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Liest sie ihre Zeitung morgens lieber auf Papier oder auf dem iPad? Das ist ihr ganz egal. Vor ein paar Jahren hat sie noch gesagt, ein Buch zu lesen ohne umzublättern, das sei kein Vergnügen. Heute sieht sie das ganz pragmatisch: „Viele Bücher sind ja so wahnsinnig schwer. Wir müssen jetzt nicht mehr so große Handtaschen haben. Ein iPad passt in jede Tasche.“

Gabriele Beger ist begeistert von den Möglichkeiten, die digitale Technologien schaffen. „Wir haben hier uralte Handschriften, die für die Forschung sehr relevant sind und versuchen, sie so aufzubereiten, dass sie weltweit digital zur Verfügung stehen. Das ist eine unserer Schwerpunktaufgaben. Von daher ist die Digitalisierung ein Geschenk.“ Nur logisch, dass sie ihre Promotion zum Thema „Urheberrecht und elektronische Bibliotheksangebote – ein Interessenkonflikt“ verfasst hat.

Mit der großen Brille auf der Nase und den hinten verknoteten grauen Haaren sieht sie genau so aus, wie man sich eine Bibliothekarin vorstellt, aber eine, die die Nase nicht nur in verstaubte Bücher steckt, sondern sich mit großem Interesse auch den Menschen zuwendet, die ihr begegnen. Und das macht Gabriele Beger hier als Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek (kurz: Stabi) auch zum Programm.

Die Bibliothek sage nicht mehr: „Dieses Buch ist gut, lies es, sei ruhig und setz dich hin!“ erklärt sie mir, sondern frage ihre Besucher: „Welche Ausstattung brauchst du, was suchst du hier?“ Ein Ausdruck dieser Haltung sind die neuen Arbeitsräume für Studenten mit gemütlichen Banknischen wie in einem Restaurant, versehen mit, einem Monitor und Anschlüssen zur umfangreichen Vernetzung.

Die Tageszeitungen aus dem ersten Jahr des I. Weltkriegs hat die Stabi im Rahmen eines EU Projekts digitalisiert. Dabei wurde deutlich, wie sich die Einstellung der Bevölkerung veränderte, wie die Zustimmung abnahm und welche Auswirkungen ein Krieg hat. „Das mit anderen historischen Zeugnissen vergleichen, das können Sie nur im Netz. Früher ging das zum Teil mit Klebstoff, aber natürlich nicht in dieser Qualität.“

Wir sitzen in ihrem Büro, das, vornehmlich mit weißen Resopalmöbeln ausgestattet, keinen besonderen Charme ausstrahlt. Interessant aber die drei großen Bilder an den Wänden, die allesamt ihre Schwester gemalt hat. „Sie ist eine begnadete Malerin“, sagt Gabriele Beger bewundernd und verscheucht einen Anflug von Raucherhusten. Ja, sie raucht und trinkt gern wahnsinnig viel Kaffee. Und sie ist ungeduldig. „Geht das auch schneller?“ hat sie früher häufig gefragt. „Aber so geht man mit anderen Menschen nicht um.“ Deshalb hat sie sich das abtrainiert.

Sie ist Jahrgang 1952, aufgewachsen in Ostberlin mit der Schwester und einem Bruder, beide älter als sie. Die Mutter Hausfrau, der Vater Journalist. „Ich komme also aus einem bürgerlichen Elternhaus, wo eine gute Bibliothek vorhanden war, wo ich an Literatur und klassische Musik herangeführt wurde“, erzählt sie und fügt hinzu: „Das ist ein Geschenk. Ich bewundere alle Menschen, die nicht dieses Glück in ihrer Kindheit hatten und es dennoch schaffen. Welchen Ehrgeiz, welche Disziplin müssen sie aufgebracht haben, um das aufzuholen?“

Nun, frei von Ehrgeiz und Disziplin ist Gabriele Beger mit Sicherheit auch nicht; das spüre ich sofort. Und immerhin war sie schon als Kind Leistungssportlerin im Boden- und Geräteturnen, sollte sogar für die Olympiade 1968 trainiert werden. „Aber da haben meine Eltern einfach den Stecker herausgezogen – schließlich ging es auch ums Doping – und gesagt: ‚Geh doch lieber ins Theater!’ Da sehen Sie, dass ich wirklich weitsichtige Eltern hatte.“ Obendrein behinderte noch eine Blinddarmentzündung das Training und so wurde Gabriele tatsächlich eine eifrige Theatergängerin und entwickelte eine besondere Liebe zu Bertold Brecht, dessen Texte sie gemeinsam mit ihrer Freundin auswendig lernte.

Damit ich jetzt wegen ihrer Begeisterung für die Digitalisierung nicht schreibe: „Frau Beger ist ein Technik-Freak“, holt sie aus ihrem Regal das Moller Florilegium, einen dicken Band mit prachtvollen Blumenbildern, gemalt im 17. Jahrhundert. „Der Originalband kostet inzwischen eine Million und ist natürlich im Tresor.“ Neulich hatte sie ein anderes Buch mit einem Original-einband aus dem fünften Jahrhundert in der Hand: „Da empfinden Sie Ehrfurcht, das ist einfach wunderschön!“

Nicht nur Gedrucktes wird in dem siebzehn Stockwerke hohen Bücherturm aufbewahrt, auch Tontafeln und Handschriften, sowie an die 400 Nachlässe berühmter Hamburger wie Wolfgang Borchert oder Johannes Brahms. „Schön ist, dass diese Nachlässe nicht nur Manuskripte und Briefe enthalten, sondern auch Dinge wie den Schreibtisch von Klopstock oder die rosafarbenen Schuhe seiner Frau. So etwas liebe ich! Das ist dann natürlich wieder eine Liebe zum Haitischen.“

Was ist denn der größte Schatz in ihrer Bibliothek? „Da werden Sie jetzt staunen“, lacht sie, „das sind die Mitarbeiter!“ Sie verweist auf eine Urkunde an der Wand, die der Stabi attestiert, dass sie sich besonders für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagiere. Setzt sie sich dafür ein aus eigener Erfahrung? Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und eine Enkelin. „Entschuldigung“, winkt sie ab, „das lassen wir mal sein, klar hat man in meinem Alter Familie, aber mich berührt es unangenehm, als Frau immer danach gefragt zu werden.“

Da spricht sie etwas an, worüber ich als Autorin auch oft nachdenke. Lässt man die Familienverhältnisse eines Mannes außer Acht, protestiert niemand. Kläre ich aber in einem meiner Frauenporträts nicht über den Familienstand und die Kinderzahl auf, kommen garantiert kritische Nachfragen. Gabriele Beger will keine gängigen Klischees bedienen. Ich auch nicht. Aber bleiben diese Bausteine unseres Lebens nicht trotzdem interessant, gerade weil sie uns persönlich und gesellschaftlich so beschäftigen?

„Erzählen Sie lieber etwas anderes“, wünscht sie sich, „zum Beispiel dass ich im Grindelviertel wohne und mich hier sauwohl fühle. So etwas zeigt doch eher, wie ein Mensch tickt.“ Sie genießt die Lebendigkeit in der Woche, die Ruhe am Wochenende und vor allem das Familiäre: „Nein“, sagt ihr der Schuster, „Sie brauchen keinen Zettel, ich weiß, wie Ihre Schuhe aussehen!“ Deshalb liebt sie ihren Hamburger Kiez.

Der Blick aus ihrem Büro fällt direkt auf ein immenses Graffiti, das eine vier- bis fünfstöckige Hauswand dekoriert. Es erinnert an Berlin, „die lebendigste Stadt nach wie vor“, so sieht sie das und hat an der Humboldt Universität noch immer einen Lehrauftrag. Von 1971 bis 2005 war sie im Osten Berlins an der Stadtbibliothek tätig, also über dreißig Jahre, die letzten als deren Direktorin.

Wie hat sie denn überhaupt ihre Liebe zu Bücherregalen entdeckt? Auf der Suche nach einem Beruf, erzählt sie mir, habe sie der damalige Direktor der Stadtbibliothek beeindruckt. Der sei durch die Welt gereist und habe von überall Neuerungen mitgebracht. Aus Schweden zum Beispiel die Idee einer Artothek, aus den USA Fließbänder, worauf die Bücher aus den Magazinen hochschnellten. „Also, dass man Bilder ausleihen konnte und dass die Bücher auf dem Fließband kamen.... so oberflächliche Dinge haben mich fasziniert!“ Nach einer Ausbildung zur Bibliotheksassistentin studierte Gabriele Beger Bibliothekswesen in Leipzig und Berlin.

Die Öffnung der Grenze zwischen Ost und West kam für sie gerade recht. Sie war 37 und steckte in den letzten Zügen ihres Jura-Zweitstudiums. „Da konnte ich mich spezialisieren auf den Vergleich der Rechtssysteme und reiste sozusagen als Übersetzerin durch die Gegend. Direktorin der Stadtbibliothek wäre ich höchstwahrscheinlich ohne die Öffnung auch nicht geworden, wegen meiner Schwester im Westen.“

Ist ihr der radikale Wandel auch schwer gefallen? „Nein“, wehrt sie ab, „ich mag Veränderungen!“ Das hält sie für einen ihrer wichtigsten Wesenszüge. Gilt das ebenso fürs Privatleben? „Vielleicht nicht so sehr. Irgendwo muss man sich auch mal ausruhen können.“ Aber immerhin ist sie, darauf weist sie ausdrücklich hin, nach über fünfzig Jahren in Berlin 2005 nach Hamburg gezogen, ohne mit der Wimper zu zucken. Obwohl Freunde sie gewarnt haben, es regne hier immer und die Leute seien nicht so aufgeschlossen. „Das probiere ich erst mal aus!“ hat sie sich gesagt und in den zehn Jahren seither viele positive Überraschungen erlebt.

Gibt es denn irgendetwas, das sie nervt hier, an ihrem Job zum Beispiel? Sie denkt lange nach. Sehr lange. „Nö“, antwortet sie dann trocken. „Wenn mich etwas nervt, dann stelle ich es ab.“ Das macht sie bestimmt, da bin ich ganz sicher.

Bei Manuela Rousseau klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist der Aufsichtsratsvorsitzende der Beiersdorf AG. Ob sie Interesse habe, im Aufsichtsrat mitzuwirken, fragt er. Ihr Herz schlägt höher, ihre Gedanken fangen an zu rasen: Wie kommt er denn auf mich? Bin ich überhaupt qualifiziert? Kann ich das mit meiner Familie vereinbaren? Oh Schreck, was sagt mein Chef dazu? „Hallo, Frau Rousseau“, sagt die Stimme am anderen Ende, „sind Sie noch da?“

Das war 1994, also vor 22 Jahren. Jetzt steht Prof. Rousseau im Institut für Kultur- und Medienmanagement und teilt mit den Studierenden – überwiegend junge Frauen – Erfahrungen ihres Berufsweges. „Das Wort ‚nein’ bitte verlernen!“ fordert sie auf. „Wann immer Ihnen ein Angebot gemacht wird, besteht die Antwort aus zwei Buchstaben und heißt wie?“ Keiner sagt etwas. „Wir müssen es einfach üben!“ Allgemeines Gelächter und dann „Ja, ja! Ja!“ aus allen Richtungen. „Ein erstes Nein ist völlig unsinnig, denn die Rahmenbedingungen müssen Sie doch sowieso noch klären.“

Manuela Rousseau, damals Pressereferentin bei Beiersdorf, hat also Ja gesagt. Ohne großes Vorwissen und Erfahrung in diesem Bereich führt sie ihren Wahlkampf zur Aufsichtsrätin – und scheitert. „Furchtbar, es fühlte sich schrecklich an. Ich hatte daran wirklich zu knacken, es gab Tränen, Selbstmitleid, und die erste Zeit danach war ich blockiert.“ Erst später erkennt sie, dass „Scheitern eine wertvolle Erfahrung ist. Seitdem spornen mich Niederlagen eher an, es immer wieder aufs Neue zu versuchen.“

In diesem Sinne tritt sie 1999 erneut an, diesmal mit Erfolg. „Es gibt immer eine zweite Chance!“ Viermal wurde sie seither gewählt, ist also seit siebzehn Jahren im Aufsichtsrat und somit eine der erfahrensten Aufsichtsrätinnen in Deutschland. Sie hat richtig gute Ratschläge für den Weg nach oben, erteilt diese aber keineswegs von oben herab. Mit sichtlichem Spaß lässt sie andere an ihren Erfahrungen teilhaben. Ihr Vortrag ist gut vorbereitet, sie spricht authentisch und persönlich.

