsability Headquarters des Unternehmens, erst international, inzwischen ist sie nur noch für Deutschland zuständig, damit sie sich ihren anderen betrieblichen Aufgaben ausreichend widmen kann. Seit 2009 hat sie noch einen zweiten Aufsichtsratsposten, nämlich bei der Maxingvest AG, der Dachgesellschaft von Tchibo und Beiersdorf.

Hat sich in den siebzehn Jahren ihrer Aufsichtsratstätigkeit viel verändert? Werden Frauen heute vorurteilsfrei in diesen Positionen akzeptiert? In ihren beiden Aufsichtsräten schon, antwortet sie. „Solange es aber noch Aktionäre gibt, die auf der Hauptversammlung bestreiten, dass Frauen Führungskompetenzen haben, weil sie zu emotional seien und dazu sogar geklatscht wird, sehe ich noch großen Verbesserungsbedarf.“ Das gibt es noch? Ja, tatsächlich, das gibt es noch. Und bei der Suche nach neuen Aufsichtsratskandidatinnen heißt es oft, es gebe keine geeigneten Frauen oder sie wollten nicht.

Tatsächlich hat auch sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen häufiger als Männer Macht ablehnen. „Sie möchten keine negativen Formen von Macht. Für mich ist Macht positiv, eine gestalterische Kraft, die Spielräume gibt, um Einfluss zu nehmen.“

Wenn ich die Liste ihrer Aktivitäten sehe, gestehe ich ihr, möchte ich am liebsten den Kopf in den Sand stecken. „Ich auch manchmal“, sagt sie sofort, „Sie hätten zuhören müssen am Wochenende, als ich mit meinem Mann diskutiert habe: Warum mache ich das alles?“ Und warum? „Wir haben keine Kinder. Und dann fühle ich mich einfach aufgefordert, die Welt ein wenig besser zu machen. Ehrenamt macht glücklich!“

Ihr Mann ist der ruhende Pol in ihrem Leben. Aber zu ruhig soll das auch nicht werden. Die beiden haben vereinbart, dass sie jedes Jahr neu entscheiden, ob sie ein weiteres Jahr zusammen bleiben. „Im Dezember gibt es immer unser Gespräch, wo die Karten auf den Tisch kommen: Was war gut, was nicht? Und dann die Frage: Wollen wir um ein Jahr verlängern? Das haben wir bisher 23 mal geschafft.“

Gibt es noch unverplante Tage, ohne Zielsetzungen und Vorsätze? „Zu wenige, die wünsche ich mir manchmal. Gestern war so einer. Mein Mann hat vorgeschlagen, Golfen zu gehen. Das kam mir entgegen: Mein Handikap will ich ja auch verbessern, das steht für 2016 auf der Liste.“ Es wurde ein sonniger, entspannter Tag.

In Saal B 335 des Hamburger Landgerichts geht es zu wie in einer Talkshow: „Ich habe doch gerade zugehört, wie Sie geredet haben, darf ich jetzt auch ausreden?“ verlangt einer der Anwälte leicht indigniert. Patricia Cronemeyer kennt das Spiel: „So ein bisschen sticheln, das gehört dazu.“ Aber verärgert ist sie auch, darüber dass hier so verharmlost wird, was ihrem Mandanten passiert ist.

Patricia Cronemeyer vertritt den Kläger, einen 33 Jahre alten Mann, der aus Magdeburg angereist ist, um – ja, so kann man das sagen – seine Ehre zu verteidigen. Sie erklärt mir, ein Kamerateam des ZDF habe ihn an seiner Wohnungstür überrumpelt und gefilmt, in nicht gerade salonfähigem Aufzug: mit Nasenverband nach einer Operation, unter Schmerzmitteln stehend, in Unterhose und T-Shirt, aus dem Dämmerschlaf gerissen. Zwar stellte das ZDF-Team recht schnell fest, dass es hier an der falschen Tür geklingelt hatte, doch gesendet wurde die Szene trotzdem. Patricia Cronemeyer empört das, sowohl menschlich als auch juristisch. Eine Unterlassungserklärung hat der Sender bereits unterschrieben; sie möchte noch eine Entschädigung für ihren Mandanten erwirken.

Mich wundert, dass es hier vor Gericht keine klaren Spielregeln zu geben scheint, die beiden Seiten in gerechter Weise Gehör verschaffen. Die Anwältin muss sich mehrmals durchboxen, um zu Wort zu kommen. „Das ist in der Tat so, aber hier ging es eigentlich noch sehr gesittet zu“, bestätigt sie meinen Eindruck. „Es gehört dazu, der Gegenseite mal in die Parade zu fahren. Das habe ich auch mit Absicht gemacht.“ Ihr kleines Geständnis verziert sie mit einem freundlichen, unschuldigen Lächeln.

Als sich das Gericht nach einer guten Stunde vertagt, mit „Hausaufgaben“ für alle Beteiligten, legt sie ihre schwarze Robe ab und verstaut sie in einem Aktenkoffer. Zum Vorschein kommen ein elegantes, anthrazitfarbenes Kostüm und schwarze Wildlederpumps.

Patricia Cronemeyer, 37 Jahre alt, ist Expertin für Presse- und Medienrecht mit einer eigenen Kanzlei in Hamburg-Rotherbaum. Zu ihren Mandanten zählen bekannte Künstler, Sportler, Politiker sowie Film- und Fernsehproduzenten.

„Es sind meist prominente Persönlichkeiten, die im Fokus der Medien stehen.“ Namen möchte sie natürlich nicht nennen. „Sie müssen sich schon klar entscheiden, wie weit sie in die Öffentlichkeit wollen oder nicht. Wenn ich meine Privatsphäre einmal öffne, dann kriege ich die Tür so schnell nicht wieder zu. Wenn ich von vornherein bestimmte Bereiche aus der Öffentlichkeit heraushalte, habe ich die Rechtsprechung auf meiner Seite.“

Bevor sie 2009 ihre eigene Kanzlei gründete, arbeitete Patricia Cronemeyer für den prominenten Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz. Zu ihren Mandanten gehörte dort der inzwischen verstorbene Entertainer Peter Alexander, der gegen Prinz vor Gericht zog, weil er sich von ihm getäuscht und hintergangen fühlte, auch finanziell.

