Die große Pose gibt es nur auf der Bühne

Johanna Christine Gehlen bereitet sich auf „Hamburg Royal“ vor und erzählt, wie sie sich gegen Inge Meysel behauptet hat
DIE WELT
19.09.2015
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Sie hat ein schönes, ein besonderes Gesicht: katzenhafte Augen, hohe Wangenknochen und glatte blonde Haare. In kobaltblauem Hosenanzug und passenden Pumps posiert Johanna Christine Gehlen für den Fotografen vor der bunt gestrichenen Wand in einer ehemaligen Schule. Hier probt das Ensemble des St. Pauli Theaters für das Musical „Hamburg Royal“. Prüfende Blicke wirft sie auf den kleinen Monitor der Kamera, gibt dieses und jenes Detail zu bedenken, während ich einfach finde, dass sie auf jedem Foto klasse aussieht.

„Sie ist eine Perfektionistin“, kommentiert Astrid Flohr, die Pressesprecherin des Theaters. Und außerdem ist Johanna Christine Gehlen Profi: „Wie die Außenwelt mich sieht, ist beruflich von extremer Bedeutung.“ Wir Hamburger kennen sie als Stella mit Ben Becker in „Endstation Sehnsucht“ oder als Tochter des an Alzheimer erkrankten Vaters, gespielt von Volker Lechtenbrink. Der Rest der Republik kennt sie aus Fernsehfilmen wie dem „Traumschiff“ oder „Mensch ohne Hund“. Zwar weiß sie zu posieren, doch im wirklichen Leben meidet sie die große Pose. Sie will möglichst nicht herausstechen, bei Unicef zum Beispiel, wo sie sich sehr engagiert, nicht nur die repräsentativen Aufgaben übernimmt, sondern Grußkarten im Einkaufszentrum verkauft wie alle anderen Helfer auch.

Während unseres Gesprächs sitzen wir mit gegrätschten Beinen auf einer schmalen Bank in der Männergarderobe, nippen an kalt gewordenem Kaffee. Ab und zu steckt einer der männlichen Kollegen seine Nase durch die Tür, verschwindet aber lautlos, als hätten wir hier den Vortritt.

Steht sie lieber auf der Bühne oder vor der Kamera? Da mag sie sich gar nicht entscheiden. Es muss auch nicht immer eine Hauptrolle sein, denn Nebenrollen, findet sie, haben ihren ganz eigenen Reiz: „Wenn du einen Charakter spielst, der von der Seite in den Handlungsverlauf hineinplatzt, dann kannst du viel mehr auf den Punkt spielen, offensiver mit deinem Charakter umgehen. Als Hauptfigur musst du zarter sein, weicher und runder arbeiten, damit der Zuschauer bei dir andocken kann.“ Zwei verschiedene Typen von Schauspielern gibt es ihrer Meinung nach: „Die einen spielen, weil sie sich bewegen und sich emotional veräußern wollen. Die anderen gehen psychologisch an die Rollen heran, suchen in der Geschichte, sind eher wie Trüffelschweine.“ Sie sieht sich eher als Suchende.

Vor fast 15 Jahren habe ich sie zum ersten Mal getroffen. Wir sprachen über Inge Meysel. In dem Fernsehfilm „Die Liebenden vom Alexanderplatz“ stand Gehlen als Enkelin Sarah mit Meysel als Großmutter Ruth vor der Kamera. Die wesentlich ältere, prominente Spielpartnerin maßregelte und pisakte die junge Kollegin bei jeder Gelegenheit. Oft musste Johanna Christine, damals Anfang dreißig, tief Luft holen, aber: „Du kannst machen, was du willst“, wappnete sie sich innerlich gegen die biestige Meysel, „du kriegst es nicht hin, dass meine Sarah deine Ruth nicht liebt!“ Allen Sticheleien zum Trotz hat Johanna Christine an ihrer Liebe als Enkelin festgehalten. „Es war hinterher das größte Lob zu hören, dass man mir diese Liebe in dem Film glaubt. Ein menschlicher Erfolg für mich.“ Und eine Episode, die viel über Gehlens Haltung und Charakter sagt. Sie ist eine sanfte Kämpferin. Sie gibt nicht einfach klein bei, schlägt aber nicht gleich um sich. „Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, auch in der Arbeit. Ich brauche das Gefühl, dass die Leute denken, ich bin da richtig, wo ich bin.“

Mit siebzehn stand sie zum ersten Mal auf der Schauspielhaus-Bühne, mit den University Players in einem Stück über Uwe Barschel als Shakespeares Macbeth. „Ich hatte zwei kleine Rollen, aber die haben gesessen“, erinnert sie sich. Nach diesem Abend kamen ihre Eltern zu dem Schluss: „Jetzt ist wohl klar, was du erst mal machst.“

Die Eltern wussten, wovon sie sprachen. Mutter Hanne tanzte als junge Frau durchs Operettenhaus, wurde später Lehrerin. Der Vater, Elmar Gehlen, entwickelte sich vom Schauspieler zum Regisseur. Johanna Christine bestand das Schauspieldiplom an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover mit Auszeichnung. Anschließend spielte sie in Münster und Essen in Klassikern wie „Nathan, der Weise“, wirkte in Fernsehfilmen und der Fernseh-Comedy „Sketchup“ mit.

