Mit Transparenz gegen Korruption

In der Schiffsklassifikation sorgt die Juristin Gesa Heinacher-Lindemann dafür, dass sich 16.000 Mitarbeiter an Ethik-Regeln und Gesetze halten
DIE WELT
12.09.2015
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Duzen ist eigentlich gar nicht ihr Ding. Aber als einer der Vorstände fragte: „Frau Heinacher, haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns im Team alle duzen?“, da wollte sie nicht hintanstehen. Gut, dann duz ich jetzt mal meinen Vorstand, hat sie sich gedacht. Klingt ja auch komisch, wenn eine der in Englisch geführten Sitzungen so eröffnet wird: „Good morning, Sarah, Marc ... – and Miss Heinacher-Lindemann.“

Sie ist eine der wenigen Frauen, die es in der maritimen Wirtschaft nach oben geschafft haben. Seitdem der Germanische Lloyd mit der norwegischen Klassifikationsgesellschaft Det Norske Veritas zum DNV GL verschmolzen ist, weht ein anderer Wind durch die Konferenzräume, und das macht ihr Spaß. Seit 27 Jahren arbeitet sie für dasselbe Unternehmen, das nun ein ganz anderes ist, kein deutsches mehr, sondern ein internationales mit stark norwegischem Einschlag.

Klassifikationsgesellschaften wie der DNV GL erstellen Richtlinien zum Bau von Schiffen und überwachen anschließend ihre Einhaltung. Sie erteilen dem Schiff ein sogenanntes Klassenzertifikat. Nur damit bekommt der Betreiber eine Versicherung und die Erlaubnis, jeden gewünschten Hafen anzulaufen. Seit geraumer Zeit beurteilen diese Gesellschaften auch andere Anlagen, in Windparks zum Beispiel oder auf Bohrinseln.

„Als ich anfing, gab es hier nur Ingenieure, die nicht im Anzug herumliefen und eine ganz andere Unternehmenskultur hatten“, erinnert sich Gesa Heinacher-Lindemann, während ich den fantastischen Ausblick aus ihrem gläsernen Büro am Brooktorkai bestaune. Hemdsärmelig geht es hier nicht mehr zu. Sie trägt ein helles kariertes Kostüm, dezenten Goldschmuck und flache Lackpumps mit einer Schleife. Mit ihren blonden Haaren und strahlend hellblauen Augen könnte sie eigentlich die Vorzeigeskandinavierin sein.

Ist sie aber nicht. Sie wurde 1959 in Lübeck geboren und ist später in Bad Bramstedt zur Schule gegangen. Die Mutter: Hausfrau. „Aber durchaus gleichberechtigt!“ betont sie. Der Vater: Beamter beim Bundesgrenzschutz. Preußisch geprägt, hat er Gesa und ihrem älteren Bruder beigebracht, dass Leistung zählt. „Und wenn man eine Aufgabe übernimmt, bringt man die zu Ende!“ Das hat sie sich gemerkt, das kann sie und das macht sie gern. Sie ist sehr diszipliniert. Und ordentlich. In ihrem Büro liegt nichts herum. Vergeblich halte ich Ausschau nach Fotos oder anderen persönlichen Dingen. Sie wirkt herzlich und offen, lässt aber auch spüren, dass sie lieber nur wenig von sich preisgeben möchte.

Jura hat sie studiert, in Kiel, dann mehrere Auslandsstationen absolviert, darunter Brüssel, San Diego und Miami. Sie hat den Germanischen Lloyd fit für Europa gemacht, später die Rechtsabteilung aufgebaut. Das Internationale reizt sie an ihrem Job.

Heute ist Gesa Heinacher-Lindemann der führende Compliance Officer des DNV GL. Auf der zweiten Führungsebene des Konzerns angekommen, sorgt sie dafür, dass sich knapp 16.000 Mitarbeiter in über 100 Ländern an Recht und Gesetz halten und an die ethischen Standards der Gesellschaft. Es geht dabei insbesondere ums Kartellrecht, um Korruption, um den Datenschutz und die Einhaltung von Sanktionen, wie aktuell gegenüber Russland oder dem Iran. Ein gut funktionierendes Compliance-Programm ist für ein Unternehmen nicht nur unter juristischen oder ethischen Aspekten wichtig, sondern vor allem auch unter wirtschaftlichen. Gesa Heinacher-Lindemann soll verhindern, dass der DNV GL zu Schadensersatzforderungen oder Bußgeldern verdonnert wird.

„Was würde ein norwegischer Journalist denken, wenn wir dieses oder jenes täten?“ Diese Frage müsse man sich immer stellen, erklärt sie mir, denn in Skandinavien seien die Ansprüche in dieser Hinsicht sehr hoch. Im vergangenen Jahr hat sie 1200 Menschen weltweit trainiert, u. a. in London, Brasilien und Japan. „In meinen Workshops sage ich den Chinesen, dass wir nicht den chinesischen Level anstreben, sondern den skandinavischen. Dann wird immer gelacht und sie fragen: Willst du, dass wir norwegisch werden?“ Natürlich nicht, aber sie will dafür sorgen, dass das Integritätsniveau den norwegischen Anforderungen genügt.

Und wie macht sich der norwegische Einfluss noch bemerkbar?