„Die Schöne und der Prinz“ titelte die BILD-Zeitung 2014, denn Patricia Cronemeyer hatte ihren Job in der Kanzlei Prinz aufgekündigt und sich entschlossen, als Zeugin vor Gericht gegen Prinz aufzutreten. War es schwer für sie, gegen ihren früheren Chef auszusagen? „Natürlich! Ich bin grundsätzlich ein sehr loyaler Mensch und sehr harmoniebedürftig. Aber es gibt Grenzen im Leben. Und außerdem hatte ich keine Wahl. Ich hätte behaupten können, mich an nichts zu erinnern, aber ich hatte eine Aussagepflicht. Das war mir gar nicht freigestellt. Noch dazu fand ich es richtig, es hat der Gerechtigkeit gedient.“ Peter Alexander wurde ihr Mandant; bis heute vertritt sie seinen Sohn.

Eine eigene Kanzlei, das birgt auch Risiken. Kennt sie Existenzängste? „Natürlich kann man sich als Selbstständige nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Das ist mir sehr bewusst, zumal ich in meinem Leben nichts geschenkt bekommen habe. Als mein Vater krank wurde, habe ich versucht, schnell auf eigenen Füßen zu stehen.“ Ihr Vater war Gartenbauingenieur, tätig unter anderem in der Forschung für ein amerikanisches Unternehmen, das Pestizide entwickelte. Er starb an Krebs.

Aufgewachsen ist Patricia im Süden Münchens, mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder. Ein Sandwichkind mit sehr strengen Eltern.
„Manchmal zu streng.“ Da hat sie für ihre Freiheiten gekämpft, ein bisschen wenigstens. „Disziplin ist natürlich nötig, aber ich durfte wirklich kaum etwas – außer Sport treiben.“ Und das tut sie bis heute mit Begeisterung: Joggen, Tennis, Golf und Squash spielen.

In den Sommern ihrer Kindheit ging es regelmäßig zu den Großeltern in der Tschechoslowakei. Patricias Mutter stammt nämlich aus Prag. Geheiratet haben Mutter und Vater am 21. August 1968, dem Tag, als sowjetische Panzer dem Prager Frühling ein gewaltsames Ende setzten. Kein Symbol, sondern Zufall. Die Sommertage in der Chata (Gartenhaus) der Großeltern mit Bienenzucht, Lagerfeuer und Musik zählen zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen.

Da ahnte sie natürlich noch nicht, dass die tschechischen Wurzeln und Sprachkenntnisse ihr einmal zu einer interessanten Stelle in Brüssel verhelfen würden. Nach ihrem ersten Staatsexamen wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin eines Europa-Abgeordneten, der sich der Osterweiterung widmete. „Mich hat Brüssel sehr fasziniert, und ich bin begeistert, welche Arbeit dort geleistet wird.“ So blieb sie auch in ihrer Dissertation beim Thema „Europa“ und beschäftigte sich mit der Frage, ob die Schaffung einer Europäischen Staatsanwaltschaft sinnvoll sei.

Als ich sie das erste Mal in ihrer Kanzlei im Rotherbaum besuche, ist sie hochschwanger. Inzwischen erfreut sie sich an ihrem wenige Monate alten Sohn und legt öfter mal einen Home Office Tag ein, um sich um ihn kümmern zu können. Nichts ist ihr anzumerken von schlaflosen Nächten,
heute wie damals macht sie einen sehr positiven, ausgeglichenen Eindruck.

Bringt sie denn nichts aus der Ruhe? Doch, es gibt schon Fälle, die sie aus der Fassung bringen. Zum Beispiel ist es ihr einmal gelungen, schon im Vorwege einen Boulevardzeitungsbericht über einen Mandanten zu verhindern. Innerhalb von zwei Stunden hatte sie eine einstweilige Verfügung erwirkt und diese per Fax der Redaktion zugestellt. „Aber dann haben wir keinen Gerichtsvollzieher mehr für die förmliche Zustellung gefunden. Die hatten ab 17 Uhr schon alle Feierabend. Das ganze Verfahren halte ich für sehr antiquiert!“ Und so erschien der Artikel trotz der gerichtlichen Verfügung.

Wollte sie immer schon Jura studieren? Jura oder Medizin. Aber nachdem eine befreundete Medizinstudentin sie mal mitgenommen und ihr in Formalin eingelegte Leichenteile gezeigt hatte, fiel ihre Entscheidung eindeutig für Jura. „Und das hat mir von Anfang an richtig Spaß gemacht!“ Am Medienrecht reizt sie, dass zwei Grundrechte, die eigentlich den gleichen Stellenwert haben, aufeinander stoßen, die Pressefreiheit und das Persönlichkeitsrecht. „Journalismus hat eine wichtige Aufgabe als public watchdog und Pressezensur ist fürchterlich. Das habe ich auch in der Tschechoslowakei erlebt. Aber wenn Persönlichkeitsrechte mit Füßen getreten werden, dann finde ich es richtig, sich zu wehren. Ich kann dazu beitragen, die beiden Grundrechte zum Ausgleich zu bringen.“

In diesem Sinne vertritt sie ihren Mandanten aus Magdeburg gegen das ZDF. Der hat sich inzwischen überlegt, auf den Vorschlag eines Vergleichs nicht einzugehen. „Es geht nämlich nicht nur ums Geld“, erklärt mir Patricia Cronemeyer, „er fühlt sich einfach bloßgestellt und ungerecht behandelt und möchte Genugtuung, mindestens eine Entschuldigung.“

Die vorsitzende Richterin in diesem Fall ist übrigens auch an der Entscheidung zum berüchtigten „Gedicht“ Jan Böhmermanns über den türkischen Präsidenten beteiligt. Patricia Cronemeyer beneidet sie darum nicht. Was ist denn ihre Meinung als Medienanwältin? Ist das noch Kunst oder Beleidigung? Sie überlegt kurz. „Isoliert betrachtet, ist es ganz klar herabwürdigend und damit beleidigend.“ Dann allerdings kommt das große Aber: „Entscheidend ist in diesem Fall der Gesamtkontext. Durch die Anmoderation wird deutlich, dass Böhmermann nicht sinnlos über einen Politiker herfallen wollte, sondern eine vorherige Auseinandersetzung in den Medien Anlass der Satire war. Und deshalb handelt es sich um eine zugespitzte Kritik, die in Deutschland aufgrund der Kunstfreiheit zulässig ist.“ So jedenfalls sieht das Patricia Cronemeyer.

Bevor sie an Bord eines Schiffes geht, packt Maike Puchert ihre Umhängetasche: Ladegeräte, Internet- und Telefonkarten, Zeitungen in verschiedenen Sprachen, Stadtpläne, Flyer und Sticker der Seemannsmission und Bonbontüten eines Sponsors. Obwohl es heute warm ist, trägt sie Sicherheitsschuhe und eine neongelbe wetterfeste Jacke. Ihr Ankerplatz, sprich: ihr Büro, befindet sich in Waltershof im Duckdalben, dem Clubhaus der Seemannsmission.