„Ich verrate Ihnen jetzt, wie ich durch Selbstzweifel lange Jahre selbst verhinderte, dass ich eine Professur erhielt.“ Seit 1992 unterrichtet sie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Ohne Studium zur Professorin, das ist nicht alltäglich. Aber sie schaffte es aufgrund besonderer Fachkenntnisse und Qualifikationen. „Setzen Sie sich klare Ziele“, empfiehlt sie jetzt, „und schreiben Sie sie auf!“

Macht sie das selbst auch, frage ich später, als wir Gelegenheit zu einem Gespräch unter uns haben. „Ja, natürlich!“ nickt sie und zieht eine schwarz-rote Kladde aus der Handtasche. Das Büchlein hat sie immer dabei. „Ich gebe mir Jahresziele, Quartalsziele, monatliche, teilweise tägliche Ziele, private und berufliche, und ich schreibe sie auf.“ Im letzten Urlaub hat sie sich überlegt, was ihr 2016 wichtig sein würde und das festgehalten. Was erledigt ist, wird durchgestrichen. „Es ist für mich sehr befriedigend, wenn die Ziele erreicht sind“, erklärt sie und streicht über die beschriebenen Seiten.

Sie trägt ein sommerliches Kleid und einen hellen Blazer. Wir sitzen auf der Terrasse der Kammerspiele im Grindelviertel, denn hiermit fühlt sie sich verbunden, wirkt gelegentlich während der Hamburger Privattheatertage in der Jury. Die Liste ihrer ehrenamtlichen Tätigkeiten ist lang, reicht von der Rettung der Nikolaikirche als Denkmal in den 1980er Jahren bis zu ihrer langjährigen Mitgliedschaft bei Zonta, einem „Zusammenschluss berufstätiger Frauen in verantwortungsvollen Positionen“, der die Lebenssituation von Frauen weltweit verbessern möchte. In wenigen Tagen wird Manuela Rousseau ihr neues Amt als Präsidentin des Zonta Clubs Elbufer übernehmen.

Sie hat großen Spaß am Netzwerken. Ein Schlüssel zum Erfolg! „Netzwerke, Netzwerke, Netzwerke!“ das sagt sie gerne dreimal hintereinander. „Ich bin überzeugt, dass jedes Treffen, jedes Gespräch ein neuer Knoten in meinem Netzwerk sein kann.“ Aber ausnutzen dürfe man die nicht, warnt sie die Studierenden, das werde nicht funktionieren. Manche schreiben mit. Manuela Rousseaus Vortrag ist wie ein gutes Rezept, das durch häufige Anwendung immer wieder verfeinert wurde.

Die Zutaten zum Erfolg: gute Ausbildung, realistische Selbsteinschätzung, Disziplin, Mut zum Scheitern, bereit sein, aus Fehlern zu lernen und über Grenzen zu gehen. Und vor allem: eine bewusste Entscheidung treffen, welche Rolle Beruf und Karriere im eigenen Leben spielen sollen.

Bringt sie selbst das alles mit? Nicht unbedingt von Anfang an. Disziplin, ja, die hat sie durch eine sehr strenge Erziehung mitbekommen. Mit zehn Jahren schon musste sie nach der Scheidung der Eltern Verantwortung für ihren jüngeren Bruder tragen. „Wenn ich einen traurigen Moment bekomme, denke ich, sie haben mir einen großen Teil meiner Kindheit genommen. Andererseits habe ich dadurch sehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.“

Manuela ist in Neumünster geboren (1955) und aufgewachsen. Die ersten drei Jahre hat sie bei den Großeltern gelebt. Der Vater war Lokführer, die Mutter, gelernte Näherin, hat als Kassiererin gearbeitet. Mit vierzehn musste Manuela die Schule verlassen, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Sie machte eine kaufmännische Lehre. „Meine Mutter stand finanziell mit dem Rücken an der Wand. Das hat mich geprägt und ich habe mir vorgenommen: Das soll mir nie passieren! Ich werde meinen Unterhalt verdienen, immer und zu jeder Zeit!“

Nach ihrer Lehre wird sie im Kaufhaus angestellt. Sie heiratet schon mit 19, und mit 23 macht sie sich selbständig, eröffnet mit Geschäftspartnern drei Radio- und Fernsehgeschäfte im Hamburger Umland. Das Unternehmen geht in Konkurs, auch die Ehe hält den Anforderungen nicht stand. „Da war alles im Bruch. Das war ein ziemlich tiefer Punkt.“ Aber: Es gibt immer ein zweite Chance!

1984 geht sie zur Beiersdorf AG, erst als Einkäuferin, dann als Pressereferentin. 1992 heiratet sie ihren jetzigen Mann. Später wird sie Leiterin des Corporate Social Responsability Headquarters des Unternehmens, erst international, inzwischen ist sie nur noch für Deutschland zuständig, damit sie sich ihren anderen betrieblichen Aufgaben ausreichend widmen kann. Seit 2009 hat sie noch einen zweiten Aufsichtsratsposten, nämlich bei der Maxingvest AG, der Dachgesellschaft von Tchibo und Beiersdorf.

Hat sich in den siebzehn Jahren ihrer Aufsichtsratstätigkeit viel verändert? Werden Frauen heute vorurteilsfrei in diesen Positionen akzeptiert? In ihren beiden Aufsichtsräten schon, antwortet sie. „Solange es aber noch Aktionäre gibt, die auf der Hauptversammlung bestreiten, dass Frauen Führungskompetenzen haben, weil sie zu emotional seien und dazu sogar geklatscht wird, sehe ich noch großen Verbesserungsbedarf.“ Das gibt es noch? Ja, tatsächlich, das gibt es noch. Und bei der Suche nach neuen Aufsichtsratskandidatinnen heißt es oft, es gebe keine geeigneten Frauen oder sie wollten nicht.

Tatsächlich hat auch sie die Erfahrung gemacht, dass Frauen häufiger als Männer Macht ablehnen. „Sie möchten keine negativen Formen von Macht. Für mich ist Macht positiv, eine gestalterische Kraft, die Spielräume gibt, um Einfluss zu nehmen.“

Wenn ich die Liste ihrer Aktivitäten sehe, gestehe ich ihr, möchte ich am liebsten den Kopf in den Sand stecken. „Ich auch manchmal“, sagt sie sofort, „Sie hätten zuhören müssen am Wochenende, als ich mit meinem Mann diskutiert habe: Warum mache ich das alles?“ Und warum? „Wir haben keine Kinder. Und dann fühle ich mich einfach aufgefordert, die Welt ein wenig besser zu machen. Ehrenamt macht glücklich!“

Ihr Mann ist der ruhende Pol in ihrem Leben. Aber zu ruhig soll das auch nicht werden. Die beiden haben vereinbart, dass sie jedes Jahr neu entscheiden, ob sie ein weiteres Jahr zusammen bleiben. „Im Dezember gibt es immer unser Gespräch, wo die Karten auf den Tisch kommen: Was war gut, was nicht? Und dann die Frage: Wollen wir um ein Jahr verlängern? Das haben wir bisher 23 mal geschafft.“

Gibt es noch unverplante Tage, ohne Zielsetzungen und Vorsätze? „Zu wenige, die wünsche ich mir manchmal. Gestern war so einer. Mein Mann hat vorgeschlagen, Golfen zu gehen. Das kam mir entgegen: Mein Handikap will ich ja auch verbessern, das steht für 2016 auf der Liste.“ Es wurde ein sonniger, entspannter Tag.

In Saal B 335 des Hamburger Landgerichts geht es zu wie in einer Talkshow: „Ich habe doch gerade zugehört, wie Sie geredet haben, darf ich jetzt auch ausreden?“ verlangt einer der Anwälte leicht indigniert. Patricia Cronemeyer kennt das Spiel: „So ein bisschen sticheln, das gehört dazu.“ Aber verärgert ist sie auch, darüber dass hier so verharmlost wird, was ihrem Mandanten passiert ist.

Patricia Cronemeyer vertritt den Kläger, einen 33 Jahre alten Mann, der aus Magdeburg angereist ist, um – ja, so kann man das sagen – seine Ehre zu verteidigen. Sie erklärt mir, ein Kamerateam des ZDF habe ihn an seiner Wohnungstür überrumpelt und gefilmt, in nicht gerade salonfähigem Aufzug: mit Nasenverband nach einer Operation, unter Schmerzmitteln stehend, in Unterhose und T-Shirt, aus dem Dämmerschlaf gerissen. Zwar stellte das ZDF-Team recht schnell fest, dass es hier an der falschen Tür geklingelt hatte, doch gesendet wurde die Szene trotzdem. Patricia Cronemeyer empört das, sowohl menschlich als auch juristisch. Eine Unterlassungserklärung hat der Sender bereits unterschrieben; sie möchte noch eine Entschädigung für ihren Mandanten erwirken.

Mich wundert, dass es hier vor Gericht keine klaren Spielregeln zu geben scheint, die beiden Seiten in gerechter Weise Gehör verschaffen. Die Anwältin muss sich mehrmals durchboxen, um zu Wort zu kommen. „Das ist in der Tat so, aber hier ging es eigentlich noch sehr gesittet zu“, bestätigt sie meinen Eindruck. „Es gehört dazu, der Gegenseite mal in die Parade zu fahren. Das habe ich auch mit Absicht gemacht.“ Ihr kleines Geständnis verziert sie mit einem freundlichen, unschuldigen Lächeln.

Als sich das Gericht nach einer guten Stunde vertagt, mit „Hausaufgaben“ für alle Beteiligten, legt sie ihre schwarze Robe ab und verstaut sie in einem Aktenkoffer. Zum Vorschein kommen ein elegantes, anthrazitfarbenes Kostüm und schwarze Wildlederpumps.

Patricia Cronemeyer, 37 Jahre alt, ist Expertin für Presse- und Medienrecht mit einer eigenen Kanzlei in Hamburg-Rotherbaum. Zu ihren Mandanten zählen bekannte Künstler, Sportler, Politiker sowie Film- und Fernsehproduzenten.

„Es sind meist prominente Persönlichkeiten, die im Fokus der Medien stehen.“ Namen möchte sie natürlich nicht nennen. „Sie müssen sich schon klar entscheiden, wie weit sie in die Öffentlichkeit wollen oder nicht. Wenn ich meine Privatsphäre einmal öffne, dann kriege ich die Tür so schnell nicht wieder zu. Wenn ich von vornherein bestimmte Bereiche aus der Öffentlichkeit heraushalte, habe ich die Rechtsprechung auf meiner Seite.“

Bevor sie 2009 ihre eigene Kanzlei gründete, arbeitete Patricia Cronemeyer für den prominenten Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz. Zu ihren Mandanten gehörte dort der inzwischen verstorbene Entertainer Peter Alexander, der gegen Prinz vor Gericht zog, weil er sich von ihm getäuscht und hintergangen fühlte, auch finanziell.

„Die Schöne und der Prinz“ titelte die BILD-Zeitung 2014, denn Patricia Cronemeyer hatte ihren Job in der Kanzlei Prinz aufgekündigt und sich entschlossen, als Zeugin vor Gericht gegen Prinz aufzutreten. War es schwer für sie, gegen ihren früheren Chef auszusagen? „Natürlich! Ich bin grundsätzlich ein sehr loyaler Mensch und sehr harmoniebedürftig. Aber es gibt Grenzen im Leben. Und außerdem hatte ich keine Wahl. Ich hätte behaupten können, mich an nichts zu erinnern, aber ich hatte eine Aussagepflicht. Das war mir gar nicht freigestellt. Noch dazu fand ich es richtig, es hat der Gerechtigkeit gedient.“ Peter Alexander wurde ihr Mandant; bis heute vertritt sie seinen Sohn.

Eine eigene Kanzlei, das birgt auch Risiken. Kennt sie Existenzängste? „Natürlich kann man sich als Selbstständige nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Das ist mir sehr bewusst, zumal ich in meinem Leben nichts geschenkt bekommen habe. Als mein Vater krank wurde, habe ich versucht, schnell auf eigenen Füßen zu stehen.“ Ihr Vater war Gartenbauingenieur, tätig unter anderem in der Forschung für ein amerikanisches Unternehmen, das Pestizide entwickelte. Er starb an Krebs.

