Ein Schuss Tragik, ein Schuss Komik

Ruth Toma, einst bei den Fliegenden Bauten, tastet sich mit ihren Drehbüchern durch die Grenzbereiche des Lebens
DIE WELT
29.08.2015
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Ein Schuss Tragik, ein Schuss Komik – Stoffe, die beides in sich tragen, faszinieren sie. Ruth Toma schreibt Drehbücher. Sie tastet sich durch Grenzbereiche des Daseins, sucht nach den wirklich wichtigen Dingen des Lebens und nach dem ironischen Dreh in der Geschichte.

Ihre Geschichten handeln von einem tamilischen Einwanderer, der erfolgreich Liebesmenüs liefert und an einen Waffenhändler gerät („Der Koch“, 2013). Oder von einem Lied, das Menschen in den Selbstmord begleitet: „Gloomy Sunday“, 1998. Das ist ihr Lieblingsfilm, wenn man das so sagen kann, und einer ihrer ersten, für den sie gleich den renommierten Deutschen Drehbuchpreis erhalten hat.

Wir sitzen im sechsten Stock eines Gründerzeithauses in St. Pauli, genießen einen fantastischen Blick über die Baumwipfel und Dachfirste bis hin zu den Hafenkränen und zur Köhlbrandbrücke. „Noch“, sagt Ruth Toma mit leichtem Bedauern in der Stimme, „noch kann man die Köhlbrandbrücke sehen.“ Soll ja abgerissen werden, irgendwann. Zu meinen Füßen eine recht große Echse, die sich anschickt, ins Stuhlbein oder meinen Knöchel zu beißen. Nichts passiert, ein Bühnenrequisit.

Hinter uns steht ihr Schreibtisch, nicht mal groß, aufgeräumt, ein Buch, ein paar Papiere, mehr nicht. Zu Hause arbeiten, das erfordert Disziplin. Sie kann das. Morgens ein paar Stunden und nachmittags ein paar Stunden. An der Wand hinter ihrem Schreibtisch ein riesiges Pinboard aus Kork mit vielleicht drei Dutzend ordentlich aufgereihten Notizzetteln. Jeder Zettel steht für eine Szene, die ersten zwei Reihen für den ersten Akt, die nächsten für den zweiten. „Da habe ich alles im Überblick“, erklärt sie mir, „kann sofort sehen, welcher Akt zu kurz oder zu lang ist, oder ob der Wendepunkt an der richtigen Stelle sitzt.“

Sie ist eine gut organisierte effektive Schreiberin, gefragt und erfolgreich. Produzenten und Regisseure kommen mit Ideen zu ihr, sie entwickelt eigene oder adaptiert Romane für den Film.

Warum schreibt sie Drehbücher und keine Romane, will ich wissen. „Ein dramatisches Schreibtalent ist ein ganz anderes als ein episches oder ein romanhaftes“, antwortet sie ohne lange zu überlegen. „Beim dramatischen Schreiben erzählt sich alles über Handlung, und das ist sehr kurz.“ Kurze Pause. „Ich glaub, ich kann besser kurz! Dialoge sind eine sehr kurze Angelegenheit, man muss mit knappen Sätzen ein ganzes Bild malen. Und das entspricht mir mehr.“

Klein und zierlich ist sie, eine aparte Erscheinung, ihre grau melierten kurzen Haare sind dezent strubbelig. Sie trägt ein petrolfarbenes enges T-Shirt, eine helle Hose und schwarze Flipflops, winzige Ohrstecker und einen winzigen Anhänger an einer zarten Kette.

Eigentlich hat Ruth Toma Bildende Kunst studiert, in München. Dort gründete sie mit anderen Studenten eine Theatergruppe, die Fliegenden Bauten. Das war in den 70er-Jahren, als das Theater sich politisierte und aus den vorgegebenen Institutionen ausbrach. Zehn Jahre lang reiste sie mit Wohnwagen und einem Zirkuszelt durch die Republik. „Da habe ich das Schreiben gelernt“, erzählt sie, „und viel über Dialoge. Auf der Bühne testet man sehr gut, was funktioniert und was nicht. Jeden Abend gibt es eine Rückmeldung vom Publikum. Aha, das war lustig, das hat gesessen – oder eben nicht.“

Die Stücke wurden weitgehend durch Improvisationen erarbeitet, wobei sich die Gruppe eher am Film als am Theater orientierte: der Einsatz von Musik, die Bildhaftigkeit, die Komik und die – wie sie sagt – „Volkstümlichkeit im besseren Sinne“. Nach und nach hat sie das Texten übernommen, weil sie „ein Händchen dafür hatte“. Wenn sie ein klassisches Theaterstück schreiben müsste, erklärt sie mir, würde ihr „gedanklich der Schnitt fehlen, also die Möglichkeit, übergangslos von einer Zeit in die andere, von einem Ort in den anderen zu springen.“

Die Auflösung der Fliegenden Bauten 1991 bedeutete einen harten Einschnitt in ihrem Leben. Hat das Theaterkollektiv doch zehn Jahre lang nicht nur zusammengearbeitet, sondern auch in der Gruppe gelebt, praktisch alles gemeinsam gemacht: Das Zelt auf- und abgebaut, gespielt und das Leben organisiert. Ruths Mann Sebastiano hat die Bühnenbilder erstellt.

Die Fliegenden Bauten waren mit höchsten Idealen angetreten: „Wir ändern die Welt, weil wir so ein umwerfendes, sinnliches, wichtiges und unglaubliches Theater machen!“ Sie waren erfolgreich, hatten nun aber das Gefühl, kaum mehr zu sein als ein mittelständisches Theaterunternehmen. Das Ende wurde lange und fast endlos ausdiskutiert (wie es damals so üblich war).