„Haben Sie Strümpfe mit?“ fragt sie mit einem Blick auf meine Sandalen und besorgt dann schnell welche aus dem zum Club gehörenden Kiosk, der die Seeleute mit dem Nötigsten – von Schokolade bis hin zu Hamburg-Andenken – versorgt. Nachdem auch ich vorschriftsmäßig ausgestattet bin, steigen wir, die Helme unterm Arm, in einen kleinen roten Kastenwagen und kämpfen uns durch den täglichen Stau zu Füßen der Köhlbrandbrücke.

Die Schranke zum Hafen öffnet sich wie von Geisterhand. „Eigentlich ist das hier Sicherheitsbereich, aber wir haben Sonderrechte, damit wir schnell zu den Seeleuten kommen“, erklärt mir Maike Puchert. Heute sind wir nicht schnell genug. Als wir am Kai ankommen, legt die Konstantinos gerade ab. So ein Mist!

Maike Puchert ist seit 2012 Leiterin der Bordbetreuung der Seemannsmission. Unterstützt wird sie bei ihren Besuchen auf den Containerschiffen aus aller Welt von fünfzehn Ehrenamtlichen. „Wir erklären, wie man in die Stadt kommt oder wo man Geld wechseln kann. Wir sehen uns auch als Botschafter der Stadt Hamburg. Es ist wichtig, dass die Seeleute willkommen geheißen werden im Hafen.“

Auch um Seeleute, die im Krankenhaus stranden, kümmert sie sich. „Sie sind in der Fremde, sind krank, das Schiff, auf dem sie gearbeitet haben, ist weg, wenn sie Pech haben mit ihren persönlichen Habseligkeiten. Da brauchen sie Hilfe.“ 336 Krankenhausbesuche hat ihr Team im letzten Jahr absolviert.

Am wichtigsten, das hat sie erfahren, ist für die Seeleute die Kommunikation. „Seelsorge ist, für das zu sorgen, was die Seele gerade am dringendsten braucht. Es kann eine SIM-Karte sein oder dass einer mal festen Boden unter den Füßen braucht, oder ein Bier, mal eine grüne Pflanze vor der Nase, ein Gespräch oder ein gemeinsames Gebet." Es kam schon vor, dass sie eine Internetkarte verkaufte und hinterher erfuhr, dass der Mann damit per Skype zum ersten Mal sein neugeborenes Kind sehen konnte.

Ungewöhnlich für eine junge Frau, noch nicht 30 Jahre alt, sich tagtäglich mit Brummbären auf See abzugeben, denke ich. „Von wegen Brummbären...“ Einmal empfing sie einer oben an der Gangway: „Was willst denn du?“ Sie hat sich vorgestellt und dann gefragt: „Und du, wie geht’s dir so?“ Der „Brummbär“, fast überrumpelt, musste sich erstmal sammeln und antwortete dann ganz erfreut: „Mir geht es gut, danke! Super, dass du fragst! Das hat mich seit drei Monaten keiner mehr gefragt.“ Das, findet sie, sind besonders schöne Momente, die ihr die Arbeit als Seemannsdiakonin bietet.

Manchmal muss sie auch Nothilfe leisten. Eine „sehr komische Atmosphäre“ spürte sie an Bord eines Schiffes. Niemand wollte mit ihr reden, sodass sie sich schon nach sehr kurzer Zeit verabschiedete. Einer aus der Crew schlich ihr hinterher, drückte ihr heimlich einen Zettel in die Hand und flüsterte: „Nicht hier lesen!“ Im Auto las sie dann, dass kein Essen mehr an Bord war, keine Overalls zum Wechseln, die Sicherheitsschuhe fielen auseinander. Da hat sie die Behörden eingeschaltet.

Stammt sie aus einer Seemannsfamilie? Keineswegs. Ihre Mutter ist gelernte Pharmazeutin, der Vater Diplom-Kaufmann und Ingenieur. Maike ist im niedersächsischen Wolfenbüttel aufgewachsen, geboren in Wilhelmshaven an der Nordsee. Wochenenden und Sommerferien bei den Großeltern am Jadebusen, Besuche auf der Gorch-Fock prägten ihre Kindheit.

„Mit siebzehn in der elften Klasse musste ich unbedingt mal über den Tellerrand gucken. Ich konnte mir nicht vorstellen, weitere zwei Jahre Schule durchzuziehen und am Ende genauso wenig zu wissen, was ich eigentlich mal tun wollte.“ Sie bewarb sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr „überall dort, wo Wasser in der Nähe ist“. Ob Kindergarten oder Behinderteneinrichtung – ihr war alles recht. So kam es zu einem Vorstellungsgespräch im Duckdalben und sie wurde 2004 als freiwillige Helferin engagiert. „Diese Entscheidung hat mein Leben geprägt. Hier bin ich kleben geblieben.“

Aber nicht sofort. Zwischendurch musste sie noch ihr Abi machen, im Rauhen Haus studieren, um dann für zwei Jahre bei der Seemannsmission in Brunsbüttel zu arbeiten, bevor es sie wieder nach Waltershof zurückzog. Jetzt führt sie mich durch das Clubhaus, einen roten Backsteinbau, benannt nach den Pfählen, die in den Hafengrund gerammt werden zur Markierung oder als Gelegenheit zum Festmachen.

„Von der Enge des Schiffes in die Weite der Seemannsmission...“ In der hohen Eingangshalle macht Maike Puchert eine einladende Bewegung. Jeder Platz an Decke, Wänden und Geländer verziert mit Bildern, Steuerrudern, Mitbringseln aus aller Welt und vor allem: Rettungsringen. Das Wichtigste kommt zuerst: Bunt angestrichene Telefonzellen gleich im Eingang, mit Hörern und Monitoren ausgestattet.

Sie weiß, wie sich so eine lange Trennung anfühlt. Eine von Maikes zwei Schwestern ist auch zur See gefahren, als Schiffsmechanikerin. Ebenso ihr Lebensgefährte, heute Lotse auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Europäische Seeleute sind vier Monate am Stück von zuhause weg, die philippinischen neun Monate. „Wir haben schon nach den vier Monaten immer gesagt: Oh, endlich vorbei!“ Ihr Freundeskreis besteht mittlerweile zu neunzig Prozent aus Seefahrern bzw. Angehörigen von Seeleuten.