Aufgewachsen ist Patricia im Süden Münchens, mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder. Ein Sandwichkind mit sehr strengen Eltern.
„Manchmal zu streng.“ Da hat sie für ihre Freiheiten gekämpft, ein bisschen wenigstens. „Disziplin ist natürlich nötig, aber ich durfte wirklich kaum etwas – außer Sport treiben.“ Und das tut sie bis heute mit Begeisterung: Joggen, Tennis, Golf und Squash spielen.

In den Sommern ihrer Kindheit ging es regelmäßig zu den Großeltern in der Tschechoslowakei. Patricias Mutter stammt nämlich aus Prag. Geheiratet haben Mutter und Vater am 21. August 1968, dem Tag, als sowjetische Panzer dem Prager Frühling ein gewaltsames Ende setzten. Kein Symbol, sondern Zufall. Die Sommertage in der Chata (Gartenhaus) der Großeltern mit Bienenzucht, Lagerfeuer und Musik zählen zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen.

Da ahnte sie natürlich noch nicht, dass die tschechischen Wurzeln und Sprachkenntnisse ihr einmal zu einer interessanten Stelle in Brüssel verhelfen würden. Nach ihrem ersten Staatsexamen wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin eines Europa-Abgeordneten, der sich der Osterweiterung widmete. „Mich hat Brüssel sehr fasziniert, und ich bin begeistert, welche Arbeit dort geleistet wird.“ So blieb sie auch in ihrer Dissertation beim Thema „Europa“ und beschäftigte sich mit der Frage, ob die Schaffung einer Europäischen Staatsanwaltschaft sinnvoll sei.

Als ich sie das erste Mal in ihrer Kanzlei im Rotherbaum besuche, ist sie hochschwanger. Inzwischen erfreut sie sich an ihrem wenige Monate alten Sohn und legt öfter mal einen Home Office Tag ein, um sich um ihn kümmern zu können. Nichts ist ihr anzumerken von schlaflosen Nächten,
heute wie damals macht sie einen sehr positiven, ausgeglichenen Eindruck.

Bringt sie denn nichts aus der Ruhe? Doch, es gibt schon Fälle, die sie aus der Fassung bringen. Zum Beispiel ist es ihr einmal gelungen, schon im Vorwege einen Boulevardzeitungsbericht über einen Mandanten zu verhindern. Innerhalb von zwei Stunden hatte sie eine einstweilige Verfügung erwirkt und diese per Fax der Redaktion zugestellt. „Aber dann haben wir keinen Gerichtsvollzieher mehr für die förmliche Zustellung gefunden. Die hatten ab 17 Uhr schon alle Feierabend. Das ganze Verfahren halte ich für sehr antiquiert!“ Und so erschien der Artikel trotz der gerichtlichen Verfügung.

Wollte sie immer schon Jura studieren? Jura oder Medizin. Aber nachdem eine befreundete Medizinstudentin sie mal mitgenommen und ihr in Formalin eingelegte Leichenteile gezeigt hatte, fiel ihre Entscheidung eindeutig für Jura. „Und das hat mir von Anfang an richtig Spaß gemacht!“ Am Medienrecht reizt sie, dass zwei Grundrechte, die eigentlich den gleichen Stellenwert haben, aufeinander stoßen, die Pressefreiheit und das Persönlichkeitsrecht. „Journalismus hat eine wichtige Aufgabe als public watchdog und Pressezensur ist fürchterlich. Das habe ich auch in der Tschechoslowakei erlebt. Aber wenn Persönlichkeitsrechte mit Füßen getreten werden, dann finde ich es richtig, sich zu wehren. Ich kann dazu beitragen, die beiden Grundrechte zum Ausgleich zu bringen.“

In diesem Sinne vertritt sie ihren Mandanten aus Magdeburg gegen das ZDF. Der hat sich inzwischen überlegt, auf den Vorschlag eines Vergleichs nicht einzugehen. „Es geht nämlich nicht nur ums Geld“, erklärt mir Patricia Cronemeyer, „er fühlt sich einfach bloßgestellt und ungerecht behandelt und möchte Genugtuung, mindestens eine Entschuldigung.“

Die vorsitzende Richterin in diesem Fall ist übrigens auch an der Entscheidung zum berüchtigten „Gedicht“ Jan Böhmermanns über den türkischen Präsidenten beteiligt. Patricia Cronemeyer beneidet sie darum nicht. Was ist denn ihre Meinung als Medienanwältin? Ist das noch Kunst oder Beleidigung? Sie überlegt kurz. „Isoliert betrachtet, ist es ganz klar herabwürdigend und damit beleidigend.“ Dann allerdings kommt das große Aber: „Entscheidend ist in diesem Fall der Gesamtkontext. Durch die Anmoderation wird deutlich, dass Böhmermann nicht sinnlos über einen Politiker herfallen wollte, sondern eine vorherige Auseinandersetzung in den Medien Anlass der Satire war. Und deshalb handelt es sich um eine zugespitzte Kritik, die in Deutschland aufgrund der Kunstfreiheit zulässig ist.“ So jedenfalls sieht das Patricia Cronemeyer.

Bevor sie an Bord eines Schiffes geht, packt Maike Puchert ihre Umhängetasche: Ladegeräte, Internet- und Telefonkarten, Zeitungen in verschiedenen Sprachen, Stadtpläne, Flyer und Sticker der Seemannsmission und Bonbontüten eines Sponsors. Obwohl es heute warm ist, trägt sie Sicherheitsschuhe und eine neongelbe wetterfeste Jacke. Ihr Ankerplatz, sprich: ihr Büro, befindet sich in Waltershof im Duckdalben, dem Clubhaus der Seemannsmission.

„Haben Sie Strümpfe mit?“ fragt sie mit einem Blick auf meine Sandalen und besorgt dann schnell welche aus dem zum Club gehörenden Kiosk, der die Seeleute mit dem Nötigsten – von Schokolade bis hin zu Hamburg-Andenken – versorgt. Nachdem auch ich vorschriftsmäßig ausgestattet bin, steigen wir, die Helme unterm Arm, in einen kleinen roten Kastenwagen und kämpfen uns durch den täglichen Stau zu Füßen der Köhlbrandbrücke.

Die Schranke zum Hafen öffnet sich wie von Geisterhand. „Eigentlich ist das hier Sicherheitsbereich, aber wir haben Sonderrechte, damit wir schnell zu den Seeleuten kommen“, erklärt mir Maike Puchert. Heute sind wir nicht schnell genug. Als wir am Kai ankommen, legt die Konstantinos gerade ab. So ein Mist!

Maike Puchert ist seit 2012 Leiterin der Bordbetreuung der Seemannsmission. Unterstützt wird sie bei ihren Besuchen auf den Containerschiffen aus aller Welt von fünfzehn Ehrenamtlichen. „Wir erklären, wie man in die Stadt kommt oder wo man Geld wechseln kann. Wir sehen uns auch als Botschafter der Stadt Hamburg. Es ist wichtig, dass die Seeleute willkommen geheißen werden im Hafen.“

Auch um Seeleute, die im Krankenhaus stranden, kümmert sie sich. „Sie sind in der Fremde, sind krank, das Schiff, auf dem sie gearbeitet haben, ist weg, wenn sie Pech haben mit ihren persönlichen Habseligkeiten. Da brauchen sie Hilfe.“ 336 Krankenhausbesuche hat ihr Team im letzten Jahr absolviert.

Am wichtigsten, das hat sie erfahren, ist für die Seeleute die Kommunikation. „Seelsorge ist, für das zu sorgen, was die Seele gerade am dringendsten braucht. Es kann eine SIM-Karte sein oder dass einer mal festen Boden unter den Füßen braucht, oder ein Bier, mal eine grüne Pflanze vor der Nase, ein Gespräch oder ein gemeinsames Gebet." Es kam schon vor, dass sie eine Internetkarte verkaufte und hinterher erfuhr, dass der Mann damit per Skype zum ersten Mal sein neugeborenes Kind sehen konnte.

Ungewöhnlich für eine junge Frau, noch nicht 30 Jahre alt, sich tagtäglich mit Brummbären auf See abzugeben, denke ich. „Von wegen Brummbären...“ Einmal empfing sie einer oben an der Gangway: „Was willst denn du?“ Sie hat sich vorgestellt und dann gefragt: „Und du, wie geht’s dir so?“ Der „Brummbär“, fast überrumpelt, musste sich erstmal sammeln und antwortete dann ganz erfreut: „Mir geht es gut, danke! Super, dass du fragst! Das hat mich seit drei Monaten keiner mehr gefragt.“ Das, findet sie, sind besonders schöne Momente, die ihr die Arbeit als Seemannsdiakonin bietet.

Manchmal muss sie auch Nothilfe leisten. Eine „sehr komische Atmosphäre“ spürte sie an Bord eines Schiffes. Niemand wollte mit ihr reden, sodass sie sich schon nach sehr kurzer Zeit verabschiedete. Einer aus der Crew schlich ihr hinterher, drückte ihr heimlich einen Zettel in die Hand und flüsterte: „Nicht hier lesen!“ Im Auto las sie dann, dass kein Essen mehr an Bord war, keine Overalls zum Wechseln, die Sicherheitsschuhe fielen auseinander. Da hat sie die Behörden eingeschaltet.

Stammt sie aus einer Seemannsfamilie? Keineswegs. Ihre Mutter ist gelernte Pharmazeutin, der Vater Diplom-Kaufmann und Ingenieur. Maike ist im niedersächsischen Wolfenbüttel aufgewachsen, geboren in Wilhelmshaven an der Nordsee. Wochenenden und Sommerferien bei den Großeltern am Jadebusen, Besuche auf der Gorch-Fock prägten ihre Kindheit.

„Mit siebzehn in der elften Klasse musste ich unbedingt mal über den Tellerrand gucken. Ich konnte mir nicht vorstellen, weitere zwei Jahre Schule durchzuziehen und am Ende genauso wenig zu wissen, was ich eigentlich mal tun wollte.“ Sie bewarb sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr „überall dort, wo Wasser in der Nähe ist“. Ob Kindergarten oder Behinderteneinrichtung – ihr war alles recht. So kam es zu einem Vorstellungsgespräch im Duckdalben und sie wurde 2004 als freiwillige Helferin engagiert. „Diese Entscheidung hat mein Leben geprägt. Hier bin ich kleben geblieben.“

Aber nicht sofort. Zwischendurch musste sie noch ihr Abi machen, im Rauhen Haus studieren, um dann für zwei Jahre bei der Seemannsmission in Brunsbüttel zu arbeiten, bevor es sie wieder nach Waltershof zurückzog. Jetzt führt sie mich durch das Clubhaus, einen roten Backsteinbau, benannt nach den Pfählen, die in den Hafengrund gerammt werden zur Markierung oder als Gelegenheit zum Festmachen.

„Von der Enge des Schiffes in die Weite der Seemannsmission...“ In der hohen Eingangshalle macht Maike Puchert eine einladende Bewegung. Jeder Platz an Decke, Wänden und Geländer verziert mit Bildern, Steuerrudern, Mitbringseln aus aller Welt und vor allem: Rettungsringen. Das Wichtigste kommt zuerst: Bunt angestrichene Telefonzellen gleich im Eingang, mit Hörern und Monitoren ausgestattet.

Sie weiß, wie sich so eine lange Trennung anfühlt. Eine von Maikes zwei Schwestern ist auch zur See gefahren, als Schiffsmechanikerin. Ebenso ihr Lebensgefährte, heute Lotse auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Europäische Seeleute sind vier Monate am Stück von zuhause weg, die philippinischen neun Monate. „Wir haben schon nach den vier Monaten immer gesagt: Oh, endlich vorbei!“ Ihr Freundeskreis besteht mittlerweile zu neunzig Prozent aus Seefahrern bzw. Angehörigen von Seeleuten.

Im großen Clubraum setzen Billardtische das für jeden Seemann ultimative Zeichen: Er ist an Land! Denn auf einem Schiff würde dieses Spiel garantiert nicht funktionieren.