„Da habe ich zeitweise das Gefühl gehabt, es bricht eine Welt zusammen“, erinnert sich Ruth Toma. „Was soll aus mir werden? Ich war 33, habe mich gefragt: Wer bin ich denn ohne diese Gruppe?“ Fliegende Bauten – das war ein bekannter Name, aber wer war Ruth Toma?

Sie studiert dann als eine der ersten an der von Hark Bohm gegründeten Filmschule in Hamburg und beginnt, Drehbücher zu schreiben. Schon der erste Film, eine Komödie mit dem Titel „Der schönste Tag im Leben“ (1995), wird ein Erfolg, erhält den Bayrischen Fernsehpreis. Es geht um eine Hochzeit zwischen einem Hamburger und einer Bayerin. „Ich nehme mir drei Tage“, hat Ruth Toma sich gedacht, „die Anreise, die Hochzeit, die Abreise. Dann muss ich nicht mit Jahren, geschweige denn Rückblenden umgehen. Und ich habe einen überschaubaren Ort, springe höchstens zwischen Kirche und Ballsaal.“

Den kulturellen Spagat zwischen zünftiger Volkstümelei und hanseatischem Understatement lässt sie gleich in dieses erste Drehbuch einfließen, so wie sie auch später immer wieder auf ihre persönlichen Erfahrungen zurückgreifen wird beim Schreiben. Der Einwanderer-Film „Solino“ (Regie: Fatih Akin) erzählt fast die Lebensgeschichte ihres Mannes Sebastiano Toma, dessen Eltern zu den ersten italienischen Gastarbeitern im Ruhrgebiet gehörten. Mit Sebastiano hat sie einen Sohn, inzwischen im Studium.

Seit rund 30 Jahren ist sie nun sesshaft in Hamburg, geboren 1956 und aufgewachsen im Bayrischen Wald in Bodenmais, einem idyllischen Dorf 15 Kilometer entfernt von der tschechischen Grenze. Ihre Eltern führten eine Holzwarenfabrik. Natürlich träumten sie davon, die beiden Töchter würden den Betrieb eines Tages übernehmen. Ruth konnte sich das nie vorstellen. Und ihre sieben Jahre ältere Schwester, Jutta Mehler, schreibt jetzt auch. Ihren Roman „Am seidenen Faden“ hat Ruth Toma für den Film „Jeder Tag zählt“ adaptiert.

Kann ich mal ein Drehbuch sehen, frage ich. „Oh, ich weiß gar nicht, ob ich eins hier habe“, sagt sie, schiebt die dicke Regalwand hinter ihrem Schreibtisch beiseite und findet tatsächlich ein einsames Exemplar. „Wohin du auch gehst“ lautet der Drehbuchtitel, aus dem dann 2008 der Film „Same Same but Different“ wurde. Es geht um einen jungen deutschen Mann, der sich in ein kam-bodschanisches Barmädchen verliebt.

Behält die Autorin Einfluss auf die Gestaltung des Films oder nimmt ihr der Regisseur den Stoff einfach aus der Hand? Da gebe es Unterschiede, meint sie. Die Entwicklung eines längeren Fernseh- oder eines Kinofilms erfolge in der Regel als Teamarbeit, aber im Seriengeschäft komme es vor, dass die Autoren nicht mit eingebunden werden. „Neulich wurde ich in einem Projekt ersetzt. Der Sender war der Meinung, der Ton müsse komödiantischer sein und hat gedacht, das wäre nicht so mein Fach. Da wurde ein anderer Autor draufgesetzt und ich konnte nichts machen.“ Hat sie das verletzt, oder ist sie dafür zu sehr Profi? „Ich habe mich bemüht, sehr cool zu bleiben.“ Nur nach außen? „Nach innen habe ich schon das eine oder andere böse Wort gedacht. Das muss ich zugeben.“

Empfindet sie die Arbeit als anstrengend, oder fließt ihr der Text aus der Feder? „Oft gefällt mir die Idee, aber: Was ist der wirkliche Grund, diese Geschichte zu erzählen? Den muss man kennen, weil diese Erkenntnis so viel festlegt, so viel Hilfe bietet, zu entscheiden, wie ich die Geschichte erzähle. Welche Szene kommt nach der anderen? Welche Figur brauche ich? Diese Anfangsphase finde ich quälend. Da sitzt man Stunden und hat nichts auf dem Papier. Aber es ist nötig.“

Was treibt sie an, was motiviert sie, diese „Quälerei“ auf sich zu nehmen? Ruth Toma überlegt kurz. „Ich sitze da und es gelingt etwas“, antwortet sie dann, „das ist unglaublich erfüllend. Es ist wohl die Sehnsucht danach, dieses Gefühl immer wieder zu erleben, wahrscheinlich auch die Sehnsucht, in irgendeiner Weise etwas Bedeutendes zu schaffen, etwas Sinnhaftes.“

Zurzeit arbeitet sie mit Fatih Akin an einem Kinderfilm, der im nächsten Jahr gedreht wird: „Die Geister aus dem 3. Stock“. Eine Komödie aus scheinbar leichtem Stoff. Es spukt in einer Wilhelmsburger Arbeiterwohnung. Doch im Grunde geht es auch hier um Tiefgreifendes, um enge Bindungen, Abschied und darum, dass das Leben immer wieder etwas Neues zu bieten hat – nicht nur im Film.