Im großen Clubraum setzen Billardtische das für jeden Seemann ultimative Zeichen: Er ist an Land! Denn auf einem Schiff würde dieses Spiel garantiert nicht funktionieren.

Jetzt am Vormittag ist noch nicht viel los, nur ein paar junge Männer mit Smartphones in den Sofaecken. Durchschnittlich besuchen hundert Gäste pro Tag den Duckdalben. Die Speisekarte im Wirtsraum ist nicht sehr lang, aber speziell. „Manche Seeleute freuen sich schon in Singapur auf die Pferdewurst hier im Club.“

Maike Puchert führt mich weiter, zeigt mir den Computerraum, der auch gern zum Karaoke-Singen genutzt wird, besonders von den Philippinos. Dann die Bibliothek, aus der die Seeleute alles mitnehmen dürfen, was Buchstaben hat, Zeitungen, Bücher, darunter Bibeln in vielen verschiedenen Sprachen. Nicht zuletzt der Raum der Stille, groß, hell und ruhig, mit neun kleinen Altären für neun verschiedene Religionen. „Wir haben mal kleiner angefangen, aber dann kamen alle nacheinander, Sikhs, Daoisten ... und baten um ihre eigene Ecke.“

Ein orthodoxer Seemann, erzählt sie, habe dem Popen in seiner Heimat ein Photo der Ikonen im Raum der Stille gezeigt. Der Pope sei nicht erfreut gewesen über die unorthodoxe Gestaltung der Ecke und habe auf einem Zettel Anweisungen für die richtige Anordnung der Ikonen notiert. Mit diesem Papier kam der Seemann zurück, betrachtete die Ikonen-Ecke mit unglücklichem Ausdruck und zerknüllte den Zettel schließlich mit der Bemerkung: „Der Pope hat keine Ahnung.“ Das, findet Maike Puchert, sei das richtige Verständnis von der Weite der Seemannsmission.

Im Flur zeigt eine große Stadtkarte das südliche Hamburg. „Die musste erneuert werden, denn hier und hier waren zwei Löcher.“ Sie fährt mit dem Finger über den Standort des Duckdalben und den Eingang des alten Elbtunnels. Dorthin fahren sie die Seeleute, wenn die mal einen Ausflug in die Stadt machen wollen. „Die Reeperbahn ist dabei nicht mehr gefragt, eher der nächste Elektronikmarkt.“

In ihrer Freizeit, so stelle ich mir das vor, sucht Maike sicher die Stille auf dem Wasser, vielleicht auf einem eigenen kleinen Boot... Nein, ich liege voll daneben. In Glückstadt, wo sie wohnt, führt sie am Wochenende ihren kleinen Hund Flocke aus und reitet ein isländisches Pony namens Blágrána über festen Boden. Bootsführerschein? Fehlanzeige. Keine Lust? „Also, ich fahre gerne ab und zu mit der Fähre.“ Für eine Woche hat sie mal auf einem Containerschiff angeheuert. „Das ist nichts für mich. Ich bin tatsächlich eher die, die an Land bleibt und den Grund bildet, die Basis. Von hier aus kann ich die Strippen ziehen.“ So hält sie das zuhause in Glückstadt und auch als Seemannsdiakonin in Waltershof.

„Wir machen einen Fehler“, stellt Dagmar Sikorski fest. Und mit wir meint sie in diesem Fall alle, die mit klassischer Musik handeln. „Wir zwingen die Leute, still zu sitzen, nicht miteinander zu reden, auch nicht, wenn sie etwas nicht verstehen. Dann drehen wir noch das Licht aus und geben ihnen nichts zu essen.“ Darstellende Kunst habe es viel leichter als die Musik. Auf einer Vernissage könne man sich unterhalten, bekomme etwas zu trinken und die Bilder brauche man eigentlich gar nicht anzuschauen.

Ich besuche Dagmar Sikorski in einer auffälligen, terracottafarbenen Gründerzeitvilla in Hamburg-Harvestehude. Hier residiert sie als Geschäftsführerin der Sikorski Musikverlage, einem Familienunternehmen von internationaler Bedeutung, gegründet vor gut achtzig Jahren von ihrem Vater Hans Sikorski.

Jeder weiß, was ein Buchverlag macht. Sind die Aufgaben eines Musikverlages ähnlich? „Eigentlich sind wir Musikverleger die Manager der Komponisten und Autoren. Der Künstler soll in Ruhe komponieren und wir übernehmen alles Übrige, vor allem die Vermarktung und das Inkasso. Dazu brauchen wir unter anderem die Noten.“ Die werden hier im Haus gedruckt und dann verkauft übers Internet oder über Musikalienhändler. Oft allerdings werden sie nur verliehen. „Für ein Orchester ist es viel zu teuer, Noten zu kaufen, zumal jede einzelne Stimme anders aussieht und jeder Instrumentalist eigene Noten braucht.“

Im Angebot hat Dagmar Sikorski klassische zeitgenössische Musik, aber auch populäre Evergreens, die wir durch Stars wie Frank Sinatra, Marlene Dietrich oder Heinz Rühmann kennen. In jüngerer Zeit werden die Noten des Verlags von Stars wie Michael Bublé, Celine Dion, André Rieu, Götz Alsmann oder Max Raabe zum Leben erweckt. Auch Rolf Zuckowskis Kinderlieder sind hier zuhause.

Als Kind schon hörte Dagmar, geboren 1956 im oberbayrischen Hausham, zuhause im heimischen Wohnzimmer Zarah Leander und Peter Alexander singen. Komponisten wie Peter Kreuder („Ich wollt’, ich wär ein Huhn“) und Lothar Olias („So ein Tag so wunderschön wie heute“) probierten neue Stücke am elterlichen Flügel aus. „Ich habe immer dabei gesessen. Natürlich wurde ich irgendwann mal ins Bett gebracht, aber wenn ich wieder aufstand, hat sich keiner darüber aufgeregt. Oder haben sie es einfach nicht bemerkt?“

Damals betrieben die Eltern nicht nur den Verlag, sondern auch eine Konzertagentur. So lernte sie fast alle großen Künstler jener Zeit kennen. Das hat ihr sehr gefallen. Eins allerdings mochte sie gar nicht: Im Rüschenkleid mit Lackschuhen auf die Bühne gehen, um nach dem Konzert einen Blumenstrauß zu überreichen. „Ist sie nicht süß? Das war und ist gar nichts für mich!“

Da hat sie schon lieber mal eine Runde Skat gekloppt. “Mit fünfzehn habe ich gegen Freddy Quinn fünfzig Mark gewonnen. Das war Wahnsinn! Wenn ich verloren hätte... , bei ungefähr vier Mark Taschengeld im Monat!“ Vielleicht hat er sie gewinnen lassen? „Nee! Skat spielen, das ist Kampf! Das war schon immer so, da lässt man keinen freiwillig gewinnen!“

Trotz ihrer musikalischen Früherziehung besonderer Art plant sie keineswegs, in den elterlichen Verlag einzusteigen, sondern macht eine kaufmännische Lehre im Hotelgewerbe. „Ich sah mich als Hoteldirektorin auf den Malediven.“ Doch dann kam alles anders.

