Katharina, die große Filmproduzentin

Katharina Trebitsch produziert seit 35 Jahren gute Unterhaltung für Kino und Fernsehen. Das Gejammer über die Zuschauerquote versteht sie gar nicht. Von Glitzer und Dünkel der Kultur-Schickeria grenzt sie sich ab: „Lieber spießig als schick!“
DIE WELT
24.10.2015
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Ihr Motto heißt „no surrender“, nicht nur weil es von Bruce Springsteen stammt. Langen Atem behalten, zäh sein und immer dranbleiben, lautet ihre freie Übersetzung, oder: Über Pannen vorwärts! The Boss sei ihr Lieblingsmusiker, erzählt sie mir in einem Café nahe der Elbphilharmonie. Springsteen oder was würde sie dort gerne mal hören? „Das Adagietto von Mahler und ein Cello-Konzert von Dvořák!“

Seit 35 Jahren ist Katharina Trebitsch im Filmgeschäft und hat damit bewiesen, dass sie ihrem Motto treu ist und dranbleibt. Sie produzierte unter anderem „Die Bertinis“ und „Die Drombuschs“, „Marlene“ und „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“, Krimi-Serien wie „Bella Block“, „Donna Leon“ und „Commissario Laurenti“, sowie das Doku-Drama zu Helmut Schmidts 95. Geburtstag.

Filmgeschäft – da denken wir schnell an Glimmer und Glamour. Aber mir gegenüber sitzt eine vollkommen unprätentiöse Frau, ungeschminkt, im schlichten Strickpulli, fein und charmant älter geworden (geboren 1949 in Hamburg-Wandsbek). Lieber spießig als schick! „Ist weniger anstrengend“, findet sie.

Sie lacht häufig, während wir sprechen. „Ich selber bin nicht lustig“, meint sie, „aber ich lache gern.“ Und wenn sie lacht, dann zieht sie die Nase von der Wurzel aus hoch und macht ganz schmale Augen. Das sieht niedlich aus, als sei sie eine lustige Figur in einem Kinderfilm.

Ihr aktuelles Projekt ist eine Komödie, ein politischer Stoff aus den 1970er-Jahren, der bis heute an Bedeutung nichts verloren hat: Ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. „Wenn wir das hinkriegen, richtig frech und rotzig, dann ist das für mich allerbeste Unterhaltung!“ Ist es wichtig für sie, dass man lacht, wenn man einen Film sieht? „Ich glaube, das ist eine Form von Katharsis, also seelischer Reinigung. Mir persönlich geht es besser, wenn ich gelacht habe“, sagt sie und zieht wieder die Nase kraus. Ihre Wangen haben sich ein wenig gerötet.

Warmherzig und offen wirkt sie im Gespräch, frei von Dünkel und Koketterie. Im Vorgeplänkel über Alltägliches finden wir schnell Gemeinsamkeiten, lieben beide die Haribo Colorado-Mischung. Sie weiß obendrein genau, an welchem Kiosk es Maoam mit Zitronengeschmack gibt. In den hektischen Zeiten der Trebitsch Production Holding, in der 1991 die UFA Mitgesellschafter wurde, war das oft ihr Mittagessen. „Nochmal kurz zur Tankstelle und weiter ging’s. Unterirdisch, das darf man gar nicht erzählen.“

Hinter den Kulissen des Films war sie schon als Kind zu Hause. Wer wo im Studio steht und dass man bitte still ist, wenn der Abläutton – den gibt es heute nicht mehr – erklingt, das wusste sie von klein auf. Ihr Vater, Gyula Trebitsch, gründete 1947 das Studio Hamburg, eine der größten Filmproduktionsstätten Europas. Ihre Mutter, Erna Sander, war Kostümbildnerin (u.a. im Flora-Theater). Auch ihr Bruder Markus Trebitsch ist Filmproduzent. Eine Hamburger Film-Dynastie sozusagen. War es nicht merkwürdig, mit dem eigenen Bruder im Wettstreit zu liegen? „Wir sind uns nie in die Quere gekommen und haben uns immer ausgetauscht. Aber mir ist erst später, nach dem Tod unserer Eltern, klar geworden, dass es zwischen Geschwistern eine natürliche Konkurrenz gibt.“

Haben sie nie daran gedacht, ein gemeinsames Familienunternehmen zu gründen? Nein. Das müsse sie jetzt allein machen, hat der Vater ihr zu verstehen gegeben, Verantwortung übernehmen. Aber er stand ihr als Berater zur Verfügung. „Ohne das hätte ich mich nicht getraut.“ Ich denke, Katharina Trebitsch hätte sich doch getraut. Denn noch etwas anderes hat der Vater ihr vermittelt: „Wenn du hinfällst, stehst du wieder auf!“ Eine Ablehnung empfand sie deshalb nie als Katastrophe. Und diese Einstellung sei ihr „Hauptkapital“ gewesen.