Jetzt am Vormittag ist noch nicht viel los, nur ein paar junge Männer mit Smartphones in den Sofaecken. Durchschnittlich besuchen hundert Gäste pro Tag den Duckdalben. Die Speisekarte im Wirtsraum ist nicht sehr lang, aber speziell. „Manche Seeleute freuen sich schon in Singapur auf die Pferdewurst hier im Club.“

Maike Puchert führt mich weiter, zeigt mir den Computerraum, der auch gern zum Karaoke-Singen genutzt wird, besonders von den Philippinos. Dann die Bibliothek, aus der die Seeleute alles mitnehmen dürfen, was Buchstaben hat, Zeitungen, Bücher, darunter Bibeln in vielen verschiedenen Sprachen. Nicht zuletzt der Raum der Stille, groß, hell und ruhig, mit neun kleinen Altären für neun verschiedene Religionen. „Wir haben mal kleiner angefangen, aber dann kamen alle nacheinander, Sikhs, Daoisten ... und baten um ihre eigene Ecke.“

Ein orthodoxer Seemann, erzählt sie, habe dem Popen in seiner Heimat ein Photo der Ikonen im Raum der Stille gezeigt. Der Pope sei nicht erfreut gewesen über die unorthodoxe Gestaltung der Ecke und habe auf einem Zettel Anweisungen für die richtige Anordnung der Ikonen notiert. Mit diesem Papier kam der Seemann zurück, betrachtete die Ikonen-Ecke mit unglücklichem Ausdruck und zerknüllte den Zettel schließlich mit der Bemerkung: „Der Pope hat keine Ahnung.“ Das, findet Maike Puchert, sei das richtige Verständnis von der Weite der Seemannsmission.

Im Flur zeigt eine große Stadtkarte das südliche Hamburg. „Die musste erneuert werden, denn hier und hier waren zwei Löcher.“ Sie fährt mit dem Finger über den Standort des Duckdalben und den Eingang des alten Elbtunnels. Dorthin fahren sie die Seeleute, wenn die mal einen Ausflug in die Stadt machen wollen. „Die Reeperbahn ist dabei nicht mehr gefragt, eher der nächste Elektronikmarkt.“

In ihrer Freizeit, so stelle ich mir das vor, sucht Maike sicher die Stille auf dem Wasser, vielleicht auf einem eigenen kleinen Boot... Nein, ich liege voll daneben. In Glückstadt, wo sie wohnt, führt sie am Wochenende ihren kleinen Hund Flocke aus und reitet ein isländisches Pony namens Blágrána über festen Boden. Bootsführerschein? Fehlanzeige. Keine Lust? „Also, ich fahre gerne ab und zu mit der Fähre.“ Für eine Woche hat sie mal auf einem Containerschiff angeheuert. „Das ist nichts für mich. Ich bin tatsächlich eher die, die an Land bleibt und den Grund bildet, die Basis. Von hier aus kann ich die Strippen ziehen.“ So hält sie das zuhause in Glückstadt und auch als Seemannsdiakonin in Waltershof.

„Wir machen einen Fehler“, stellt Dagmar Sikorski fest. Und mit wir meint sie in diesem Fall alle, die mit klassischer Musik handeln. „Wir zwingen die Leute, still zu sitzen, nicht miteinander zu reden, auch nicht, wenn sie etwas nicht verstehen. Dann drehen wir noch das Licht aus und geben ihnen nichts zu essen.“ Darstellende Kunst habe es viel leichter als die Musik. Auf einer Vernissage könne man sich unterhalten, bekomme etwas zu trinken und die Bilder brauche man eigentlich gar nicht anzuschauen.

Ich besuche Dagmar Sikorski in einer auffälligen, terracottafarbenen Gründerzeitvilla in Hamburg-Harvestehude. Hier residiert sie als Geschäftsführerin der Sikorski Musikverlage, einem Familienunternehmen von internationaler Bedeutung, gegründet vor gut achtzig Jahren von ihrem Vater Hans Sikorski.

Jeder weiß, was ein Buchverlag macht. Sind die Aufgaben eines Musikverlages ähnlich? „Eigentlich sind wir Musikverleger die Manager der Komponisten und Autoren. Der Künstler soll in Ruhe komponieren und wir übernehmen alles Übrige, vor allem die Vermarktung und das Inkasso. Dazu brauchen wir unter anderem die Noten.“ Die werden hier im Haus gedruckt und dann verkauft übers Internet oder über Musikalienhändler. Oft allerdings werden sie nur verliehen. „Für ein Orchester ist es viel zu teuer, Noten zu kaufen, zumal jede einzelne Stimme anders aussieht und jeder Instrumentalist eigene Noten braucht.“

Im Angebot hat Dagmar Sikorski klassische zeitgenössische Musik, aber auch populäre Evergreens, die wir durch Stars wie Frank Sinatra, Marlene Dietrich oder Heinz Rühmann kennen. In jüngerer Zeit werden die Noten des Verlags von Stars wie Michael Bublé, Celine Dion, André Rieu, Götz Alsmann oder Max Raabe zum Leben erweckt. Auch Rolf Zuckowskis Kinderlieder sind hier zuhause.

Als Kind schon hörte Dagmar, geboren 1956 im oberbayrischen Hausham, zuhause im heimischen Wohnzimmer Zarah Leander und Peter Alexander singen. Komponisten wie Peter Kreuder („Ich wollt’, ich wär ein Huhn“) und Lothar Olias („So ein Tag so wunderschön wie heute“) probierten neue Stücke am elterlichen Flügel aus. „Ich habe immer dabei gesessen. Natürlich wurde ich irgendwann mal ins Bett gebracht, aber wenn ich wieder aufstand, hat sich keiner darüber aufgeregt. Oder haben sie es einfach nicht bemerkt?“

Damals betrieben die Eltern nicht nur den Verlag, sondern auch eine Konzertagentur. So lernte sie fast alle großen Künstler jener Zeit kennen. Das hat ihr sehr gefallen. Eins allerdings mochte sie gar nicht: Im Rüschenkleid mit Lackschuhen auf die Bühne gehen, um nach dem Konzert einen Blumenstrauß zu überreichen. „Ist sie nicht süß? Das war und ist gar nichts für mich!“

Da hat sie schon lieber mal eine Runde Skat gekloppt. “Mit fünfzehn habe ich gegen Freddy Quinn fünfzig Mark gewonnen. Das war Wahnsinn! Wenn ich verloren hätte... , bei ungefähr vier Mark Taschengeld im Monat!“ Vielleicht hat er sie gewinnen lassen? „Nee! Skat spielen, das ist Kampf! Das war schon immer so, da lässt man keinen freiwillig gewinnen!“

Trotz ihrer musikalischen Früherziehung besonderer Art plant sie keineswegs, in den elterlichen Verlag einzusteigen, sondern macht eine kaufmännische Lehre im Hotelgewerbe. „Ich sah mich als Hoteldirektorin auf den Malediven.“ Doch dann kam alles anders.

„Mein Vater ist gestorben, als ich 16 war. Als meine Mutter dann starb, war ich 25. Da hieß es: Friss oder stirb!“ Gemeinsam mit ihrem dreißig Jahre älteren Bruder hat sie die Geschäftsführung übernommen. Entschuldigung mal eben, dreißig Jahre älter? Sie lacht. „Ich habe eine sehr ungewöhnliche Familie. Ich bin das Kind aus der vierten Ehe meines Vaters und der zweiten Ehe meiner Mutter. Über Patchwork braucht man mir nichts zu erzählen!“

Heute führt sie die Geschäfte mit ihrem Neffen Axel Sikorski. „Er ist der Innen-, ich bin der Außenminister.“ Dagmar Sikorski versteht sich als Lobbyistin der Komponisten und Textdichter. Deshalb engagiert sie sich in diversen Verbänden der Musikbranche, war u.a. lange Jahre Präsidentin des Deutschen Musikverlegerverbandes, sitzt heute im Aufsichtsrat der GEMA.

Die Verwertungsgesellschaft kassiert im Namen der Urheber Gebühren für die öffentliche Nutzung von Musik. Dass Plattformen wie YouTube und viele Internetnutzer sich weigern, für den Musikkonsum zu zahlen, kann sie überhaupt nicht verstehen: „Die Leute fragen dann: Warum muss Madonna noch mehr Geld bekommen? Aber sie übersehen, dass zwar die ausübenden Künstler bekannt sind und verdienen, es aber viele Komponisten und Dichter gibt, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Es ist doch nur gerecht, die Urheber am Erfolg zu beteiligen!“

Zu ihren Aufgaben als Verlegerin zählt es, dafür zu sorgen, dass der Komponist nach Aufführung seines Werkes ein angemessenes Honorar erhält. „Ich bin traurig darüber, wie schlecht diejenigen bezahlt werden, die das Werk geschaffen haben. Sie bekommen viel weniger als diejenigen, die das Werk aufführen. Das finde ich nicht richtig.“

Besonders prekär sei die Lage für Komponisten zeitgenössischer klassischer Musik, erklärt sie mir. „Dieses Spitzwegmodell, wo der Künstler im kalten Zimmer sitzt und darbt, ist kein Ideal!“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Im Grunde verkaufen wir Eisschränke an Eskimos. Keiner will die zeitgenössische Musik. Alle wären ganz zufrieden, wenn weiterhin nur Mozart, Beethoven und Bach in den Konzertsälen gespielt würden.“

Aber der Noten-Mix ihres Verlags scheint recht erfolgreich zu sein. Sie führt mich in einen türkis gehaltenen Raum mit schwarz lackiertem Flügel und goldenen Schallplatten an den Wänden. Hier befindet sich eine weltweit einzigartige Bibliothek, eine Sammlung aller zeitgenössischen Kompositionen aus den Jahren der Sowjetunion. Dagmar Sikorskis Vater war in den 1950er Jahren ein kluger Schachzug gelungen. Durch einen Vertrag mit dem Außenhandelsministerium der Sowjetunion gewann er bekannte Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch. Russische Musik bildet seither einen Schwerpunkt im Verlag.

Wände und Teppiche hier, alles in Türkis. Das ist ihre Lieblingsfarbe. „In türkis habe ich auch vor dreißig Jahren geheiratet.“ Und zwar den Stahlunternehmer Jürgen Großmann, der später Vorstandsvorsitzender der RWE wurde und heute zu den reichsten Männern Deutschlands zählt. Über weite Strecken eine Ferien- und Wochenende-Ehe, er bei seiner Georgsmarienhütte, später auch bei RWE im Ruhrgebiet, sie mit ihrem Verlag an der Elbe.

Seine Frau sei nicht zahm und himmele ihn nicht an, wenn er nach Hause komme, verriet Jürgen Großmann dem ZEITmagazin vor einigen Jahren. „Sie ist nicht pflegeleicht und hat ihren eigenen Willen.“ Natürlich hat sie den. Und ein mütterlicher Typ im altmodischen Sinne ist sie auch nicht, keine, die alle gleich umarmt. Allerdings, die vielen Fotos hinter ihrem Schreibtisch zeugen von fröhlichen Familien-Momenten: eine Tochter, zwei Söhne, inzwischen alle mit abgeschlossenem Studium.

Aber soll sie etwa Pizza backen für die ganze Klasse oder Marmelade kochen für eine gemeinnützige Organisation? Dafür hat sie keine Zeit und hilft lieber anders. Sie unterstützt zum Beispiel die Stiftung „Kinder brauchen Musik“ von Monika und Rolf Zuckowski. „Das Singen“, warnt Dagmar Sikorski, „darf nicht aus den Kindergärten verschwinden! Es ist wichtig für die Persönlichkeitsbildung. Wenn ich in einer Gruppe musiziere, muss ich auf den anderen Rücksicht nehmen, muss versuchen, mit ihm im Gleichklang zu bleiben.“

Was hört sie eigentlich selbst gern? Sie liebt Jazz, hört gern klassische zeitgenössische Instrumentalmusik zu Hause vor dem Kamin, auch einfach mal deutsche Schlager. Wenn sie an die von Lera Auerbach komponierte „Kleine Meerjungfrau“ denkt (in Hamburg von John Neumeier inszeniert), bekommt sie eine Gänsehaut.