„Mein Vater ist gestorben, als ich 16 war. Als meine Mutter dann starb, war ich 25. Da hieß es: Friss oder stirb!“ Gemeinsam mit ihrem dreißig Jahre älteren Bruder hat sie die Geschäftsführung übernommen. Entschuldigung mal eben, dreißig Jahre älter? Sie lacht. „Ich habe eine sehr ungewöhnliche Familie. Ich bin das Kind aus der vierten Ehe meines Vaters und der zweiten Ehe meiner Mutter. Über Patchwork braucht man mir nichts zu erzählen!“

Heute führt sie die Geschäfte mit ihrem Neffen Axel Sikorski. „Er ist der Innen-, ich bin der Außenminister.“ Dagmar Sikorski versteht sich als Lobbyistin der Komponisten und Textdichter. Deshalb engagiert sie sich in diversen Verbänden der Musikbranche, war u.a. lange Jahre Präsidentin des Deutschen Musikverlegerverbandes, sitzt heute im Aufsichtsrat der GEMA.

Die Verwertungsgesellschaft kassiert im Namen der Urheber Gebühren für die öffentliche Nutzung von Musik. Dass Plattformen wie YouTube und viele Internetnutzer sich weigern, für den Musikkonsum zu zahlen, kann sie überhaupt nicht verstehen: „Die Leute fragen dann: Warum muss Madonna noch mehr Geld bekommen? Aber sie übersehen, dass zwar die ausübenden Künstler bekannt sind und verdienen, es aber viele Komponisten und Dichter gibt, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Es ist doch nur gerecht, die Urheber am Erfolg zu beteiligen!“

Zu ihren Aufgaben als Verlegerin zählt es, dafür zu sorgen, dass der Komponist nach Aufführung seines Werkes ein angemessenes Honorar erhält. „Ich bin traurig darüber, wie schlecht diejenigen bezahlt werden, die das Werk geschaffen haben. Sie bekommen viel weniger als diejenigen, die das Werk aufführen. Das finde ich nicht richtig.“

Besonders prekär sei die Lage für Komponisten zeitgenössischer klassischer Musik, erklärt sie mir. „Dieses Spitzwegmodell, wo der Künstler im kalten Zimmer sitzt und darbt, ist kein Ideal!“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Im Grunde verkaufen wir Eisschränke an Eskimos. Keiner will die zeitgenössische Musik. Alle wären ganz zufrieden, wenn weiterhin nur Mozart, Beethoven und Bach in den Konzertsälen gespielt würden.“

Aber der Noten-Mix ihres Verlags scheint recht erfolgreich zu sein. Sie führt mich in einen türkis gehaltenen Raum mit schwarz lackiertem Flügel und goldenen Schallplatten an den Wänden. Hier befindet sich eine weltweit einzigartige Bibliothek, eine Sammlung aller zeitgenössischen Kompositionen aus den Jahren der Sowjetunion. Dagmar Sikorskis Vater war in den 1950er Jahren ein kluger Schachzug gelungen. Durch einen Vertrag mit dem Außenhandelsministerium der Sowjetunion gewann er bekannte Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch. Russische Musik bildet seither einen Schwerpunkt im Verlag.

Wände und Teppiche hier, alles in Türkis. Das ist ihre Lieblingsfarbe. „In türkis habe ich auch vor dreißig Jahren geheiratet.“ Und zwar den Stahlunternehmer Jürgen Großmann, der später Vorstandsvorsitzender der RWE wurde und heute zu den reichsten Männern Deutschlands zählt. Über weite Strecken eine Ferien- und Wochenende-Ehe, er bei seiner Georgsmarienhütte, später auch bei RWE im Ruhrgebiet, sie mit ihrem Verlag an der Elbe.

Seine Frau sei nicht zahm und himmele ihn nicht an, wenn er nach Hause komme, verriet Jürgen Großmann dem ZEITmagazin vor einigen Jahren. „Sie ist nicht pflegeleicht und hat ihren eigenen Willen.“ Natürlich hat sie den. Und ein mütterlicher Typ im altmodischen Sinne ist sie auch nicht, keine, die alle gleich umarmt. Allerdings, die vielen Fotos hinter ihrem Schreibtisch zeugen von fröhlichen Familien-Momenten: eine Tochter, zwei Söhne, inzwischen alle mit abgeschlossenem Studium.

Aber soll sie etwa Pizza backen für die ganze Klasse oder Marmelade kochen für eine gemeinnützige Organisation? Dafür hat sie keine Zeit und hilft lieber anders. Sie unterstützt zum Beispiel die Stiftung „Kinder brauchen Musik“ von Monika und Rolf Zuckowski. „Das Singen“, warnt Dagmar Sikorski, „darf nicht aus den Kindergärten verschwinden! Es ist wichtig für die Persönlichkeitsbildung. Wenn ich in einer Gruppe musiziere, muss ich auf den anderen Rücksicht nehmen, muss versuchen, mit ihm im Gleichklang zu bleiben.“

Was hört sie eigentlich selbst gern? Sie liebt Jazz, hört gern klassische zeitgenössische Instrumentalmusik zu Hause vor dem Kamin, auch einfach mal deutsche Schlager. Wenn sie an die von Lera Auerbach komponierte „Kleine Meerjungfrau“ denkt (in Hamburg von John Neumeier inszeniert), bekommt sie eine Gänsehaut.

Musik als Klangteppich findet sie unerträglich. „Das Schlimmste für mich ist, wenn mich das belanglose Gedudel im Hotel verfolgt bis aufs Klo und in den Fahrstuhl. Oder wenn in den Kaufhäusern erst die Durchsagen ‚Klingklangklong Kasse sieben...’ kommen und dann geht das Düddeldaddel weiter. Das ist furchtbar!“

Dass Musik heute allgegenwärtig sei, trage auch zu ihrer Entwertung bei. „Was wäre wohl, wenn wir mal eine Woche ohne Musik blieben? Vielleicht wären die Menschen dann bereit, mehr dafür zu zahlen?!“ Ein Alltag ohne Musik, kaum denkbar, nicht nur für Dagmar Sikorski.