Wie ihr Bruder, nach der Schule direkt zum Film gehen, das wollte sie nicht. Sie musste sich erst mal abgrenzen, Kante zeigen und studierte Jura. „Die Rechtswissenschaften sind wie eine Röntgenaufnahme der Gesellschaft; die Gesetze sind das Skelett.“ Als sie dann doch zum Filmgeschäft kam, nannte sie ihre erste eigene Firma 1980 Objectiv Film GmbH, in Erinnerung an das von den Nazis „arisierte“ Unternehmen ihres jüdischen Vaters. Sie hat sogar das alte Logo übernommen. „Viele meinten, ich müsste mir mal ein anderes Logo zulegen. Sie hatten recht, aber ich habe es trotzdem behalten.“

Beide Eltern wurden verfolgt. Gyula Trebitsch, Jude deutsch-ungarischer Abstammung, wurde aus Budapest in mehrere Konzentrationslager verschleppt, seine Brüder überlebten den Holocaust nicht. Erna Sander, Kommunistin, wurde beim Flugblattverteilen von der Gestapo verhaftet und kam nur durch glückliche Umstände nach einem Jahr Untersuchungshaft in Fuhlsbüttel wieder frei. Welche Wirkung hatten diese qualvollen Erfahrungen von Vater und Mutter auf Katharina? Sie denkt einen Moment nach. „Ich gehörte nie zu den Menschen, die sagen: Für Politik interessiere ich mich nicht. Menschen, die so dachten, fielen als enge Freunde für mich aus. Und ich empfinde Solidarität mit Menschen, die anders sind.“

Katharina Trebitsch ist nicht religiös, bezeichnet sich als Agnostikerin. Die Familie war völlig assimiliert, hat die christlichen Feiertage gefeiert. „Normale“ Feiertage nennt sie die. „Und“, sie wird sehr nachdenklich, „da sehe ich auch ein Problem der Migration. Viele Menschen kommen aus Gesellschaften, wo die Trennung zwischen Religion und Staat nicht existiert. Ich möchte weiterhin in einem laizistischen Staat leben. Außerdem: Männer und Frauen sind gleichberechtigt, Schluss!“ Dann lacht sie wieder. „Schleier?“, fragt sie und mustert mich, „das steht Ihnen doch auch nicht! Aber das muss jede Frau für sich selbst entscheiden.“

So politisch sie auch denkt, ihre Filme sind keineswegs missionarisch. Gute Unterhaltung liebt sie. Von der verkopften Kulturelite grenzt sie sich ab. Die Künstler glaubten immer noch, sie veränderten die Welt, seufzt sie. Allen Ernstes habe ihr eine Theaterintendantin weismachen wollen, das Theater sei der einzige Ort in der Gesellschaft, wo noch Gegenwart verhandelt werde, „Nee, stimmt nicht!“, antwortete Katharina Trebitsch da mit Nachdruck. Wo denn sonst? „Bei Starbucks! So! Und das meine ich auch!“

Auch das Gejammer über die Orientierung an der Zuschauerquote geht ihr auf die Nerven. Gerade erst hörte sie im Radio anlässlich einer Preisverleihung an junge Regisseure den Moderator klagen, das Schielen auf die Quote sei eine Katastrophe. Diese Beschwerden haben für sie ideologischen Charakter. „Warum ist das eine Katastrophe? Es ist ein Maßstab! Ein Fieberthermometer.“ Dabei hält sie sich an einen weiteren Grundsatz ihres Vaters: „Es wird nicht alles gut werden, aber ich möchte mich nicht dafür schämen!“

In unzähligen Funktionen war und ist sie tätig: in Kuratorien (z.B. Welthungerhilfe und Übersee-Club), Aufsichtsräten (z.B. Schauspielhaus, Thalia Theater), Jurys (z.B. Grimme, Emmy). Als beste Produzentin hat sie 1996 den Telestar erhalten und 1999 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Sogar in die Monopolkommission der Bundesregierung wurde sie berufen; und natürlich gehört sie zur Freitagsgesellschaft von Helmut Schmidt.

Jetzt ist ihr Alltag etwas ruhiger geworden. Mitte fünfzig kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht einen anderen Rhythmus in ihr Leben bringen sollte. Die Reiserei – „ein Wahnsinnszirkus“ – hat ihr früher Spaß gemacht, doch irgendwann hat sie das nur noch als anstrengend empfunden. Gerne verbringt sie allerdings einige Wochen des Jahres in New York; die Stadt inspiriert sie.

„Wenn man sich als geschäftsführende Gesellschafterin durch die Welt schlägt, dann pensioniert einen ja keiner. Das muss ich selber machen.“ Sie gründete 2004 eine kleinere Firma, die Trebitsch Entertainment GmbH, übernimmt seither weniger Aufträge. „Die Aufgaben, die ich übernehme, möchte ich noch besser machen. Das ist mein Wunsch!“ Ist es Zufall, dass sie – nie verheiratet, keine Kinder – erst seit sechs Jahren einen Mann an ihrer Seite hat? Wahrscheinlich nicht.

Es gibt nur wenige Momente, wo sie denkt: „Ich wäre gern noch mal jung...“ Im Nächtedurchfeiern war sie noch nie gut und: „Wenn ich in den Spiegel gucke, kann ich es auch aushalten.“ Eins allerdings würde sie sehr reizen: Mitmischen in der neuen digitalisierten Filmwelt. „Die Digitalisierung macht alles möglich, es wird gerade neu gewürfelt. Das fände ich schon gut, wenn ich noch richtig Luft vor mir hätte, Ausdauer und Kraft.“ Da denkt Katharina Trebitsch manchmal: „Dafür wäre ich gerne noch mal jung.“ Aber dann freut sie sich wieder, Zeit für einen Spaziergang zu haben und nicht von Gummibärchen satt werden zu müssen.