Musik als Klangteppich findet sie unerträglich. „Das Schlimmste für mich ist, wenn mich das belanglose Gedudel im Hotel verfolgt bis aufs Klo und in den Fahrstuhl. Oder wenn in den Kaufhäusern erst die Durchsagen ‚Klingklangklong Kasse sieben...’ kommen und dann geht das Düddeldaddel weiter. Das ist furchtbar!“

Dass Musik heute allgegenwärtig sei, trage auch zu ihrer Entwertung bei. „Was wäre wohl, wenn wir mal eine Woche ohne Musik blieben? Vielleicht wären die Menschen dann bereit, mehr dafür zu zahlen?!“ Ein Alltag ohne Musik, kaum denkbar, nicht nur für Dagmar Sikorski.

Der spitz zulaufende Konferenzraum am Sandtorkai bietet einen sagenhaften Panoramablick von der Elbphilharmonie bis zu den Landungsbrücken. Sunniva Engelbrecht sitzt mit dem gemeinnützigen Verein startsocial in der Hafencity, beherbergt von der Unternehmensberatung McKinsey. Sie fährt die Jalousien hoch, damit wir den Blick auf Stadt und Wasser genießen können, und gießt Kaffee ein. Ein Sozialprojekt in Luxuslage, ist das kein Widerspruch?

Ihr gefalle sehr, sagt Sunniva Engelbrecht, dass sich der hohe professionelle Anspruch durch die Zusammenarbeit mit McKinsey auf startsocial übertrage. Setzt sie das unter Druck? Nein, eigentlich nicht, obwohl sie sich selbst eher für eine chaotische Arbeiterin hält. Wie sie da sitzt, in weißer Sommerbluse, ungeschminkt, nur wenig Schmuck, also eine adrette Erscheinung, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass von Sunniva Engelbrecht Chaos ausgeht.

Im Grunde passt die Location genau zur Zielsetzung des Vereins, der nämlich ehrenamtliche Berater aus der Wirtschaft an soziale Initiativen vermittelt. Eine Art McKinsey für arme Sozialprojekte. Motto: Hilfe für Helfer. 6400 gemeinnützige Projekte haben sich seit der Gründung 2003 bereits um ein Beratungsstipendium beworben; 1200 haben eins erhalten.

Im vergangenen Monat war Sunniva Engelbrecht im Kanzleramt zur jährlichen Preisverleihung. Shake Hands mit Angela Merkel, der Schirmherrin des Vereins. „Wir haben 25 Projekte ausgezeichnet, sieben davon erhalten Geld, alle sollen ein Bild mit der Kanzlerin bekommen. Das ist gute Werbung.“ Und ebenso erhalten alle Preisträger professionelle Unterstützung, z.B. in Sachen Buchhaltung, Fundraising oder Marketing.

Sunniva Engelbrecht ist seit 2011 der geschäftsführende Vorstand von startsocial. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Leute zusammenzuführen. Welcher Berater aus welchem Unternehmen könnte welcher Initiative am besten helfen? Das muss sie gemeinsam mit vier festangestellten Mitarbeiterinnen herausfinden. Und natürlich muss sie auch Fundraising für den eigenen Verein betreiben. Startsocial lebt von Sponsoring und Spenden.

Fällt es ihr leicht, um Geld zu bitten? „Nein, aber es fällt mir zunehmend leichter, weil ich unsere Förderer als Partner begreife. Es ist nicht schön, Bittsteller zu sein, wenn man keinen direkt quantifizierbaren Mehrwert schafft, und ich habe ja keine wirkliche Gegenleistung. Aber für die Kultur eines Unternehmens ist es nicht unwichtig, seinen Mitarbeitern Gelegenheit zum sozialen Engagement zu geben.“ Besonders schwierig war das Fundraising, als sie 2009 bei startsocial anfing. „Ich musste mich erst mal warmlaufen in meiner neuen Funktion, und das nach der weltweiten Finanzkrise. Da herrschte Panik und keiner hatte Geld.“

Es ist sehr heiß. Trotzdem heult der Wind so geräuschvoll durchs offene Fenster, dass wir lauter sprechen müssen. „Manchmal weht mich der Wind fast vom Rad“, sagt sie stirnrunzelnd, „Ich verstehe nicht, warum das Hamburger Wetter bei der Bauplanung für die Hafencity nicht ausreichend berücksichtigt wurde.“ Sie hat keinen langen Weg zur Arbeit, wohnt mit ihrer Familie direkt an der Hauptkirche St. Katharinen, wo ihr Mann, Frank Engelbrecht, als Pastor wirkt.

„Das prägt unser Familienleben sehr“, erzählt sie. Wochenendausflüge mit den drei Kindern, 8, 12 und 14 Jahre alt, sind nur selten möglich. Hat Sunniva Engelbrecht also noch einen zweiten Job als Pastorenfrau? „Früher wurden der Pastor und seine Frau als Einheit gesehen. Das ist heute etwas anders. Trotzdem werde ich oft in Anspruch genommen, zumal wir direkt dort wohnen.“

Manchmal muss sie Akuthilfe leisten. „Vorgestern kam ich abgespannt und müde nach Hause, hatte mit sehr vielen Menschen gesprochen, sehnte mich nach Ruhe... Und dann sitzen da zwei Flüchtlinge, die schon seit Stunden auf meinen Mann warteten. Natürlich musste ich ihr Problem lösen.“ Die Engelbrechts haben ein offenes Haus. „Wenn jemand kommt, dann wird eben noch ein Teller aufgedeckt.“

Eine ähnliche Familienkonstellation kennt sie schon aus ihrer eigenen Kindheit. „Der Job meines Vaters hat den Takt vorgegeben.“ Er war Dorfarzt in einem kleinen Ort in der Nähe von Braunschweig; jeder kannte die Familie. Dort ist Sunniva, Jahrgang 1967, aufgewachsen. Ihr ungewöhnlicher Vorname kommt allerdings aus Skandinavien, inspiriert von einer norwegischen Schutzheiligen.

Sunnivas Mutter, Hausfrau, litt unter Depressionen. „Das erste Weihnachtsfest, wo sie weg war, in der Psychiatrie, war ganz fürchterlich. Ich war zehn Jahre alt. Dadurch bin ich sehr früh selbstständig geworden.“ Vielleicht kam daher auch das Interesse Sunnivas am Ergründen der menschlichen Seele.

Während ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau stellte sie fest, dass die Gespräche mit den Kunden sie wesentlich mehr faszinierten als das eigentliche Bankgeschäft. Warum nehmen Menschen Kredite auf, die sie nicht zurückzahlen können? Wieso sitzen Leute auf ihrem Geld und geben es nicht für schöne oder sinnvolle Dinge aus?“ Folgerichtig studierte sie nach der Banklehre Psychologie in Osnabrück.

Anschließend arbeitete sie in der Personalabteilung von Unilever. Im Jahr 2000 folgt sie ihrem Mann nach Dänemark. „In der Woche meinem Job nachgehen und meine Liebe nur am Wochenende zu sehen, der Gedanke gefiel mir nicht.“ Sie erhielt am Kopenhagener Forschungsinstitut eine Doktorandenstelle und forschte über Burnout von Hebammen. Das klingt sehr speziell, finde ich, und sie erklärt mir, dass eine dänische Studie festgestellt habe, Hebammen seien besonders häufig von Burnout betroffen.

„Verheiratet, mit Kind kam ich zurück nach Deutschland, bekam noch ein zweites Kind und wollte mir mit meinem Doktortitel in der Tasche wieder eine Stelle suchen.“ Das war viel schwieriger, als sie dachte. „Ich habe früher viele Beratungen gemacht, bin dafür herumgereist. Wegen der Kinder war das nun schwierig.“

Schließlich heuert Sunniva Engelbrecht bei Wellcome an, einem gemeinnützigen Unternehmen, das junge Familien unterstützt. Selbst schwanger mit dem dritten Kind besucht sie Eltern, die nicht in der Lage sind, ihre Babys gut zu versorgen. „Als Psychologin denkt man, je näher man am Menschen dran ist, desto besser. Aber ich habe echt meine Grenzen gesehen.“

An einem Freitag Nachmittag brachte sie es nicht übers Herz, eine sehr junge Mutter mit zwei kleinen Kindern in der vermüllten Wohnung sich selbst zu überlassen und alarmierte das Jugendamt. Der Tod der siebenjährigen Jessica, die von ihren Eltern eingesperrt und vernachlässigt worden war, lag noch nicht lange zurück. Trotzdem wurde Sunniva Engelbrecht kritisiert, sie habe das mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis zur Mutter gestört. „Es gab gute Gründe, das Jugendamt einzuschalten“, sagt sie heute nachdenklich, „aber ich war nicht richtig souverän, das habe ich gemerkt. Ich bin keine Hardcore-Sozialarbeiterin.“ Mit einem belustigten Lächeln fügt sie hinzu: „Und schwanger war ich halt auch...“

So bewirbt sie sich nach ihrer Elternzeit bei startsocial, nicht mehr so dicht dran am bedürftigen Menschen, aber dennoch sozial engagiert. In ihrer Arbeit hat sie große Freiheiten, muss sich aber auch „verstörend unangenehmen Fragen“ des Aufsichtsrates – ja, den gibt es bei startsocial – stellen.

Einmal wollte sie einen neuen Werbefilm veranlassen, eine äußerst kostspielige Sache. In der Mitgliederversammlung wurde sie daraufhin von einem der Aufsichtsräte gefragt: „Was glaubst du, wie viele Bewerbungen du generierst durch einen neuen Film?“ Über diese Zahl hatte sie sich keine Gedanken gemacht. „Das hat mich kalt erwischt. An Zahlen denke ich nicht als erstes. Aber die Nachfrage war ganz richtig. Auch im sozialen Sektor gibt es noch wahnsinnig viel zu lernen.“

Zum Beispiel, findet sie, müsste die Kooperationsbereitschaft gemeinnütziger Organisationen wesentlich größer sein. „Auch im sozialen Sektor wird mit harten Bandagen gekämpft, vielleicht gerade weil es nur wenig Geld zu verteilen gibt. Da werden manchmal die guten Sitten vergessen, zum Teil eher noch als in einem großen Unternehmen. Das hat mich überrascht.“ Sunniva Engelbrecht würde das gern ändern. Bei startsocial ist sie genau auf dem richtigen Posten, um darauf Einfluss zu nehmen.

Drei gewaltig hoch gewachsene Kiefern stehen vor dem weiß verputzten Einfamilienhaus in Nienstedten. Denkmäler einer 150 Jahre alten Baumschule. Friederike von Ehren führt mich durch ihr Büro und die Wohnküche geradewegs hinaus in den eigenen Garten, der schon auf den ersten Blick ihre Handschrift zeigt.

Aber erstmal möchte sie unbedingt auf das öffentliche Grün in Hamburg zu sprechen kommen. „Ich war gerade in München, dort ist alles wunderschön bepflanzt. Hier ist das öffentliche Grün verkommen und ungepflegt, überall Birkensämlinge und Unkraut. Das ist ein Kulturverlust!“ Und schließlich, meint sie – zurückhaltend, aber bestimmt – hätten wir doch in den Vierlanden die Produzenten direkt vor der Haustür. Man könnte die Vierlande-Gärtner unterstützen, findet sie, und gleichzeitig für mehr Verkehrssicherheit sorgen. „An manchen Stellen kann man ja nicht mehr abbiegen!“ Und außerdem geht es ihr um die Ästhetik.