Der spitz zulaufende Konferenzraum am Sandtorkai bietet einen sagenhaften Panoramablick von der Elbphilharmonie bis zu den Landungsbrücken. Sunniva Engelbrecht sitzt mit dem gemeinnützigen Verein startsocial in der Hafencity, beherbergt von der Unternehmensberatung McKinsey. Sie fährt die Jalousien hoch, damit wir den Blick auf Stadt und Wasser genießen können, und gießt Kaffee ein. Ein Sozialprojekt in Luxuslage, ist das kein Widerspruch?

Ihr gefalle sehr, sagt Sunniva Engelbrecht, dass sich der hohe professionelle Anspruch durch die Zusammenarbeit mit McKinsey auf startsocial übertrage. Setzt sie das unter Druck? Nein, eigentlich nicht, obwohl sie sich selbst eher für eine chaotische Arbeiterin hält. Wie sie da sitzt, in weißer Sommerbluse, ungeschminkt, nur wenig Schmuck, also eine adrette Erscheinung, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass von Sunniva Engelbrecht Chaos ausgeht.

Im Grunde passt die Location genau zur Zielsetzung des Vereins, der nämlich ehrenamtliche Berater aus der Wirtschaft an soziale Initiativen vermittelt. Eine Art McKinsey für arme Sozialprojekte. Motto: Hilfe für Helfer. 6400 gemeinnützige Projekte haben sich seit der Gründung 2003 bereits um ein Beratungsstipendium beworben; 1200 haben eins erhalten.

Im vergangenen Monat war Sunniva Engelbrecht im Kanzleramt zur jährlichen Preisverleihung. Shake Hands mit Angela Merkel, der Schirmherrin des Vereins. „Wir haben 25 Projekte ausgezeichnet, sieben davon erhalten Geld, alle sollen ein Bild mit der Kanzlerin bekommen. Das ist gute Werbung.“ Und ebenso erhalten alle Preisträger professionelle Unterstützung, z.B. in Sachen Buchhaltung, Fundraising oder Marketing.

Sunniva Engelbrecht ist seit 2011 der geschäftsführende Vorstand von startsocial. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Leute zusammenzuführen. Welcher Berater aus welchem Unternehmen könnte welcher Initiative am besten helfen? Das muss sie gemeinsam mit vier festangestellten Mitarbeiterinnen herausfinden. Und natürlich muss sie auch Fundraising für den eigenen Verein betreiben. Startsocial lebt von Sponsoring und Spenden.

Fällt es ihr leicht, um Geld zu bitten? „Nein, aber es fällt mir zunehmend leichter, weil ich unsere Förderer als Partner begreife. Es ist nicht schön, Bittsteller zu sein, wenn man keinen direkt quantifizierbaren Mehrwert schafft, und ich habe ja keine wirkliche Gegenleistung. Aber für die Kultur eines Unternehmens ist es nicht unwichtig, seinen Mitarbeitern Gelegenheit zum sozialen Engagement zu geben.“ Besonders schwierig war das Fundraising, als sie 2009 bei startsocial anfing. „Ich musste mich erst mal warmlaufen in meiner neuen Funktion, und das nach der weltweiten Finanzkrise. Da herrschte Panik und keiner hatte Geld.“

Es ist sehr heiß. Trotzdem heult der Wind so geräuschvoll durchs offene Fenster, dass wir lauter sprechen müssen. „Manchmal weht mich der Wind fast vom Rad“, sagt sie stirnrunzelnd, „Ich verstehe nicht, warum das Hamburger Wetter bei der Bauplanung für die Hafencity nicht ausreichend berücksichtigt wurde.“ Sie hat keinen langen Weg zur Arbeit, wohnt mit ihrer Familie direkt an der Hauptkirche St. Katharinen, wo ihr Mann, Frank Engelbrecht, als Pastor wirkt.

„Das prägt unser Familienleben sehr“, erzählt sie. Wochenendausflüge mit den drei Kindern, 8, 12 und 14 Jahre alt, sind nur selten möglich. Hat Sunniva Engelbrecht also noch einen zweiten Job als Pastorenfrau? „Früher wurden der Pastor und seine Frau als Einheit gesehen. Das ist heute etwas anders. Trotzdem werde ich oft in Anspruch genommen, zumal wir direkt dort wohnen.“

Manchmal muss sie Akuthilfe leisten. „Vorgestern kam ich abgespannt und müde nach Hause, hatte mit sehr vielen Menschen gesprochen, sehnte mich nach Ruhe... Und dann sitzen da zwei Flüchtlinge, die schon seit Stunden auf meinen Mann warteten. Natürlich musste ich ihr Problem lösen.“ Die Engelbrechts haben ein offenes Haus. „Wenn jemand kommt, dann wird eben noch ein Teller aufgedeckt.“

Eine ähnliche Familienkonstellation kennt sie schon aus ihrer eigenen Kindheit. „Der Job meines Vaters hat den Takt vorgegeben.“ Er war Dorfarzt in einem kleinen Ort in der Nähe von Braunschweig; jeder kannte die Familie. Dort ist Sunniva, Jahrgang 1967, aufgewachsen. Ihr ungewöhnlicher Vorname kommt allerdings aus Skandinavien, inspiriert von einer norwegischen Schutzheiligen.

Sunnivas Mutter, Hausfrau, litt unter Depressionen. „Das erste Weihnachtsfest, wo sie weg war, in der Psychiatrie, war ganz fürchterlich. Ich war zehn Jahre alt. Dadurch bin ich sehr früh selbstständig geworden.“ Vielleicht kam daher auch das Interesse Sunnivas am Ergründen der menschlichen Seele.

Während ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau stellte sie fest, dass die Gespräche mit den Kunden sie wesentlich mehr faszinierten als das eigentliche Bankgeschäft. Warum nehmen Menschen Kredite auf, die sie nicht zurückzahlen können? Wieso sitzen Leute auf ihrem Geld und geben es nicht für schöne oder sinnvolle Dinge aus?“ Folgerichtig studierte sie nach der Banklehre Psychologie in Osnabrück.