„Ich muss sehr viel kommunizieren“, erklärt sie mir. Transparenz wird dort ganz groß geschrieben und der Führungsstil ist demokratischer. „Wir lyncen immer, das ist ähnlich wie Facetime.“ Aber sie fliegt auch oft nach Norwegen zu direkten Gesprächen in der Zentrale des DNV GL in Hovik bei Oslo. Es wird mehr in Teams gemacht und es muss mehr abgestimmt werden, und häufig wird überlegt, ob die Entscheidung der letzten Woche nicht doch noch einmal überdacht werden sollte. Das kennt sie aus deutschen Arbeitsstrukturen nicht.

Ihr liegt das. Sie ist eine Teamarbeiterin. Allerdings, wenn sie unter starkem Druck steht, dann macht sie – sagen wir mal – sehr deutliche Ansagen. Neue Mitarbeiter klärt sie von vornherein auf: „Also, ich bin ganz nett und teamorientiert, aber wenn es schnell gehen muss, dann werde ich autoritär.“

Spricht etwas dagegen, dass wir in diesem oder jenem Land unseren Service anbieten? Fragen dieser Art landen auf ihrem Schreibtisch. Und dann muss es oft sehr schnell gehen. Die Geschäftspartner warten nicht, es geht um große Summen. Und es geht um Haftung, auch für sie persönlich. „Ich würde haften, wenn ich Missstände im Unternehmen verschleiere und nicht dem Vorstand oder anderen Gremien mitteile. Dafür könnte ich persönlich ins Gefängnis gehen“, erläutert sie mir.

Für die Kollegen in aller Welt hat sie eine Checkliste angelegt. Falls der Vertragspartner auf einer schwarzen Liste steht, schlägt die Software zum Prüfen von Sanktionen sofort Alarm. „Dann brauchen sie mich gar nicht zu kontaktieren. Machen wir nicht!“ Ihr Sachverstand ist gefragt in komplizierten Situationen, zum Beispiel mit Blick auf den Iran, wenn europäisches und amerikanisches Recht nicht übereinstimmen. Mithilfe von Lobbyisten vor Ort beobachtet sie Obamas Anstrengungen, die Sanktionen gegenüber dem Iran zu lockern. „Aber die Lobbyisten sind manchmal gefärbt“, weiß sie aus Erfahrung. „Da muss man aufpassen, dass man sich nicht in ein politisches Feld hineinziehen lässt.“

Wenn ein Geschäft zwar rechtlich bedenkenlos, aber politisch fragwürdig scheint, ist ihr Urteil wichtig. „Compliance ist nicht nur eine rechtliche Frage, sondern häufig auch eine ethische“, meint sie. „Da bin ich ganz eng am Vorstand und frage: Wie siehst du das als Norweger? Denn ich bin ja Deutsche.“

Ach ja, da sind wir wieder bei den innereuropäischen Unterschieden: Im ersten halben Jahr hat sie gestaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit die norwegischen Frauen Familie, Kinder und Arbeit verbinden. Und wie schaffen die das? „Die Männer haben eine andere Einstellung, sie übernehmen einen erheblichen Teil der Familienpflichten. Und die Arbeitszeiten sind flexibler.“ Gegen 16 Uhr verlassen die meisten Kolleginnen und Kollegen in Hovik das Büro; Mittagszeiten und Smalltalk mit Kollegen haben sie sehr knapp gehalten, damit sie gegen 18 Uhr – so halten das viele – gemeinsam mit ihren Familien am Abendbrottisch sitzen können. Später, ab 22 Uhr trudeln wieder die dienstlichen Mails ein, weiß Heinacher-Lindemann zu berichten, und das hält nicht selten bis nachts um ein Uhr an. Kürzer sind die norwegischen Arbeitszeiten, insbesondere für Führungskräfte, nicht, aber flexibler. Ganz oben in der Hierarchie, hat sie beobachtet, ist die Zeit für die Familie hier wie dort äußerst knapp.

„Ich glaube nicht“, sagt sie etwas nachdenklich, „dass ich mit Kindern diese Karriere gemacht hätte.“ Schon ohne Kinder ist das mit der Work-Life-Balance ein Problem. „Wo sonst, außer in Ihrem Büro, könnte ich Sie denn noch antreffen?“, wollte ich vor unserer ersten Verabredung wissen. „Mit der Frage zielen Sie genau ins Schwarze“, hat sie, ein wenig betroffen, geantwortet. Ihr Leben spielt sich fast ausschließlich im Büro ab. Zwei- bis dreimal pro Woche joggt sie, das schafft sie meist. Für andere Interessen, zum Beispiel Ausstellungen und Kunst, bleibt ihr keine Zeit. Leider. Das will sie unbedingt ändern. „Ganz sicherlich möchte ich mehr Life-Balance entwickeln.“ Die Frage ist nur, wie.

Ihr Mann, Otto Christian Lindemann, darf sich nicht beschweren. Der arbeitet nämlich in Köln und ist genauso oft unterwegs. „Ab und zu fahren wir morgens um fünf zusammen zum Flughafen und finden das sehr lustig. Jeder geht zu einem anderen Flugsteig.“ Und warum wohnt sie dann so weit ab vom Schuss im niedersächsischen Jesteburg? „Weil ich die Stille liebe! Ich liebe es, im Wald zu joggen und nicht um die Alster, wo man jeden kennt und grüßt.“

Auf der Alster hat sie – das ist schon eine Weile her – ihren Segelschein gemacht. Also hat sie auch privat Spaß am Bootfahren? „Nein. Das darf ich aber eigentlich gar nicht laut sagen: Ich werde seekrank.“ Dafür kann sie einem Richter erklären, wie so ein großer Frachter konstruiert ist. Das reicht doch, oder?