Wir blicken in das weite gepflegte Grün ihres eigenen Gartens, hier und da ein paar Farbtupfer. Was macht einen guten Garten aus? Zuallererst gelte es herauszufinden, was der Gartenbesitzer möchte, erklärt sie mir. „Ich selbst wollte in diesem Garten Erholung schaffen für mein Auge. Ich sehe so viele verschiedene Gärten, das ist manchmal Wirrwarr und Wildwuchs. Da wollte ich aus dem Fenster schauen und Ruhe haben. Strukturen schaffen und gar nicht so viel Buntes.“

Als sie vor einigen Jahren ihren Garten neu anlegte, wurde erstmal kräftig gerodet und geschnitten. Wenn ihr etwas nicht gefällt, dann kommt es eben weg! „Ich verbinde oft Alt und Neu in den Gärten. Dafür muss dann auch einiges gehen. Das ist für manche schmerzhaft, aber wenn Altes weicht, entdeckt man Dinge, die man vorher nicht gesehen hat.“

Strukturen schaffen also und Räume bilden. Ein Busch ist nicht einfach nur ein Busch, eine Hecke nicht einfach eine lange gerade Hecke. Treppen, Balkone und Spiralen, Würfel und Kugeln, Kanten, geschwungene Linien ... Hier waren Gartenkünstler mit der Heckenschere am Werk. Legt sie denn selbst Hand an? „Natürlich! Mein Mann auch. Diese Schnitte machen wir selbst. Die Formen entstehen beim Tun.“ Sie arbeitet gern mit unterschiedlichen Höhen und Stufen, macht aus den Rhododendren kleine immergrüne Bäume, damit sie noch etwas Interessantes darunter pflanzen kann. „Es muss eine gewisse Spannung fürs Auge da sein: Farben, Düfte, Blattformen. Man sollte etwas entdecken können.“

Die alte Hamburger Baumschutzverordnung ist ihr ein Dorn im Auge. „Sie führt dazu, dass die Stadt heute in den meisten Stadtteilen sehr verschattet ist. Viele Gärten sehnen sich nach Tageslicht. Wo man früher freien Elbblick hatte, schaut man heute auf Laub. Überhaupt, große Laubbäume sollten einen Mindestabstand von 20 Metern zum Haus haben.“

Wir stehen vor ihrem Lieblingsbaum, einer fast 150 Jahre alten Flusszeder, die ihr Urgroßvater aus Paris von der Weltausstellung mitgebracht hat. In kurzer Entfernung ein zweites Haus auf dem Grundstück. Als sie Kind war – sie wurde 1965 geboren – wohnte dort ihr Großvater. „So war das früher, die Firma direkt nebenan. Er ging zu Fuß ins Kontor, so hieß das bei uns.“ Seit 1865 war die Baumschule Lorenz von Ehren hier in Nienstedten beheimatet, lieferte in die Nachbarschaft, aber auch bald bis Kopenhagen und Russland, später nach China oder Argentinien.

„Unsere Kletterbäume waren dann plötzlich weg und an anderen Orten wiederzufinden. Das war witzig. Wir lebten in einem kleinen Mikrokosmos, auch Mitarbeiter der Baumschule wohnten auf dem Gelände.“ Besucher kamen und gingen. Intensiv wurden freundschaftliche Beziehungen zu Kunden und Gartenarchitekten gepflegt. „Es war ein großes Haus, in dem gelebt und gearbeitet wurde.“

Und so ähnlich hält sie das auch heute: Ihr Büro direkt neben der Wohnküche, alles offen; Arbeit und Familie – sie hat drei Kinder, die Älteste hat gerade ihr Abi bestanden – alles unter einem Dach. An der Wand schön gezeichnete Entwürfe und das Bild des weitverzweigten Stammbaums der Familie von Ehren. 1993 zog die Baumschule nach Marmstorf, wo sie noch heute von Friederikes Cousin Bernhard von Ehren geführt wird. Nicht weit davon entfernt leitet ihr Bruder Johannes ein Gartencenter, ihre Schwester Katharina hat sich als internationale Baummaklerin einen Namen gemacht. Eine Garten-Dynastie.

Im Marmstorfer Gartencenter hat Friederike von Ehren ihren ersten Schaugarten aufgebaut. Doch musste der weichen, weil die Familie beschloss, einen Teil des Geländes zu verkaufen. Anstoß für sie, sich 2006 selbständig zu machen mit dem, was sie am allerliebsten tut: Garten-Design.

Ein wenig wehmütig denkt Friederike von Ehren an die Zeit ihrer Kindheit und noch weiter zurück: „Das Geschäft hat sich dramatisch geändert.“ Heute seien nicht mehr viele Menschen bereit, Zeit in die Auswahl einzelner Pflanzen zu investieren. Bestellungen erfolgten meist aus dem Katalog vom Schreibtisch aus. „Ich versuche, das in meinem Bereich wieder aufzubrechen.“ Obwohl sie natürlich alle Baumschulen und Händler der Umgebung kennt, stattet sie ihnen noch oft einen persönlichen Besuch ab. „Ich möchte die Pflanzen erleben. Bilder und Filme können nicht alles abdecken. Das menschliche Auge ist immer noch unübertroffen.“ Manchmal lässt sie sich von einzelnen Gewächsen inspirieren, macht Fotos und setzt sich erst anschließend an das Design.

Ein Besuch in einer Baumschule ist für sie wie ein Galeriebesuch. Gern vergleicht sie ihr Metier mit der Kunst, denn eigentlich wollte sie Kunstgeschichte studieren. Aber dann schwenkte sie doch um, durchlief eine Gärtnerausbildung und studierte anschließend Landespflege und Gartenarchitektur in Weihenstephan bei München. Ein Praxissemester in London, im Mutterland der Gartenkultur, inklusive.

Die Liebe zur Kunst ist geblieben und findet ihren Ausdruck darin, dass sie gern Skulpturen in ihren Gärten platziert. „Es gefällt mir, Kunstwerke so zu stellen, dass das Auge neben den weichen Strukturen, dem Organischen auch einen Halt findet oder einen Bremser.“ Diese Funktion, erklärt sie mir, könnten auch schön geformte Bänke, Amphoren, Rosenbögen oder Pergolen erfüllen.

Nachdem sie einen Garten designed und die Pflanzen ausgesucht hat, ist sie natürlich vor Ort, wenn diese geliefert und aufgestellt werden. „Da wird noch ein wenig gedreht, dieser Busch ein Stück vor, jener ein Stück zurück... Das fühlt sich vielleicht ähnlich an, wie ein Bild fertig zu malen.“ Eigentlich sei das Kunst, findet sie, kombiniert mit pflanzentechnischem Wissen über Standorte. Ein entscheidender Unterschied bleibt aber doch: Dem Maler wachsen seine Farben nicht entgegen.

Und wie fühlt es sich an, wenn der Auftraggeber auf die Gestaltung des Kunstwerkes Einfluss nimmt? Letztendlich, meint sie, müsse der Bauherr entscheiden oder die Bauherrin. „Ich bin da nicht rigoros.“ Und ihre Kunden kommen schließlich zu ihr, weil sie just ihren Stil mögen. Am schönsten ist es natürlich, wenn ihr jemand freie Hand gibt. Dann verzichtet sie ganz auf die Pläne und lässt sich beim Setzen der Pflanzen vor Ort inspirieren.

Beim Blick auf die kunstvoll und akkurat geformten Büsche in ihrem Garten, die in gebührender Entfernung voneinander als Einzelstücke wirken können, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. In meinem Garten wachsen die Eiben in die Rhododendren und diese wiederum verdrängen die armen Rosen. Kann man einen schönen Garten haben, ohne Expertin zu sein oder Experten zu beschäftigen? Sie beruhigt mich, das sei möglich. Aber: „Es soll zu jeder Jahreszeit etwas blühen und das ganz, ganz pflegeleicht? Das gibt es nicht!“

Wenn ich allein schon an die Bewässerung denke. Stundenlang mit dem Schlauch in der Hand im Garten stehen, während andere mit einem Drink in der Hand die Abendsonne genießen... Wer übernimmt das denn hier? „Ich“, antwortet sie, „das macht mir Spaß!“ Ein wenig nachdenklich schaut Friederike von Ehren auf ihren Schmetterlingsflieder, der noch nicht blüht. „Ich glaube, ich möchte jetzt doch wieder mehr Farbe und werde einiges neu überlegen.“ In ihrem Garten ist nichts für die Ewigkeit gedacht.

An diesem Vormittag ist eine ganze Menge los auf der Davidwache am Spielbudenplatz. Hinter dem Massivholzportal hat sich auf dem Absatz der grauen Steintreppe des denkmalgeschützten Gebäudes eine kleine Warteschlange von Besuchern gebildet. Am Empfang ein niedergeschlagener Taxifahrer, dem die Börse mit 850 Euro Einnahmen aus dem Auto geklaut wurde. Hinter dem 1,25 Meter hohen Tresen ist die junge Beamtin, die die Anzeige aufnimmt, kaum zu sehen. Lebhafter Betrieb hinter einer Glaswand, rund ein Dutzend Polizisten und Polizistinnen in Bewegung.

Und da kommt sie jetzt, Polizeioberrätin Cornelia Schröder, genannt Conny, ein beherzter Typ mit rotblonder Kurzhaarfrisur und strahlenden hellblauen Augen. Sehe ich darin nur etwas Freundliches oder auch etwas Schalkhaftes? Jetzt sei gerade Ablösung, Frühschicht geht, Spätschicht kommt, erklärt sie das Gewusel und führt mich in die Schaltzentrale hinter der Glaswand.

Ein Mann in neongelber Jacke schiebt sich an uns vorbei, fragt: „Wo ist denn hier die Kellertür?“ und geht suchend weiter, gefolgt von Conny Schröders erstauntem Blick. „Das ist aber jetzt nicht richtig“, stellt sie kopfschüttelnd fest und bittet einen Kollegen zu klären, was der Fremde denn wolle. Drei Minuten später Entwarnung. Alles abgesprochen.

„Sie müssten mal am Wochenende kommen“, sagt sie. „Da steht der Eingangsraum voll mit bis zu zwanzig Leuten, die Anzeige erstatten wollen, etwas verloren haben oder einfach mal zur Toilette müssen.“ Es kommt auch vor, dass ein Freier im Liebesrausch einer Dame seine EC Karte samt Pin-Nummer überlassen hat und nun nach einem Weg sucht, zuhause zu erklären, warum 2000 Euro auf dem Konto fehlen. Fast 17.000 Straftaten wurden 2015 in ihrem Revier registriert.

Ihr eigenes Büro liegt im ruhigen zweiten Stock. „Mir war sehr bewusst, dass die Leitungsfunktion viel mit Verwaltung zu tun hat und das Leben auf der Straße deutlich zurücktritt. Wenn man diesen Weg einschlägt, weiß man, dass der Streifenwagen in weiter Ferne ist und nur mal zum Einsatz kommt, um zu Besprechungen zu fahren.“ Von der Straße dringt lautes Singen und Rufen nach oben.

Vor eineinhalb Jahren, quasi pünktlich zum 100. Geburtstag der historischen Wache, hat Cornelia Schröder, heute 51 Jahre alt, die Leitung des Polizeikommissariats 15 übernommen. Zuvor hatte sie das Poppenbütteler Kommissariat geführt. Viel Aufhebens wurde darum gemacht, dass nun eine Frau an die Spitze der Davidwache rückte. „Es wurde ein wenig überbetont“, findet sie. „Natürlich, ich war die erste Frau. Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit gewesen, wann es eine Frau wird und es gibt auch keine Gründe, warum eine Frau das nicht machen sollte.“

Wenn sie morgens um sieben ihren Dienst antritt, lässt sie sich gleich im Wachraum berichten, was in den letzten 24 Stunden passiert ist. Sie sondiert Personalprobleme, Beschwerden müssen bearbeitet, Stellungnahmen, Lageberichte und Antworten auf kleine Anfragen aus der Bürgerschaft geschrieben werden. „Ich bin dazu da, die Rahmenbedingungen herzustellen, damit die Kollegen ihre Arbeit ordentlich machen können.“

Wie ist sie überhaupt auf die Idee gekommen, zur Polizei zu gehen? Fast hätte sie gesagt, weil sie nicht wusste, was sie sonst machen sollte. Aber nein, ganz so war es nicht. Ihr hat gefallen, dass Sport und Fitness im Beruf eine Rolle spielen. Schon als Kind war sie eine begeisterte und auf Landesebene erfolgreiche Leichtathletin. Seit sie Mitte dreißig ist, geht sie das etwas ruhiger an, ist aber immer noch sportlich aktiv: Joggen, Skifahren. Jetzt freut sie sich darauf, die Olympischen Spiele zu beobachten.

Als nicht nur sie, sondern auch ihre Zwillingsschwester beschloss, zur Polizei zu gehen, waren die Eltern ganz schön erstaunt. Eine familiäre Motivation gab es jedenfalls nicht. Connys Vater war technischer Angestellter im Hamburger Hafen, die Mutter hatte ihre Berufstätigkeit für die Familie aufgegeben. „Meine Schwester und ich schätzen das bis heute, dass unsere Mutter sich so sehr um uns gekümmert hat und wir versuchen, etwas zurück zu geben.“

Die Anforderungen sind hoch im kleinsten Polizeirevier Deutschlands mit einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer. „Immer wenn ich morgens sage: Ich glaube, heute wird es ruhiger, wird der Tag anders, kaum dass ich das ausgesprochen habe.“ Rund 14.000 Einwohner leben im Revier, bis zu 100.000 besuchen das Amüsierviertel an den Wochenenden, zum Schlagermove und anderen Großveranstaltungen noch wesentlich mehr.