Anschließend arbeitete sie in der Personalabteilung von Unilever. Im Jahr 2000 folgt sie ihrem Mann nach Dänemark. „In der Woche meinem Job nachgehen und meine Liebe nur am Wochenende zu sehen, der Gedanke gefiel mir nicht.“ Sie erhielt am Kopenhagener Forschungsinstitut eine Doktorandenstelle und forschte über Burnout von Hebammen. Das klingt sehr speziell, finde ich, und sie erklärt mir, dass eine dänische Studie festgestellt habe, Hebammen seien besonders häufig von Burnout betroffen.

„Verheiratet, mit Kind kam ich zurück nach Deutschland, bekam noch ein zweites Kind und wollte mir mit meinem Doktortitel in der Tasche wieder eine Stelle suchen.“ Das war viel schwieriger, als sie dachte. „Ich habe früher viele Beratungen gemacht, bin dafür herumgereist. Wegen der Kinder war das nun schwierig.“

Schließlich heuert Sunniva Engelbrecht bei Wellcome an, einem gemeinnützigen Unternehmen, das junge Familien unterstützt. Selbst schwanger mit dem dritten Kind besucht sie Eltern, die nicht in der Lage sind, ihre Babys gut zu versorgen. „Als Psychologin denkt man, je näher man am Menschen dran ist, desto besser. Aber ich habe echt meine Grenzen gesehen.“

An einem Freitag Nachmittag brachte sie es nicht übers Herz, eine sehr junge Mutter mit zwei kleinen Kindern in der vermüllten Wohnung sich selbst zu überlassen und alarmierte das Jugendamt. Der Tod der siebenjährigen Jessica, die von ihren Eltern eingesperrt und vernachlässigt worden war, lag noch nicht lange zurück. Trotzdem wurde Sunniva Engelbrecht kritisiert, sie habe das mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis zur Mutter gestört. „Es gab gute Gründe, das Jugendamt einzuschalten“, sagt sie heute nachdenklich, „aber ich war nicht richtig souverän, das habe ich gemerkt. Ich bin keine Hardcore-Sozialarbeiterin.“ Mit einem belustigten Lächeln fügt sie hinzu: „Und schwanger war ich halt auch...“

So bewirbt sie sich nach ihrer Elternzeit bei startsocial, nicht mehr so dicht dran am bedürftigen Menschen, aber dennoch sozial engagiert. In ihrer Arbeit hat sie große Freiheiten, muss sich aber auch „verstörend unangenehmen Fragen“ des Aufsichtsrates – ja, den gibt es bei startsocial – stellen.

Einmal wollte sie einen neuen Werbefilm veranlassen, eine äußerst kostspielige Sache. In der Mitgliederversammlung wurde sie daraufhin von einem der Aufsichtsräte gefragt: „Was glaubst du, wie viele Bewerbungen du generierst durch einen neuen Film?“ Über diese Zahl hatte sie sich keine Gedanken gemacht. „Das hat mich kalt erwischt. An Zahlen denke ich nicht als erstes. Aber die Nachfrage war ganz richtig. Auch im sozialen Sektor gibt es noch wahnsinnig viel zu lernen.“

Zum Beispiel, findet sie, müsste die Kooperationsbereitschaft gemeinnütziger Organisationen wesentlich größer sein. „Auch im sozialen Sektor wird mit harten Bandagen gekämpft, vielleicht gerade weil es nur wenig Geld zu verteilen gibt. Da werden manchmal die guten Sitten vergessen, zum Teil eher noch als in einem großen Unternehmen. Das hat mich überrascht.“ Sunniva Engelbrecht würde das gern ändern. Bei startsocial ist sie genau auf dem richtigen Posten, um darauf Einfluss zu nehmen.

Drei gewaltig hoch gewachsene Kiefern stehen vor dem weiß verputzten Einfamilienhaus in Nienstedten. Denkmäler einer 150 Jahre alten Baumschule. Friederike von Ehren führt mich durch ihr Büro und die Wohnküche geradewegs hinaus in den eigenen Garten, der schon auf den ersten Blick ihre Handschrift zeigt.

Aber erstmal möchte sie unbedingt auf das öffentliche Grün in Hamburg zu sprechen kommen. „Ich war gerade in München, dort ist alles wunderschön bepflanzt. Hier ist das öffentliche Grün verkommen und ungepflegt, überall Birkensämlinge und Unkraut. Das ist ein Kulturverlust!“ Und schließlich, meint sie – zurückhaltend, aber bestimmt – hätten wir doch in den Vierlanden die Produzenten direkt vor der Haustür. Man könnte die Vierlande-Gärtner unterstützen, findet sie, und gleichzeitig für mehr Verkehrssicherheit sorgen. „An manchen Stellen kann man ja nicht mehr abbiegen!“ Und außerdem geht es ihr um die Ästhetik.

Wir blicken in das weite gepflegte Grün ihres eigenen Gartens, hier und da ein paar Farbtupfer. Was macht einen guten Garten aus? Zuallererst gelte es herauszufinden, was der Gartenbesitzer möchte, erklärt sie mir. „Ich selbst wollte in diesem Garten Erholung schaffen für mein Auge. Ich sehe so viele verschiedene Gärten, das ist manchmal Wirrwarr und Wildwuchs. Da wollte ich aus dem Fenster schauen und Ruhe haben. Strukturen schaffen und gar nicht so viel Buntes.“

Als sie vor einigen Jahren ihren Garten neu anlegte, wurde erstmal kräftig gerodet und geschnitten. Wenn ihr etwas nicht gefällt, dann kommt es eben weg! „Ich verbinde oft Alt und Neu in den Gärten. Dafür muss dann auch einiges gehen. Das ist für manche schmerzhaft, aber wenn Altes weicht, entdeckt man Dinge, die man vorher nicht gesehen hat.“

Strukturen schaffen also und Räume bilden. Ein Busch ist nicht einfach nur ein Busch, eine Hecke nicht einfach eine lange gerade Hecke. Treppen, Balkone und Spiralen, Würfel und Kugeln, Kanten, geschwungene Linien ... Hier waren Gartenkünstler mit der Heckenschere am Werk. Legt sie denn selbst Hand an? „Natürlich! Mein Mann auch. Diese Schnitte machen wir selbst. Die Formen entstehen beim Tun.“ Sie arbeitet gern mit unterschiedlichen Höhen und Stufen, macht aus den Rhododendren kleine immergrüne Bäume, damit sie noch etwas Interessantes darunter pflanzen kann. „Es muss eine gewisse Spannung fürs Auge da sein: Farben, Düfte, Blattformen. Man sollte etwas entdecken können.“

Die alte Hamburger Baumschutzverordnung ist ihr ein Dorn im Auge. „Sie führt dazu, dass die Stadt heute in den meisten Stadtteilen sehr verschattet ist. Viele Gärten sehnen sich nach Tageslicht. Wo man früher freien Elbblick hatte, schaut man heute auf Laub. Überhaupt, große Laubbäume sollten einen Mindestabstand von 20 Metern zum Haus haben.“

Wir stehen vor ihrem Lieblingsbaum, einer fast 150 Jahre alten Flusszeder, die ihr Urgroßvater aus Paris von der Weltausstellung mitgebracht hat. In kurzer Entfernung ein zweites Haus auf dem Grundstück. Als sie Kind war – sie wurde 1965 geboren – wohnte dort ihr Großvater. „So war das früher, die Firma direkt nebenan. Er ging zu Fuß ins Kontor, so hieß das bei uns.“ Seit 1865 war die Baumschule Lorenz von Ehren hier in Nienstedten beheimatet, lieferte in die Nachbarschaft, aber auch bald bis Kopenhagen und Russland, später nach China oder Argentinien.