Sie ist eine waschechte Hamburger Deern, 1970 hier geboren. Bis vor ein paar Jahren wohnte sie noch in derselben Ottenser Wohnung, in der sie aufgewachsen ist. Erst als sie mit Mann und zwei Kindern wirklich mehr Platz brauchte, konnte sie sich davon trennen. Der Umzug führte sie nur wenige Hundert Meter weit weg. Sie blieb in Elbnähe. Verheiratet ist sie mit Sebastian Bezzel, ebenfalls Schauspieler, bekannt als „Tatort“-Kommissar vom Bodensee und Dorfpolizist im Kinofilm „Winterkartoffelknödel“.

Beide Schauspieler – ist das von Vorteil? „Ich finde schön, wenn man weiß, was der andere macht und durchstehen muss“, erklärt sie. So komme sie nicht in Versuchung zu sagen: Du hast doch als Schauspieler so ein tolles, buntes, bewegtes Leben! „Man weiß, wie wahnsinnig hart und einsam das manchmal ist.“

Wie sieht Sebastian Bezzel seine Christine? Langweilig wird es mit ihr nie, weiß er zu berichten. Sie ist immer für eine Überraschung gut, hat etwas „Sprunghaftes“. Da kann es passieren, dass sie plötzlich Gäste mit nach Hause bringt – das mag er. Oder dass er schon abreisefertig im Auto sitzt und wartet, während ihr plötzlich eingefallen ist, noch zwei E-Mails zu schreiben – das gefällt ihm weniger. „Sie hat Stilbewusstsein und Eleganz. Ihr ganzes Auftreten, das liebe ich!“ verrät er mir. „Und sie hat ein Riesenherz, das zeigt sich in ihrem Humor und ihrem Engagement.“ Ihren Einsatz für gute Zwecke nimmt sie wirklich ernst. Einmal sollte sie für Unicef eine Rede vor tausend Leuten halten und hatte schon bei Abschluss des Fernsehvertrages darauf hingewiesen. Als der Dreh dann ungeplant länger dauerte, brach sie ab, um pünktlich bei der Unicef-Veranstaltung zu sein. Die Szenerie musste für einen Nachdreh später aufwendig rekonstruiert werden. „Es tat mir wahnsinnig leid. Aber das war ein Moment der Entscheidung, und eine ehrenamtliche Sache ist in meinem Leben genauso viel wert wie alles andere auch.“ Der Regisseur hat seither nicht mehr mit ihr gearbeitet.

In diesen Tagen macht sie sich auch für eine andere Sache stark. Johanna Christine Gehlen, die begeisterte Seglerin, wird Schutzherrin der Traditionsschiffparade, die vom Museumshafen Övelgönne am 26. September veranstaltet wird. Da musste sie nicht lange überlegen; sie ist mit den alten Schiffen quasi vor der Haustür aufgewachsen.

Wie schafft sie das alles, frage ich mich und weiß noch, wie ich sie vor einiger Zeit mit dem Kinderwagen quer über die Straße zum Bus rennen sah, ganz außer Atem. Sie musste zur Probe, Sebastian war irgendwo drehen, und der Babysitter konnte erst später am Abend. Also musste der Kleine mit zur Probe. Inzwischen ist noch ein Kind da, ein Mädchen und ein Junge also, zwei und vier Jahre alt. „Wir verbringen viel Zeit zu viert, wir nehmen uns die Zeit. Ich lehne Angebote ab, und Sebastian hat sich den ganzen Sommer freigeschaufelt. Wir sind ziemlich strikt in der Verteidigung unseres Lebens.“ Ihr Blick aufs Leben ist von Grund auf positiv, und so manövriert sie wohlbehalten durch den größten Stress.

Diese Stärke hat beruflich manchmal Nachteile. Sie fühlt sich zu sehr festgelegt auf ein bestimmtes Rollenbild. „Ich werde von Castern und Regisseuren gern gesehen als eine, die einen Schutzwall, eine Schale um sich aufgebaut hat. Die wird dann durch eine große Liebe, unverhoffte Mutterschaft oder schicksalhafte Erlebnisse durchbrochen, sodass die Figur eine emotionale Läuterung erfährt und schließlich weich und durchlässig werden darf.“ Ist sie wirklich so? Hat das Ähnlichkeiten mit der realen Johanna Christine? „Eigentlich nicht. Ich kann wohl schnell wirken, wie jemand, der sehr gerade durchs Leben geht, sehr gefasst und kontrolliert. Aber so empfinde ich mich überhaupt nicht.“ Doch auch von ihren Freunden hört sie häufig: „Du schaffst das doch alles!“ Zu gerne würde sie Frauen spielen, denen alles aus den Händen gleitet. „Nicht immer aus der Kontrolle in den Frieden, sondern auch mal aus der Kontrolle ins Chaos! Das erleben doch viele Menschen, gerade Frauen mit ihrer Mehrfachbelastung.“

In „Hamburg Royal“ wird sie ab nächster Woche gleich in drei verschiedenen Rollen auf der Bühne stehen. Im grauen Tweed-Kostüm als konservative alte Dame am Stock, ganz in Schwarz als knallharte Geschäftsfrau und als Brautmutter (Modell Elbvororte) mit extravagantem, wagenradgroßem Hut. Da wird es sicherlich hier und da chaotisch zugehen. Aber das ist wohl ein ganz anderes Chaos, als Johanna Christine Gehlen meint.