Die weltweit berühmte Davidwache steht immer unter besonderer Beobachtung, polizeilich, politisch und öffentlich. Auseinandersetzungen über die Einrichtung von Gefahrengebieten oder Videoüberwachung, das alles spiegelt sich hier wieder. Auch mit dem Vorwurf des Rassismus muss Cornelia Schröder umgehen. „Wir werden immer wieder bezichtigt, in der Drogenbekämpfung rassistische Kriterien anzulegen, weil unsere Maßnahmen sich überwiegend gegen Schwarzafrikaner richten. Uns geht es nicht um die Nationalität einer Person, sondern darum denjenigen zu verfolgen, der eine Straftat begangen hat.“

Manchmal kann sie sich echt aufregen, wenn ein Dealer, der beim Drogenverkauf erwischt wurde, aus irgendwelchen Gründen doch nicht in U-Haft landet. „Wie viele Straftaten muss jemand begehen, bevor wirklich mal etwas passiert? Wir machen uns ja teilweise lächerlich. Gerade Jugendliche müssen auch mal Konsequenzen spüren!“ Wenn sie etwas als ungerecht empfindet, dann muss sie das auch ‘raus!

Ihr Revier lebt durch seine Gegensätze, das gefällt ihr. Letztens wurden auf dem Hafengeburtstag Leute aus dem linken Milieu bestohlen. Es kam zu einer Verfolgungsjagd. „Die Taschendiebe haben sich in die Polizeiwache geflüchtet, die Verfolger aus dem linken Milieu haben nur kurz hereingeschaut und verkündet, sie seien bestohlen worden. Eine Aussage wollten sie nicht machen.“ Cornelia Schröder grinst übers ganze Gesicht. „Es war ihnen wohl schon unheimlich genug, sich überhaupt hier in die Wache zu trauen.“

Besonders die Großveranstaltungen sind eine Herausforderung. „Hamburg ist ja stolz darauf, Event-Stadt zu sein, aber“, warnt Cornelia Schröder, „das ist jedes Mal eine Gratwanderung zwischen dem, was man leisten muss und leisten kann, und auch zwischen den Interessen der Anwohner und denen der Besucher.“ Beim letzten Schlagermove haben die Beamten ein besonderes Augenmerk auf sexuelle Übergriffe gelegt. „Aber da war zum Glück nicht viel. Ein dutzend Vorfälle, die meisten von unseren Kollegen beobachtet und mit Festnahmen der Täter.“ Dafür häuften sich Körperverletzungen und Diebstähle.

Wer geschnappt wird oder sich unzurechnungsfähig getrunken hat, landet in einer der sechs wahrhaft ungemütlichen Zellen auf der Wache, die am Wochenende rund um die Uhr belegt sind. Cornelia Schröder steigt mit mir in den Keller. Schon auf der Treppe schlägt uns ein leicht unangenehmer Geruch entgegen. Hinter Stahltüren Holzpritschen auf Betonklötzen, abgekratzter Putz an den Wänden. „Manche beschmutzen die Zellen bewusst, sie urinieren, verrichten ihre Notdurft und beschmieren sogar die Videokameras. Das muss dann alles saubergemacht werden,“ seufzt sie stirnrunzelnd, „kein schönes Geschäft.“

Das alte Gebäude mit seiner Historie trägt zur Identifikation bei, auch wenn es die Arbeit in mancher Hinsicht erschwert. „Es ist schon ungewöhnlich, dass der Streifenwagen draußen vor der Tür hält, die Kollegen gehen dann mit einem Festgenommenen dieselbe Treppe hoch, die vielleicht gerade ein Bürger nimmt, der etwas anzeigen will.“ Aber eine andere Möglichkeit gibt es in der Davidwache nicht. Ungewöhnlich ist auch, dass sich der Notausgang des angrenzenden St. Pauli Theaters in den Sicherheitsbereich der Wache öffnet. Geht sie selbst manchmal hier ins Theater oder sonst irgendwo auf dem Kiez aus? Ab und zu schon, aber: „Ich möchte nicht in Interessenkonflikte kommen.“ Und außerdem ist der Kiez nicht so ganz ihre Welt. Privat gesehen jedenfalls nicht.

Als wir wieder im Erdgeschoss angelangt sind, bleiben wir eine Weile im Flur stehen. Kollegen grüßen sie mit freundschaftlichem Handschlag. „Die Kollegen, die hier arbeiten, sind alle gern hier. Die sagen mit gewissem Stolz: Ich arbeite da, wo das Leben spielt, auf der Davidwache, St. Pauli, immer im Fokus. Wir mittendrin und wir bewältigen das.“ Und natürlich, sie selbst ist auch stolz darauf.

Wie der Blitz rennt ein kleiner sportlicher Mann an mir vorbei, als ich morgens um zehn Uhr das Kampnagelgelände erreiche. Amelie Deuflhard steht vor dem wenig charmanten Verwaltungsgebäude und schaut mich so ernst und unbeteiligt an, dass ich befürchte, sie könnte unsere Verabredung vergessen haben. Aber nein, keineswegs, das sind nur die Nachwirkungen eines frühen Zahnarzttermins, der in den ersten Tagen des Sommerfestivals ganz und gar ungelegen kam.

Der blitzschnelle Läufer steht plötzlich neben uns: Anas Aboura, ein junger Syrer, der das Oriental Karaoke auf Kampnagel inszeniert. Strahlend reicht er ihr eine Schachtel Zigaretten. Die sind wohl ausgegangen, nachdem sie gestern Nacht bis drei Uhr auf dem Gelände unterwegs war. 1600 Besucher waren hier, allein an einem Tag. „Wenn das so weitergeht“, freut sich die Intendantin, „stellen wir einen neuen Zuschauerrekord auf, und das mitten in den Ferien und ohne Selbstläufer im Programm.“ Kampnagel hat sich mit seiner Experimentierfreude einen Namen gemacht in der Stadt und weit darüberhinaus. Die eigenwillige Intendantin freut sich, wenn hier ein Großvater zufällig auf seine Enkelkinder trifft. „Ein gemischtes Publikum, das wollen wir und das passiert auch tatsächlich.“

Am Abend der Festival-Eröffnung streift sie über den mit Mulch bedeckten Boden des ehemaligen Fabrikhofes, begrüßt gefühlt jeden Besucher persönlich, ein paar Worte hier, kurze Küsschen da, läuft dann, als der Saal schon voll besetzt ist, mit dem Handy in der Hand ‘rein und ‘raus, bevor sie sich als allerletzte Zuschauerin in der zweiten Reihe niederlässt. Da standen noch fünfzig Menschen vor der Tür, Künstler, Kollegen von auswärts, Geldgeber, die ihre Karte vergessen hatten, aber es gab keine fünfzig Plätze mehr. Sie musste das regeln.

András Siebold, der künstlerische Leiter des Sommerfestivals, nennt sie in seiner Eröffnungsrede sein „bestes Backup“. Das Lächeln, mit dem sie alle Reden verfolgt, schwindet nicht aus ihrem Gesicht. Backup? Fühlt sie sich da nicht zurückgesetzt, frage ich später. „Null“, antwortet sie lakonisch mit einem langen Ausatmer, als habe sie gerade an einer Zigarette gezogen. Wir lachen. Sie muss ihre Autorität nicht beweisen. Sie tut, was sie für nötig und für richtig hält.

Da zieht sie dann wie im letzten und vorletzten Jahr trotz Kritik das Kunstprojekt "ecoFavela Lampedusa Nord" durch und gewährt in diesem Rahmen sechs Flüchtlingen Unterkunft auf dem Gelände. Kassiert dafür eine Anzeige der AFD wegen „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer“. Ist sie erleichtert, dass die Ermittlungen in der letzten Woche endlich eingestellt wurden?

„Ich war nicht besonders beunruhigt, muss ich zugeben.“ Sie rutscht auf ihrem Stuhl herum und wuschelt mit der Hand durch ihr kurzes braunes Haar. „Ich bin nicht die erste Theatermacherin, die eine Strafanzeige kriegt. Man reiht sich da ein in radikale Künstlerschaften.“ Eine Anzeige von der AFD, das scheint für sie eher eine Auszeichnung zu sein. Allerdings, dass es zwanzig Monate gedauert hat, bis die Ermittlungen eingestellt wurden, findet sie „ein bisschen empörend“.

Oben im Büro wirft sie gemeinsam mit der Pressereferentin einen Blick in die Zeitungen. Alle lokalen und auch überregionale Medien haben breit und meist lobend berichtet, über die Eröffnungspremiere und die ersten Festivaltage. Ich schätze mal, Hurra-Schreie wird man von Amelie Deuflhard auch nach Mitternacht auf den Aftershow-Partys nicht zu hören bekommen. Ihr Stolz, ihre Freude – unverkennbar, aber verhalten.

Sie gilt als streitbar. Nein, diese Beschreibung gefällt ihr nicht. Sie würde es eher diskussionswillig nennen. Oder kämpferisch. „Sagen wir mal so“, erklärt sie mir, „ich habe keine Probleme damit, meine Meinung zu sagen. Wenn es Widerstand gibt, spornt mich das vielleicht eher an, als dass es mich zurückhält.“ Irgendwie macht ihr dieses Wort zu schaffen. Streitbar? Nein. „Komplette Anpassung an Autoritäten, das war schon in der Grundschule nicht meine Stärke.“

Schon damals hat sie ihre eigenen Strategien entwickelt. „Ich habe immer gedacht, die größte Freiheit habe ich, wenn ich gute Noten schreibe. Dann können die Lehrer nicht viel sagen, wenn ich ihnen widerspreche oder mit den Nachbarn quatsche.“ Als Fünfzehnjährige wurde sie Mitte der siebziger Jahre zur passionierten Theatergängerin und das kam so: Mit seinen wilden Aufführungen vergraulte Claus Peymann als neuer Direktor die Abonnenten aus dem Schauspiel Stuttgart. Auch Amelies Eltern kündigten ihr Abo. „Das klingt ja super“, dachte die Tochter, „wenn die Eltern so empört sind, dann gucke ich mir das mal an!“ Bis zu ihrem Abitur blieb sie Stammgast.

Dann studierte sie Romanistik, Geschichte und Kulturwissenschaft in Frankfurt am Main, Tübingen und Montpellier. Obwohl es in ihrer Familie eigentlich nur zwei Berufe gab, die anerkannt waren: Arzt und Jurist. Das haben ihre beiden Brüder übernommen. „Zunächst bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass man Theater auch zum Beruf machen kann.“ Nach dem Studium arbeitet sie erstmal als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Tübingen und einem Mannheimer Museum, zieht Anfang der 1990er Jahre nach Berlin und gründet dort ihre Familie.

Enorm, sage ich, angesichts ihrer Karriere, dass sie da vier Kinder großgezogen hat. „Stimmt“, antwortet sie trocken mit einem versteckten schelmischen Lächeln. „Die sind alle vier prachtvolle Menschen geworden.“ Sie wollte immer viele Kinder. „Eher drei, dann wurden es halt vier.“ Alle geboren innerhalb von nur fünf Jahren. Natürlich hat sie das Risiko gesehen, dass die Kinderschar ihre beruflichen Perspektiven beeinflussen könnte („Ich bin ja nicht blöd!“), aber sie hat es in Kauf genommen. Als sie erst Produktionsleiterin, später Intendantin der Berliner Sophiensäle wird, sind die Kinder noch sehr klein.

2003 stürzt sich Amelie Deuflhard in das Projekt Volkspalast, das die künstlerische Nutzung des alten Palasts der Republik, ehemals Sitz der DDR-Volkskammer, erkämpfte, jedenfalls für eine Übergangszeit bis zum Abriss. „Das war ein Riesenprojekt mit internationaler Aufmerksamkeit und kaum Geld. Ich hatte nur fünf professionelle Mitarbeiter, ansonsten Praktikanten. Innerhalb von wenigen Monaten kamen zu unseren Festivals zig-zig-tausende Zuschauer.“ Eins hat sie damals gelernt, nämlich: „Dass es einem beruflich nicht schadet, wenn man Debatten anzettelt. Auch der Stadt tut das gut!“

Danach Kampnagel. Ihre Mutter – der Vater ist zu früh gestorben, um die berufliche Karriere seiner Tochter zu verfolgen – ist nicht so begeistert. „Sie fand es schade, dass ich immer in so seltsamen, rohen Räumen arbeite und nicht in schönen Stadttheatern mit goldenen Lüstern.“ Dann aber holt Amelie Deuflhard gleich zu Beginn John Neumeier mit seinem Othello in die ehemalige Maschinenfabrik. Den kannte und schätzte die Mutter bereits aus dem Stuttgarter Ballett. „Das fand sie dann doch recht beeindruckend.“ Auch ohne Kronleuchter.