„Unsere Kletterbäume waren dann plötzlich weg und an anderen Orten wiederzufinden. Das war witzig. Wir lebten in einem kleinen Mikrokosmos, auch Mitarbeiter der Baumschule wohnten auf dem Gelände.“ Besucher kamen und gingen. Intensiv wurden freundschaftliche Beziehungen zu Kunden und Gartenarchitekten gepflegt. „Es war ein großes Haus, in dem gelebt und gearbeitet wurde.“

Und so ähnlich hält sie das auch heute: Ihr Büro direkt neben der Wohnküche, alles offen; Arbeit und Familie – sie hat drei Kinder, die Älteste hat gerade ihr Abi bestanden – alles unter einem Dach. An der Wand schön gezeichnete Entwürfe und das Bild des weitverzweigten Stammbaums der Familie von Ehren. 1993 zog die Baumschule nach Marmstorf, wo sie noch heute von Friederikes Cousin Bernhard von Ehren geführt wird. Nicht weit davon entfernt leitet ihr Bruder Johannes ein Gartencenter, ihre Schwester Katharina hat sich als internationale Baummaklerin einen Namen gemacht. Eine Garten-Dynastie.

Im Marmstorfer Gartencenter hat Friederike von Ehren ihren ersten Schaugarten aufgebaut. Doch musste der weichen, weil die Familie beschloss, einen Teil des Geländes zu verkaufen. Anstoß für sie, sich 2006 selbständig zu machen mit dem, was sie am allerliebsten tut: Garten-Design.

Ein wenig wehmütig denkt Friederike von Ehren an die Zeit ihrer Kindheit und noch weiter zurück: „Das Geschäft hat sich dramatisch geändert.“ Heute seien nicht mehr viele Menschen bereit, Zeit in die Auswahl einzelner Pflanzen zu investieren. Bestellungen erfolgten meist aus dem Katalog vom Schreibtisch aus. „Ich versuche, das in meinem Bereich wieder aufzubrechen.“ Obwohl sie natürlich alle Baumschulen und Händler der Umgebung kennt, stattet sie ihnen noch oft einen persönlichen Besuch ab. „Ich möchte die Pflanzen erleben. Bilder und Filme können nicht alles abdecken. Das menschliche Auge ist immer noch unübertroffen.“ Manchmal lässt sie sich von einzelnen Gewächsen inspirieren, macht Fotos und setzt sich erst anschließend an das Design.

Ein Besuch in einer Baumschule ist für sie wie ein Galeriebesuch. Gern vergleicht sie ihr Metier mit der Kunst, denn eigentlich wollte sie Kunstgeschichte studieren. Aber dann schwenkte sie doch um, durchlief eine Gärtnerausbildung und studierte anschließend Landespflege und Gartenarchitektur in Weihenstephan bei München. Ein Praxissemester in London, im Mutterland der Gartenkultur, inklusive.

Die Liebe zur Kunst ist geblieben und findet ihren Ausdruck darin, dass sie gern Skulpturen in ihren Gärten platziert. „Es gefällt mir, Kunstwerke so zu stellen, dass das Auge neben den weichen Strukturen, dem Organischen auch einen Halt findet oder einen Bremser.“ Diese Funktion, erklärt sie mir, könnten auch schön geformte Bänke, Amphoren, Rosenbögen oder Pergolen erfüllen.

Nachdem sie einen Garten designed und die Pflanzen ausgesucht hat, ist sie natürlich vor Ort, wenn diese geliefert und aufgestellt werden. „Da wird noch ein wenig gedreht, dieser Busch ein Stück vor, jener ein Stück zurück... Das fühlt sich vielleicht ähnlich an, wie ein Bild fertig zu malen.“ Eigentlich sei das Kunst, findet sie, kombiniert mit pflanzentechnischem Wissen über Standorte. Ein entscheidender Unterschied bleibt aber doch: Dem Maler wachsen seine Farben nicht entgegen.

Und wie fühlt es sich an, wenn der Auftraggeber auf die Gestaltung des Kunstwerkes Einfluss nimmt? Letztendlich, meint sie, müsse der Bauherr entscheiden oder die Bauherrin. „Ich bin da nicht rigoros.“ Und ihre Kunden kommen schließlich zu ihr, weil sie just ihren Stil mögen. Am schönsten ist es natürlich, wenn ihr jemand freie Hand gibt. Dann verzichtet sie ganz auf die Pläne und lässt sich beim Setzen der Pflanzen vor Ort inspirieren.

Beim Blick auf die kunstvoll und akkurat geformten Büsche in ihrem Garten, die in gebührender Entfernung voneinander als Einzelstücke wirken können, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. In meinem Garten wachsen die Eiben in die Rhododendren und diese wiederum verdrängen die armen Rosen. Kann man einen schönen Garten haben, ohne Expertin zu sein oder Experten zu beschäftigen? Sie beruhigt mich, das sei möglich. Aber: „Es soll zu jeder Jahreszeit etwas blühen und das ganz, ganz pflegeleicht? Das gibt es nicht!“

Wenn ich allein schon an die Bewässerung denke. Stundenlang mit dem Schlauch in der Hand im Garten stehen, während andere mit einem Drink in der Hand die Abendsonne genießen... Wer übernimmt das denn hier? „Ich“, antwortet sie, „das macht mir Spaß!“ Ein wenig nachdenklich schaut Friederike von Ehren auf ihren Schmetterlingsflieder, der noch nicht blüht. „Ich glaube, ich möchte jetzt doch wieder mehr Farbe und werde einiges neu überlegen.“ In ihrem Garten ist nichts für die Ewigkeit gedacht.

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