Fast zehn Jahre ist Amelie Deuflhard nun Intendantin in Winterhude. Kompetenz ist ihr wichtiger als Hierarchie. Aber: „Mir ist schon klar, dass ich die Chefin bin.“ Natürlich. Muss sie manchmal ein Machtwort sprechen? Ja, das ist ab und zu nötig. „Ich bin oft diejenige, die für etwas mainstreamigere Künstlerpositionen plädiert, obwohl ich ja selbst auch von der experimentellen Fraktion bin. Aber wir sind halt keine Galerie und haben auch große Säle zu füllen.“ Luft holt sie gerne zwischendurch in ihrem Garten in Brandenburg. Gärtnern, Kochen, im See schwimmen..., Entschleunigung, das braucht man zwischendurch.

Wie hat sie die Kampnagel-Bühnen geprägt? Konsequent spartenübergreifend, Schnittstelle sein von bildender Kunst, Pop, Performance und experimenteller Architektur. Das ist ihr wichtig. Anker auswerfen in die Stadt und die Stadt zurück aufs Gelände holen. Neue Künstler entdecken, in Japan zum Beispiel, Korea, Vietnam, im Kongo oder in Ghana, den USA oder Frankreich. „Woher sollen die Menschen sonst wissen, was künstlerisch in der Welt los ist?“

Eigentlich könnte sie jetzt sagen: „Das reicht, ich kenne genug Künstler, da muss ich nicht mehr herumsuchen.“ Aber nein! „Ohne Neugier auf die Welt würde das alles keinen Spaß machen!“ In Asien gibt es gerade „sehr, sehr interessante Bewegungen in der Kunst“. Also fährt sie da demnächst wieder hin, um einzutauchen in die fremde Kunstwelt und um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Künstler kennenzulernen, damit das Programm bis 2022 auch keinen Deut langweiliger wird. Denn so lange bleibt sie noch Kampnagel-Intendantin, mindestens.

Sie kennt das selbst: Ungewöhnlich sein, eine Sonderstellung einnehmen. So wie ihre Patienten, die sich nicht einordnen können in den normalen gesellschaftlichen Alltag. „Als halbindisches Kind mit bayerischem Dirndl in einem niedersächsischen Dorf... Ich habe so viele Außenseiterrollen in mir vereint, da lag die Wahl der Psychiatrie nahe“, konstatiert Manoshi Pakrasi lachend, und natürlich möchte ich unbedingt wissen, wie denn ein halbindisches Kind in ein bayerisches Dirndl und damit in ein niedersächsischen Dorf kommt.

Ihr Vater, erzählt sie mir, sei Inder, habe in München promoviert und dort ihre Mutter, eine bayrische Medizinstudentin, kennen gelernt. Sie heirateten, gingen zusammen nach Indien. Als Manoshi 1969 geboren wurde, beschlossen sie, nach Deutschland zurückzukehren, um ihrer Tochter alle Perspektiven offen zu halten, was in Indien für ein Mädchen nicht möglich gewesen wäre. Arbeit als Metallurge fand der Vater bei VW in Wolfsburg, und so landete die indisch-bayrische Familie im niedersächsischen Weddel.

Nicht normal sein – das hat sie also selbst erfahren. Aber versteht sie deswegen, was in einem psychisch kranken Menschen vorgeht? „Natürlich kann ich das nicht eins zu eins verstehen. Aber das verlangt der ja auch nicht von mir“, antwortet Manoshi Pakrasi, Leitende Oberärztin der Psychiatrie in Rissen. Angehörige wollen oft wissen, wie sie reagieren sollen, wenn jemand Stimmen hört und wirr erzählt von Dingen, die mit der Realität nicht in Einklang zu bringen sind. Sollen sie alles richtigstellen oder behaupten, sie hörten die Stimmen ebenfalls?

Es sei nicht notwendig, so zu tun, als könne man alles verstehen, meint die Psychiaterin. „Es geht darum, Brücken zu bauen und sich auf Augenhöhe zu begegnen.“ Man könne durchaus rückmelden, dass man etwas gerade nicht begreife. Man dürfe auch mal lachen, wenn jemand etwas Skurriles erzähle. „Es tut mir leid“, erklärt sie dann ihrem Patienten, „die Situation enthält so viel Komik, da kann ich gar nicht anders. Das versteht der Betroffene selten falsch. Im Gegenteil, das kann sehr verbindend sein.“

Viele Menschen denken, es sei deprimierend, mit psychisch Kranken zu tun zu haben. „Nein, überhaupt nicht“, widerspricht sie mir. „Einmal sind sie ja nicht nur depressiv und negativ, sondern oft in bunten Welten unterwegs. Und dann trage ich vielleicht dazu bei, dass es ihnen besser geht.“ Deprimierend findet sie manchmal höchstens die Lebensumstände, die zur psychischen Erkrankung führen können: von körperlicher Gewalt gegen Kinder bis hin zur emotionalen Verwahrlosung.

Eins ihrer Telefone klingelt. Sie entschuldigt sich: „Ich habe Hintergrunddienst.“ Das heißt, erklärt sie mir später, sie steht den diensthabenden Ärzten für Rücksprachen zur Verfügung. Auch nachts. Das kann dazu führen, dass sie sieben, acht Mal aus dem Schlaf geklingelt wird und morgens trotzdem pünktlich um acht Uhr zum Dienst erscheint. Klar, manchmal bringt der Job Stress, aber: „Ich würde diese Tätigkeit immer wieder machen. Ich finde, es ist genau das Richtige für mich.“

Ihren ersten Kontakt zu psychisch Kranken hatte sie schon als Zehnjährige. Hin und wieder kreuzte ein Patient aus dem psychiatrischen Krankenhaus in Königslutter ihren Schulweg. „Da habe ich Menschen erlebt, die irgendwie seltsam waren.“ Einer – kahl rasiert, mit Wollmütze, sein Fahrrad schiebend – sprach sie häufiger an. „Wahrscheinlich war ich eine der wenigen, die mit ihm geredet und sich nicht sofort weggedreht haben.“

Auch im Bekanntenkreis hat sie Psychosen miterlebt. „Das fand ich beeindruckend, aber nicht furchterregend. Ich habe mir allerdings Sorgen gemacht und mich gefragt, warum man ihnen nicht besser helfen konnte.“

Dass sie später Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie werden würde, ahnte Manoshi damals nicht. Aber schon seit sie fünf Jahre alt war, stand für sie fest, dass sie Medizinerin werden wollte. „Als Kind war ich im Krankenhaus, meine Mutter war dabei, und es gab die besten Semmeln zum Frühstück.“ Das Krankenhaus ist von da an ein Ort, der ihr gefällt.

Später dann gehört der Fotoband über Tropenkrankheiten, den sie im Regal der Eltern neben Titeln von Sartre, Fromm und de Beauvoir findet, zu ihren Lieblingsbüchern. „Du kannst dir das gerne anschauen“, meint die Mutter, „aber bitte nur zu Hause.“ Die Nachbarskinder sollten nicht durch die Fotos erschreckt werden. Das Interesse bleibt und Manoshi studiert Medizin in Aachen.

Als sie Psychiatrie zum Wahlfach im Praktischen Jahr machen will, warnen ihre Freundinnen: „Mach das nicht, du ziehst dir sowieso jeden Schuh an und bleibst bei jedem stehen, der Kummer hat. Das hältst du nicht aus.“ Vier Monate später warten dieselben Freundinnen mit dem umgekehrten Rat auf: „Bleib dabei, du warst noch nie so ausgeglichen wie in dieser Zeit.“

Als Assistenzärztin geht sie an die Uniklinik in Heidelberg, kommt 1998 ans UKE in Hamburg. Sechs Jahre später baut sie im Albertinen-Krankenhaus eine neue psychiatrische Abteilung auf. 2005 wechselt sie zum Westklinikum in Rissen.

Zwischendurch nimmt sie ein Sabbatical, begleitet ihren Mann, der als Psychologe in der Unternehmensberatung tätig ist, nach Paris. Es bleibt eine Liebe zu Frankreich und ein Haus mit Garten in der Nähe von Bordeaux. Dort haben die beiden letztes Jahr ihren ersten Traubensaft produziert – in den Flitterwochen. Auch der leuchtend orangefarbene Kalifornische Goldmohn gedeiht dort prächtig. Sehr resistent überlebt er in Steinritzen bei großer Hitze und Trockenheit. Alle Hochzeitsgäste erhielten ein Tütchen mit Goldmohnsamen. Ein Symbol.

Seit elf Jahren leitet Manoshi Pakrasi nun die geschlossene und die offene Station in Rissen. Verantwortlich ist sie nicht nur für die Patienten, sondern auch für viel Organisatorisches, unter anderem den Neubau. „Was ich nicht wusste, ist, dass man als Oberärztin auch permanent an Baubesprechungen teilnimmt und den Handwerkern sagen muss, dass ein Lichtschalter vergessen wurde oder der Wasserhahn zu kurz ist. Das stand in keiner Stellenbeschreibung.“

Genauso wenig ahnte sie vorher, dass plötzlich so viele Flüchtlinge zu versorgen wären. Ab Spätsommer 2014 bemerkte das Krankenhaus, dass besonders nachts und am Wochenende die Zahl der Patienten, die Suizidversuche unternommen hatten, anstieg. Sie kamen aus der großen Flüchtlingsunterkunft an der Schnackenburgallee. Da haben Manoshi Pakrasi und Kollegen gedacht: „Wir können doch nicht warten, bis die Leute so sehr in die Krise geraten, dass sie stationär aufgenommen werden müssen. Wir sollten vor Ort anfangen!“ Sie richteten regelmäßige psychiatrische Sprechstunden in der Schnackenburgallee ein, damals ein bundesweit einmaliges Projekt.

Ein Jahr lang war Manoshi Pakrasi einmal wöchentlich vor Ort. Heute hat das eine andere Kollegin im Zweiwochen-Rhythmus übernommen. „Junge Männer, die teilweise traumatische Erfahrungen gemacht haben und viel lieber zuhause bei ihrer Familie wären als sich allein durchzuschlagen – wenn die nichts zu tun bekommen, dann ist das keine gute Situation“, warnt sie.

Ob in Nizza oder in Würzburg, was denkt sie, waren die Attentäter Terroristen oder psychisch Kranke? „Ich glaube“, antwortet sie nachdenklich, „dass jemand, der sich für eine politische Gruppe aus dem Leben sprengt, sehr wohl eine psychische Störung hat, die ihm überhaupt erst erlaubt, eine natürliche Hürde zu überspringen.“ Das müsse nicht unbedingt eine Krankheit entsprechend des internationalen Diagnoseschlüssels sein, fügt sie noch hinzu.

Durch diese Ereignisse und die Berichterstattung darüber hätten viele Menschen gleich „einen Psychopathen mit Hackebeil“ vor Augen, wenn es um psychisch kranke Menschen gehe, stellt sie bedauernd fest. „Aber das sind nur wenige. Die meisten leiden unter Überforderung und geraten dabei in einen Ausnahmezustand. Oder sie haben eine chronische psychische Erkrankung wie andere ihren Bluthochdruck oder Diabetes.“

Und wie wird sie selbst den vielen Anforderungen gerecht? „Einen guten Ausgleich im Privatleben braucht man schon.“ Den findet sie manchmal beim Segeln, häufig beim Kochen und beim Gärtnern. Da kann sie abschalten. In den Topf kommt, was in ihrem Eimsbütteler Kleingarten wächst: Mohrrüben, Radieschen, Mangold... Anfang August hat sie etwas ganz Besonderes aus der Erde geholt: eine Kartoffel in Herzform. Ja, wirklich. Und das fast pünktlich zum ersten Hochzeitstag.

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